Necrotted, We Are The Gods That Tear Ourselves Apart

Necrotted – We Are The Gods That Tear Ourselves Apart

24.04.2026 - Death Metal, Death Core - Reaper Entertainment - 30:56 Minuten

Der deutsche Underground bringt seit Jahrzehnten immer wieder Bands hervor, die weit mehr sind als nur lokale Geheimtipps. Manche verschwinden nach ein paar Releases wieder in der Bedeutungslosigkeit, andere graben sich Stück für Stück tiefer in die Szene hinein. Es geht nicht mit Hype, sondern mit harter Arbeit, Touren, Schweiß und konstantem Output. Necrotted gehören inzwischen genau zu dieser zweiten Kategorie. Die Band aus Abtsgmünd hat sich in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten vom brutalen Death-Metal-Geheimtipp zu einer festen Größe im modernen europäischen Extrem-Metal entwickelt, angesiedelt irgendwo zwischen Death Metal, Deathcore, Slam und inzwischen auch deutlich hörbaren Black-Metal-Einflüssen.

Schon auf frühen Veröffentlichungen wie Anchors Apart oder später Operation: Mental Castration war klar, dass Necrotted nie einfach nur stumpf auf Breakdown-Autopilot laufen wollten. Die Band hat ihren Sound permanent weiterentwickelt, ohne sich komplett neu zu erfinden. Gerade Imperium deutete bereits an, wohin die Reise gehen würde: weg vom reinen Slam-Geballer, hin zu einem deutlich atmosphärischeren, aggressiveren und gleichzeitig strukturierteren Soundbild. Genau dort setzt We Are The Gods That Tear Ourselves Apart an und baut diese Entwicklung konsequent aus.

Schwarzer Stahl und kontrollierte Eskalation

Schon das kurze Intro Apotheosis erzeugt eine unangenehme Spannung, bevor Zeitenschlächter die Tür endgültig eintritt. Flirrende, fast schwarzmetallische Gitarren eröffnen den Song, ehe Blastbeats, Doublebass-Gewitter und diese massive Produktion alles niederwalzen. Was sofort auffällt: Trotz der enormen Wucht wirkt hier nichts überkomprimiert oder künstlich zugeschüttet. Gerade das schafft eine Intensität, die viele moderne Produktionen verlieren. Dabei ist interessant, wie sehr Necrotted mittlerweile mit Dynamik arbeiten. Früher wurden manche Songs fast ausschließlich von Beatdowns zusammengehalten. Heute entstehen Spannung und Härte viel stärker durch Songwriting und Atmosphäre. Genau deshalb funktioniert Zeitenschlächter so gut: Der Song rast nicht einfach blind nach vorne, sondern entwickelt einen richtigen Sog.

Zwischen Slam, Black Metal und völliger Eskalation

Mit Origin Of Human Sins wird schnell klar, dass die Band keinerlei Angst davor hat, verschiedene Extreme ineinanderzuwerfen. Blastbeats kippen plötzlich in schleppende Slam-Passagen, nur um Sekunden später wieder in chaotische Raserei umzuschlagen. Trotzdem wirkt das Album erstaunlich geschlossen. Viele Bands verlieren sich bei solchen Stilwechseln komplett,  Necrotted dagegen halten alles zusammen. Besonders stark gelingt das auf Deus Ex, bei dem Sven De Caluwé von Sven de Caluwé und Aborted als Gast auftauchen. Der Song wirkt wie ein direkter Schlag in die Magengrube: ultraschnelle Passagen, zerstörerische Midtempo-Grooves und Hooks, die trotz der Brutalität hängen bleiben. Genau hier merkt man, wie sehr sich Necrotted inzwischen an internationale Größen herangearbeitet haben.

Gewalt mit Struktur

Was dieses Album stärker macht als viele aktuelle Deathcore-Produktionen, ist die Tatsache, dass die Songs tatsächlich erinnerbar bleiben. Gerade Circus Sapiens oder The Best And The Worst Of Times besitzen Melodien und rhythmische Wendungen, die sich festsetzen, ohne dabei ihre Härte zu verlieren. Teilweise blitzen fast melodische Death-Metal-Elemente durch, bevor wieder alles in chaotischer Gewalt versinkt. Dabei hilft enorm, dass die Band mittlerweile viel gezielter mit Geschwindigkeit umgeht. Früher wurde manches einfach nur maximal brutal gespielt, doch hier wirken für mich selbst die extremen Passagen kontrolliert und bewusst gesetzt. Die Blastbeats dienen nicht mehr nur der Eskalation, sondern tatsächlich der Dramaturgie.

Druck, Dreck und völliger Kontrollverlust

Mit Radiant Ransom und Fat God zieht das Album die Schrauben weiter an. Gerade letzterer Song lebt von diesen schwerfälligen, fast walzenden Riffs, die sich unangenehm tief ins Gehirn drücken. Immer wieder tauchen Breaks auf, bevor die Band erneut explodiert. Diese Mischung aus Groove und Gewalt funktioniert erstaunlich gut. Holy Shit Talker liefert dann endgültig völligen Abriss. Der Gastauftritt von Maty von Gutalax sorgt für zusätzlichen Wahnsinn, ohne dass der Song zur bloßen Spaßnummer verkommt. Goregrind-Squeals, Slam-Gewitter und brutale Deathcore-Passagen eskalieren hier komplett und trotzdem bleibt der Song Teil des Albums, statt wie ein Fremdkörper zu wirken.

Ein Finale mit maximalem Druck

Zum Abschluss fährt Gottgeburt noch einmal alles auf, was dieses Album stark macht. Brutale Geschwindigkeit trifft auf melodische Fragmente, massive Midtempo-Wände auf beinahe blackmetallische Atmosphäre. Gerade hier merkt man, dass Necrotted inzwischen deutlich mehr sind als nur eine extrem brutale, beliebige Deathcore-Band. Die Songs wirken größer, reifer und wesentlich eigenständiger und melodischer als noch vor einigen Jahren.

Natürlich hat We Are The Gods That Tear Ourselves Apart auch kleinere Schwächen. Manche Passagen verlieren sich für den einen oder die andere etwas zu sehr im Dauerfeuer. Einige Songs hätten möglicherweise noch stärker gewirkt, wenn die Band hier und da etwas mehr Luft gelassen hätte. Trotzdem überwiegt klar der Eindruck, dass Necrotted ihren Stil gefunden haben.

Und genau das macht für mich dieses Album so stark: Es klingt nicht nach Trendanpassung, sondern nach einer Band, die verstanden hat, wie sie all diese extremen Einflüsse zu etwas Eigenem formen kann. Zwischen Blackened Death Metal, Deathcore, Slam und modernen Extrem-Metal-Strukturen erschaffen Necrotted ein Album, das brutal, aggressiv und technisch stark ist, aber eben auch eine gewisse Tiefe, Atmosphäre und Wiedererkennungswert besitzt. Der deutsche Underground bringt immer wieder Perlen hervor. Manche funkeln kurz. Andere brennen sich dauerhaft ein. Necrotted gehören längst zur zweiten Sorte.

Hier geht es für weitere Informationen zu NecrottedWe Are The Gods That Tear Ourselves Apart in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Necrotted, We Are The Gods That Tear Ourselves Apart
Necrotted – We Are The Gods That Tear Ourselves Apart
Fazit zu We Are The Gods That Tear Ourselves Apart
We Are The Gods That Tear Ourselves Apart ist kein perfektes Album und sicherlich nicht die komplette Neuerfindung des modernen Death Metal. Aber es ist ein enorm kraftvolles, wütendes und erstaunlich durchdachtes Werk einer Band, die ihren Sound mittlerweile beeindruckend sicher beherrscht. Die Mischung aus Blackened Death Metal, Deathcore, Slam und melodischen Elementen wirkt diesmal deutlich fokussierter und erwachsener als auf manchem Vorgänger.

Vor allem die starke Produktion, die vielen erinnerbaren Hooks und die intensive Atmosphäre heben das Album klar über viele aktuelle Genre-Veröffentlichungen hinaus. Einige kleinere Längen verhindern zwar die absolute Spitzenwertung, ändern aber nichts daran, dass Necrotted hier eines ihrer stärksten und geschlossensten Werke abliefern.

Anspieltipps: Zeitenschlächter, Deus Ex und Gottgeburt
Dave S.
8.2
Leserbewertung0 Bewertungen
0
8.2
Punkte