“Die neue Definition von Dunkelheit?“

English version of the conclusion can be found at the end!

Artist: Shining

Album: Redefining Darkness

Spiellänge: 41:04 Minuten

Genre: Depressive Black Metal

Release: 29.10.2012

Label: Spinefarm Records

Link: http://www.shiningasylum.com/

Bandmitglieder:

Gesang, Gitarre, Keyboard – Niklas Kvarforth
Gitarre – Peter Huss
Bass – Christian Larsson

Tracklist:

  1. Du, Mitt Konstverk
  2. The Ghastly Silence
  3. Han Som Hatar Människan
  4. Hail Darkness Hail
  5. Det Stora Gra
  6. For The God Below
Shining_Redefining_Darkness_Cover

Was mussten Shining-Fans in letzter Zeit zittern und leiden: Waren auf dem Vorgängeralbum Född Förlorare schon leicht poppige Elemente zu hören, die zwar passend und bereichernd, aber auch Grund zur Sorge über die Richtung der Entwicklung von Shining zum Anlass sein konnten, war die EP Lots Of Girls Gonna Get Hurt in meinen Augen ein totaler Black Out der Band. Vor allem war das Imperiet-Cover wirklich schmerzhaft. Dann wurde das nächste Album angekündigt: Keine Zahl im Namen, ein sehr schlichtes Cover und als Releasedatum wurde Ende Oktober 2012 angegeben. Fans wissen, was das bei Shining normalerweise bedeutet: Vor 2014 kann man mit nichts rechnen.

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Die Scheibe erfüllt KEINE meiner schlimmsten Befürchtungen, noch nicht mal schlimme oder weniger schlimme Befürchtungen wurden erfüllt. Nein, Shining schaffen es, so erfrischend wie auf Halmstad zu klingen! Wurden die Ressourcen für das Cover und für die Druckkosten für die römischen Zahlen etwa ins Songwriting umgeleitet?

Bevor wir uns den Liedern der CD im Einzelnen widmen und erläutert wird, warum es eine quälende Wartezeit bis zu der Veröffentlichung der Platte wird, erst einmal Grundwissenvermittlung: Gegründet 1996, war Niklas Kvarforth gerade einmal 14 Jahre alt, als er schon Lieder zu Shining beitrug. Er ist das letzte verbleibende Gründungsmitglied – denn ein Merkmal von Shining ist die hohe Mitgliederfluktuation. Kritik gibt es immer wieder gegen das Image, viele Bilder zeigen Kvarforth blutverschmiert, das neuste T-Shirt-Motiv ist eine Anleitung zum Binden eines Strickes. Die einen finden es zu plakativ, andere zu krank, an kaum einer Persönlichkeit im Metal scheiden sich die Geister so stark wie an Kvarforth. Unbestreitbar ist allerdings, dass er ein grandioser Musiker ist. Sein Gesang ist unverkennbar und wurde von Scheibe zu Scheibe immer stärker. Das vierte Album, IV – The Eerie Cold, stellt in der Bandgeschichte einen Stilbruch dar, zum ersten Mal tauchten Einflüsse aus anderen Genres, wie z.B. Jazz, auf. Der Nachfolger, V – Halmstad, wird unter Fans als das stärkste Shining-Album gehandelt.

Die Jahre zogen ins Land, mittlerweile ist man beim achten Album angelangt. Den Auftakt der neu definierten Dunkelheit macht Du, Mitt Konstverk (du, mein Kunstwerk), welches zu meiner Überraschung mit einem Blastbeat loslegt. 1:39 Minuten Geknüppel begleitet von Keyboard, Gitarre und Bass, stellen die Einleitung der Scheibe dar, bevor es im selben Lied mit einem neuen Sinnabschnitt und Gesang erst richtig losgeht. Mit einer wohl dosierten Schwerfälligkeit und zwei gesangsunterbrechenden Instrumentalparts, die sich vor allem durch von einer Sologitarre gespielten Melodien auszeichnet und ca. bei der Hälfte des Liedes erst in einem Solo und direkt danach in einem der berühmten Akustikparts mündet, legt Shining direkt richtig los. Im besagten Part wird in klarer Stimme gesungen, leider auf Schwedisch, sodass ich nichts verstehe, allerdings geht diese knapp zweieinhalb Minuten andauernde Stelle mehr ins Ohr als die ruhigen Stellen der letzten zwei Alben zusammen. Abgerundet wird das Lied durch ein Wiederaufnehmen an Geschwindigkeit und Härte, bevor es nach einer knappen Minute zum nächsten Lied geht.

Dieses nennt sich The Ghastly Silence und erfüllt mir einen persönlichen Wunsch: Es ist fast durchgängig im ruhigen Stil gehalten. Nach einer Minute akustischem Intro folgen gerade mal 34 Sekunden elektronisch verzerrte Musik mit Kvarforths markanter Stimme, bevor das Thema vom Anfang wieder aufgegriffen und durch ein Saxophon (!) massiv aufgewertet wird. Wahnsinn, ich bin schon gespannt, ob das Lied live gespielt wird und wie man dieses Lied umsetzt. Bei Lat Oss Ta Allt Fran Varandra (Lass uns alles voneinander nehmen) vom fünften Album verfolgte man unterschiedliche Ansätze: Mal wurde das Keyboard auf der Gitarre nachgespielt, mal kam das Keyboard samt Soundsample vom Band. Zurück zum Lied: Nachdem das Saxophon verstummt, wird das Lied extrem ruhig, der Bass steht im Fokus, es wird, mit einem starken Hall versehen, geflüstert, bevor erneut mit klarer Stimme gesungen wird, begleitet von verzerrten, aber weitestgehend in den Hintergrund gestellten Gitarren. Was bei der schon erwähnten EP nicht immer funktionierte, stellt hier eine der stärksten Stellen von Redefining Darkness dar. Dieser Wechsel von geflüstertem Gesang und von Bassgitarren dominierten und refrainartigen Passagen mit Klargesang machen das Lied zu dem besten, was Shining je gemacht haben. Abgeschlossen wird das Lied übrigens durch einen weiteren Saxophonpart, bevor es wesentlich ruppiger mit dem dritten Lied weitergeht.

Denn Han Som Hatar Människan (der, der Menschen hasst) geht wieder direkt in die Vollen und lässt nach einer knappen Minute ein kreischendes Solo los, das es in sich hat. Der Gitarrenriff, der den Gesang begleitet, ist eher simpel gestrickt, überliefert aber die typische Atmosphäre, die seit nunmehr vier Alben vorherrscht. Shining bleiben also ihrer Linie weiter treu und es zeichnet sich schon an dieser Stelle ab, dass die Verantwortlichen sich Gedanken darüber gemacht haben, wie man einerseits ein gutes Album zusammenstellen kann, anderseits aber auch Material schreibt, das live mehr als nur eine Ergänzung ist. In diesem Lied packt die Band nämlich ihr gesamtes Potential auf dem Tisch: Soli, Knüppelparts im Stil der ersten Alben oder auch Ruhe. Hier werden keine Experimente gemacht, sondern einfach und effektiv die Muskeln gespielt.

Weiter geht’s mit Hail Darkness Hail, welches in den ersten Sekunden den Eindruck macht, ein Füller zu sein: Alles hat man schon mal gehört, auch auf dieser Platte. Dieser Eindruck jedoch ist eine gut platzierte Finte, denn schon nach einer Minute folgt massiv halliger, verhältnismäßig hoher und klarer Gesang, bevor es zum Anfangsriff zurückgeht. Es folgen erneut Akustikgitarren, begleitet von einem Sonargeräusch. Hier wird ein Spannungsbogen aufgebaut, denn jetzt entscheidet sich, ob das Lied als Füller oder als weitere intelligente Darbietung der kompositorischen Fähigkeiten der Schreiber durchgeht. Bei knapp fünf Minuten und einem Soundsample später weiß man, dass Zweiteres der Fall ist: Die Klangstruktur habe ich in dieser Art bei Shining noch nie gehört, hier werden wieder verschiedenste Stile unglaublich wirksam gemischt. Das kurze Akustikgitarrensolo ist definitiv an Mariachi, also mexikanischer Volksmusik, angelehnt. Wer Angst hat, dass die Mexikaner ähnlich stumpfen Mist wie wir als „ihre“ Volksmusik bezeichnen, kann an dieser Stelle beruhigt werden: Ich liebe die Mexikaner für zwei Dinge: Tacos und Mariachi! Kombiniert mit erneutem Klargesang sind die zwei Minuten die intensivsten Minuten der Platte.

Wie bei Shining üblich, bildet das fünfte Lied ein kurzes Interludium. Auf den Vorgängern ging es mal darum, wie es wäre, wenn man immer jünger werden würde (The Eerie Cold), wie die Mondschein-Sonate von Beethoven in Kombination mit Dazwischengehuste klingt (Attiosextusenfyrahundra), wie melancholisch Gitarren klingen können (Krossade Drömmar Och Brutna Löften) oder wie man Fans auf die Palme bringt (gab es auch nur EINEN Menschen auf der Welt, der das Landberk-Cover I Nattens Timma mochte? Ich glaube nicht.) Das großartige Grau (Det Stora Gra) reiht sich da nahtlos in seine Vorgänger ein, bietet ein wirklich schönes Klavierstück, von dem ich hoffe, dass es diesmal selber geschrieben ist, kann es aber nicht mit Sicherheit sagen. Jedenfalls fügt es sich perfekt in die Atmosphäre und den Aufbau des Albums ein und liefert mit seinem klassischen Schwerpunkt eine weitere Facette.

Was folgt nun? Ein schneller Blastbeat als Kontrast? Nein, For The God Below fängt so leise wie das Zwischenspiel an, allerdings wurde das Keyboard gegen eine Gitarre ausgetauscht, die etwas später auch von dem Schlagzeug begleitet wird, bevor die Gruppe sich wieder aufbäumt und mit Disharmonien, Stromgitarren und Geschreie aufwartet. Die wiedergefundene Härte währt aber nicht lang, denn die leise Gitarre vom Anfang kehrt zurück, es wird wieder klar gesungen. Wie in einem Duett mit sich selber schwenkt der Schwerpunkt wieder schnell zurück und das Tempo nimmt erneut zu, um in einem langen Solo zu münden. Als ob eine Art Gleichgewicht wiederhergestellt werden muss, wird der nächste Akustik-Clean-Part umso länger und bedächtig leise, bevor der Ausklang des Liedes und somit auch des Albums ansetzt: So als ob das Gleichgewicht gefunden wurde, fließen die bisher gespielten Parts zusammen und lassen das Album ausklingen.

Shining - Redefining Darkness
Fazit: Und endlich ist das Verlangen nach mehr wieder da: Ich bin von Redefining Darkness so angetan wie von V – Halmstad vor fünf Jahren. Obwohl das Album eine stattliche Spielzeit von etwas mehr als 40 Minuten hat, kommt es mir jedes Mal so vor, als sei die CD schon nach zehn Minuten zu Ende. Es wirkt alles wie aus einem Guss. Alte, bewährte Ideen treffen auf neue, experimentelle Passagen und fließen meistens zusammen in ein neues, so noch nie gehörtes Klangbild. Dazu tragen sicherlich auch die Gastmusiker bei, die wieder einmal so in die Lieder eingebettet wurden, dass auf der einen Seite die Lieder an Dynamik zulegen, auf der anderen Seite aber die Lieder bei Liveauftritten notfalls ohne sie gespielt werden könnten. Nach dem Ausklang von For The Gods Below ärgere ich mich auch nach wiederholtem Hören, dass kein siebtes, achtes, neuntes Lied folgt, sondern nur die Hoffnung bleibt, dass Album Nummer Neun in die gleiche Kerbe schlägt wie Redefining Darkness. Denn mit dieser Platte hat die Gruppe um Frontmann Kvarforth ihren hoffentlich nur vorläufigen, kreativen Höhepunkt erreicht. Wer sich jetzt immer noch an dem streitbaren Image der Band aufhängt und deshalb die Musik boykottiert, verpasst eben das potentielle Album des Jahres 2012. Selbst schuld. Conclusion: Finally, the desire for more has returned: Redefining Darkness impresses me as much as V- Halmstad did five years ago. Although the album comes along with a more-than-enough play time of more than forty minutes, to me it feels like Redefining Darkness ends after ten minutes. Everything fits together. Old, approved ideas are used just as new, experimental passages, usually flowing together to create a new, never before heard sound pattern. Every time For The Gods Below ends, I’m kind of upset about the fact there isn't following a song number seven, eight or even nine in the same optimum way as the rest of Redefining Darkness. With this album, Shining have reached their hopefully just preliminary creative peak. Anybody who still wants to boycott Shining because of their image will probably miss a great candidate for the album of the year 2012. Too bad! Anspieltipp: Du, Mitt Konstverk , The Ghastly Silence und Hail Darkness Hail
Gordon E.10
10Gesamtwertung

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