Dimmu Borgir – Grand Serpent Rising

22.05.2026 - Black Metal, Symphonic Black Metal - Nuclear Blast Records - 69:18 Minuten

Es gibt nur wenige Bands im Extreme Metal, die ihren eigenen Stil derart geprägt und gleichzeitig derart polarisiert haben wie Dimmu Borgir. Anfang der 90er noch tief verwurzelt im kalten Geist der zweiten Black-Metal-Welle Norwegens, entwickelten sich Shagrath und Silenoz Schritt für Schritt von einer Undergroundband mit Veröffentlichungen über kleine Labels wie No Colours Records hin zu einem globalen Namen des Symphonic Black Metal bei Nuclear Blast. Spätestens mit Enthrone Darkness Triumphant öffnete die Band dem Genre neue Türen, auch wenn genau das damals unzählige Szenepuristen und „The Ever Trve Beeing & Everytime Evil Blicking People“ gegen sie aufbrachte. Rückblickend muss man aber anerkennen, dass ohne Dimmu Borgir vieles im modernen Black Metal vermutlich anders verlaufen wäre.

Ich selbst habe die Band 2004 auf dem With Full Force gesehen und weiß noch genau, wie erschlagen ich damals von dieser massiven Bühnenpräsenz war. Diese Mischung aus schwarzer Theatralik, orchestraler Wucht und einer beinahe übermenschlichen Energie hat mich nachhaltig beeindruckt. Und ehrlich gesagt funktioniert das bis heute. Selbst Songs wie Mourning Palace oder Spellbound (By The Devil) verlieren auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Wirkung. Entsprechend groß ist für mich auch die Vorfreude auf die kommende Tour 2026 zusammen mit Behemoth und Dark Funeral.

Mit Grand Serpent Rising melden sich Dimmu Borgir nun acht Jahre nach Eonian zurück. Und das erstaunlich selbstbewusst. Statt sich erneut nur in überladenem Hochglanzbombast zu verlieren, wirkt das Album deutlich fokussierter, dunkler und stellenweise fast wie eine bewusste Rückbesinnung auf frühere Schaffensphasen. Die Produktion von Fredrik Nordström klingt druckvoll und groß, aber gleichzeitig organischer als zuletzt. Gerade das Schlagzeug von Daray entfaltet hier eine Wucht, die mich phasenweise tatsächlich an die frühen 2000er erinnert.

Zwischen Größenwahn und Rückbesinnung

Schon der cineastische Opener Tridentium macht klar, dass hier keine schnelle Kost serviert wird. Das Album nimmt sich Zeit, Atmosphäre aufzubauen, bevor Ascent schließlich mit rasenden Blastbeats und aggressivem Tremoloriffing losschlägt. Genau hier zeigt sich eine der größten Stärken von Grand Serpent Rising: Dimmu Borgir schaffen es erstmals seit langer Zeit wieder, ihre orchestralen Elemente sinnvoll und nicht übertrieben in die Songs einzubetten, statt sie nur als dekorativ überladene Soundwand zu benutzen.

Besonders spannend finde ich die deutlich stärkere Rückkehr norwegischer Texte. Stücke wie Ulvgjeld & Blodsodel oder Slik Minnes En Alkymist wirken dadurch wesentlich archaischer und unheilvoller. Shagraths Stimme bekommt dadurch wieder mehr Charakter und weniger diese sterile Distanz, die ich auf Eonian teilweise problematisch fand. Überhaupt wirkt vieles hier roher, obwohl die Band natürlich weiterhin kilometerweit von klassischem Underground-Black-Metal entfernt ist.

Musikalisch bewegt sich das Album irgendwo zwischen den verschiedenen Dimmu-Borgir-Epochen. Manche Passagen erinnern klar an Death Cult Armageddon, andere eher an Puritanical Euphoric Misanthropia, während Songs wie The Exonerated oder Phantom Of The Nemesis moderne Elemente mit den alten Eigenschaften verbinden. Besonders stark finde ich dabei die Gitarrenarbeit. Trotz aller Orchestrierung stehen die Riffs endlich wieder stärker im Vordergrund. Gerade Repository Of Divine Transmutation oder Recognizant besitzen diese kalte melodische Eleganz, die ich an Dimmu Borgir immer sehr geschätzt habe.

Ein Album, das Zeit verlangt

Dabei ist Grand Serpent Rising definitiv kein leicht konsumierbares Album geworden. Die fast 70 Minuten Spielzeit erfordern definitiv Aufmerksamkeit und Geduld. Manche Songs erschließen sich erst nach mehreren Durchläufen richtig und gegen Ende merkt man durchaus, dass etwas Straffung dem Gesamtwerk gutgetan hätte. Einige Strukturen wiederholen sich, manche Übergänge verlieren sich etwas in ihrer eigenen Monumentalität. Trotzdem bleibt das Album über weite Strecken faszinierend und spannend, weil ständig neue Details auftauchen.

Was mir an Grand Serpent Rising besonders gefällt, ist diese merkwürdige Balance zwischen nostalgischer Rückschau und moderner Weiterentwicklung. Dimmu Borgir versuchen hier nicht krampfhaft, ihre frühen Jahre zu kopieren. Stattdessen greifen sie Fragmente ihrer gesamten Karriere auf und setzen daraus ein neues, erstaunlich düsteres Gesamtbild zusammen. Gerade deshalb funktioniert das Album für mich deutlich besser als der Vorgänger.

Natürlich bleibt die Band weiterhin maximalistisch. Wer mit orchestralen Black-Metal-Arrangements grundsätzlich nichts anfangen kann, wird vermutlich auch hier nicht bekehrt werden. Aber genau darin liegt eben auch seit jeher die Identität von Dimmu Borgir. Sie waren nie eine klassische Black-Metal-Band im engen Szenesinn und wollten das vermutlich auch nie sein.

Atmosphäre zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Trotz aller Größe und Inszenierung entdecke ich auf diesem Album aber wieder mehr Seele, mehr Atmosphäre und mehr echte Dunkelheit als zuletzt. Vielleicht nicht mehr mit der revolutionären Wucht früherer Klassiker, aber dafür mit einer bemerkenswerten Reife. Gerade nach über drei Jahrzehnten Bandgeschichte ist das alles andere als selbstverständlich.

Auch wenn manche Passagen etwas überladen wirken könnten und die Spielzeit nicht immer komplett notwendig erscheint, liefern Dimmu Borgir hier eines ihrer stärksten Werke der letzten zwei Jahrzehnte ab (und das ist der Punkt in diesem Review, an dem ich merke, dass ich schon alt geworden bin / Anm. Dave S.) und genau das begründet für mich auch die hohe Punktzahl. Vor allem die Mischung aus alten Einflüssen, moderner Produktion und spürbarer Leidenschaft hebt Grand Serpent Rising für mich mehr als deutlich über viele aktuelle Symphonic-Black-Metal-Veröffentlichungen hinaus.

Hier geht es lang für weitere Informationen zu Dimmu Borgir – Grand Serpent Rising in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Dimmu Borgir – Grand Serpent Rising
Fazit zu Grand Serpent Rising
Mit Grand Serpent Rising liefern Dimmu Borgir eines ihrer stärksten Werke der letzten zwei Jahrzehnte ab. Das Album verbindet moderne Produktion mit spürbaren Rückgriffen auf die eigene Vergangenheit und schafft es dabei erstaunlich oft, echte Atmosphäre zu erzeugen, statt bloß Bombast aufzutürmen. Die lange Spielzeit fordert Geduld, belohnt diese aber mit vielen kleinen Details und einer enorm dichten Stimmung. Für mich wirkt das Album wie eine selbstbewusste Erinnerung daran, warum Dimmu Borgir trotz aller Kontroversen und mitunter berechtigter Kritikpunkte der letzten Jahre bis heute zu den wichtigsten Namen des Symphonic Black Metal gehören.

Anspieltipps: Ascent, Recognizant, Repository Of Divine Transmutation und The Exonerated
Dave S.
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