Steve Morse wird zu Recht als der „Held deiner Helden“ bezeichnet. Erst durch meinen Lieblingsgitarristen John Petrucci (Dream Theater) wurde ich vor vielen Jahren auf seinen Helden Steve Morse aufmerksam. Spätestens seit ich Morse im Jahr 2012 mit den unsterblichen Deep Purple live erleben durfte, kommt er mir – neben Petrucci – unmittelbar in den Sinn, wenn es um die besten Saitenhexer aller Zeiten geht. Stets hat er bei seinem gefühlvoll virtuosen Gitarrenspiel ein Lächeln auf den Lippen und ist dazu körperlich in Topform. 16 Jahre nach seinem letzten Soloalbum Out Standing In Their Field präsentiert der Gitarrist sein neuestes Werk Triangulation unter dem Namen Steve Morse Band zusammen mit Bassist Dave LaRue, Drummer Van Romaine sowie teils illustren Gästen, auf die ich später näher eingehe.

Deep Purple, Dixie Dregs und mehr
Durch seinen Einstieg bei Deep Purple Mitte der Neunziger wurde Morse einem breiteren Publikum bekannt. Bereits in den Siebzigern machte er die Studios und Bühnen mit der Fusionband Dixie Dregs unsicher. Weiteren Stationen bei Kansas und der Gitarren-Supergroup G3 folgte eine – von mir sehr geschätzte – Zusammenarbeit mit Flying Colors, die mit Größen der Progszene gespickt ist. Alle Gastspiele des 71-jährigen Amerikaners aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen.
2022 verkündete Morse seinen Ausstieg bei Deep Purple, den vakanten Posten übernahm Simon McBride. Morse, der bis Dato dienstälteste Purple-Gitarrist, wollte sich um seine krebskranke Frau Janine kümmern. Im Februar letzten Jahres erlag sie ihrer Krankheit. „Wir gingen auf Reisen, unternahmen vieles zusammen und konnten das Leben genießen, während wir beide jeden Moment wertschätzten. Tief in uns wussten wir aber auch, dass es jeden Tag so weit sein könnte“, fasst Morse die letzten Jahre an der Seite seiner Frau zusammen. Angesichts dieses tragischen Verlusts ist es umso erfreulicher, neues Material dieses kreativen Genies zu Gehör zu bekommen.
Bevor es ans Musikalische geht, noch ein kleiner Exkurs zum Albumtitel, erklärt vom Meister persönlich: „Der Albumtitel Triangulation stammt aus der Luftfahrt, wo Piloten, Navigatoren und Seeleute zwei Punkte betrachten, um ihren genauen Standort zu einem bestimmten Zeitpunkt zu bestimmen.“ Begeben wir uns zusammen mit Steve Morse auf den Pfad der Selbstfindung.
Groovendes Gefrickel trifft auf fluffigen Funk
Eines Morgens – nach einem kräftezehrenden Festival – wachte ich auf und las vom Solocomeback des Gitarristen. Break Through nennt sich der mitgelieferte Einstieg in das Album. Der Name ist Programm, denn das Teil tritt uns mächtig in den Arsch! Morse’ Fokus liegt nie auf selbstgefälligem Gefrickel (wir sprechen hier schließlich nicht über Yngwie Malmsteen), sondern auf der Sprache seines Instruments. Der Rhythmus treibt unheimlich voran und der Mix lässt genügend Luft zum Atmen für seine Mitstreiter. LaRues Basslines stehen sogar gleichberechtigt neben den Gitarrenparts. Die Leitmelodie bleibt im Ohr und Passagen wie die ab Minute 3:16 vermitteln eine ungeahnte Leichtigkeit. Off The Cuff kommt noch fluffiger und funkiger um die Ecke und erinnert an alte Dixie-Dregs-Nummern. Wenn der Song nicht als spontaner Jam im Proberaum entstanden ist, fress’ ich einen Jazzbesen. Bass und Drums grooven wie Sau, letztere warten zwischenzeitlich sogar mit fancy 80’s-Sound auf. Noch was? Ein pfeilschnelles Solo des Protagonisten und eine Slapbasseinlage von Mr. LaRue. Nice!
Es wird Zeit, den Vorhang zu lüften, um den ersten Gast auf die Bühne zu bitten. Eric Johnson darf man getrost als „den besten Gitarristen, den niemand kennt“ bezeichnen. Zumindest was die breite Masse angeht. In TexUS liefert er sich einen freundschaftlichen Schlagabtausch mit Steve Morse, bei dem die Melodien im Vordergrund stehen. Miteinander statt gegeneinander – so heißt die Devise. Deutlich zurückhaltender, aber nicht weniger melodiös, startet The Unexpected und macht seinem Namen alle Ehre. Morse gelingt in diesem Stück etwas Einzigartiges: Man wird förmlich eingesogen und wartet auf das nächste, unvorhersehbare Kapitel, wie in einem guten Buch.
March Of The Nomads wirkt stellenweise wie der Soundtrack zu einem epischen Film. Hier wird Raum für Interpretationen geschaffen und mit Dudelsackspiel untermalt. Ice Breaker groovt ähnlich wie Off The Cuff, ohne jedoch dessen Lässigkeit zu erreichen. Zeit für Wortspiele: Tumeni Partz ist die späte Fortsetzung (so wie es Hollywood gerne macht) von Tumeni Notes, aus dem 89er-Album High Tension Wires. Zu viele Parts hat der knapp elfminütige Song für meinen Geschmack nicht, ganz im Gegenteil – hier ist alles genau richtig. Es gibt wilde Raserei, Träumerei, und macht einfach Spaß. In einigen Passagen ist es eine Herausforderung, dem Gitarrenspiel Aufmerksamkeit zu schenken, weil Dave LaRue am Bass eine Macht ist und das auch gerne demonstriert. Alleine der Part ab Minute 9:42 ist fast schon „too hot to handle“.
Morse, Petrucci und große Emotionen
Der Titeltrack steht an, die Gewässer werden rauer und ich komme in den Genuss, meine beiden Lieblingsgitarristen auf einem Song zu hören. Oder, um es mit den Worten von Garth und Wayne zu sagen: „Ich bin unwürdig!“ Obwohl John Petrucci längst seinen eigenen Stil gefunden hat, hört man den Einfluss von Steve Morse auf seine Spielweise deutlich heraus. Auch hier kann man – ähnlich wie beim Song mit Eric Johnson – nicht von einem „Duell“ sprechen. Vielmehr bekommt hier jeder seine Bühne und während der eine spielt, hört der andere zu und ergänzt nur Nuancen. Das Stück hätte auch gut auf das letzte Petrucci-Soloalbum Terminal Velocity gepasst.
Zum Abschluss von Triangulation wird es mit Taken By An Angel noch einmal emotional. In dem akustisch getragenen Stück verabschiedet sich Steve Morse gemeinsam mit Sohn Kevin auf musikalische Art und Weise von seiner Frau. Innehalten und an die geliebten verstorbenen Menschen denken, die uns auf unserer Reise begleitet haben.
HIER! geht es für weitere Informationen zu Steve Morse Band – Triangulation in unserem Time For Metal Release-Kalender.



