Airbag – The Century Of The Self

Einatmen, ausatmen, zurücklehnen, gelassen bleiben

Artist: Airbag

Herkunft: Oslo, Norwegen

Album: The Century Of The Self

Spiellänge: 46:59 Minuten

Genre: Artrock, Progressive Rock

Release: 14.06.2024

Label: Karisma Records

Link: https://www.airbagsound.com/

Bandmitglieder:

Gesang – Asle Tostrup
Gitarre – Bjørn Riis
Schlagzeug – Henrik Fossum

Gastmusiker:

Bassgitarre – Kristian Hultgren
Keyboard – Simen Valldal Johannessen
Gitarre – Ole Michael Bjørndal

Tracklist:

  1. Dysphoria
  2. Tyrants And Kings
  3. Awakening
  4. Erase
  5. Tear It Down

Die britischste Band Norwegens ist zurück mit ihrem sechsten Album The Century Of The Self. Seit 20 Jahren sind die ehemaligen Schulkameraden aktiv und mit ihrem elegischen Sound irgendwo zwischen Artrock und Ambient-getränktem Progressive Rock auf der Landkarte des Prog zu finden. Doch woher stammt die Nähe im Sound der Norweger zum Vereinigten Königreich? Der offensichtlichste Zusammenhang besteht in der gemeinsamen Vergangenheit der Bandmitglieder in einer Pink-Floyd-Coverband. Bis heute kann man diese Tatsache in der Gitarrenarbeit von Bjørn Riis nachhören, die spürbar von Meister David Gilmour beeinflusst ist. Dann wäre da noch der verträumt melancholische Gesang von Asle Tostrup, der den britischen Kreis zu Bands wie Porcupine Tree und Pineapple Thief schlägt. Doch das nur zur Einführung, denn neben ihrer Heimat haben sich Airbag eine loyale Fanbase u. a. in Polen (Querverweis aufgrund der stilistischen Nähe zu Riverside) und Deutschland erspielt. So etwas geht nachhaltig nur mit einem eigenständigen Sound. Können Airbag diesen Weg auf dem neuesten Werk weitergehen?

Das markante rote Kreuz auf dem Cover sorgt für ein erstes Statement: The Century Of The Self ist eine Abrechnung mit der sogenannten „Cancel Culture“. Behält die Mischung aus Vorverurteilung und Angst die Oberhand oder kann die eigene Geschichte umgeschrieben werden?

Airbag. Pic by Anne-Marie Forker

Der Einstieg mit Dysphoria unterstreicht direkt das, was Airbag am besten können: den Hörer hypnotisieren! In erster Linie sorgt die wiederkehrende Gitarrenmelodie für diesen Effekt. Sänger Asle setzt mit seinen gebetsartigen Gesangspassagen noch einen drauf und sorgt für weiteren Sinnesschwund. Drums und Bass grooven stoisch durch die zehnminütige Eröffnungsansprache. Im Refrain geht kurz das Licht an oder sollte ich sagen, die Lightbulb Sun wird angeknipst? Ohne Zweifel erinnern Airbag hier an die Großtaten von Porcupine Tree um Mastermind Steven Wilson. Gegen Ende bekommen großflächig angelegte, teils psychedelische, Keyboardsounds ihren Platz. Auch der herrlich dengelnde Basssound verschafft sich mehr und mehr Gehör. Kopfhörer auf. Musik an. Welt aus. Anders kann man dem eindringlichen Sound der Norweger nicht beikommen.

Deutlich beschwingter starten die Tyrants And Kings aus ihrer Box. Poppig anmutend lassen die Zeilen „Set me free“ bzw. „Set us free“ einen Hilfeschrei los. Ein entfesselt aufspielender Bjørn Riis nutzt seine Gitarre, um weitere Mauern der Unterdrückung einzureißen. Der Bass spielt weiterhin schnörkellos und dennoch nimmt er einen wichtigen Teil im Gesamtsound der Band ein. Ein Song, wie ein Befreiungsschlag. Akustische Klänge versuchen in Awakening die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Ohne Eile ziehen Wolken am Himmel vorbei. Für den ersehnten Sonnenstrahl sorgt wieder einmal ein Gitarrensolo, das nicht nur den verhangenen Himmel aufreißt, sondern auch wohlige Schauer über den Rücken jagt. Der brillant abgemischte Sound, der sich ohnehin durch das gesamte Album zieht, erreicht hier seinen Höhepunkt.

Es bleibt weiter kontrastreich. Erase grüßt aus dem finsteren Abgrund und der Bass gibt den Ton an. Ich komme erneut nicht drumherum, im Refrain an den „Stachelschwein-Baum“ zu denken, obwohl in Wahrheit die unterschwellige Keyboardmelodie der Star ist. Auf der Hälfte der Nummer schlägt die Stimmung leicht hektisch um, findet aber mit hart rockenden Parts ein Happy End.

„Nur“ noch ein Song, aber mit immerhin 15 Minuten Spielzeit, wartet am Ende des Weges auf den Hörer. Der Kreis schließt sich hin zum hypnotischen Beginn der Reise. Die Details in Tear It Down verlangen nach Aufmerksamkeit. Hier ein Echo, dort ein Flirren und dann wieder Riis‘ magische Hände an den Saiten. Hinweis an alle Möchtegern-Schredder da draußen: Weniger ist mehr! Das wusste schon Mr. Gilmour. Doch halt! Die schwarzen und weißen Tasten haben auch noch ein Wörtchen mitzusprechen. Und dann? Dann groovt es wieder hypnotisch, aber durchaus mit einer Portion roher Gewalt, vor sich hin. „Breath, breath out, sit back, stay calm.“

Airbag – The Century Of The Self
Fazit
Airbag gehen ihren Weg unbeirrt weiter. Elegisch, stoisch, hypnotisierend. Das Einzige, was The Century Of The Self fehlt, ist ein echter Hit. Ein Song, der sich selbst unverzichtbar macht. Dennoch lädt auch der sechste Streich der Norweger zum verträumt melancholischen Eskapismus ein. Ein Album zum Einatmen, Ausatmen, Zurücklehnen und gelassen bleiben.

Anspieltipps: Dysphoria, Tyrants And Kings und Tear It Down
Florian W.
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