“20 Jahre alt und doch jedesmal neu“
Artist: Draconian
Herkunft: Schweden
Album: Sovran
Spiellänge: 01:06:07 Minuten
Genre: Funeral Doom Metal, Gothic Metal, Dark Metal
Release: 30.10.2015
Label: Napalm Records
Link: http://www.draconian.se/
Bandmitglieder:
Gesang – Heike Langhan
Gesang – Anders Jacobsson
Gitarre – Johan Ericson
Gitarre – Daniel Arvidsson
Bassgitarre – Fredrik Johansson
Schlagzeug – Jerry Torstensson
Tracklist:
- Heavy Lies the Crown
- The Wretched Tide
- Pale Tortured Blue
- Stellar Tombs
- No Lonelier Star
- Dusk Mariner
- Dishearten
- Rivers Between Us ( featuring Daniel Änghede von Crippled Black Phoenix)
- The Marriage of Attaris
- With Love and Defiance (Bonus Track)
Abseits jeglichen Massentrends und pubertierendem Kitsch dürfte DRACONIAN jedem eingefleischtem Metaller ein Begriff sein. Was 1994 als KERBEROS begann, entwickelte sich kurz darauf zunehmend zu einer Ikone des Dooms. In 20 Jahren schaffte es die Band bisher auf 72 verschiedene Songs verteilt auf vier Demos und nunmehr sechs Alben. Jedoch, seit der Unterzeichnung bei Napalm Records im Jahre 2002, sind die Demotapes größtenteils in Vergessenheit geraten, dabei hat gerade die „Dark Oceans We Cry“ den Erfolgskurs ermöglicht.
Nun, vier Jahre nach der grandiosen „A Rose For The Apocalypse“ folgt das sechste Studioalbum des schwedischen Sextetts und es erfüllt alle gestellten Erwartungen seit dem Weggang von Lisa Johansson. Dieses bietet zwar vergleichsweise wenig Neues dafür aber eine mitreißende Gesamtatmosphäre mit Gänsehautpotential und der einen oder anderen ungewohnten Überraschung.
Der Titelname selbst ist vermutlich eine Abart des englischen Nomens „Sovereign“, welches allgemein betrachtet für eine autoritäre Allmacht steht. Befasst man sich mit den Lyrics des Albums, wird die Verbindung zum Cover gewahr, denn es stellt eine Art Universum mit einem „allsehendem Auge“ dar. Das Songwriting befasst sich weitesgehend mit solchem und verarbeitet Thematiken wie Verlust, Schmerz, die Last des Lebens und das Dahinscheiden als Bestandteile eines großen Ganzen.
Zu Beginn führt „Heavy Lies The Crown“ den Hörer auf sanften Schwingen finsterer Verzweiflung in die monolithische Finsternis eingängiger Grabesstimmung. Zaghaft werden erste Kostproben von Heikes emotionalem Stimmchen geliefert, im Counterpart zum Jacobsson‚ischen Beast. Zum LAKE OF TEARS-Cover Demon You Lilly Anne dachte ich mir noch „Ok, die Neue klingt ganz brauchbar.“. Nun denke ich mir: „Lisa hätte es nicht besser machen können!“.
Im gleichen adagionistischen Tempo folgt „A Wretched Tide“ in kaum merklichem Übergang. Wurden beim Opener noch barocke Orgelklänge beigemischt, so gibt es jetzt den typisch draconischen Violinenklang zur Unterstreichung bittersüßer Wehklagen. Von Kraftlosigkeit ist die Rede, gar von verschlingender Finsternis. Und kaum hat man sich in den arglosen Klängen verloren, beginnen die ersten Vorboten des Sturms, um den Hörer erneut zu fesseln.
Sogleich kündigt sich mit „Pale Tortured Blue“ das erste Highlight des Albums an. Düster und verheißungsvoll wird der neuen Beauty der Weg geebnet, untermalt von melancholischen Streichern und es dauert nicht lang bis die kräftigeren Facetten ihrer Stimme zum Tragen kommen, alsbald sie vom Verlust des Geliebten klagt. Harmonisch wechselt der bisherige Counterpart zum bekannten Beauty an the Beast-Schema, betont von bekannter riffiger Instrumentalisierung! Leichte Anleihen des vorangegangenen Meisterwerkes von 2011 werden hörbar.
„Vivace!“, schreit Stellar Tombs zu Beginn. Ein wenig denke ich an Sharon den Adel mit der uralten Scheibe Enter. In gekonnter Homogenität geht es vonstatten und der Spannungsbogen wird wieder ein kleines Stück angehoben, nur um sich in der grimmigen Doomigkeit von No Lonelier Star zu verlaufen. Von dissonanten Gitarren und schweren Drums wird der rote Faden hin und her gebeutelt und kommt nicht zur Ruhe. Kein Kitsch, keine Streicher, nichts! Einfach nur eine Reise in guten, nordischen Doom, gepaart mit symphonischer Engelsstimme. SATURNUS würden sicher anerkennend nicken.
Es folgt mit Dusk Mariner ein erzählerischer Höhepunkt. Man stelle sich einen trotzigen Seemann vor, der, der verlockenden Stimme einer zauberhaften Sirene folgend, sein Schiff durch abendliche Böhen und Wellen steuert. Im Leben alles erlebt und zu viel Leid verkraftet, absolviert er seine letzte Fahrt in Richtung Dämmerung…
Ein epischer Ausgang führt zu Heikes Einstand, denn die Lyrics von Dishearten sind einzig ihre Idee. So verwundert es nicht, dass dieser Song recht modern wirkt. Jetzt könnte man wirklich denken, Fräulein Adel persönlich zu hören! Mit gedrosselten Gitarren und ungewohnter Zupfbegleitung rollt Dishearten durch den Kopf, begleitet von kaum merklichen Streichern, um letztendlich doch in einer Welle aus kräftigem Riffing und Gänsehaut bringender Stimmlage das Grande Finale einzuleiten! Wer bis jetzt an Heike Langhans gezweifelt hat, dürfte nun spätestens vor Freude jauchzen.
Kaum hat man sich von der neuen Frontfrau verzaubern lassen, wird auch das Herzstück des Albums präsentiert. Sich immer wieder neu erfindend zeigen DRACONIAN auch hier wieder ihre Fähigkeit zu überraschen. Düster und tragisch spielt sich Rivers Between Us und mit Daniel Änghede von CRIPPLED BLACK PHOENIX als Gastsänger wurde eindeutig eine gute Wahl getroffen. Als krönenden Abschluss gibt es noch ein harmonisch entspannendes Solo à la Tuomas Saukkonen. Wer sich fragt, wer die Spoken-Word Passage hatte, sollte man nach „Lecture On Zen“ von Alan Watts suchen.
Leider bricht bei The Marriage Of Attaris der vorher mit Geschick aufgebaute Spannungsbogen wieder ein Stück ein. Die Schweden kehren in alte Jahre zurück zur Where Lovers Mourn. Denoch kredenzen sie eine melodisch anmutige Gothic-Doom-Romanze, die es einfach nicht zulässt, dem Zauber zu entfliehen.
Und jetzt kommt der große Twist: Wer sich die normale Ausführung gekauft hat, wird nun wehmütig klagen ob des doch eher verhaltenem Ausgangs. Die glücklichen Besitzer der Deluxe-Edition dürfen sich nun lächelnd zurücklehnen und sich mit With Love and Defiance auf einen gelungenen Tribut zu Bands wie Paradise Lost, Anathema oder den alten Within Temptation von 1998 freuen. So kommen doch Erinnerungen an eben jenes Restless auf! Möge man es dem Unwissenden verzeihen, wer diesen Epos nicht kennt… Des weiteren folgen stimmige Riffs, die mich stark an Paradise Lost erinnern. Auch wenn der Bonustrack nicht das Highlight das Albums ist, so bildet er doch einen vorzüglichen und angenehm überraschenden Abschluss.



