Die Kunst treibt den Künstler und umgekehrt. Im Idealfall.
Für immer assoziiert mit dem Urwuchs norwegischen Black Metals, lässt Kristian Espedal seit ein paar Jahren Neues aus seinen Wurzeln wachsen. Trelldom steht für diese Entwicklung. Begonnen in den Neunzigern als aus Eisen geformtes Beispielprojekt, lag es eine Weile still auf dem Speicher. Die neuen Absichten und Wege des Künstlers Gaahl, die in God Seed anklangen und Gaahls Wyrd zugrunde liegen, belebten jedoch schließlich auch Trelldom. Mit …By The Shadows… (2024) wurde nach 17 Jahren eine neue Ära eingeläutet, weg von der explosiven Freiheit der Kompromisslosigkeit im Black Metal, hinein in jene der Genre-befreiten Kreation. Zumindest Genrepurismus, so scheint es dieser Tage, ist Gaahl zu profan.
Ein Idealfall: das neue Album …By The Word… .
Die Harmonie der Dissonanzen
Ich beginne ein Review tatsächlich gerne mit dem ersten Song, denn im Kontext eines durchdachten Albums, wie man es von Gaahl gewohnt ist, ist dieser schlichtweg der Türöffner.
So stehen wir mit When This Was Young am Eingang eines Tempels und werden der dröhnenden Entstehung des kosmischen Abgrunds in all dessen heiligem Chaos gewahr. Zwischen den Gitarrenwelten wird eine zur Sitar und verteilt den Geruch von Palo Santo. Die Instrumente experimentieren sich langsam frei, bis Bass und gedämpfte Kickdrum das Herz des Songs in zuweilen jazzigen Rhythmen voranschlagen. Im Hintergrund vernehme ich eine Klarinette, die uns ein kryptisches Versprechen zusingt. Es knistert, es pfeift, es pocht – das ist kein Black Metal, und doch!
Seit einigen Jahren schaufelt sich das Saxofon einen kleinen Pfad im Metal. Bisher hat mich diese nasale Tröte noch im Dienste jeder Band (Rivers Of Nihil, Imperial Triumphant, Wyatt E., Ihsahn, Five The Hierophant etc.) überzeugt, weil der Überraschungseffekt (auch) dadurch zustande kommt, dass sie die Songs erstaunlich selbstverständlich ergänzt. Gerade in avantgardistischer Musik bietet die experimenterprobte Klangbandbreite von schriller Wildheit bis erdender Wärme einfach enorme Möglichkeiten. Zudem bleibt ein Holzblasinstrument, das es seit seiner Erfindung nicht einmal ins klassische Orchester geschafft hat, in einer Formation aus tiefergestimmten Schredder- und Dreschinstrumenten einfach ein akustisches Novum. Von Gaahls Projekten darf man das Neue, präsentiert von den Besten (in diesem Fall Kjetil Møster), ja erwarten, und das macht auch Trelldom so spannend!
Ab I Speak Forgotten Voices verkörpert das Saxofon einen Schädelinnenwände abwandernden Geist, zerrissen von Gaahls multiplen Persönlichkeiten und gefangen in einer trancehaften Abwärtsspirale. „Dream the dream that dreams the dream …“ Hier lockt das hypnotische Tempo, doch die Dissonanzen im Hintergrund heulen und klagen, warnen und mahnen. Plötzlich ermächtigt sich der Black Metal seiner Nachbargenres und bäumt sich zu einer Majestät auf, der eine Produktion in Kellergewölben niemals gerecht würde. Blast Beats treiben, Synthakzente halten uns im Inneren der Traumdimension und Metrikwechsel bestimmen den Ekstasenverlauf des Hauptinstruments, dessen Echo verklingt, so wie Licht von Nebel verschwommen wird.
Wie ein Signalhorn führt es uns dagegen durch den Verlauf von This Moment The Life Of A Memory, zitternd und durch Weltenschleier kreischend. Der Song beginnt mit der Energie von Black Metal und geht dann in atmosphärischen Jazz Metal über. Die beiden Genres gemeinen Dissonanzen sitzen prominent im Vordergrund, die rhythmische Kreativität sucht sich ihren Weg durch einen erstaunlichen Groove in eine exakte Richtung: hinab und hinein.
Die Finalität des Chaos
Das Herzstück des Albums ist intellektuell wahnsinnig aufregend und schneidet mir ein wenig den Atem ab – denn By The Word ist alles andere als rasant, schafft aber eine gewisse Hitze, weil es für Ohren und Geist kein Entkommen gibt. Durch Noise und elektrisch aufgeladene Luft hindurch läuten Gitarrenriffs mit souligem Touch das Unheil ein, der stapfende Rhythmus bestimmt den letzten Gang. Zum Schafott? In die Freiheit? Metriken lösen sich ab und die Gitarre schreit, bis der Verstand verstummt. Immer weiter verknoten sich die Instrumente, nur der Bass summt im Abseits verlassen vor sich hin. Schließlich zieht uns die Kakophonie in einen Sog, in dem Gaahls sporadisch erklingende Gesangslyrik und heiseres Raunen alles sind, woran wir uns festhalten können.
Ich genieße die Finalität dieses Chaos – und die Freiheit darin! Der Track könnte überfordern. Da Gaahl allerdings die Prioritäten auf Stimmung und Wirkung legt (die Arrangements sind zwar komplex, aber auch nicht um ihrer selbst willen nervtötend akrobatisch), versteht man …By The Word… auch, ohne ihn vollends zu begreifen.
Die Gefahr in der Ruhe
Folding The Mind hält den Geist des Albums aufrecht, der weiter in der klanglichen Unendlichkeit auf der Suche ist. Allerdings folgt es sich ihm hier am leichtesten, weil es ohne Schnörkel rumpelt. Der Track mutet ritualistisch an, ein wenig tänzerisch, mit mehr Betonung auf dem Dribbeln und der außergewöhnlichen Wärme von Kenneth Kapstads Drums, sowie mit Gaahls insistierendem Sprechgesang. Die Gitarren sind recht rudimentär eingesetzt, aber die Riffs kitzeln im richtigen Moment und halten mit ihren Anschlägen die Nackenhaare aufrecht.
The Word – Choose To Vanish nimmt sich Zeit, sich hochzuschrauben und einzuheizen. Ich liebe, wie das meine Aufregung anstachelt! Gaahls Vocals beeindrucken mich mal wieder mit ihrer Qualität, die Gefahr in der Ruhe heraufzubeschwören und damit alles zu beherrschen. Der Song rauscht dahin, Instrumente und Stimmen schwirren umher, die Drums donnern und beschließen den Sturm mit einer letzten Verbeugung.
Mix und Mastering haben die Songs nicht übermäßig „groß“ gepumpt, und selbst in ihren Aufschwüngen nehmen sie nie wirklich Reißaus. Das passt durchaus zur Gesamtdynamik. Ich habe nicht das Gefühl, dass man mich hier im psychologischen Sinne umnieten möchte. Viel eher lockt man mich, lädt mich ein, führt und verwirrt mich. Bei all dem, was im Hintergrund abgeht, wäre etwas anderes als eine relativ einheitliche Frequenz vielleicht auch überfordernd. Gleichzeitig muss ich sagen, dass mich genau deswegen gerade The Word – Choose To Vanish nicht so recht packt. Der Sound – alles andere als steril – ist mir im Volumen zu „eben“, die Instrumente wurden im Hintergrund etwas zu gleichberechtigt herausge- und mit der Distortion verarbeitet. Vielleicht hätten sie mir, nur dieses Mal, etwas weiter nach vorne geholt besser gefallen. Ich verstehe die Intention, würde sie in der zweiten Hälfte aber sehr gerne mehr fühlen! Der akustische Tumult rauscht an mir vorbei. Was auch daran liegen mag, dass wir zu diesem Zeitpunkt drei Songs in Folge davon hatten. Hier geht es sicher nicht um mangelndes Know-How, sondern um künstlerische Entscheidungen, die bei mir nicht den entsprechenden Effekt haben. Aber hey, sind auch nur drei Minuten.
Der letzte Track holt mich mit seinen avantgardistischen Kniffen schnell wieder zurück. Im Auftakt von In There Outside zirkulieren schwarzmetallische Riffs, synkopiert von Gaahls Vocals. Meine Ohren folgen den Richtungswechseln der Drums, und nicht nur deswegen schüttle ich amüsiert mit dem Kopf. Das Ohr wandert abermals zu Møsters Instrument und ich verliebe mich wieder neu. Saxofon und Gitarre vereinen sich in unheiligen Tonfolgen und explodieren in Parallelen. Kapstads Rhythmustricksereien sind schelmisch, gefährlich und intelligent! Dieser weitere Höhepunkt am Ende des Albums ist ein erhabener Tanz, in dem man sein Selbst ausrastet, verliert und wiederfindet!
Hier gibt es weitere Informationen zu Trelldom – …By The Word… in unserem Time-For-Metal-Release-Kalender!



