Alcest – Les Chants De L’Aurore

Musik aus einer anderen Welt

Artist: Alcest

Herkunft: Avignon, Frankreich

Album: Les Chants De L’Aurore

Spiellänge: 43:42 Minuten

Genre: Blackgaze, Shoegaze, Post-Rock

Release: 21.06.2024

Label: Nuclear Blast Records

Link: https://www.instagram.com/alcestofficial

Bandmitglieder:

Gesang, Gitarre, Bass, Synthesizer – Neige
Schlagzeug – Winterhalter

Tracklist:

  1. Komorebi
  2. L’Envol
  3. Améthyste
  4. Flamme Jumelle
  5. Réminiscence
  6. L’Enfant De La Lune
  7. L’Adieu

Für gewöhnlich pflege ich meine Rezensionen im stillen Kämmerlein bei wenig Tageslicht zu schreiben. Doch das siebte Studiowerk des französischen Duos Alcest verlangt nach mehr: freie Natur, Wasser, Sonnenlicht und Bäume. Mastermind und Multiinstrumentalist Neige wandelt stets auf den Pfaden von Mutter Natur und holt sich so Inspirationen für das vielschichtige Material, welches er gemeinsam mit Schlagzeuger Winterhalter unter das aufgeschlossene Volk bringt. Womit wir beim Thema wären. Für wen die Evolution der harten Musik bei Trve Metal endet, der darf an dieser Stelle aufhören zu lesen. Für alle anderen wird es heute aufgrund meiner Arbeitsumgebung vielleicht etwas philosophischer und naturbezogener als gewohnt. Da Neige beim neuesten Streich von sieben höchst unterschiedlichen Songs spricht, werde ich jeden einzelnen auch gesondert besprechen. Taucht mit mir gemeinsam ein in Les Chants De L’Aurore (Die Gesänge der Morgenröte).

Komorebi (Licht, das durch Blätter fällt)

Dieses wunderschöne japanische Wort könnte meine Umgebung in den malerischen Harzer Wäldern kaum treffender umschreiben. Sämtliche Wellen im Wasser vor mir scheinen heute im Takt der Musik zu sein; jedes Blatt im Wind kommt wie herbeigerufen, jeder Greifvogel, der seine Schwingen ausbreitet, fliegt Seite an Seite mit der erhebenden Musik. Mutig, ja gar heroisch schreiten die ersten Takte voran. Streicher spielen auf. Ich bin bereits jetzt in meiner eigenen Welt. Nur die Natur und die Musik existieren. Alles andere um mich herum verblasst für einen Augenblick. Der Gesang nimmt mich mit auf eine spirituelle Reise. Jeder Schlag auf die Trommeln ersetzt meinen Herzschlag.

L’Envol (Der Flug)

Auf dieser Flugreise tausche ich den einheimischen Greifvogel gegen einen Schwarm mythischer Vögel. Wir fliegen gemeinsam über die von Menschen erschaffenen Grenzen und entfliehen der irdischen Realität. Die musikalischen Anfänge von Alcest werden mühelos in die heutige Zeit transportiert. Neige beschwört mit seiner Stimme Unheil herauf und zieht mich weiter in seinen Bann. Akustische Verschnaufpausen laden zum Träumen ein. Wellen erstarren, Licht wird zu Schatten, Gedanken zerfallen zu Staub.

Photo Credit: Andy Julia

Améthyste (Amethyst)

Dieser Stein ist dafür bekannt, negative Energien zu absorbieren und in positive umzuwandeln. Ob die Musik ähnliche Fähigkeiten hat? Ich glaube daran. Diese acht Minuten haben so unglaublich schöne Farben und zahlreiche Facetten. Das Schlagzeugspiel von Winterhalter ist nicht von dieser Welt und sollte eine eigene Abhandlung bekommen. Erst Post-Rock-Himmel, dann Blackgaze-Hölle. Fragile Passagen werden nach kurzer Zeit von infernalen Screams zertrümmert. Sitze ich noch immer hier oder haben mich Alcest bereits auf ihren Planeten geholt?

Flamme Jumelle (Zwillingsflamme)

Sind die Seelen geliebter Menschen auf ewig mit uns verbunden? Können wir so dem Konzept der Sterblichkeit etwas Positives abgewinnen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Neige in Flamme Jumelle. Der Wind hält inne, die Sonne ist am Zug und die Spiegelungen im Wasser werden klarer. So tiefgründig das Thema auch sein mag, so unbeschwert zeigt sich dieses Lied. Mein Körper nimmt jede Note und jeden Atemzug bewusst wahr. Ein flüchtiger Moment, der bewusstseinserweiternd wirkt. Ein Wimpernschlag, der mehr bedeutet, als nur Musik zu konsumieren.

Réminiscence (Reminiszenz)

Eine Reminiszenz an die eigene Kindheit. Dieses Intermezzo zeichnet vor meinem geistigen Auge ein unbeschwertes Kind, das im Gras liegt und die vorbeiziehenden Wolken beobachtet.

L’Enfant De La Lune (Das Kind des Mondes)

Das Kind steigt vom bequemen Gras in den nächtlichen Himmel auf. Dieser Weg wird musikalisch zielgerichtet geebnet und lässt wieder etwas mehr Euphorie aufkommen. Die Wellen bewegen sich wieder schneller und ich bekomme Lust, mich zu bewegen. Ohne Zweifel wird das Kind des Mondes in der bevorstehenden Nacht nicht von meiner Seite weichen. Ich fühle mich frei und gleichzeitig sicher.

L’Adieu (Der Abschied)

Der Abschied von einer musikalischen Reise in eine andere Welt. Eine Zuflucht vor dem grauen Alltag. Das Kind, das sich in eine Fantasiewelt flüchtet, um sein Leben etwas farbenfroher zu gestalten. Ein langes und tiefes Ausatmen, bevor man die Heimreise aus seinen eigenen Gedanken antritt. Eine Selbstreflexion voller Wehmut, Melancholie, aber mit unbändiger positiver Energie.

Alcest – Les Chants De L’Aurore
Fazit
Les Chants De L’Aurore ist eine bewusstseinserweiternde Droge in musikalischer Form. Alcest schaffen es mit diesem Meisterwerk, dass ich meine Umwelt bewusster wahrnehme. Ein treuer Begleiter auf meinem Ausflug in eine andere Welt. Eine Welt, in der nur der Augenblick zählt.

Anspieltipps: L’Envol, Flamme Jumelle und L’Enfant De La Lune
Florian W.
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