At The Drive In + Support am 03.03.2018 in der Live Music Hall, Köln

“Becher sind zum Trinken und nicht zum Werfen da

Eventname: EU & UK Tour 2018

Künstler: At The Drive In (USA)

Vorband: Death From Above 1979 (CAN), Le Butcherettes (MEX)

Ort: Live Music Hall, Köln (verlegt vom Palladium)

Datum: 03.03.2018

Kosten: 37,00 EUR

Genre: Post-HC, Rock, Alternative, Artrock, Garage Punk, Dance Punk

Veranstalter: Concertteam NRW

Linkhttps://www.facebook.com/events/1860227663994862/

Setlists:

01. Witchless C Spot
02. Burn the Scab
03. Boulders Love Over Layers of Rock
04. I’m Getting Sick of You
05. Dress Off
06. The Leibniz Language
07. Spider Waves

01. Nomad
02. Right On, Frankenstein!
03. Moonlight
04. Caught Up
05. Going Steady
06. Outrage! Is Now
07. Holy Books
08. Freeze Me
09. Romantic Rights
10. The Physical World

01. Arcarsenal
02. No Wolf Like the Present
03. Pattern Against User
04. Hostage Stamps
05. 198d
06. Holtzclaw
07. Napoleon Solo
08. Pendulum in a Peasant Dress
09. Invalid Litter Dept.
10. Enfilade
11. Quarantined
12. Governed By Contagions
Zugabe:
13. One Armed Scissor

At The Drive-In Köln

Photos im Auftrag für Time For Metal: www.quintenquist.com

Am heutigen Samstagabend beehren die Urgesteine des experimentellen Post HCs At The Drive In aus El Paso, Texas die Domstadt auf ihrem letzten Deutschland-Termin der laufenden Tour und bringen auch direkt ein wenig der heimischen Wärme mit. So muss der frühe Fan nicht bei Minusgraden in der Warteschlange zittern, wenngleich es in der Nacht auf Samstag noch schneite. Nachdem die Show vom Palladium in die ca. 1/3 so große Live Music Hall verlegt wurde, war die Aussicht auf ein langes Anstehen eh etwas geringer. An der Halle angekommen stehen vlt. 40 Gäste vor dem Eingang, der in wenigen Minuten die Pforten öffnen soll. Etwas überrascht, aber auch beruhigt, nicht zu lange warten zu müssen geht’s dann auch relativ zügig rein in einen der verbliebenen Clubs der Ehrenfelder Musikkultur.

Etwas träge füllt sich die Halle, bis es dann pünktlich um 18:30 Uhr mit Le Butcherettes aus Mexico losgeht. Die auf Mike Pattons Ipecac-Label beheimatete Band um Frontfrau Teri Gender Bender ist für Showeinlagen wie Kunstblut, Mehl, Eier, Fleisch oder auch mal einen echten Schweinekopf berüchtigt, wird aber heute nur mit musikalischen Exzessen glänzen. Das Trio, bestehend aus Schlagzeugerin Alejandra Robles Luna, Bassist/Gitarrist Riko Rodríguez-López und erwähnter Frontfrau steht relativ eingepfercht mit dem kompletten Setup der Folgebands um sich herum auf der Bühne und legt direkt mit der ersten Sekunde den Schalter für eine avantgardistische ca. fünfundzwanzigminütige Show um. Teri im roten Dress und hohen Hacken, gefangen hinter ihrem Keyboard und mit Gitarre bewaffnet setzt auf jeden Muskel in ihrem Gesicht und so wenig sie ihre Beine hinter ihren Aufbauten bewegen kann, umso mehr zappelt sie mit den Armen. Ein Expressionismus, der an die Adrenanlinspritzen-Szene aus Pulp Fiction erinnert.

Le Butcherettes @ Live Music Hall, Köln, 03.03.2018 Photo: quintenquist.com

Zum dritten Song dann wird’s Teri zu warm und sie entledigt sich ihrer dicken Wolljacke. Und die Freizügigkeit weitet sie aus, indem sie für Dress Off zur Bühnenmitte wandert und in stehender Geburtsposition eindeutige Angebote gen Publikum imitiert. Für einen weiteren Moment scheint es so, als hätte Bassist Riko technische Probleme, da Teri nur von Drums begleitet die letzten zwei Minuten eines Songs zu Ende bringt, während Riko vor seinen Fußschaltern hockt. Ob echte Probleme oder beabsichtigt…man weiß das heute schwer einzuschätzen. Nach einer knappen halben Stunde ohne Ansagen ist die Inszenierung dann auch vorbei. Teilen des Publikums scheint es gefallen zu haben, andere – mich eingeschlossen – können vlt. weniger mit dem musikalisch eher ungewöhnlichen Supportact anfangen.

Weiter geht’s nach knapp 10 Minuten dann mit Death From Above (1979), dem Duo aus dem kanadischen Toronto, bestehend aus Jesse Keeler (Bass) und Sebastien Grainger (Drums und Gesang). Im September 2017 haben die Beiden ihr aktuelles Album Outrage Is Now veröffentlicht und beehren damit nun den europäischen Kontinent. Ihr Dance- oder Noise Punk setzt sich zusammen aus knarzendem Bassteppich und treibenden Drums, hier und da durch Synthies unterstützt, manchmal erinnernd an die aus Nebraska stammenden The Faint, die mit ihrem Disco Punk einige Clubhits Anfang und Mitte der 2000er zu verzeichnen hatten. Jesse, mit schickem Acrylglas-Bass (die nicht unbedingt für ihren warmen Ton bekannt sind, was aber auch für ihre Musik vollkommen unpassend wäre) versteckt sein Gesicht gerne hinter seinen kinnlangen Haaren, während Sebastien im 45°-Winkel zum Publikum hinter seinem Kit sitzt und man sein monochromes Outfit von Kopf bis Fuß wahrnehmen kann.

Death From Above 1979 @ Live Music Hall, Köln, 03.03.2018 Photo: quintenquist.com

Weniger aggressiv und hektisch, dafür mehr Disco und Rock ’n Roll. Und das überträgt sich auch auf’s Publikum, erwacht bei einem Adagio-Part der Band der erste Moshpit mit tollkühnen Pogo-Tänzern. Für einen Song verlässt dann auch Sebastien seinen Hocker und singt stehend in der Mitte der Bühne, begleitet von elektronischen Drumpatterns. Und auch Death From Above halten sich mit Ansagen zurück. Erst zum letzten Song wird das Publikum gefragt, wer die Band schon einmal live sehen konnte und in der Tat gibt es einige positive Rückmeldungen aus der mittlerweile ziemlich vollen Halle. Gefühlt nähern wir uns auch musikalisch dem Hauptact.

Nachdem während des Umbaus die Mikrophone von Cedric Bixler-Zavala & Co. desinfiziert wurden, geht’s auch ca. um 20:40 Uhr in die letzte Runde des Abends. Und wo es die beiden Supportacts eher haben vermissen lassen, Ansagen ans Publikum zu richten, so wird es hier bei At The Drive In in den nächsten Minuten ganz anders ausfallen. Aber dazu gleich mehr.

In dunkles Blau gehüllt betreten die Musiker nacheinander die Bühne und Herr Bixler-Zavala baut sich vor einem Mikrophon mit einem Paar Maracas auf, um Arcarsenal einzuläu…schütteln. Und während der ersten Minuten fliegt – um auch den Titel des Berichts aufzulösen – ein leerer Becher auf die Bühne (wir Photographen hatten weniger Glück und halbvolle Becher im Rücken…danke dafür), den der Frontmann erstmal zur Seite kickt. Nach dem Song kann er sich dann aber nicht mehr zurückhalten und lässt seiner Wut darüber freien Lauf. Wäre dieser Beitrag eine jugendfreie amerikanische TV-Serie, könnte man sich vor lauter Piepsen die Autoren sparen, so sehr beschimpft er zuerst die vermeintliche Person, ob identifiziert oder nicht und irgendwie auch das gesamte Publikum, dem er seinen Mittelfinger zeigt. Im Graben wird das Personal unruhig und bereitet sich auf einen möglichen Störenfried aus dem Zuschauerraum vor. „Come up and fight! You might beat me down but I’ll get back up!“ So oder so ähnlich geht es eine Weile inkl. der Frage, ob wir denn möchten, dass sie bleiben oder die Bühne verlassen sollen. Zum Glück entscheiden sich nach den Worten „If you love this band then have a good time!“ alle dafür, dass die Band noch ein Weilchen bleiben sollte und es geht weiter. Puh. Weiter im Kontext flippt der Sänger dann gefühlt komplett aus, hüpft, springt, klettert auf einen Boxenturm und springt mit seinen 43 Jahren wie ein Teenager im hohen Bogen zurück auf die Bühne.

At The Drive In @ Live Music Hall, Köln, 03.03.2018 Photo: quintenquist.com

Den Fans gefällt, was sie sehen ungeachtet dessen, dass Omar Rodriguez-Lopez, Paul Hinojos, Tony Haijar und Keeley Davis die Bühne eher dem Frontmann überlassen und die ausverkauft wirkende Halle schwitzt, schubst, tanzt, johlt und klatscht. Über ca. 75 Min. spielt sich die Band durch den Klassiker Relationship of Command, das aktuelle Album in•ter a•li•a sowie die Alben In/Casino/Out und die EP Vaya und bietet damit  – abgesehen von der im November 2017 erschienenen EP Diamanté – einen guten Querschnitt des eigenen Schaffens.

At The Drive In @ Live Music Hall, Köln, 03.03.2018 Photo: quintenquist.com

Als Zugabe – ohne geht’s einfach nicht – folgt dann One Armed Scissor und Cedric Bixler-Zavala nutzt die Zeit vor dem letzten Song dazu, sich beim Publikum zu entschuldigen bzw. die Situation aus seiner Sicht zu erläutern. „I fucking love Germany!“ verkündet er und er hätte ein Problem damit, wenn sich einige wenige wie „Dickheads“ benehmen müssten. Seine Wut wollte er eingangs nicht verallgemeinernd gegen alle richten. „I fucking love you, thank you for coming!“ und dann setzt auch schon die markante Gitarrenlinie ein und die Halle freut sich über eine DER Hymnen der frühen Post HC-Ära.

Und damit geht ein bunter und unterhaltsamer Abend in einem deutlich persönlicheren Umfeld als dem Palladium zu Ende, der neben einer Schrecksekunde eines verfrüht endenden Konzerts allerlei weitere erinnerungswürdige Momente bereithielt.

 

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