Hämatom – Maskenball-Live Aus Der Quarantäne-Das Online Konzert am 21.03.2020

Fränkische Maskenmänner rocken aus der Isolation

Event: Maskenball-Live Aus Der Quarantäne-Das Online Konzert

Band: Hämatom

Ort: Facebook, YouTube

Datum: 21.03.2020

Genre: Deutsch Rock, Neue Deutsche Härte

Besucher: vermutlich viele

Veranstalter: Hämatom https://www.facebook.com/haematommusic/

Link: https://www.facebook.com/haematommusic/

Setlist:
01. Anti Alles
02. Scheisse Aber Glücklich
03. Ich Hasse Dich Zu Lieben
04. Mein Leben Meine Regeln
05. Wir Sind Keine Band
06. Kids
07. Mörder
08. Lichterloh
09. Eva
10. I Want It All
11. Wehleidige Monster
12. Engel Lügen Doch
13. Alte Liebe Rostet Nicht
14. Lange Nicht Perfekt
15. Fick Das System
16. Bleib In Der Schule
17. Wir Sind Gott

Irgendwie ist das alles noch unwirklich, eigentlich sollte ich am 27. März für Time For Metal beim Maskenball in der Konzertfabrik Z7 im schweizerischen Pratteln sein, doch auch dieses Konzert musste aufgrund des Coronavirus auf den 18. September verschoben werden. Stattdessen sitze ich nun vor dem Fernseher und gebe mir den Maskenball Live Aus Der Quarantäne, nur bedingt live, aber in diesem Jahr ist eben alles anders. Das Coronavirus hat die Welt fest im Griff und so wurde in den letzten Wochen das öffentliche Leben nach und nach komplett eingefroren und auch alle Konzerte und Festivals mussten abgesagt oder verschoben werden, um das Ansteckungsrisiko einzudämmen. Als Erstes kam der Singer/Songwriter James Blunt Anfang März, nachdem auch sein Konzert abgesagt werden musste, auf die Idee, in der Hamburger Elbphilharmonie ein sogenanntes Geisterkonzert ohne Publikum zu spielen und dieses für seine Fans im Netz zu streamen. Seitdem springen einige Bands auf diesen Zug auf und spielen Onlinekonzerte, so auch die fränkische Neue Deutsche Härte Band Hämatom. Am 18. März gaben die Himmelsrichtungen Nord, Süd, Ost und West via Facebook bekannt, das man am 21. März ab 20:00 Uhr eine ganz spezielle Maskenball Show live aus der Corona-Quarantäne spielen will. Jedoch will man mit der Onlineshow nicht nur den Fans die Langeweile in der Quarantäne versüßen, sondern will zudem auch noch etwas Gutes tun. Gemeinsam mit der Metality Community und Rock Antenne hat die Band ein Spendenkonto angelegt, mit dem man durch die Corona-Krise in Not geratene Kunstschaffende und Veranstaltungstechniker unterstützen will.

Bereits am Samstagnachmittag, sechs Stunden vor der Show, teilt die Band mit, dass bereits über 2.000 € auf das Konto gespendet wurden, Tendenz steigend. Um kurz vor 20:00 Uhr sitze dann auch ich vor dem Fernseher, es sind noch gut zehn Minuten und aktuell läuft noch das Video von Zeit Für Neue Hymnen. Dann meldet sich die Band, offenbar aus einer Umkleide, zu Wort und Frontmann Thorsten „Nord“ Scharf richtet noch ein paar Worte an alle Zuschauer, fordert noch einmal auf, zu Hause zu bleiben, während Schlagwerker Frank „Süd“ Jooss im Hintergrund auf einer Treppe sitzt und auf seinen Knien herumtrommelt. Es sind noch fünf Minuten bis zum Startschuss und so gibt es mit Wir Sind Keine Band noch einen Konzertmitschnitt der Maskenball Tour auf Augen und Ohren. Der Countdown läuft gnadenlos runter und pünktlich um 20:00 Uhr geht es los. Der Einstieg erfolgt mit der Maskenball Nummer Anti Alles, für die man gleich zu Beginn den Text entsprechend abgeändert hat, denn es heißt plötzlich „… Ich scheiße auf Corona, das Virus dieser Welt …“ Die Nummer macht durchaus Spaß mit spanenden Textzeilen und plumper Pseudo-Gesellschaftskritik. Wo die Band sich in Quarantäne befindet, ist in dem Livestream nicht auszumachen, so ist nur das Schlagzeug aufgebaut, um das herum sich die drei anderen Musiker bewegen. Rundherum ist alles mit Plastikplanen abgehängt, während die minimalistische Notbühne mit rotem und blauem Licht dezent ausgeleuchtet ist. Der Sound ist jedoch amtlich und ballert ordentlich aus meinen Wohnzimmerboxen. Die Kameraführung gestaltet sich auf dem engen Raum etwas schwierig und so turnt immer wieder ein Kameramann/Virologe in gelbem Ganzkörperkondom zwischen den Musikern herum. Natürlich, live im Z7 wäre das alles noch um einiges geiler gewesen, aber auch so kommt die Energie der Band gut rüber und lässt einen auf der Couch kaum ruhig sitzen. Doch auch ohne richtiges Livefeeling, das Bier läuft fast genauso gut. Zwischendurch wird immer wieder der Hämatom Schädel mit dem Statement #FCK CRN, #Fuck Corona, eingeblendet. Es folgt Scheisse Aber Glücklich, bevor mit Ich Hasse Dich Zu Lieben eine erste Nummer vom Vorgängeralbum Bestie Der Freiheit gezockt wird. Erst danach meldet sich Nord dann ein erstes Mal zu Wort und begrüßt alle Zuschauer zu Hause in der Quarantäne und weißt auch noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass man da auch bleiben soll. Hier fehlt jetzt natürlich der Applaus der Fans, denn während des Konzertes würde natürlich jedes Wort laut bejubelt. Heute herrscht Stille im Publikum, doch es ist ja auch kein gewöhnliches Konzert, sondern ein Corona-Quarantäne-Gig, den bestimmt so schnell niemand vergisst. Während die Handyfilmer im Konzert sonst ja eher nerven, werden genau diese nun aufgefordert, die Party zu Hause zu filmen und an die Band zu schicken, und natürlich soll auch jeder die Fenster aufreißen und die Nachbarschaft beschallen, getreu dem Motto: Meine Nachbarn hören Hämatom, ob sie wollen oder nicht! Prost! Passend dazu gibt es Mein Leben Meine Regeln auf die Ohren und ich kann mir gut vorstellen, dass nun in manchem Wohnzimmer tierisch die Luzie abgeht. Vielleicht sollte man das Video anschließend noch einmal bearbeiten und die Handyszenen der Fans zu Hause einfügen, käme bestimmt geil. Das anschließende Wir Sind Keine Band schließt sich perfekt an, die Deutschrock-Klischee-Hymne schlechthin, selbst zu Hause gut mitzugrölen und mit rotzig frechem Gemeinschaftsgefühl, bevor es direkt mit der Marteria Nummer Kids weitergeht, dem Hämatom einen richtig derben Drive verpasst haben. Der Text von Kids passt heute natürlich überhaupt nicht, zwar haben die Leute in der Quarantäne Langeweile, aber Bock auf kiffen, saufen, feiern hätten jeder Einzelne ganz bestimmt, aber all das wird nachgeholt, wenn diese ganze Corona-Scheiße vorbei ist und wieder Normalität einkehrt. Die Band präsentiert sich gut und die Kamera macht einen guten Job, soweit das auf dem ziemlich beengten Raum möglich ist. Einzig in den Nahaufnahmen wird es ab und an etwas schwierig und die Kamera braucht einen Moment, bis sie richtig fokussiert, was aber nicht ins Gewicht fällt. Mit Mörder folgt dann der Aussetzer des Abends, denn der antiquierte Neue Deutsche Härte Sound – das sind mittlerweile nicht mehr Hämatom. Die Schlagerballade Lichterloh bietet dann jedoch Kontrastprogramm pur, mit Akustikgitarre und Nords Aufforderung doch zu Hause auch die Feuerzeuge auszupacken. Nords Stimme ist für diesen Song definitiv zu kratzig. Die Bühne ist jetzt komplett in rotes Licht gehüllt und ich rechne eigentlich jeden Moment damit, dass draußen die Feuerwehrsirenen losgehen, doch Denzlingen bleibt wider Erwarten still. Ist auch nicht meins, denn hier erinnert man viel zu sehr an den Grafen von Unheilig, aus dessen Feder der Song sein könnte. Eine Überraschung folgt dann aber noch zum Ende der Nummer – der Frontmann brennt tatsächlich lichterloh, denn an beiden Händen sprühen plötzlich zwei Pyrofontänen los. Kennt man so von den Konzertbühnen, sicherlich, aber hier auf engstem Raum zwischen all den Plastikplanen doch unerwartet. Das wir sind Helden-Schubidu am Ende folgt dann für die Nachbarn, die dem ganzen Spektakel ja unfreiwillig beiwohnen dürfen. Eva vom Stay Kränk Album macht dann aber wieder richtig Spaß und passt auch gut rein, weil, was soll uns Corona schon anhaben können, auf einer Welt, die schon längst untergegangen ist. Auch der Queen Klassiker I Want It All dröhnt mit brettharten Gitarren mächtig geil aus den Boxen, wobei die Originalversion mit Hansi Kürsch um einiges besser kommt, aber jetzt wird definitiv so manche Wohnung weltweit in Grund und Boden gegrölt, denn den richtigen Alkoholpegel sollten die Leute mittlerweile haben und so kommen die Nachbarn auch jetzt wieder voll auf ihre Kosten. Jedoch sind Coverversionen immer eine harte Kunst, mit der man vielen Leute auf die Füße treten kann, so zeigt sich meine Frau als bekennender Queen Fan wenig begeistert und geht währenddessen erst einmal den Biervorrat auffüllen. Klar, die Epik des Originals bleibt hier auf der Strecke, aber `ne coole Rocknummer ist es trotzdem. Danach kommt man dann von einem Virus zum nächsten, denn Wehleidige Monster ist Hämatoms Statement gegen rechte Parolen und Gewalt. Nach so viel rechter Scheiße wird es dann Zeit zum desinfizieren, Prost, und Nord hat verdammt gute Ohren, denn tatsächlich hört er jeden Einzelnen zu Hause schreien. Der Mann kann bestimmt auch nachts nicht schlafen, weil er jede Fliege an der Wand hört. Bei Gitarrist Jacek „Ost“ Zyla machen sich nun nach gut einer Stunde erste Abnutzungserscheinungen bemerkbar aufgrund der Hitze bemerkbar und so wird wieder die Akustikgitarre rausgeholt und bei der „Finger in die Wunde Ballade“ Engel Lügen Doch ist Lichtermeer in der Stadt angesagt. Drummer Süd hat Pause, verdient, denn unter seiner Totenkopfmaske ist es sicher nett warm. Der Song geht unter die Haut, denn hier stimmen Message, Text und vor allem auch der Gesang. Hier kann Nord mal richtig zeigen, was er drauf hat. Die Message heute darf jedoch nicht zu kurz kommen und so folgt immer wieder der Aufruf, doch in nächster Zeit zu Hause zu bleiben und keine Corona-Partys zu feiern. Auch wenn die aktuelle Situation sicherlich niemandem gefällt, so sollte man seinen Humor dennoch nicht verlieren. Bassist Peter „West“ Haag hat ihn sich jedenfalls bewahrt, seinen Humor aber auch seinen Geschäftssinn, denn zwischendurch nimmt er das Hamsterverhalten in den deutschen Supermärkten aufs Korn und bietet Klopapier zum Kauf an, die Rolle zum absoluten Schnäppchen Preis von 2,- €. In Alte Liebe Rostet Nicht wird dann wieder das Gaspedal durchgetreten. Die pianogetriebene Version mit Micha Rhein von In Extremo ist ja ganz nett, aber so richtig Spaß machen Hämatom eben nur ab Tempo 180 aufwärts. Wenns ordentlich rockt, sind Hämatom am besten und originellsten! Lange Nicht Perfekt wartet wieder mit eingängigem Refrain auf und die nötige Härte geht von Süd am Schlagzeug aus. Zeit für das nächste Stay at home-Bier, denn wer braucht schon Champagner, wenn er scheiße schmeckt. Der eingebaute Lautstärkentest geht ein bisschen in die Hose, da West seine Rolle Klopapier wiederentdeckt und demonstriert, wozu das Zeug so alles gut ist und wieso man noch viel mehr davon horten sollte, was von Nord nur mit einem knappen „Verpiss dich … du Infizierter!“ kommentiert wird. Ob das Onlinepublikum wirklich das Beste aller Zeiten ist, kann ich nicht wirklich beurteilen, aber wird schon stimmen. Mit bretternden Gitarren und Schreigesang von Nord folgt das Industrial-lastige Fick Das System mit klaren Statements und `ner Menge Stinkefingern. Warum man in Corona-Zeiten, wo Schulen und Kitas geschlossen sind, Songs wie Bleib In Der Schule ins Programm aufnimmt, das wissen wohl nur die Musiker selbst, denn selbst Nord merkt, dass es nicht passt und der Track heutzutage eher Bleib zu Hause heißen müsste. Vielleicht konnte man auch nicht darauf verzichten, damit West einmal mehr seine Rechenkünste, 1+3=6, unter Beweis stellen kann. Das Klopapier sollte man fast dauerhaft in die Show aufnehmen, denn während Nord mit Wir Sind Gott den letzten Song des Abends ankündigt, widmet sich West erneut seiner Lieblingsrolle und verpackt die Kamera virensicher. In der musikalischen Anklage wird noch einmal ordentlich Gas gegeben und die ganze Wut wird in Rammstein Manier rausgebrüllt. Nach den üblichen Danksagungen kommt dann auch tatsächlich nichts mehr, nur noch einmal mehr der #BleibZuHause. Eins haben die Jungs allerdings noch nicht verstanden, in Zeiten von Corona hält man Abstand und kettet sich nicht mit Klopapier aneinander. Dafür wird der Abgang wie in einen wirklichen Konzertsaal zelebriert, auch wenn die Setlist und ins nicht vorhandene Publikum geworfene Pleks heute keine dankbaren Abnehmer finden. Nach knapp anderthalb Stunden ist Schluss und das erste Hämatom-Quarantäne-Online-Konzert geht viel zu früh zu Ende.

Alles in allem eine ungewohnte Geschichte, wo sich zeigt, dass live eben doch nicht unbedingt live ist, selbst wenn die Band gerade live spielt. Für mich gehört zu einem Konzert eben doch ein feierndes Publikum und das fehlt hier halt. Wenn ich eine DVD der letzten Tour einwerfe, habe ich wesentlich mehr Livefeeling zu Hause, doch auch für die Band war es sichtlich eine ungewohnte Situation, an die wir uns aber vielleicht alle gewöhnen müssen, denn niemand weiß, wie lange sich die Corona-Krise noch hinziehen wird.

Alle, die das Konzert verpasst haben, können hier noch einmal ein Auge und Ohr riskieren:

Lautes Abendmahl: Fr. 07.08. Bremen – Aladin
Very Special Guests: Mr. Hurley & Die Pulveraffen & Erdling

Maskenball Tour – Finale Dates:
Fr. 04.09. Leipzig – Haus Auensee
So 06.09. Berlin – Huxley´s
Do. 10.09. Köln – Carlswerk
Do. 17.09. Stuttgart – LKA
Fr. 18.09. CH-Pratteln – Z7
Sa. 19.09. München – Tonhalle
So. 20.09. Frankfurt – Batschkapp
Fr. 25.09. Memmingen – Kaminwerk
Sa. 26.09. Memmingen – Kaminwerk
Very Special Guests: Megaherz + Serum 114

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