Time For Metal: unsere Top 5 Highlights 2025 – Teil 23

Heute: Eva B. (1/2)

Wie in den letzten Jahren haben wir auch in diesem Jahr im Time For Metal-Team gefragt, was denn für jeden die musikalischen Höhepunkte waren. Dafür haben unsere Teammitglieder ihre ganz persönlichen Top 5-Highlights des Jahres herausgesucht. Viel Spaß mit den Time For Metal-Top 5 Highlights 2025!

Wie war dein „Musikjahr“ 2025?

Opeth und Swans (auf ihrer voraussichtlich letzten Tour) fotografieren zu dürfen, war eine große Ehre und ein noch größeres Vergnügen! Habe Greenleaf, And So I Watch You From Afar und Nine Inch Nails endlich live gesehen! Auf meinen Stammfestivals war ich wieder eher hinter den Kulissen: Das Maifeld Derby in Mannheim auf seinem letzten Ritt zu begleiten, war herzerwärmend und -zerreißend zugleich, und ich hing nicht nur deswegen ständig in deren Social Media rum, weil es mein „Job“ war – die Besuchenden haben so viel Liebe für diesen sterbenden Stern am Festivalhimmel bekundet! Leute, wirklich, geht mehr auf Independent-Festivals! Wo hat man im Alltag bitte schon die Möglichkeit, kollektiv so zu viben, als dort, wo echtes Herzblut geopfert wurde? Soll natürlich nicht heißen, dass die größeren Events nix taugen. Als „Türsteherin“ an den Bühneneingängen des Motocultor Festivals (Bretagne) krieg‘ ich zum Glück doch gut was mit, sowohl die großen Stars (Ihsahn, Carpenter Brut, Mogwai) als auch die kleinen Perlen; für Wyatt E. hab ich mir allerdings extra freigenommen und zu Triskills bretonischem Folk Metal von den Kollegen ’ne authentische Kulturinitiation per Lektion im Polka-Tanz erhalten. Das Line-Up ist dort immer sehr cool! Nach ein paar Editionen gehört man auch zum festen Kern und arbeitet immer wieder mit denselben Leuten, was natürlich alles noch mal viel cooler macht! Mischung aus Heimkommen und Klassenfahrt!

Highlight 1: Blackbraid – Blackbraid III | Alben/EP

Der indigene Black Metal aus den Adirondacks der USA ist eine Naturgewalt, an der man seit ein paar Jahren nicht mehr vorbeikommt! Dieses Projekt gehört zum Aufregendsten, was die moderne „Szene“ die letzten Jahre zu bieten hatte, und beweist, dass es keine Labels braucht, um Großes zu stemmen! Gitarren kratzen den Rücken herunter und kitzeln die Nackenhaare aufrecht, Hammer und Amboss wollen zu den Blast Beats aus dem Schädel brechen. Doch auch wenn Blackbraid III einen Tick knackiger ist als sein Vorgänger, beharrliche Riffs walten, wo vorher sehnsuchtsvolle Tremolos ihre Weisen sangen und Gitarrensoli den Platz der indigenen Flöte übernommen haben, so bewegen sich Heaviness und Songwriting immer noch auf einem Fluss, der einen wichtigen Teil von Blackbraids Magie und Majestät ausmacht. Der spirituelle Gedanke in Form und Inhalt ist der stete Wind in den Segeln. Durch tückische Stromschnellen kommen wir in sanfte Gewässer und vorbei an weiten Landschaften, bis wir plötzlich den Wasserfall hinabstürzen. Und das nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Zwischen Meditation und soundgewaltiger Dunkelheit lässt uns Sgah’gahsowáh an seinem unheimlichen Talent für Feinheiten in Spieltechniken und Stimmungen teilhaben; Tanz und Raserei liegen ebenso dicht beieinander wie Unheil und Verspieltheit. Und das in einer glasklaren Produktion, in der jedes Instrument atmen kann! Holt also tief Luft und lasst euch den Atem verschlagen, denn Blackbraid ist nicht bloß ein Musikprojekt. Blackbraid ist eine Erfahrung.

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Highlight 2: Deafheaven – Lonely People With Power | Alben/EP

Kein Album hab ich dieses Jahr so oft gehört wie dieses! Alles, was Deafheaven vorher waren – Black Metal, Dream Pop, Blackgaze –, hat sich in Lonely People With Power kondensiert. Die Amerikaner öffnen Wunden und pflegen sie gesund. Wenn man im Auf und Ab der Gezeitenströme epischer Songs ertrinkt, mit ihrem Double Bass und verträumten Melodien, peitschenden Staccato-Riffs und himmlischen Synths, ist das entweder mit Stankface oder seligem Grinsen. Das Sanfte und das Rohe wurden allerdings – und das ist das Kunststück – nicht einfach bausteinartig gegeneinander kontrastiert. Die Tracks sind dynamisch hervorragend ausbalanciert, durch Details abgerundet und besitzen dennoch Ecken und Kanten! Hinzu kommt, dass wir mit Deafheaven zu einer Art essenzieller Wahrheit durchdringen: Die Aggression schreit immer aus der Verwundbarkeit heraus. Die songwriterische Konstanz der Variation schweißt die Tracks zu einem Album zusammen, das es nicht nur in meine Time For Metal Top 5 2025 geschafft hat, sondern auch auf meinen persönlichen Olymp der liebsten Alben aller Zeiten.

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Highlight 3: Sum Of R – Spectral | Alben/EP

Verrücktes Album! Die Psychedelic-Doom-Krautrocker Sum Of R nutzen Genre-Verwandtschaften, deren Grade ich jedoch irgendwann aufgehört habe zu zählen, denn dieses gespenstisch-obskure Klanguniversum entsteht vielmehr durch Bildverzerrungen, das Zusammenmischen verbotener Elixiere und Auseinandernehmen von Wahrnehmung. Die Avantgarde-Alchemisten machen es einem statt leicht lieber spannend! Oft täuschen die Tracks eine Form vor und verändern sich schneller, als man Erwartungen fertigdenken kann. Dualismen spielen ihre Wirkung mal im Wechsel, mal in der Gleichzeitigkeit aus und schaffen dadurch etwas schwer zu definierendes Drittes und Viertes und Fünftes, je öfter man das Album hört. Stimmungen kippen mal radikal, mal kaum merklich. In ihren Strukturen sind die jeweiligen Titel nicht übermäßig komplex, in ihren Texturen und surrealistischen Soundexperimenten dafür umso mehr, doch ohne dass dabei irgendetwas anderes als der Verstand ins Chaos stürzt. Rhythmen und Beats sind oft stur, aber nicht starr, sondern wandlungsfähig in ihrer Klangbeschaffenheit: Kälte wird zu Puls wird zu Tanz. Noise- und Drone-Effekte vertiefen und verformen den Sound zum ewigen Summen der dreiköpfigen Chimäre Sum Of R. Der Teufel verführt mit jedem Detail und führt uns über verworrene Abwege und unverhoffte Abzweigungen in musikalische Zwischendimensionen und faszinierendes Unbehagen hinein. Die stimmlichen Beiträge von Vicotnik (Dødheimsgard) und Juho Vanhanen (Oranssi Pazuzu) sind im besten aller Sinne schauderhaft, doch in Marko Neumans Kehle leben tausend Dämonen, und jeder fordert seinen rechtmäßigen Tribut. Ich opfere willig beide Ohren!

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Highlight 4: Mütterlein – Amidst The Flames, May Our Organs Resound | Alben/EP

Seitdem ich die Multiinstrumentalistin Marion Leclercq für Liturgy habe eröffnen sehen, bin ich davon überzeugt, dass die ganze Welt diesen ihr völlig eigenen Postpunk-Doom-Genremix in all seinen Extremitäten kennen muss. Von ihrem dritten Album Amidst The Flames, May Our Organs Resound bin ich erwartungsgemäß überwältigt! Die Musik von Mütterlein ist so roh wie die menschliche Existenz, und ebenso zerbrechlich. Drone-Sounds kündigen unseren Untergang wie Kriegssirenen an, Tremolos führen uns in die Dystopie, während ein hypnotischer Techno-Beat es leicht macht, zu folgen. Was auch immer einst als „heilig“ galt, wird verzerrt von der dissonanten Orgel und fernen Synth-Chören, die schwermütig von der Hoffnung auf eine andere Art der Erlösung singen. All das ist so wunderschön, wie man es sich erst nicht vorstellen kann in diesem eiskalten Industriegebiet der Tristesse. Selbst die maschinenhaft angeschlagenen Gitarrenakkorde trotten mit einer Seelenlosigkeit voran, die zu Tränen rühren vermag. Versteckt in der dichten Klanglandschaft sind elektronisches Ächzen, Loops schauerlicher Echos und elektrisierende Synths, die an den Spitzen meiner Gänsehaut-Knubbel bitzeln. Die Atmosphäre pulsiert im Noise, das synkopierte Drumming hackt sich unerbittlich und geduldig ins Bewusstsein hinein. Wenn Leclercq nicht gerade sämtliche gepeinigten Geister der Vergangenheit und Gegenwart mit ritualistischen Beschwörungsgesängen zusammenruft, schreit sie ihr gesamtes Sein aus ihrem Körper heraus, um aus dem Äther heraus mit uns, mit anderen, mit allen gemeinsam zu trauern. Amidst The Flames, May Our Organs Resound explodiert punktuell wirksam, nicht oft – denn Rage ist hier mehr als eine Emotion. Sie ist ein Zustand, statisch, der Status Quo. So dunkel wie die Geschichte des Frauseins in der Welt, die Geschichte unserer „faceless sisters“, um die es auf dem Album geht. Dieser Feminismus zieht an mit Entsetzen. Alliiert euch!

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Highlight 5: Health – Conflict DLC | Alben/EP

Auf dem neuen Album zeigen Health noch mehr als früher, wie nah sich Metal und EBM im Grunde stehen, denn sie schlagen im selben erbarmungslosen Rhythmus zu. Ich liebe diesen Clash von zentnerschwerem Industrial und kristallzartem Falsett! Health öffnen einem die Brust, um das Herz aufzuschlitzen, dazu möchte man tanzen und fremden Leuten in die Arme fallen. Echte Verwundbarkeit ist nun mal brutal! Zwischen eiskalter Atmosphäre und heißen Emotionen entstehen mitreißende Stürme – Party mit Depressionsrausch inmitten des Weltuntergangs! Dass die PR der Band absolut whack und unpassend ist, macht das Musikpaket noch absurder und wunderbar authentisch! Rat Wars (2023) war das bisher emotional ernsthafteste und persönlichste Album, vor allem für Lyriker und Sänger Jake Duzsik. Mit der Fortsetzung im Ohr folge ich der Band weiter durch die Existenzkrisen unserer Zeit, lasse mich ausleeren und neu erfüllen.

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