”Einer Live-DVD mehr als würdig”

Band: Kreator

Vorbands: Fueled By Fire, Nile & Morbid Angel

Location: Turbinenhalle, Oberhausen

Homepage: www.turbinenhalle.de

Datum: 22.12.2012

Einlass: 17:30 Uhr / Konzertbeginn: 18:00 Uhr

Kosten: VVK: 30 €; AK: 35€

Besucher: Full House

Veranstalter: Rock The Nation (http://www.rockthenation.eu/splashpage/)

Setlist Kreator:

  1. Phantom Antichrist
  2. From Flood Into Fire
  3. Enemy Of God
  4. Phobia
  5. Hordes Of Chaos
  6. Civilization Collapse
  7. Voices Of The Dead
  8. Extreme Aggression
  9. People Of The Lie
  10. Death To The World
  11. Coma Of Souls
  12. Endless Pain
  13. Pleasure To Kill
  14. Violent Revolution
  15. United In Hate
  16. Betrayer
  17. Flag Of Hate
  18. Tormentor

Angstschweiß begleitet mich nun schon seit Wochen, der Geruch überdeckt von Chemiekeulen wie z.B. dem Playboy V.I.P. Deo oder dem Joop! Homme-Sprühzeug. Materialisierte Angst, dass das Motörhead-Desaster keine einmalige Angelegenheit war, sondern, dass das neue Motto der Turbinenhalle sein könnte: So viele Hamster in den Käfig sperren wie nur möglich. Dementsprechend mangelte es mir im Vorfeld auch an der sonst immer präsenten Vorfreude, da ich nun wirklich keine Lust habe, erneut auf dem Boden umherzukriechen, nur um mich von der Anwesenheit der mir durch den Kauf der Karte versprochenen Anwesenheit der Musiker überzeugen zu können. Doch wie sagt man so schön: Klappe zu – Affe tot! Mein Bruder hat sich im Vorfeld schon eine Karte organisiert, auch wenn er immer noch mittelschwer enttäuscht ist, dass Mille nicht bei dem Destruction-Lied Legacy Of The Past mitgemacht hat und auch ein Kollege meinerseits ist mit an Bord, zwar noch ohne Karte, aber auf Nachfrage wurde mir eine Abendkasse zugesagt.

Natürlich ist es dann weniger zuträglich, dass sich die Anreise unheimlich hinauszögert, obwohl es sich nur um 60 Kilometer Strecke handelt. Mal zerreißt das Ladekabel des Navis, dass ich, obwohl ich schon gefühlte eine Millionen Mal in der Turbinenhalle war, immer noch samt Navi für die Anreise benötige, mal fällt mir auf, dass ich zu wenig getankt habe und natürlich gibt es noch die berühmt-berüchtigte „rote Welle“ des Straßenverkehrs, die mir zumindest auf dem Rückweg erspart geblieben ist, sodass mir die im Vorfeld hoch gehandelten Fueled By Fire locker flockig verwehrt bleiben. So wie das Gerede um die Band war, werde ich sie in Zukunft sicherlich mehr als einmal zu Gesicht bekommen und mir ihre Live-Künste dann zu Gemüte führen.

Womit wir uns dem Thema Live-Künste nähern. Und natürlich auch: Subjektive Wahrnehmung. Wir erinnern uns: Das neuste Machwerk der Ägyptoknüppler ist die aktuelle Spitze ihres Schaffens und auf dem Party.San konnte mich die Band vollends überzeugen. Ich schloss damals die Beurteilung der Live-Qualität mit „Gerne wieder!“ ab, diesmal sieht es ein bisschen anders aus: Klar, auf der einen Seite ist der Überraschungseffekt weg, aber rein objektiv gesehen habe ich das Gefühl, dass vor allem Nile die siebenwöchige Tour, die heute enden soll, schwer in den Knochen steckt. Denn hier hat man sich definitiv an den Verhaltensmustern deutscher Beamten bedient und auch noch deren Lieblingsspiel geklaut: Wer sich zuerst bewegt, verliert! Bei solchen Auftritten muss ich immer an Asphyx und deren Lied Deathhammer denken, das genau auf solche Eintritte eingeht („Acting like statues on stage“). Ja, der Sound ist genial. Vor allem, wenn man sich mit Hilfe von Stöpseln die rauschenden Hochtöne rausschneidet und einen glasklaren Klang erhält. Die Lieder sind auch live extrem gut. Aber rein von der Präsentation kommt nicht viel rüber. Das Markanteste am gesamten Auftritt ist definitiv der Hintergrund: Nile haben, wie mittlerweile üblich, ein paar Banner aufgehangen, aber Morbid Angel scheinen in diesen Bereich mehr Geld investiert zu haben: Man sieht klar und deutlich ihre unfassbar großen Banner hinter den kleinen Bannern von Nile hervorragen. Im Positiven liegt ja bekanntlich die Kraft: Dadurch wird die Umbaupause nicht allzu lang ausfallen. Kann ich Nile trotzdem noch live empfehlen? Ja. Ein paar ehemalige Klassenkameraden (!), die ich ca. fünf Jahre nicht mehr gesehen habe, sind vor allem von Nile und Morbid Angel schwer begeistert. Ich persönlich hätte mir mehr „Action“ auf der Bühne gewünscht, ich anstelle der Band würde ein Laufband aufbauen, dass sich über die Bühne bewegt und immer im Kreis dreht, dann erhalten Menschen wie ich meine verlangte Bewegung, ohne dass sie durch eigene Anstrengungen ausgelöst wird.

Nun gut, kommen wir zu Morbid Angel. Die Jungs habe ich schon so lange nicht mehr live gesehen, dass ich es sogar nicht mehr wusste, dass ich sie jemals live gesehen habe. Das war vor sechs Jahren in Wacken, wie mich bereits erwähnter Kollege freundlichst erinnert. Seitdem hat sich bei den Herren nicht allzu viel getan, außer dass man sich 2011 überlegt hat, dass es eine gute Idee sei, den Fans mal so richtig ans Bein zu pissen und Illud Divium Insanus zu veröffentlichen, welches, um es sachte auszudrücken, bei den Fans überhaupt nicht ankam und deshalb bei dem heutigen Auftritt wieder einmal komplett ignoriert wird. Schade, ich hätte gerne I Am Morbid gehört. Der Kracher des Abends (!) wird direkt als erstes Lied rausgehauen: Immortal Rites von 1989, bei dem der Frontmann David Vincent auch noch an der Studioaufnahme beteiligt war, bevor er 1996 die Band verließ und erst 2004 wieder beitrat. Der gute Herr scheint in den Morbid Angel-losen Jahren einiges für seine Stimme getan zu haben, denn zwischen der Studioaufnahme und der Liveinterpretation liegen Welten. Wer das Lied kennt, weiß auch, dass kurz nach der Hälfte ein sehr markanter Gitarrenpart kommt. Dieser wurde aber zu Livezwecken umgedichtet, sodass nicht nur die Gitarre einzelne Töne länger zieht, sondern auch Vincent diese Töne mit seiner normalen Stimme begleitet und sogar das Publikum dazu bewegt, es ihm gleich zu tun. Beim ersten Durchlauf wirkt das Ganze noch skurril, aber spätestens beim zweiten Mal erweist sich diese Maßnahme als absoluter Eisbrecher. Weitere Überraschungen bleiben leider aus, aber vor allem David Vincent ist der Grund, warum ich Morbid Angel an diesem Abend deutlich besser fand als Nile, da er topfit wirkte und auch coole Ansagen mitbrachte („Wer glaubte, dass gestern die Welt untergehen würde?“ – Ein paar Hände gehen hoch. „Wer hat gewünscht, dass gestern die Welt untergegangen wäre?“ – Viele Hände gehen hoch. Dann noch ein paar Worte, dass man nicht jeden Scheiß glauben soll). Alles in Allem ein rundum gelungener Auftritt, allerdings wäre es 2013 wirklich Zeit, neues Livematerial zu schreiben. Zehn Jahre nach dem letzten „richtigen“ Output Heretic wäre genau der richtige Zeitpunkt dafür.

Um 22:00 Uhr sollen Kreator beginnen, allerdings erscheint mir diese Uhrzeit extrem optimistisch, da ja eine Menge Kameragedöns benötigt wird, um auch optisch eine gute Live-DVD erstellen zu können. So kann man sich irren, denn es geht schon um 21:55 Uhr los und die Halle ist plötzlich unfassbar voll. Nicht ätzend voll wie bei Motörhead, sondern „nur“ voll. Abgesehen von Liliputanern oder Menschen, die durch gewisse Umstände den Kopf nicht auf die Höhe eines durchschnittlich gesunden Menschen erheben können, dürfte jeder etwas von der Band sehen. Eine weiße Leinwand verdeckt die Bühne, größer als das Banner von Morbid Angel und eine Art Bildersammlung, inklusive Filmschnippsel, wird darauf projiziert. Quasi eine bildliche Biographie, begleitet von Johnny Cashs Personal Jesus (nein, es ist NICHT von Depeche Mode, wie einige Personen vor Ort mit ihrem gefährlichen Halbwissen anderen Anwesenden weismachen wollten…). Der Vorspann geht zum Glück nicht allzu lang und der Vorhang fällt pünktlich. Doch dahinter ist nichts zu sehen! Nur ein unfassbar großes Banner, das das Albumcover zeigt. Aber keine Band. Ja wo sind sie denn? Der Banner fällt nach ca. zehn Sekunden Verwirrung, nur um einem weiteren, komplett identischen Banner Platz zu machen, diesmal aber mit Band! Da haben sich die Jungs wie gutes Rindfleisch auf einem Hamburger zwischen zwei Lagen versteckt. Der Effekt ist erstaunlich, ich brauche wirklich ein paar Sekunden, um das zu verstehen.

Die sichtlich durch die Kameras irritiert wirkenden Jungs von Kreator eröffnen das Konzert mit Phantom Antichrist und spielen, als ob es um Leben und Tod gehen würde: Vor allem Milles Stimme klingt so kraftvoll wie seit Langem nicht mehr! Den Auftritt wird er definitiv noch eine Woche später in den Stimmbändern fühlen. Ein Kamerakran hat sich scheinbar in Mille verliebt und klebt ihm des Öfteren mal direkt vor dem Gesicht, was vermutlich Profis wie Günther Jauch ins Stocken bringen würde, da es verdammt unangenehm aussieht. Aber Fehler sucht man bei dem eingespielten Team vergebens, die Entschuldigung am Ende des Konzertes, dass die Band vielleicht etwas starr wirkte, ist wirklich nicht nötig. Vor allem im Vergleich mit dem Konzertbesuch von mir und meinem Bruder vor zwei Jahren können wir beide sehen, was so ein neues Album ausmachen kann. Die neuen Lieder passen nicht nur „gut“ in die Setlist, sie hieven das gesamte Konzert auf ein Niveau, das ein paar Klassen höher ist als das Konzert, das noch vor Phantom Antichrist stattfand. Vielleicht lernen ja Morbid Angel davon…
Ein Hit folgt hier dem nächsten, die Reichweite des Materials ist immens: Folgt nach dem Opener ein weiteres neues Lied (From Flood Into Fire), geht’s direkt danach in die Vergangenheit mit Enemy Of God, bevor man dann in die 90er geht, um Phobia rauszuhauen. Natürlich dürfen All-Time-Hits wie Pleasure To Kill oder Extreme Aggressions nicht fehlen, sonst würde der Bandbus vermutlich ohne Reifen nach Hause fahren. Hervorzuheben sei noch das Akustik-Intro bei United In Hate, gespielt von Sami Yli-Sirniö, welches nicht nur extrem gut platziert, sondern auch extrem gut gespielt ist. Die Masse tobt jedenfalls das gesamte Konzert über, direkt vor der Bühne ist ein extrem großer Moshpit, aber auch weiter hinten gibt es davon viele kleinere und Kreator können sowohl mit der eigenen Leistung als auch mit der der Fans mehr als zufrieden sein und genügend Material für eine gute Live-DVD gefilmt haben.

Fazit: Wer nach diesem Abend der Meinung ist, das Erwerben der Eintrittskarte habe sich nicht gelohnt, muss auf einem anderen Konzert als ich oder meine Begleiter gewesen sein. Die Reihenfolge der Bands war perfekt, die Stimmung (und auch die Anzahl der Besucher) stieg von Band zu Band merkbar, bis bei Kreator die Halle voll und die Euphorie der Fans auf dem Höhepunkt war. Dass Kreator bei den Big Teutonic 4 zu recht die Rolle innehaben, die Metallica bei den Big 4 besitzen, sollte jedem Besucher nach diesem Konzert klar sein. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es mit Kreator in der Zukunft weitergeht!

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