Bands: Timo Wuerz, Disreality, Andi The Wicked, Torments Of Soul, Desaster, Motorjesus, Milking The Goatmachine, The Night Eternal, Hammer King, Insanity Alert, Sic Zone; Ratrotten, Grufflo, Plagueborne, DJ Benne
Ort: Kulturhalle Ochtendung, Langenbergstraße, 56299 Ochtendung
Datum: 01.05. – 02.05.2022
Kosten: Kombi-Ticket Festival & Camping: 91,65 €, Weekendticket (ohne Camping): 69,95 €, Tagesticket (Freitag): 37,50 €, Tagesticket (Samstag): 37,50 €
Genre: Black Metal, Heavy Metal, Thrash Metal, Death Metal, Groove Metal, Power Metal, Alternative Metal, Hard Rock, Speed Metal
Veranstalter: A Chance For Metal (www.acfmf.de)
Link: https://www.facebook.com/events/1532958367661929
Der zweite Festivaltag in Ochtendung beginnt mit einer Mischung aus leichter Erschöpfung in den Gesichtern und genau der richtigen Portion Vorfreude. Der Biergarten öffnet bereits um 11:00 Uhr. Einlass in die Halle ist um 14:00 Uhr. Wir selbst schaffen es allerdings erst pünktlich zum Beginn des Openers Grufflo um 15:00 Uhr auf das Gelände bzw. in die Halle.

In der Halle ist es zu diesem Zeitpunkt noch recht übersichtlich – viele Metal-Freaks scheinen ihren Rausch vom Vortag noch auszuschlafen. Draußen hingegen lebt das Festivalgelände bereits: Zwischen den Zelten wird geplaudert, gelacht und das eine oder andere Kaltgetränk nachgelegt. Zwischendurch zieht es mich immer wieder auf die Campingflächen, um Freunde und Bekannte zu treffen, bevor es zurück vor die Bühne geht.
Die kurzfristigen Umbesetzungen sind längst akzeptiert – im Gegenteil: Viele sind gespannt, wie sich die Ersatzbesetzungen schlagen, nachdem Hiraes und Tailgunner leider absagen mussten. Mit The Night Eternal und Milking The Goat Machine springen zwei Bands ein, die den Tag entscheidend prägen werden.
Grufflo (technisch, intensiv, überraschend stark)
Grufflo eröffnen den zweiten Tag und setzen direkt ein erstes Ausrufezeichen. Die Band aus Bonn hat sich 2022 gegründet und bereits ein Jahr später mit der EP Tree Of Life gezeigt, wohin die Reise geht: kompromisslos, technisch und mit einer klaren eigenen Handschrift.
Verantwortlich für diesen Sound sind Roman Anti (Vocals, Gitarre), Jenz Lenz (Leadgitarre, Backing Vocals), Carl Beatle (Bass, Backing Vocals) und Richie (Drums), alles „Jungspunde“ zwischen 18 und 20 Jahren. Gemeinsam erschaffen sie eine dichte Klangwand, die technische Präzision mit ungebändigter Energie verbindet und sich deutlich vom üblichen Genrestandard abhebt. Schon der Bandname sorgt zunächst für leichte Irritationen in Richtung „Der Grüffelo“-Kinderbuch-Flashbacks – musikalisch hat das Ganze jedoch ungefähr so viel mit Gute-Nacht-Geschichten zu tun wie ein Abrisskommando mit einem Streichelzoo. Zwischen Raserei und Raffinesse entwickelt sich ein Sound, der sofort klarstellt, dass hier keine Kompromisse gemacht werden. Rasante Riffs, präzise Breaks und ein wuchtiger Gesamtsound dominieren das Bild. Grufflo verbinden die rohe Direktheit klassischen Thrash Metals mit Einflüssen aus Black- und Death-Metal, ohne dabei in reine Aggression abzudriften.

Besonders auffällig ist die markante, raue Stimme von Roman Anti, die den Songs eine unverwechselbare Kante verleiht. Die Band wirkt extrem fokussiert, bewegt sich ständig zwischen technischer Versiertheit und kontrollierter Eskalation und legt einen regelrechten Abriss hin.
Ratrotten (räudig, schnell, kompromisslos)
Ratrotten kippen die Stimmung direkt weiter in Richtung roher Aggression. Räudiges Gitarrenshredding trifft auf ein schepperndes Schlagzeuggewitter, kreischende Soli lassen gefühlt die Gesichter im Publikum schmelzen, während der Gesang grenzwertige Lyrics über Chaos, Krieg und Blasphemie ins Mikro schleudert.
Fans von Sodom, Slayer und Destruction kommen hier hörbar voll auf ihre Kosten. Blackened Thrash Metal mit deutlicher punkiger Attitüde bestimmt das Bild – roh, direkt und ohne jegliche Glättung. Die Band wurde 2023 in Uettingen/Thüngersheim in Bayern gegründet und legt im letzten Jahr mit der EP First Blood ihr erstes musikalisches Lebenszeichen vor.

Besetzungstechnisch ist das Ganze klar aufgestellt: Ivo an den Drums, Snake und Mario an den Gitarren sowie Izzy an Vocals und Bass. Besonders Izzy sticht sofort ins Auge – nicht nur durch seine markante Statur und auffälligen Tattoos, sondern auch durch seine Bühnenpräsenz. Als Mikroständer dient ihm kurzerhand ein Gewehr, was die kompromisslose Ästhetik der Band noch einmal unterstreicht. Was hier passiert, ist kein aufpolierter Auftritt, sondern ein bewusst rau gehaltener Abriss. Die Band legt von der ersten Minute an los, ohne Luft zu holen, und hält das Energielevel konstant hoch. Vor der Bühne entsteht sofort Bewegung, die Intensität zieht spürbar an.
Sic Zone (industriell, schwer, fordernd)
Sic Zone sind die Kölner Undergroundgröße, die sich nur schwer in eine klassische Schublade pressen lässt. Bereits 2013 erscheint ihr Debütalbum Bear The Consequences im Gründungsjahr. Es folgen Re Evil Lotion (2016), die EP Cold Eyes (2017) und A-Rise (2019).
Nach dieser Phase wird es ruhiger um die Band. Zwischenzeitlich sorgte die Pandemie auch hier für eine Zäsur, und die Umbesetzungen treffen Sic Zone deutlich. Mastermind PY stellt 2021 die Band einmal komplett neu auf. Erst 2024 folgt mit Re: Think das nächste Studioalbum – gleichzeitig ein Neustart in neuer Besetzung und ein klarer künstlerischer Richtungswechsel.
„Schon 15 Minuten Sic Zone am Tag helfen gegen schädliche Einflüsse von außen“, so ein augenzwinkernder Kommentar von PY. Bei knapp über einer Stunde Spielzeit könnte man also theoretisch bestens „versorgt“ sein – praktisch fühlt sich das Ganze eher wie ein kontrollierter Ausnahmezustand an. Der Zugang ist klar: nicht einfach konsumieren, sondern eintauchen. Ein Strudel aus Industrial-, Thrash- und Groove-Metal zieht das Publikum hinein, mal mechanisch kühl, mal eruptiv aggressiv. Der Sound bleibt dabei durchgehend fordernd und lässt wenig Raum für klassische Wohlfühlmomente – genau das ist aber auch der Reiz.

Besonders die Kombination aus klassischen Metal-Elementen und industriellen Klangflächen sorgt für eine dichte, fast beklemmende Atmosphäre, die sich deutlich vom restlichen Tagesprogramm abhebt. Für den Extrem-Metal-Freund liefern Sic Zone genau das, was angekündigt wurde: ein intensives, schweres und bewusst überforderndes Hörerlebnis zwischen Industrial, Thrash und Groove Metal – und damit einen der eigenständigsten Momente des Tages.
Insanity Alert (chaotisch, schnell, absolute Eskalation)
Insanity Alert treiben seit 2011 ihr Unwesen im Crossover-Thrash-Kosmos – und genau das merkt man ihnen auch heute noch an. Das letzte Album 666-Pack stammt zwar bereits aus dem Jahr 2019, und auch hier scheint die Pandemie ihre Spuren hinterlassen zu haben, doch ganz still wird es um die Band nie.
2024 melden sie sich mit der EP Moshemian Thrashody zurück – vier Tracks, knapp 12 Minuten Spielzeit, vollgepackt mit Coverversionen, die in typischer Insanity Alert-Manier komplett durch den eigenen Wahnsinn gedreht werden. Umso größer ist die Freude, als genau dieser Stoff heute auch live seinen Weg nach Ochtendung findet. Spätestens bei Moshemian Thrashody (mit deutlicher Referenz an Queen) und dem obligatorischen Run To The Pit gibt es kein Halten mehr.

Die Halle kippt nun endgültig in totale Party-Eskalation. Die Band verwandelt das Gelände in ein einziges Chaos aus Bewegung, Humor und Geschwindigkeit. Songs werden ohne Atempause runtergeprügelt, Ansagen sind komplett überdreht, und die Crowd geht sofort mit. Circle Pits entstehen gefühlt aus dem Nichts, die Menge wirbelt durcheinander und die Stimmung explodiert regelrecht. Ein besonderes Detail: Immer wieder werden Schrifttafeln vom Frontmann Heavy Kevy in die Höhe gehalten, sodass die Crowd quasi im Pact With Satan mitsingen kann – ein Prinzip, das hier hervorragend funktioniert und die ohnehin schon aufgeheizte Stimmung noch weiter nach oben treibt. Nach Gebrauch landen diese Tafeln dann im hohen Bogen im Publikum und entwickeln sich dort sofort zu begehrten Sammelobjekten. Gerade bei All Mosh / No Brain wird deutlich, worum es hier geht: abschalten, durchdrehen und einfach Teil dieses kollektiven Wahnsinns sein. Hier herrscht nun kontrolliertes Chaos auf höchstem Energielevel.
Heavy Kevy wirkt dabei mit seinem österreichischen Dialekt unheimlich sympathisch und hat das Publikum komplett im Griff. Die Kommunikation funktioniert auf Anhieb, die Ansagen zünden, und die Interaktion hebt das Ganze noch einmal auf ein anderes Level.
Hammer King (spaßig, episch, königlich überzogen)
Es folgen Hammer King aus Kaiserslautern, die mit ihrem Heavy-/Power-Metal für eine ganz eigene Stimmung sorgen. Der Auftritt wirkt fast schon wie ein kleines Schauspiel: geschminkt, in einheitlichen Outfits und mit klarer Rollenverteilung auf der Bühne.

Vor der Bühne hat sich längst ihre eigene Fangemeinde versammelt, die „Hammer Heroes“, die jeden Refrain begeistert mitsingen und voll in dieses königliche Konzept eintauchen. Die Texte sind bewusst einfach gehalten, fast schon hymnisch, und genau das macht sie so eingängig. Die Songs erzählen kleine Geschichten – meist von Königen, Macht und natürlich dem allgegenwärtigen Hammer. Ein Blick auf die Songtitel reicht schon aus: I Am The King, I Am The Hammer King, The Hammer Is King oder We Are The Hammer lassen wenig Interpretationsspielraum. Ob die Musik wirklich „der Hammer“ ist, muss jeder für sich selbst entscheiden – fest steht: Es ist Gute-Laune-Metal, der genau dafür gemacht ist, live zu funktionieren.
Milking The Goat Machine (absurd, außerirdisch ziegisch, komplett durchgeknallt)
Milking The Goat Machine kommen jetzt. Ich treffe die Ziegen bereits vorher am Merchstand. Schließlich steht noch eine wichtige ziegische Mission an: Vinyl signieren lassen. Dabei erfahre ich schon, dass die Ziegen heute scheinbar nur zu dritt unterwegs sind. Goatfreed Udder weilt angeblich in den Niederlanden und hat dort wohl etwas zu tief ins „Gras“ geschaut. Sein Bruder Goatleeb Udder hat das Schlagzeug ja schon vor einiger Zeit verlassen und steht mittlerweile als Front-Ziege im Mittelpunkt des Geschehens.
Unterstützt wird er von den Live-Ziegen Steve Shedaway am Bass und Lazarus Hoove an der Gitarre. Wobei – ganz korrekt ist „zu dritt“ dann doch nicht: Am Schlagzeug sitzt tatsächlich Torso Thorsten. Der blökt, wirkt leicht zickig und hält stoisch die Stellung. Zur Aufklärung: Torso Thorsten ist ein Ziegen-Dummy, während die Drum-Parts vom Band kommen – was dem Ganzen aber keinerlei Abbruch tut, sondern eher perfekt ins völlig durchgeknallte Gesamtbild passt.

Seit ihrem ersten Erscheinen 2009 mit Back From The Goats treiben die Ziegen ihr Unwesen. Angeblich vom Planeten Goat E Borg stammend, haben sie mit ihrem eigenen Stil – dem sogenannten Goatgrind – eine ganz eigene Nische geschaffen. Eine wilde Mischung aus Death und Grind, irgendwo zwischen brutal, absurd und einfach nur unterhaltsam. Und genau das passiert auch heute: Der Stall – oder besser gesagt die Halle – bebt. Milking The Goat Machine liefern außer- beziehungsweise überirdischen Death und Grind in seiner eigenwilligsten Form. Wer die Band kennt, weiß, was kommt – und wird trotzdem jedes Mal wieder aufs Neue überrascht.
Milk Me Up (Before You Go Go) heißt es nun und auch Ding Dong (Motherföcker), und spätestens jetzt ist endgültig klar: Hier gibt es kein Halten mehr. Die Ziegen feuern eine ganze Reihe ihrer Songs ins Publikum, das nun Covered In Milk ist und dankbar jeden noch so absurden Moment aufsaugt. Das ist nicht einfach nur ein Auftritt – das ist Stallzeit in Ochtendung. Komplett drüber, völlig losgelöst und genau deshalb einfach fantastisch. Diese Ziegen wirken, als kämen sie wirklich von einem anderen Planeten.
The Night Eternal (atmosphärisch, stark, mehr als nur Ersatz)
Als kurzfristiger Ersatz für Tailgunner betreten The Night Eternal die Bühne und liefern ein überraschend starkes, atmosphärisch dichtes Finale des zweiten Tages.
Der Sound ist dunkel, melodisch und zugleich druckvoll. Die Band baut geschickt Spannungsbögen auf, arbeitet mit Atmosphäre und emotionaler Tiefe und zieht das Publikum noch einmal komplett hinein, bevor der Tag endet.
Was zunächst „nur“ als Ersatz angekündigt war, entwickelt sich schnell zu deutlich mehr. Man hat fast den Eindruck, dass einige Besucher gar nicht so unglücklich darüber sind, dass Tailgunner heute nicht spielen können.

Gegründet wurden The Night Eternal Ende 2018 in Essen. Im Mittelpunkt auf der Bühne steht vor allem Frontmann und Sänger Ricardo Baum, dessen markante Stimme und Bühnenpräsenz das Gesamtbild prägen. Ich kenne ihn persönlich noch gut von seinen Auftritten als Bassist bei Imha Tarikat – zuletzt im Januar dieses Jahres im Club Volta in Köln.
Umso überraschender ist es heute, dass mit Kerem Yilmaz, dem Frontmann von Imha Tarikat, eine weitere bekannte Größe auf der Bühne steht – diesmal allerdings er am Bass. Diese personellen Überschneidungen verleihen dem Auftritt eine zusätzliche interessante Note. Prägnante Hooks, starke Melodien und vor allem die eindringliche Stimme von Ricardo Baum sorgen dafür, dass sich die Songs deutlich von der Masse abheben und nachhaltig wirken. Was hier am Ende des Tages passiert, ist mehr als nur ein solider Abschluss – es ist ein würdiger, intensiver Ausklang, der dem zweiten Festivaltag noch einmal eine ganz eigene Tiefe verleiht.
Fazit Tag 2
Der zweite Tag zeigt sich in starken Kontrasten. Von Punk- und Thrash-Energie über epischen Heavy Metal bis hin zu extremen und absurden Ausreißern ist alles vertreten. Die kurzfristigen Bandwechsel fallen dabei kaum ins Gewicht – im Gegenteil: Die Ersatzbands fügen sich überraschend stark ein und geben dem Tag zusätzliche Dynamik. Ochtendung bleibt auch am zweiten Tag genau das, was es sein will: unberechenbar, laut und verdammt lebendig.
Gleichzeitig markiert dieses Wochenende aber auch einen besonderen Einschnitt: Veranstalter Jan zieht sich nach 20 Jahren A Chance For Metal Festival offiziell aus der aktiven Rolle zurück und übergibt das Zepter der Organisationsleitung an Marvin. Ein Schritt, der mit viel Respekt und sicherlich auch einer gewissen Emotionalität verbunden ist – schließlich trägt das Festival seit zwei Jahrzehnten ganz klar seine Handschrift.
Ein großer Dank gilt an dieser Stelle ihm und auch der beeindruckenden Anzahl an ehrenamtlichen Helfern, ohne die ein Festival in dieser Form überhaupt nicht möglich wäre. Was hier jedes Jahr auf die Beine gestellt wird, ist alles andere als selbstverständlich. Wir sind gespannt, wie es weitergeht – und vor allem: was uns nächstes Jahr wieder in Ochtendung erwartet. 🤘



















































