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Die Schweiz – eine ernst zu nehmende Metalszene? (Pt. 3)

Fünf hoffnungsvolle, aufstrebende Bands

Die Schweiz ist mit nur 41.284 km² ein kleines Land – aber in manchen Dingen ist sie ganz groß! Wer an die Schweiz denkt, der denkt an Geld, teure Uhren, Schokolade, Käse, die Schweizer Alpen, DJ Bobo, herrliche Landschaften, Sehenswürdigkeiten. Niemand käme nur annähernd auf die Idee, bei der Schweizerischen Eidgenossenschaft zuallererst die Rock- und Heavy Metal Szene zu nennen.

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Wer an gut gemachten Rock- und Heavy Metal denkt, dem kommt die Schweiz nicht unbedingt als erstes Land in den Sinn, sondern eher die USA, Skandinavien oder auch die Szene vor der eigenen Haustür. Wenn überhaupt Schweiz, dann fallen einem einige wenige große und legendäre Bands ein, wie z.B. Celtic Frost, Messiah, Crystal Ball, Krokus, The Young Gods, Coroner, Gotthard, Drifter, Eluveitie, Poltergeist, CoreLeoni, Shakra, Samael, Hellhammer, China, Cataract …, doch gräbt man etwas tiefer, stellt man schnell fest, die Schweiz verfügt über eine gut funktionierende und spannende Rock- und Heavy Metal Szene. Mit den genannten Bands hatte man teilweise schon früh einen prägenden Einfluss auf die Metalgeschichte, doch auch heute noch bewegen sich einige von den genannten und noch viel mehr Underground-Bands der Schweiz sich zielstrebig auf das Level der sogenannten Metalgiganten zu. Seit Jahren schon boomt der Rock- und Metal Zirkus und so ist es an der Zeit, einen Blick auf die dortige Szene zu werfen und eine Reihe von Bands vorzustellen. Mit gewissen Abständen werde ich mir immer wieder einige interessante Bands der unterschiedlichsten Genres herauspicken und hier näher vorstellen.

 

Total Annihilation

Herkunft: Basel
Stil: Thrash / Death Metal
Link: https://www.facebook.com/Total.Annihilation.thrash/

Total Annihilation heißt nicht nur ein PC-Echtzeit-Strategiespiel aus dem Jahr 1997, sondern auch eine Knüppel-aus-dem Sack-Band aus dem Raum Basel. Die Band ist seit 2006 unterwegs und das Line-Up besteht aktuell nach etlichen Umgestaltungen aus Daniel Altwegg (Vocals), Nicolas Stelz (Guitar), Jürgen Schmid (Guitar), Michael Lautenschläger (Drums) und Niggi Denge (Bass). Der Schweizer Fünfer spielt aggressiven, facettenreichen Thrash Metal, der mitten in die Fresse geht. Der Sound erinnert immer wieder an die großen Legenden des Genres wie z.B. Kreator, Destruction oder Exodus, wobei hier nicht einfach nur kopiert wird. Der Old School-Thrash wird mit einer ordentlichen Prise Death Metal zu einem bösartigen Gemisch vermengt, das die Fans regelmäßig zum Ausrasten bringt. Mit vielen Shows im In- und Ausland haben sich die Jungs einiges an Live-Erfahrung erspielt, sodass die schweißtreibenden und energiegeladenen Total Annihilation Gigs dann tatsächlich der totalen Vernichtung recht nahe kommen. Ein erstes Lebenszeichen gibt man bereits im Jahr 2008 mit der EP Total Annihilation von sich, bevor 2010 dann das erste Full Lengh Album 84 auf die Menschheit losgelassen wird. Schon hier bekommt der geneigte Hörer erstklassigen Old School As Fuck Thrash Metal mit viel Druck um die Ohren geballert. 2012 folgt dann mit Extinction der nächste Rundumschlag. Werden Metalbands, welche sich Themen wie Krieg, Kriegsgemetzel und der totalen Vernichtung widmen, sonst schnell mal ins rechte Lager gerückt, so geben die Schweizer in ihren Songs und bei den Shows immer wieder Statements gegen Rassismus und rechte Gewalt ab und distanzieren sich von braunem Gedankengut. Im Extinction Bonustrack Black Jack Und Nutten versucht man sich erstmals in deutscher Sprache, doch ansonsten werden auch auf dem zweiten Album keine Experimente und vor allem keine Gefangenen gemacht. Am 7. Februar 2020 erscheint über Czar Of Crickets Productions das langersehnte dritte Album … On Chains Of Doom der Swiss Thrasher und so marschieren sie gleich am Tag drauf, am 8. Februar, zur ausgedehnten Releaseparty beim Basilisk Deströyers im Sommercasino Basel auf. Mit von der Partie sind die melodischen Thrash Metaller von Mind Patrol aus Luzern und die Gladbecker Ruhrpott Thrasher Teutonic Slaughter. Sicherlich werden Total Annihilation auch für ihr drittes Album keinen Innovationspreis gewinnen, jedoch sollte sich hier jeder gestandene Thrasher angesprochen fühlen, denn in der Riege der aufstrebenden, jungen Bands werden die Basler mit Sicherheit noch ein ernstes Wörtchen um den Aufstieg mitzureden haben.

Total Annihilation – Black Blood (2019):

Hellvetica

Herkunft: Lenzburg, Aargau
Stil: Death / Trash Metal
Links: https://hellvetica.ch und https://www.facebook.com/officialhellvetica/

Über die Aargauer Hellvetica ist sicherlich schon der eine oder andere Thrash-Banger gestolpert, ist der Fünfer schließlich auch schon seit 2004 aktiv, und teilte sich die Bühnen schon mit namhaften Acts wie z.B. Debauchery, Eluveitie, Cataract, Six Feet Under, Sodom, Eisregen, Die Apokalyptischen Reiter, Samael, Mystic Prophecy … Der Kalauer-Bandname ist durchaus originell und erklärt sich quasi von selbst. Auch hier hat sich das Line-Up über die Jahre immer wieder geändert und sieht momentan folgendermaßen aus: Roman Wettstein (Vocals), Pascal Wehrli (Guitar), Fedi Salazar (Guitar), Sonja Traussnig (Bass) und Chregi Traussnig (Drums). Hellvetica stehen seit jeher für kernigen Death/Thrash Metal, der mit einem Hauch von Hardcore und Punk garniert ist. Die Shows sind ein explosives Erlebnis für jeden Headbanger, mit fettem Sound und starker Interaktion mit dem Publikum. 2008 wird das erste Demo A New Hate Is Rising auf den Markt geworfen, 2011 folgt dann das erste Album Your Last Breath. Mit dem brachialen Death/Thrash Gebräu im Deathcore/Metalcore Mäntelchen kann man sich innerhalb der Schweiz schnell einen guten Namen erspielen und auch erste Fußstapfen im angrenzenden Ausland hinterlassen. 2014 wird die EP Deadly Eyes rausgehauen, bevor 2017 dann mit Against The Odds das zweite Album folgt. Man kann hier das musikalische Schaffen weiter perfektionieren, sodass auch dieser Thrash-Brocken mit Hardcore-Schlagseite es wieder in sich hat, kluge Arrangements, Richtungs- und Tempowechsel inklusive. Ihr 15-jähriges Jubiläum feiern die Lenzburger Castle-Mosher dann 2019 mit der EP B.F.J.. Doch es gibt 2019 noch mehr zu feiern, denn durch den Sieg beim Bandcontest der Greenfield Foundation können sich die Jungs plus Mädel einen Auftritt auf dem größten Schweizer Rock- und Metalfestival ergattern, dem Greenfield-Festival, wo sie am Samstag die Eiger Stage eröffneten.

Hellvetica – B.F.J. (2019):

Gods Of Silence

Herkunft: Basel
Stil: Melodic Rock / Metal, Progressive Power Metal
Links: http://www.godsofsilence.com und https://www.facebook.com/GodsOfSilence/

Der Bandname Gods Of Silence ist vielleicht noch nicht jedem begegnet, jedoch handelt es sich um eine Melodic Rock/Metal Band, die schon seit Beginn des Millenniums unter dem Banner Kirk aktiv ist. Die erste Besetzung besteht aus Thomas Rauch (Vocals), Sammy Lasagni (Guitar), Daniel Pfister (Bass), Bruno Berger (Keyboard) und Vito Cecere (Drums). In der Besetzung wird 2003 dann auch das sackstarke Debütalbum The Final Dance eingespielt, dessen Sound sich am ehesten mit Krokus und Gotthard vergleichen lässt. Das Werk soll nachhaltigen Eindruck hinterlassen, denn es wird nicht nur europaweit veröffentlicht, sondern findet auch im Land der aufgehenden Sonne Beachtung, nachdem die Band sich in den Import-Charts des Kerrang! Magazins wiederfindet. Es folgen unzählige Shows und Tourneen mit u.a. Doro, Pink Cream 69, Axxis und Shakra und man stellt die guten Livequalitäten der Band unter Beweis. Dann wird man jedoch jäh ausgebremst, als Drummer Cecere seine Drumsticks aus gesundheitlichen Gründen an den berühmten Nagel hängen muss. Kirk werden auf Eis gelegt und die Bandmitglieder widmen sich in der Folgezeit ihren Side-Projects Godiva (Sammy Lasagni), Dr. Crankenstein (Daniel Pfister), In Your Face (Bruno Berger) und Decent Disaster (Thomas Rauch). Kirk werden jedoch nie aufgelöst und so findet man 2009 wieder zusammen und mit Neu-Drummer Philipp Eichenberger von Legenda Aurea wird man wieder zu einer starken Einheit, mit der man dann 2014 das ebenso starke Zweitwerk Masquerade veröffentlicht, auf dem man den Rock ein Stück weit hinter sich lässt und härter in Richtung Progressive Power Metal agiert. Die Schweiz hat eine eigene Alternative zu Wiederholungstätern wie Dream Theater, Stratovarius und Vanden Plas am Start. 2016 kommt es zu musikalischen Differenzen zwischen Frontmann Rauch und den anderen Kirk-Membern und man beschließt, getrennte Wege zu gehen. Mit dem begnadeten Sänger Gilbi Melèndez werden Kirk endgültig zu Grabe getragen und der Neuanfang unter Gods Of Silence ist beschlossene Sache. 2017 wird Neverland veröffentlicht, welches in keinster Weise Wünsche offenlässt.

Gods Of Silence – Neverland (2017):

Appearance Of Nothing

Herkunft: Basel
Stil: Progressive Metal
Links: http://www.appearanceofnothing.com/wp/ und https://www.facebook.com/AppearanceOfNothing/

Die folgende Band wird genau genommen schon in den unergründlichen Tiefen der neunziger Jahre von Sänger und Gitarrist Pat Gerber und Schlagwerker Yves Lüthi ins Leben gerufen, allerdings noch unter dem Namen No Thanx. Man covert sich durch die Weltgeschichte, bis Bassist Omar Cuna und Keyboarder Marc Petralito zur Band stoßen. Man erkennt, dass der eigenen Kreativität keine Grenzen gesetzt sind und so wird 2004 das neue Progressive Metal Baby Appearance Of Nothing geboren. Nach einer kurzen experimentellen Phase der Selbstfindung beginnt man schon eigene Songs zu schreiben, wobei sich Gerber und Cuna den Gesang teilen, um die Songs noch facettenreicher zu gestalten. So erscheint bereits 2005 das erste offizielle Demo Behind Closed Doors, das in Fankreisen durchaus positive Reaktionen hervorruft. Stilistisch lässt sich die erste eigene Kreativität grob mit einem Mix aus Saga, Dream Theater, Symphony X und Vanden Plas beschreiben. Mit Peter Berger wird ein zweiter Gitarrist in die Band geholt, mit dem dann das erste Studioalbum Wasted Time in Angriff genommen wird, welches 2008 auf das ahnungslose Volk losgelassen wird. Auch das hochgelobte Debüt enthält Elemente der bereits genannten Bands. Die Songs sind teils technisch sehr anspruchsvoll und verfrickelt und Breaks und Tempiwechsel scheinen ein Trademark der Band zu sein. Der grandiose Sound trägt die Handschrift von Markus Teske, der zuvor schon mit Vanden Plas, Saga, Mob Rules und Symphony X arbeitete. In der Folgezeit konzentriert man sich auf den Livesektor, bevor dann 2010 mit All Gods Are Gone der nächste Longplayer erscheint. Das Album fällt deutlich härter und moderner aus, was nicht zuletzt an den Gastsängern Devon Graves (Psychotic Waltz, Deadsoul Tribe) und Dan Swanö (Ex-Edge Of Sanity, Nightingale) liegt. Der langjährige Drummer Lüthi verlässt die Band 2011 und nach einer Pause trommelt Nachfolger Ronnie Wolf den Neuanfang in Form von A New Beginning (2014) ein. Auch danach geht das Bäumchen-Wechsle-Dich-Spielchen weiter, 2017 verlässt Berger die Band und wird durch Manuel Meinen ersetzt. 2018 geht auch Sänger und Gitarrist Gerber, dessen Posten nun komplett von Bassist und Zweitsänger Cuna eingenommen wird. Neuer Gitarrist wird der Freiburger Albert Ibrahimaj, sodass nach endlosen fünf Jahren endlich In Times Of Darkness (2019) veröffentlicht werden kann. Hier zeigt sich, dass Cuna den Gesang auch allein tragen kann, jedoch kommen mit Christian Älwestam (Ex-Scar Symmetry, Solution 45, Miseration), Anna Murphy (Ex-Eluveitie, Cellar Darling) und Devon Graves (Psychotic Waltz, Deadsoul Tribe) einige grandiose Gastsänger zum Zug. Die Schweizer brauchen den internationalen Vergleich nicht zu scheuen!

Appearance Of Nothing – The Black Sea (2019):

Forge

Herkunft: Wangen an der Aare, Schwyz
Stil: Symphonic Dark Metal, Symphonic Black Metal, Symphonic Folk Metal, Symphonic Viking Metal
Links: https://www.forgemetal.ch und https://www.facebook.com/forgemetal/

Sinfonischen Höllenlärm fabrizieren Forge seit 2015 im Kanton Bern. Der Bandname bedeutet übersetzt Schmiede und soll dafür stehen, dass der sinfonische Fünfer seinen ganz eigenen Stahl schmieden will. Zudem kommt Frontmann Christian „Ragnar“ Kaufmann aus dem Freiburgischen Dorf Schmitten. Die erste offizielle Bandprobe findet 2015 auf einem Bauernhof in den tiefsten Freiburger Alpen statt. Trotz einem Umzug nach Zollikofen ist das erste Jahr schwierig, Musiker kommen und gehen und man tritt auf der Stelle. Erst als Gitarrist Heinz „Hödur“ Lauper der Band 2016 beitritt, lassen sich erste Fortschritte erkennen. Im gleichen Jahr wird mit A Dark Prophecy eine erste Single mit zwei Songs über Underground Records veröffentlicht, bei der ein gewisser Thomas Vaucher (Emerald) am Keyboard einen Gastauftritt hat. Erfolg ist dennoch etwas anderes. Erst als sich die Band 2017 von Bassist Marc „Chauti“ Kaltenrieder trennt, kommt in Form seines Nachfolgers Rolf „Shadow“ Wälti die nötige Erfahrung in die Band, Erfahrung aus diversen anderen Projekten wie z.B. Dark Shadow oder Projekt Krank. Shadow ist zudem Besitzer des Underground Records Studios und so zieht die Band von Zollikofen ins hauseigene Studio nach Wangen an der Aare. Zuerst wird das Heimdall One Track-Demo (2017) veröffentlicht, dann das Heimdall Album (2018). Die Aufnahmen und das Mixing werden im eigenen Studio gemacht, das Mastering übernimmt Colin Davis von Imperial Mastering in der Bay Area von San Francisco. Liest man die Tracklist, hört sich das verdammt nach Amon Amarth an, doch die Realität ist weit von den schwedischen Donnergöttern entfernt. Eine bunt-schwarze Mixtur aus Extreme Metal und neoklassizistischen Einflüssen, mit Orchester und Chören, mit Orgel- und Klavierstimmen, gepaart mit Dark Metal und Black Metal. Mal klingen Forge symphonisch, dann, aufgrund der omnipräsenten Violine von Benjamin „Skjöldur“ Feuerle folkig, um sich dann ganz dem klassischen Viking / Pagan Metal zu widmen. Da im momentanen Line-Up ein Schlagwerker fehlt, wurde auf synthetische Hilfsmittel zurückgegriffen, was man leider hört. Ein kurzweiliges Debüt mit Ecken und Kanten. Dennoch folgen auf Heimdall erste Auftritte in Deutschland und im Frühsommer 2019 folgt eine Tour durch Osteuropa mit Auftritten in Tschechien, Polen und Ungarn, auf der Forge von den Melodic Dark Metallern Dreams In Fragments begleitet werden. 2019 nimmt offenbar Franc „Franky“ Fritschi von Dreams In Fragments hinter dem Drum-Kit Platz, was aber von der Band bisher nicht offiziell bestätigt ist.

Forge – Tyr The Wargod (2018):

Fortsetzung folgt !!!

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