Sepultura + Cro-Mags + Torture Squad: Celebrating Life Through Death – Final European Tour am 15.06.2026 in der halle02, Heidelberg

Götter in der Dämmerung

Eventname: Celebrating Life Through Death – Final European Tour

Headliner: Sepultura

Supports: Cro-Mags, Torture Squad

Ort: halle02, Heidelberg

Datum: 15.06.2026

Ticketpreis: 60 €

Genre: Thrash Metal, Groove Metal, Death Metal, Hardcore

Besuchende: ca. 1000

Veranstaltung von: Delta Konzerte & New Evil Music

Link: Sepultura in der halle02

Setliste Sepultura:

  1. Inner Self
  2. All Souls Rising
  3. Desperate Cry
  4. Kairos
  5. Means To An End
  6. Attitude
  7. Against
  8. Choke
  9. The Place
  10. Escape To The Void
  11. Kaiowas
  12. Dead Embryonic Cells
  13. Slave New World
  14. Beyond The Dream
  15. Territory
  16. Refuse/Resist
  17. Arise
  18. Ratamahatta
  19. Roots Bloody Roots

Brasilien – Deutschland: Wenn die spielen, geht’s ab! Heute Abend punkten alle in der Heidelberger halle02, in der Sepultura auf ihrer Farewell-Tour den Boden abgrasen.

Ihre Landsleute Torture Squad fahren erst mal die Temperatur im Saal hoch. Das geht verdammt schnell, denn das Publikum ist von Anfang an gut gelaunt und mehr als empfänglich für einen Abend, an dem jede Band alles gibt.

Torture Squad, Heidelberg 2026 | Foto: Eva Beck

Torture Squad – Den Groove in den Leib gedroschen

Mayara Puertas keift die Leute warm und bringt mit großen Gesten und Pumalauten die Bühnenkompetenz mit, ohne die in dem Job nichts geht. Die Death-Thrash-Mischung mit Eingängigkeit, technischem Können und aufregend engen Kurven im Songwriting trifft mühelos den Nerv in einigen Nacken. Haare fliegen auf und vor der Bühne, erste Fäuste der Anerkennung strecken sich empor. Überhaupt gefällt mir die Interaktion zwischen Band und Publikum sehr gut, denn die Band sucht aktiv den Augenkontakt. Gitarrist Rene Simionato flirtet genauso mit Kameras und der Menge wie mit seiner sechssaitigen Liebsten im Arm. Mit The Beast Within lässt die Formation selbiges raus. Drummer Amílcar Christófaro drischt uns den Groove so sehr in den Leib, dass ihn während der letzten Partie auch die hinteren Reihen noch weiter anfeuern.

Cro-Mags – Lebensweisheiten für Kissen und Klowände

Die nächste Partie beginnt schon in der Umbaupause von Cro-Mags. Sänger Harley Flanagan macht sich mit ein paar Burpees und angepissten Grimassen schon mal böse für den Auftritt. Dass es eine Weile braucht, bis er beim Soundcheck seinen Bass endlich hört, ist dabei offensichtlich sehr hilfreich. Bei so viel Bühnenüberpräsenz weiß man nicht so genau, wann die Show losgegangen ist, jedenfalls ist man irgendwann mittendrin. Wem heutzutage eine Band mit ordentlicher „Scheiß auf alles außer Musik“-Einstellung in der Landschaft fehlt: Hier habt ihr gleich eine Legende! Von der Bühne tönt punkiger Hardcore auf Speed und die deutliche Einladung, den Securities das Leben schwer zu machen: „Let’s see who makes it up here!“ Als hätten einige nur darauf gewartet, wird die Show schnell so wild, dass die Sicherheitsleute, sagen wir, vehement werden müssen. Mehr als einem Crowdsurfer gelingt auch der Sturm auf die Bühne. Ein bestimmender Griff, ein kurzes Ringen, und alles ist wieder unter Kontrolle. Beeindruckend auch die Umsicht der Security; bei den Arbeiten zu diesem Konzert sind keine Kameras zu Schaden gekommen!

Cro-Mags, Heidelberg 2026 | Foto: Eva Beck

Diese Art Musik braucht ein bisschen Chaos und einen „New York Punk Rock Motherfucker” wie Flanagan, für den Regeln nur zum Brechen da sind. Dessen Pöbelei durchdringt eine eigene Herzlichkeit, Lektionen der Musikgeschichte („Thrash is punk‘s cousin, and it’s all rock ‘n’ roll.“) und Lebensweisheiten für auf Kissenbezüge und Klowände: „Don’t be a victim to your own bullshit!“ „We all wipe our asses the same way, so it doesn’t matter how much money you have, you’re still full of shit.“ Und der beliebte Evergreen „Fuck Trump!“ 59 Jahre alt und in besserer Form, als es Iggy Pop je war, jagt er gnadenlose Riffs durch die Verstärker und zockt durch die Songs, als hätte nicht er sie geschrieben, sondern die Musik ihn geboren. Seine Kollegen flankieren ihn wie die Profis, die sie sind, und unterstützen seine Energie mit dem Raum, den sie braucht. Bei solchen Shows muss auch kein Musiker in der Menge performen, um mit ihr eins zu werden. Die Kommunikation ist auf kumpelhafter Augenhöhe, wenn Flanagan die Rufe nach einem im Moshpit verlorenen Schuh in den Gruppengesang „Fuck your shoe!“ verwandelt. Alle haben Spaß mit, dank und jenseits der Musik. Sicher auch Der-ohne-Schuh-tanzt.
So ganz punktypisch antikapitalistisch geht es leider auch heute nicht, aber die Kaufempfehlung ist immerhin eine vernünftige: Wer Flanagans Lebensgeschichte mit all ihrer Unerhörtheit und Signifikanz für die New Yorker Punkszene nachvollziehen will und ein gewisses Maß an intellektuellem Fassungsvermögen für menschliche Komplexität besitzt, sollte auf dieser Tour am Merch-Tisch nach der Doku Wired For Chaos fragen. In den Worten des Musikers: „Fuck the t-shirts, buy the movie!“

Sepultura – Todesmut und Lebenshunger

Sepultura, Heidelberg 2026 | Foto: Eva Beck

Ob sie zwischenzeitlich am Merch waren oder sich vorher eingedeckt haben, jedenfalls holen einige Leute schon mal ihre neuen Sepultura-Shirts hervor, um sie rechtzeitig wie Fußballvereinsschale wedeln zu können.
Prätentionslos betreten die Brasilianer die Bühne und freuen sich mit offenen Gesichtern auf die kommenden 90 Minuten mit einem Publikum, das ab jetzt komplett ihnen gehört. Ihre 42-jährige Karriere hat ihnen eine Fanbase beschert, welche keine Altersgruppe kennt. Natürlich stehen hier jene in verwaschenen Kutten und den T-Shirts der Tournee von 1990, aber auch zwei junge Goth Girls haben für den Anlass extratief in den Kleiderschrank gegriffen und eine Mutter hat ihren hörbar enthusiastischen Neunjährigen auf sein erstes und letztes Sepultura-Konzert mitgenommen. (An dieser Stelle möchte ich Eltern erinnern: Wenn schon nicht für euch selbst, habt wenigstens für die jungen Ohren eurer Stöpsel Ohrenstöpsel dabei!)

Celebrating Life Through Death – Getreu des Mottos der Abschiedstour stürzen sich die Leute todesmutig und lebenshungrig in die Menge und sagen ihren Kumpels bei der Security mehrmals Hallo. Means To An End hämmert richtig gut durch den Saal. Derrick Green verkörpert das Prinzip unnachahmlicher Coolness mit dem Ausdruck von Liebe zum Moment im Gesicht und überlebensgroßer Überzeugung in der Kehle.
Dem Set fehlt wenig, wir hören viel Chaos A.D. und Roots. Die Energie im Saal schießt in Sprüngen ohne Anlauf nach oben, der Körper schnappt nach Atem, der Geist surft auf der Welle, klatscht an Wände aus Applaus und ist kurz wieder auf dem Boden angekommen. Durch den spürt man den Vulkan rumoren, erweckt von tribalen Rhythmen und gigantischen Gitarren. Andreas Kisser lässt sein Instrument in die Höhen schnellen und einen Monsunregen an Riffs auf uns herabschallen. Greyson Nekrutmans feurige Drums rufen Götter zur Dämmerung.

Sepultura, Heidelberg 2026 | Foto: Eva Beck

Und dabei haben wir gerade mal Halbzeit! Aus dem Publikum gibt es Fistpumps und „Obrigados!“ Green erwidert mit Dankeschöns und reminisziert, wie sie im Laufe der Jahre in Deutschland sogar öfter gespielt haben als in Brasilien. Die Abschiedsreden heute Abend sind inhaltsreich und unpathetisch, vor allem aber rar gestreut. Meist spricht die Musik. Die schwindelerregenden Gitarren von Escape To The Void kreisen uns ein am Ort der letzten Zusammenkunft, und ich kann nur denken: Mein Gott, warum verlasst ihr uns, ihr könnt es doch noch! Ein Stopp, ein Moment des Schwelgens, ein Schlag ins Gesicht. Der Sound ist dazu noch exzellent, voller Wucht und Wärme!

Plötzlich werden noch mehr Trommeln und Freunde auf die Bühne geholt und es kündigt sich der denkwürdigste Moment des Abends an. Mit Cro-Mags und ein paar Stagehands der halle02 verwandeln Sepultura den Song Kaiowas in einen Jam voller Lebensfreude, die sich in euphorischen Pfiffen und Jubelrufen aus dem Publikum entlädt. Später wird Green noch erzählen, wie sehr Cro-Mags ihn als erste harte Band, die er als Teenager sah, beeinflusst haben. Ich denke, wenn sich Kreise auf diese Weise schließen, ist das immer auch eine starke Aussage über grundlegende Werte, die eine Musikszene gesund halten: Zusammenhalt und Wertschätzung!

Mit dem Lebewohl der Band kommt neues Material auf der aktuellen EP The Cloud Of Unknowing. Beyond The Dream ist ein Song voller Wehmut und Optimismus, der mir völlig unvorbereitet Tränen in die Augen schießen lässt, obwohl ich die Band heute zum ersten Mal sehe. „Leave it all behind to beginn again…“ Man zieht mich hier in eine Welt und eine Bandgeschichte hinein, deren Bedeutung ich spüren kann.

Sepultura, Heidelberg 2026 | Foto: Eva Beck

Dann kriechen die drohenden Riffs von Territory in meinen Magen und ziehen an meinen Innereien. Ich lege meine Tasche ab und muss mal kurz wütend tanzen! Dem zentralen Ruf von Green folgt die inbrünstige Antwort aus dem Publikum – ob aus Gründen der Verehrung oder der allzu aktuellen Bedeutung der Lyrics weiß jede Person selbst. Es folgt der Samba-Donner von Refuse/Resist, dessen Text die ganze halle02 auswendig weiß.
Das gesamte Konzert ist spirituell auf primär physische Weise. Nekrutmans langes Drum-Solo im Intro zu Ratamahatta spricht zu Instinkten und Körpern und verursacht so lange Herzrhythmusstörungen bis abschiedsschmerzende Herzen endlich brechen.

Im Krach der letzten Töne des ikonischen Roots Bloody Roots und einem Gefühl von  Ewigkeit gehen Band und Menge schließlich völlig auf. Der Dank für über 40 Jahre Musik ist laut, der Dank für über 40 Jahre Fantreue tief und voller Bescheidenheit.
Ein Erinnerungsfoto.
Bewusst keine Zugabe.
Das war’s.

Lasst es sacken, Leute. Das war’s!