Caliban – Zeitgeister (EP)

Eine deutschsprachige Reise durch die eigene Vergangenheit

Artist: Caliban

Herkunft: Hattingen, Deutschland

Album: Zeitgeister (EP)

Spiellänge: 32:10 Minuten

Genre: Metalcore

Release: 14.05.2021

Label: Century Media Records

Link: http://www.calibanmetal.com

Bandmitglieder:

Gesang – Andreas Dörner
Gitarre – Denis Schmidt
Gitarre – Marc Görtz
Bassgitarre – Marco Schaller
Schlagzeug – Patrick Grün

Tracklist:

  1. Zeitgeister
  2. Trauma (feat. Matthi von Nasty)
  3. Herz
  4. Ausbruch Nach Innen
  5. Feuer, Zieh‘ Mit Mir
  6. Nichts Ist Für Immer
  7. Intoleranz
  8. Mein Inferno
  9. Nichts

Caliban zählen seit ihrer Gründung im Jahr 1997 neben Heaven Shall Burn zu den Veteranen der deutschen Metalcore-Szene. Seit ca. einem Jahrzehnt sind deutsche Texte keine Seltenheit mehr für die Band aus dem Ruhrgebiet. Neben dem Cover des Rammstein-Klassikers Sonne gaben die Herren um Frontmann Andy Dörner u. a. die Songs Nebel und Ich Blute Für Dich in ihrer Muttersprache zum Besten. Mit der EP Zeitgeister folgt jetzt eine Veröffentlichung komplett auf Deutsch. Nach dem Motto „Totgesagte leben länger“ buddelten Caliban dafür Songs aus, die lange nicht mehr im Liveset auftauchten und interpretierten diese neu. Einfach machte die Band es sich dabei nicht, denn die Songtexte wurden nicht etwa eins zu eins übersetzt und dazu der Originalsong heruntergespielt. Vielmehr handelt es sich bei den Stücken um neu arrangierte Versionen, bei denen Sänger Andy ungeahnte Möglichkeiten erhielt, um sich auszudrücken. Zusätzlich gibt es mit Nichts einen nagelneuen Song auf die Ohren.

Da ich deutschsprachige Metalcorebands wie Callejon seit jeher außergewöhnlich und stark finde, bin ich gespannt, was mich auf Zeitgeister erwartet. Denn Nichtmuttersprachler wie Parkway Drive haben uns gelehrt, dass so etwas auch unfreiwillig komisch ausgehen kann.

Nach einer Zeitreise zu den Originalsongs wird bereits nach wenigen Minuten klar, dass vor allem die moderne Produktion des langjährigen Caliban-Weggefährten Benjamin Richter den Stücken guttut. Wenn wundert es angesichts der Tatsache, dass einige der Werke bereits mehr als 20 Jahre auf dem Buckel haben.

Zeitgeister startet mit dem Titelsong, der als Intro im Stil eines dramatischen Filmsoundtracks fungiert und direkt zu Trauma überleitet. Arena Of Concealment heißt der Song im Original und ist der Opener des Debütalbums A Small Boy And A Grey Heaven. Für die Neuinterpretation holten sich Caliban Nasty-Fronter Matthias “Matthi” Tarnath als Verstärkung ins Boot. Matthis Rap-Eigenschaften dürften einige Fans der Belgier bereits aus seinem Nebenprojekt MnYPnk kennen. In Kombination mit den harten Riffs und kontrastreichen Elektrosounds erinnern mich einige Passagen an die verblichene Crossover-Combo Such A Surge, falls die noch irgendjemand kennt? Moderner Stilmix als guter Einstieg.

Noch eine Spur moderner kommt Herz aus den Boxen gedonnert. I Will Never Let You Down, so der Titel des Originals vom The Awakening Langspieler, könnte mich in dieser Form fast überzeugen, wäre da nicht dieser furchtbar kitschige Refrain. Dieser klingt eher nach Tokio Hotel als nach amtlichem Metalcore.

Tyranny Of Small Misery mutiert zum Ausbruch Nach Innen. Schon erstaunlich, was der deutsche Sprechgesang zu Beginn ausmacht, das Stück ist fast nicht wiederzuerkennen. Ein klassischer Song aus der Blütezeit des Metalcore wird von der Band in Modern Metal verwandelt und mit einer Prise Neue Deutsche Härte bzw. Industrial angereichert.

Zugegeben, der Refrain des Originals Between The Worlds ist schon etwas cheesy, aber die deutsche Sprache beweist in Feuer, Zieh‘ Mit Mir, dass sie nicht immer kalt und hart klingen muss. Leider ist mir das wie schon im Song Herz einfach „too much“. So geil wie die Riffs die Nackenmuskeln in Wallung setzen, so klebrig süß erschaudert mich die Zeile: „Die Seele brennt wie Feuer, wo gehör‘ ich hin?“. Das ist Pseudo-Teenie-Gothic, mehr nicht. Da tröstet der geile Breakdown kaum darüber hinweg.

Das Blatt wendet sich im nächsten Stück Nichts Ist Für Immer, der seinem älteren Bruder All I Gave gar die Show stiehlt. In der Midtempo-Nummer geht der Stilmix aus Modern Metal und Industrialparts besser auf, der Text integriert sich passender ins Konzept und die Blastbeat-Orgien sorgen für leuchtende Augen.

Überraschung: Intoleranz hieß ursprünglich Intolerance und stammt vom bereits erwähnten Caliban-Debüt aus dem Jahr 1999. Glücklicherweise verzichten die Jungs auf experimentelle Käse-Refrains und treten stattdessen in ein paar Ärsche – so soll es sein. Das Maß an Aggressivität durch die deutsche Sprache ist genau der Punkt, der mich an den bisher veröffentlichten deutschen Songs der Band wie Mein Schwarzes Herz so gefesselt hat.

Mein erster Berührungspunkt zu Caliban war damals das Album The Opposite From Within. Genau von diesem Werk stammt My Little Secret, der in Mein Inferno umgetauft wurde. Das Härtelevel wird oben gehalten und der Refrain wird verständlich gesungen, ohne dabei in die bisher bemängelte Theatralik abzudriften.

Zu guter Letzt präsentieren Caliban ihren Fans noch einen brandneuen Song, der auf den Namen Nichts hört. Wie schon im Feature zur neuen Oceans-EP We Are Nøt Okay singt Andy Dörner über Angst, Hilflosigkeit und Selbstmord als Ausweg des Protagonisten. Obwohl diese Thematik gar nicht genug in den Vordergrund gestellt werden kann, gibt mir der Song musikalisch nicht viel. Sowohl der Aufbau, der Refrain und abseits des Themas auch die Lyrics wirken etwas flach im Vergleich zum Rest des Materials – schade.

Caliban – Zeitgeister (EP)
Fazit
Einfach haben es sich die Jungs von Caliban sicher nicht gemacht, denn aus den Neuinterpretationen sind mitunter komplett neue Songs entstanden. Der Stilmix wird vermutlich neue Fans generieren, aber auch einige Metalcore-Fans der ersten Stunde abschrecken. Manchmal schießen vor allem die theatralischen Refrains über das Ziel hinaus. Zeitgeister hat dennoch seine guten Momente und sorgt auch für Erstaunen und malträtierte Nackenmuskeln.

Anspieltipps: Trauma, Nichts Ist Für Immer und Intoleranz
Florian W.
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Leise War Gestern... - Der Time For Metal Podcast
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