
Die Epoche der Schönheit ist vorüber, die Pechschwarz-Ära ist angebrochen. Fjørt halten der Gesellschaft mit ihrem neuen Album Belle Époque nicht einfach den Spiegel vor, sie schubsen jeden einzelnen durch das Glas und streuen Salz in die Wunden. „Wir leben in Hakenkreuzzeiten“, eine Erkenntnis, die genauso zum Jahr ’43 passt, wie zur Gegenwart. Mit eben jenem Song entfachen Fjørt in mir einen Post-Hardcore-Feuersturm. Obwohl Belle Époque bereits das fünfte Studioalbum des Aachener Trios ist, tauchten Fjørt vor einigen Monaten erstmals in meinem Sichtfeld auf. Besser spät als nie soll das Motto sein, und ich stürze mich kopfüber in den Abgrund der Pechschwarz-Ära.
Zunächst noch verträumt, ebnen Fjørt mit dem Messer zwischen den Zähnen den Weg, und zertrümmern mit der Erkenntnis, dass die Hoffnung ein Schlachtfeld ist, direkt jede Euphorie. Schnell wird klar: Dieses Album wühlt auf und will nichts beschönigen. Bis zum Anschlag verzerrte Gitarrenwände werden durch ein fragiles Funkeln aus Melodien durchbrochen. Die Mollakkorde im bedrückenden Outro des Songs geben mir den Rest. Kein Licht. Keine Hoffnung.
Massengräber und andere wiederkehrende Schandtaten
Das Rattern im Song Hertz ist weder ein Sample eines Meshuggah-Songs noch ein defektes Metronom. Tatsächlich hat die Nummer einen todernsten Hintergrund. Sänger und Gitarrist Chris wurde von einem Beitrag des Streamers Rezo inspiriert. 20 Schläge pro Sekunde rattert der Takt, so viele Hühner werden in Deutschland in etwa pro Sekunde getötet. Diese schockierende Zahl wird im Beitrag von Rezo genannt. Unerbittlich, verstörend und zu Recht beängstigend brennt sich dieses Stakkato unter die Haut. Fast nahtlos schließt sich ’43 mit einem Dröhnen an. Ein großer Teil unserer Gesellschaft sieht tatenlos dabei zu, wie Politiktreibende Schandtaten des Dritten Reichs in die Neuzeit pervertieren. Passend zum anklagenden Text offenbaren Fjørt das musikalisch aggressivste Kapitel auf Belle Époque.
Wenn harsche Spielarten auf deutsche Texte treffen, begegneten mir in der Vergangenheit zwei unterschiedliche Ansätze: Künstler, die sich für die Nachfahren von Goethe und Schiller halten und Dinge unnötig verkomplizieren, oder das genaue Gegenteil, nämlich Texter, die besser im Ballermann-Jargon aufgehoben wären. Fjørt beherrschen einen Tonfall, der ansprechend ist und, wie in Kalie zu hören, auch Raum für eigene Interpretationen lässt. Die Gesangsmelodien werden erstmals freier vorgetragen und dürften im Liveeinsatz ohne Zweifel taugen. Der Sprechgesang in Mir hebt ohne Umschweife den Mittelfinger in Richtung der aktuellen Politik in unserem Land. Chris und David sorgen mit ihren Vocals immer wieder für Abwechslung bei all der lyrischen Schwermut. Ein weiteres Beispiel dafür ist der stoisch vorgetragene Gesang in Ær. Ich möchte, nein, ich will diese vertonte Wut in Dauerschleife konsumieren.
Marschieren oder doch lieber tanzen?
Wie der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer einst so treffend sagte: „… aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf stolz zu sein, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.“ Genau in diese Kerbe schlägt Rott. Instrumental zurückgefahren, behalten die Lyrics die Oberhand. Zur rechten Zeit unterstreichen ungewohnt melodische Riffs die Aussage: „Für euch werde ich niemals marschieren.“ Kann man der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und trotzdem einen tanzbaren Clubhit schreiben? Danse beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja! Markus Söder liefert ja immer wieder Aussagen, für die er zu Recht auseinandergenommen wird. Fjørt haben ihm mit Danse eine Art „Shitstorm-Hymne“ geschrieben. 22:30 ist wohl der ironischste Song auf Belle Époque. Alle, die sich bei den bisherigen Themen nicht angesprochen fühlten, sollten spätestens jetzt genau hinhören. Die Jungs vertonen den Alltag als ganz normalen Wahnsinn.
Wird’s doch noch „schön“ auf diesem pechschwarzen Album? Mit Abstrichen, denn Yin singt vom Tod, beinhaltet aber diesen unterschwelligen Funken Hoffnung. Dieses Lied löst krasse Gefühlswelten in mir aus. Nacht schließt sich an dieser Stelle nicht ganz so intensiv, aber auch nicht negativ an. So richtig „fühlen“ kann man diese beiden abschließenden Werke erst, wenn man sich die nachfolgende Live-Session zu Gemüte führt. Scheinbar näherkommende Wände, karges Licht und dazu eine intensive Performance, geschickt videografisch inszeniert. Ob das Ganze auch live funktioniert, davon könnt ihr euch noch diesen Monat auf der Bé Fjørt Tour überzeugen.
HIER! geht es für weitere Informationen zu Fjørt – Belle Époque in unserem Time For Metal Release-Kalender.



