Six Feet Under – Next To Die

24.04.2026 – Death Metal, Groove Metal, Death 'n' Roll – Metal Blade Records – 45:56 Minuten

Kaum eine Band polarisiert innerhalb der Death-Metal-Szene so sehr wie Six Feet Under. Für die einen sind sie seit Jahrzehnten nur noch ein Schatten vergangener Tage, für die anderen gehören sie trotz aller Schwächen weiterhin zum festen Fundament des amerikanischen Death Metals. Und irgendwo dazwischen liegt wahrscheinlich die Wahrheit. Denn unabhängig davon, wie man die letzten zwanzig Jahre bewertet: Den Einfluss dieser Band auf die weltweite Underground-Szene kann und darf man aus meiner Sicht nicht wegdiskutieren.

Als Chris Barnes nach seinem Rauswurf bei Cannibal Corpse Mitte der 90er gemeinsam mit Allen West das Debütalbum Haunted veröffentlichte, war das nicht nur ein Versuch, brutaler oder technischer zu sein als der Rest der Szene. Im Gegenteil. Genau diese rohe, schleppende, dreckige Mischung aus Groove, Doom und Old-School-Death-Metal machte die ersten Alben so besonders. Haunted, Warpath, Maximum Violence oder später auch True Carnage waren keine Hochgeschwindigkeits-Massaker, die legendären Platten waren sumpfig, krank, dreckig und hatten diesen ganz eigenen Florida-Modergeruch.

Gerade für viele Fans meiner Generation sind Chris Barnes und später auch Jack Owen absolute Legenden. Menschen, die Death Metal nicht nur gespielt, sondern geprägt haben. Barnes’ Stimme auf den frühen Cannibal-Corpse-Klassikern Tomb Of The Mutilated und The Bleeding gehört bis heute zum Ikonischsten, was das Genre hervorgebracht hat. Und Jack Owen war immer dieser Gitarrist, der trotz aller Simplizität sofort erkennbare Riffs schreiben konnte,  irgendwo zwischen Horrorfilm, Groove und klassischem Florida-Death-Metal.

Doch genauso wenig lässt sich verschweigen, dass Six Feet Under über viele Jahre erschreckend beliebig geworden sind. Gerade die letzten Releases vor Killing For Revenge wirkten oft ideenlos, lethargisch oder schlicht unfertig. Dazu kamen Barnes’ immer schwächer werdende Vocals, die irgendwann mehr Meme als ernsthafte Diskussion waren. Die berüchtigten „breeeeee“-Momente wurden zum Running Gag der Szene. Viele hatten die Band längst abgeschrieben.

Und genau deshalb überrascht Next To Die überhaupt. Nicht, weil hier plötzlich ein neues Meisterwerk entstanden wäre. Sondern weil man zum ersten Mal seit langer Zeit wieder merkt, dass hier zumindest noch ein bisschen Leben in diesem Kadaver steckt.

Produktion mit echtem Old-School-Feeling

Schon der Einstieg mit Approach Your Grave macht klar, dass Six Feet Under diesmal bewusst stärker auf klassischen US-Death-Metal setzen. Der Sound ist trocken, organisch und angenehm roh. Keine sterile Plastikproduktion, keine übertriggerte Moderne. Stattdessen drückt das Album mit genau dieser staubigen Florida-Ästhetik, die früher Bands wie Obituary oder frühe Death ausgezeichnet hat.

Vor allem die Gitarrenarbeit von Jack Owen sorgt immer wieder dafür, dass zwischen simplen Grooves plötzlich kleine Momente echter Klasse aufblitzen. Und auch Schlagzeuger Marco Pitruzzella zeigt mehrfach, dass sein technisches Niveau eigentlich deutlich über dem liegt, was Six Feet Under normalerweise schreiben.

 Das doomige, schleppende Approach Your Grave walzt sich fast unangenehm langsam durch seine ersten Minuten, funktioniert aber genau deshalb erstaunlich gut. Gerade die Leadgitarren erzeugen dieses alte Horrorfilm-Feeling, das viele neuere SFU-Alben komplett verloren hatten. Mit Destroyed Remains zieht das Album erstmals deutlich an Tempo an. Die Drums bekommen mehr Raum, Owen streut einige wirklich starke Soli ein und plötzlich blitzt kurz diese alte Florida-Death-Metal-Energie auf. Gerade die Gitarrenharmonien und kleineren Deicide-Anleihen machen den Song deutlich interessanter als vieles, was die Band in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Natürlich ist Mister Blood And Guts komplett drüber. Natürlich wirken die Lyrics irgendwo zwischen Splatterfilm und Trashcomic. Aber genau deshalb funktioniert der Song. Der Refrain bleibt hängen, das Ding hat Groove und dieser primitive Mitschunkel-Charakter passt perfekt zur Band. Gleichzeitig hört man hier auch deutlich die Nähe zu klassischen Death-Riffs heraus,  fast schon als kleine Verbeugung vor Chuck Schuldiner. Besonders spannend wird es bei Grasped From Beyond, das stellenweise tatsächlich klingt, als hätte es direkt von Haunted stammen können. Gallopierende Riffs, stumpfer Groove und dieses typische Midtempo-Stampfen zeigen genau die Seite von Six Feet Under, die viele Fans jahrzehntelang mochten. Mit Unmistakable Smell Of Death wird es dann deutlich aggressiver. Blastbeats tauchen auf, die Geschwindigkeit zieht an und plötzlich wirkt die Band tatsächlich wacher als sonst. Gerade hier merkt man, wie stark Marco Pitruzzella eigentlich ist und wie viel mehr Potenzial musikalisch noch vorhanden wäre.

Leider fällt das Album mit Skin Coffins wieder etwas in alte Muster zurück. Genau hier zeigen sich die bekannten Schwächen von Six Feet Under: zu einfache Strukturen, zu viele Wiederholungen und kaum echte Dynamik. Nicht schlecht,  aber eben auch ziemlich austauschbar. Auch Wrath and Terror Takes Command lebt stärker von Atmosphäre als von echten Höhepunkten. Düster, schleppend und morbide aufgebaut, verliert sich der Song teilweise etwas in seiner eigenen Trägheit, besitzt aber trotzdem diese typische Horrorfilm-Stimmung, die die Band seit Jahrzehnten begleitet. Dagegen funktioniert Mutilated Corpse In The Woods genau deshalb so gut, weil der Song gar nicht erst versucht, mehr zu sein als primitiver Groove-Death-Metal. Die Riffs sind simpel, aber effektiv, und genau diese stumpfe Direktheit gehört seit jeher zu den Stärken von Six Feet Under. Mit Naked And Dismembered wird das Album im letzten Drittel noch mal deutlich brutaler und entwickelt stellenweise fast eine groteske Tales From The Crypt-Atmosphäre. Gerade diese Mischung aus Horror-Trash und Old-School-Death-Metal funktioniert überraschend gut. Am experimentellsten wird es schließlich bei Ill Wishes. Flüstervocals, akustische Elemente und eine fast schon unangenehm intime Atmosphäre sorgen dafür, dass der Song aus dem restlichen Album heraussticht. Das funktioniert nicht komplett – manches wirkt unfreiwillig seltsam, aber wenigstens versucht die Band hier einmal etwas anderes.

Chris Barnes – besser, aber nicht geheilt

Und natürlich muss man über Chris Barnes reden. Denn egal, wie man zu Six Feet Under steht, seine Stimme war in den letzten Jahren oft kaum noch tragbar. Die gute Nachricht: Auf Next To Die klingt Barnes tatsächlich deutlich kontrollierter. Die nervigen Überkreisch-Momente wurden stark reduziert, er bleibt meistens in seinem mittleren, rauen Register und genau dort funktioniert seine Stimme heute am besten. Nein, das ist nicht mehr der Barnes der frühen 90er. Und das wird auch nie wieder passieren. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit sabotiert er die Songs nicht permanent selbst.

Zwischen Durchschnitt und ehrlicher Überraschung

Das größte Problem des Albums bleibt trotzdem das Songwriting. Viele Songs verlieren sich weiterhin in bekannten Mustern, manche Riffs wirken zu austauschbar und über die gesamte Laufzeit fehlt stellenweise einfach dieser letzte Funke Energie. Genau deshalb wird Next To Die niemals an die großen frühen Werke der Band heranreichen.

Aber gleichzeitig ist das hier eben auch nicht mehr dieses peinliche Totaldesaster vergangener Jahre. Und genau das macht das Album überraschend sympathisch. Denn irgendwo zwischen Horror-Trash, simplen Groove-Riffs und einem sichtbar kämpfenden Chris Barnes steckt plötzlich wieder etwas, das lange gefehlt hat: ehrlicher Old-School-Death-Metal-Charme. Kein großes Comeback. Keine Wiedergeburt. Aber zumindest ein Album, bei dem man merkt, dass diese Band noch nicht komplett aufgegeben hat.

Vielleicht ist genau das am Ende die größte Überraschung von Next To Die.

HIER! geht es für weitere Informationen zu Six Feet Under – Next To Die in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Six Feet Under – Next To Die
Fazit zu Next To Die
Next To Die ist weder das große Spätwerk noch die völlige Katastrophe, die viele erwartet haben. Das Album erfindet weder den Death Metal neu, noch erreicht es die Klasse der frühen Klassiker. Aber es klingt endlich wieder nach einer Band, die verstanden hat, wo ihre Stärken liegen.

Die Produktion ist stark, Jack Owen liefert mehrere richtig gute Momente ab und selbst Chris Barnes wirkt kontrollierter und deutlich erträglicher als auf vielen Vorgängern. Gleichzeitig bleiben die bekannten Probleme bestehen: zu viel Midtempo, zu viele vorhersehbare Riffs und insgesamt zu wenig echte Dynamik.

Trotzdem funktioniert das Album deutlich besser als vieles aus der jüngeren Vergangenheit. Nicht wegen Innovation, sondern weil Six Feet Under endlich wieder wie eine echte Old-School-Death-Metal-Band klingen und nicht wie eine Selbstparodie.

Anspieltipps: Destroyed Remains und Unmistakable Smell Of Death
Dave S.
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