Seit über zwei Jahrzehnten stehen Forever Autumn für einen eigenständigen Weg jenseits klar definierter Szenen und Erwartungshaltungen. Gegründet im Jahr 2000 von Autumn Ni Dubhghaill in der abgelegenen, waldreichen Region der Berkshires in Massachusetts, war das Projekt von Beginn an weniger als klassische Metalband konzipiert, sondern als persönlicher, künstlerischer Raum. Musik diente hier nie bloß der Veröffentlichung, sondern als Medium für Erinnerungen, Naturverbundenheit, Verlust und zyklischem Denken.
Nach mehreren frühen Aufnahmen erschien 2008 mit Waiting For Öktober das erste vollständige Album, das bereits jene akustisch-düstere Handschrift erkennen ließ. Spätere Veröffentlichungen wie Patience Of Ðm Fire-Keeper (2014) oder Howls In The Forest At Dusk (2019) ließen diesen Ansatz mehr und mehr erkennen und so öffneten sich Möglichkeiten für Kollaborationen, etwa mit Cellist Jon McGrath oder Aaron Stainthorpe von My Dying Bride. Trotz dieser Gastbeiträge blieb der eigentliche Kern dieser sehr eigenwilligen „Kvnst“ stets unverkennbar: eine zutiefst persönliche Klangsprache, die Folk, Doom und Avantgarde nicht kombiniert, sondern ineinander auflöst. Mit der EP Crowned In Skulls verdichtete sich dieser Stil zuletzt weiter. Das neue, gerade erschienene Album The Lamentations führt diesen Weg nun weiter und konsequent zu Ende.
Zwischen Wurzeln, Schatten und stiller Intensität
Die Band bzw. das Projekt Forever Autumn lässt sich nur unzureichend über Genrebegriffe erfassen. Avantgarde Metal, Dark Folk, Acoustic Doom oder auch akustischer Black Metal beschreiben jeweils Teilaspekte, greifen aber zu kurz. Im Zentrum steht eine Atmosphäre, die aus Reduktion ihre Kraft zieht. Akustische Gitarren, Cello, Rahmentrommeln, Rasseln und andere traditionelle Instrumente schaffen einen erdigen, archaischen Klangraum. Besonders prägend ist Autumn Ni Dubhghaills Stimme: Sie wechselt zwischen klarer Intimität, rauem Flüstern und eruptiven Ausbrüchen, ohne doch auch kalkuliert zu wirken. Die eigene Art von Doom Metal manifestiert sich hier weniger durch Schwere im klassischen Sinn, sondern durch emotionale Last und langsame, unausweichliche Entwicklungen. Black Metal erscheint als Haltung, kalt, spirituell, manchmal bedrohlich, nicht als klangliche Aggression. Diese Form von Musik fordert Nähe statt Distanz und funktioniert am besten, wenn man bereit ist, sich auf ihre Langsamkeit einzulassen.
Die Klagelieder des Winters: The Lamentations
Mit dem am 3. Januar 2026 in Eigenregie veröffentlichten Album The Lamentations beschreitet Autumn Ni Dubhghaill einen bewusst einsamen Pfad. Das Album wurde vollständig allein geschrieben, eingespielt, aufgenommen und produziert. Die sieben Stücke wirken wie lose verbundene Fragmente eines jahreszeitlichen Zyklus, in dem Vergänglichkeit, Rückzug und innere Einkehr dominieren. Der Auftakt Beltaine steht sinnbildlich für das Album: eine einfache, fast hypnotische Melodie, unter der sich Verlust und Unruhe verbergen. Das Stück entfaltet sich langsam, getragen vom Cello und einer Stimme, die eher erzählt als singt. Self-Portrait In Blue, Black And Grey wirkt dann kühler, beinahe voll distanziert, wie ein musikalisches Innehalten, das mit Wiederholung arbeitet und bewusst keine Auflösung anbietet.
Hexes And Wards greift nun folkloristische Motive auf, bleibt dabei jedoch fragil und unbehaglich, wie ein Schutzzauber, dessen Wirkung ungewiss ist. Einer der eindringlichsten Momente des Albums ist Fylgia And The Fetch: Hier erreicht die vokale Intensität ihren Höhepunkt, roh und ungeschönt, und lässt erahnen, wie nah Forever Autumn dem Geist des Black Metal kommen kann.
Mit Epoch folgt ein beinahe rituelles Intermezzo aus Flüstern und rhythmischer Percussion, das sich wie ein nächtlicher Kreis am Feuer anfühlt. The Black Candle bricht diese Spannung auf und zeigt eine ungewöhnlich melancholische, fast schon fragile Seite. Den Abschluss bildet der Song The Salt Of Mortality, ein langsamer, schwerer Gang durch das Sterben des Jahres, getragen von monotonen Cellolinien und einer Stimme, die mehr beschwört als kommentiert.
Klang, Bild und der bewusste Rückzug
Die Produktion von The Lamentations unterstreicht den reduzierten simplen Ansatz. Robby Baier verleiht dem Mix Tiefe und Raum, ohne die Rohheit zu glätten, während Jack Control dem Mastering jene Schwere gibt, die das Album zusammenhält. Nichts ist überproduziert, nichts drängt sich in den Vordergrund.
Das Coverartwork, ein von Autumn Ni Dubhghaill selbst gemaltes Bild aus ihrer Self-Portrait In Winter-Reihe, fügt sich nahtlos in dieses Konzept ein: kühl, introspektiv, fragmentarisch. Auch hier geht es weniger um Erklärung als um das Kreieren von Stimmung und Atmosphäre. Entstanden ist das Album fernab industrieller Strukturen, bewusst unabhängig und ohne den Anspruch, jedwede Erwartungen zu erfüllen.
Hier geht es für weitere Informationen zu Forever Autumn – The Lamentations in unserem Time For Metal Release-Kalender. Das neue Album von Forever Autumn kann über Bandcamp bestellt werden.



