Siamese – Dissolution

26.06.2026 - Metalcore/Alternative Metal/Post-Hardcore - Long Branch Records - 35:11 Minuten

Eigentlich müssten Siamese viel größer sein. Die Dänen haben Hymnen zum Mitsingen, heftige Growls und wunderbaren Klargesang von Frontmann Mirza Radonjica, Ohrwürmer ohne Ende und donnernde Breakdowns im Gepäck. Bekannt geworden ist die Band aus Kopenhagen vor allem für ein über den Tellerrand rockendes Core-Fundament, das sie mit extrem eingängigen Melodien, starkem Synth-Einsatz, R&B-beeinflusstem Klargesang und einer Violine (Christian Hjort Lauritzen) garniert. Mit diesem Mix aus Modern Metal(core) und Alternative Metal haben sie sich in den letzten Jahren eine weltweite Fanbase erspielt. Während der elektronisch hochglanzpolierte Vorgänger Elements (2024) auf Effekte setzte, schlägt das neue Album Dissolution eine härtere, wenn auch weiterhin düstere Richtung ein.

Siamese haben ihr aktuelles Werk in einer schwierigen Phase geschrieben, die vom Ausstieg ihres langjährigen Gitarristen und Haupt-Songwriters Andreas Kruger geprägt war, der auch den Vorgänger Elements produzierte. Dieser Verlust zwang die verbliebenen Musiker zu einer kreativen Neuausrichtung.

Die wuchtige Instrumentierung paart harte Riffs und Djent-Anleihen mit sphärischen Gitarren-Texturen und emotionalen Ausbrüchen von Sänger Mirza Radonjica, was an Architects oder auch Northlane (Sinner) erinnert. Die gewohnten Versatzstücke aus Pop und R&B sind erfreulicherweise geblieben. Wenn Siamese die Härte zurückfahren, entfaltet sich ein grooviger, melancholischer Vibe, an dem Fans von Port Noir (Reaper) und Magnolia Park (Dissolution) Gefallen finden könnten. An anderen Stellen dominieren cineastische, düstere Industrial-Klänge und moderne Synth-Passagen im Stile von Bad Omens (Patterns). Noch mehr Namedropping? Auf Sense fühlen sich alte Hasen an Limp Bizkit erinnert. Japp, genau diese Stelle.

Ganz schön viel für ein Album. Vielleicht zu viel. Die Ideen reichen für mehrere Wundertüten und Siamese vermengen weiterhin gekonnt unterschiedlichste Stilrichtungen. Oft ist deren Aufbau jedoch ähnlich und es fehlt das Gefühl des Neuen – weil andere Bands mittlerweile nachgezogen haben und die gigantischen Überraschungen ausbleiben. Und trotz ihrer Ohrwurmigkeit sind es weniger einzelne Songs, die hängenbleiben, das Album verschmilzt eher zu einem einzigen Ganzen.

Textlich stechen der Titeltrack Dissolution – „Giving everything does not guarantee anything. And just like that, Dissolution is not about heartbreak, but much more about acceptance“, so Radonjica – und Reveries heraus. Darin verarbeitet Radonjica seine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung, in der es um Alkoholmissbrauch und häusliche Gewalt geht. Das gibt den nicht allesamt düsteren Lyrics (Friends ist etwa dem Zusammenhalt und den Fans gewidmet) einen authentischen Charakter.

Hier geht es für weitere Informationen zu SiameseDissolution in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Siamese – Dissolution
Fazit zu Dissolution
Siamese liefern mit Dissolution ein eingängiges, zeitgemäßes Album, das konstant an der stilistischen Bandbreite entlangtänzelt. Paradoxerweise krankt das Werk dadurch an der Masse seiner Ideen, da kein Song zunächst heraussticht. Für die einen mag das einer Enttäuschung gleichkommen, andere sehen es als Einladung, wiederholt in das Album einzutauchen. Und an der hohen Qualität des Outputs ändert das ohnehin nichts. Wer den genannten Bands etwas abgewinnen kann und modernen Core mit Pop-Appeal mag, sollte hier definitiv reinhören. Fans der ersten Stunde könnten jedoch die Violine vermissen, die sich kaum bemerkbar macht.

Anspieltipps: Alone, Nevermore und Twisted
Christian D.
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