Reload Festival 2019 am 22.08. – 24.08.2019 in Sulingen

Sonne und Staub im besten Spätsommer und ein bunter Genremix auf die Ohren

Eventname: Reload Festival 2019

Bands: AC/Dynamite, Agnostic Front, Airbourne, Any Given Day, Backyard Babies, Bullet For My Valentine, Bullseye, Bury Tomorrow, Clawfinger, Cutthroat LA, Copia, Dog Eat Dog, Evil Jared, Emil Bulls, Evergreen Terrace, Eyes Set To Kill, Hatebreed, Ignite, Jinjer, Lordi, Massendefekt, Monsters Of Liedermaching, Mürderhead,  Nasty, Of Mice & Men, Pressure Recall, Powerslave, Radio Havanna, Sabaton, Soilwork, Sondaschule, Setyoursails, Strenght, Thundermother, The Creapers, Walls Of Jericho, While She Sleeps

Ort: Festivalgelände „Im langen Lande“, Anne Frank Straße, 27232 Sulingen, Deutschland

Datum: 22.08. – 24.08.2019

Kosten: ab 99,00 € zzgl. Versandkosten Festivalticket, Tagestickets ab 60,00 €

Genre: Rock, Punk Rock, Crossover, Metal, Alternative, Hardcore

Besucher: 10.000 Besucher erwartet

Veranstalter: Reload Event GmbH

Link: https://www.reload-festival.de/

Die vierzehnte Auflage des Reload Festivals steht an diesem Wochenende auf unserem Terminkalender. Mittlerweile kommen rund 12.500 Besucher zur Veranstaltung auf dem platten Land in Niedersachsen, besser gesagt in Sulingen. Den Warm-Up-Donnerstag auf der Tentstage kann man wirklich vorzeigen und so reisen bereits viele Partyhungrige an. Bereits um 17:40 Uhr eröffnen Bullseye das Festival, gefolgt von Copia und Cutthroat LA. Die Berliner Radio Havanna spielen Punkrock und läuten die erste große Sturm- und Drangphase ein. Der Frontmann Fichte bringt das Quartett, welches bei Dynamit Records unter Vertrag steht, in Stellung. Any Given Day und Ignite darf man bereits als ernst zu nehmende Hochkaräter zählen, die auf der Hauptbühne am Freitag bzw. Samstag ebenfalls überzeugt hätten. Einfach und schnell wird das Wochenende eingeläutet, bei dem alle Frühanreiser noch belohnt werden – was will man mehr?

Freitag

Heute steht alles im Zeichen der schwedischen Power Metal Superstars Sabaton. Bis es so weit ist, gibt es aber noch genug andere spannende Acts zu erleben. Um 11:20 Uhr bekommen Pressure Recall den undankbaren Opener Slot, nutzen ihn jedoch als Sprungbrett in neue Gehörgänge bei bereits glühenden Temperaturen. Die erste Viertelstunde sieht es noch recht dünn vor der Stage aus, danach kommen bereits einige Frühaufsteher zur morgendlichen Nu Metal Gymnastikstunde. Für die vier Jungs aus Löningen quasi ein Heimspiel. Locker und entspannt nehmen sie die Hürde Reload und bringen Einflüsse von Korn, Deftones und Skindred auf den Punkt. Das Battlefield wird angemessen eingeschossen und lässt erahnen, was hier in den nächsten zwei Tagen abgehen kann und wird.

Fleißig im Sommer am ackern sind die Amerikaner Evergreen Terrace, die heute im Norden Deutschlands mit ihrem Mix aus Melodic Hardcore, Punk und Metalcore zuschlagen. Mario Speedwagon oder Where There Is Fire, We Will Carry Gasoline gehen immer. Die Zeit ist jedoch knapp und innerhalb von 35 Minuten müssen Sänger Andrew Carey, die beiden Gitarristen Craig Chaney und Alex Varian, Bassist Jason Southwell und Brad Moxey am Schlagzeug alles auffahren was geht.
Im August geht es immer hoch her, nach dem Wacken steigt das Extreme Metal Event Party.San, während es ein Wochenende später weiter in den Süden zum Summer Breeze geht, darf das Reload die Festivalsaison der großen Freiluftveranstaltungen beenden. Diese Tradition hat seit einigen Jahren Bestand, wird jedoch im nächsten Jahr gebrochen, denn das Reload rutscht weiter in den August und wird parallel mit dem Summer Breeze starten.

Die Damen von Thundermother agierten die letzten Wochen absolut aktiv – kaum eine Bühne ist vor den Schwedinnen sicher, die ihren Rock ’n‘ Roll zielstrebig an den Mann bringen. Um im Jahr 2019 schnell durchstarten zu können, muss man eben präsent alle Chancen zum Zocken nutzen. Mit einem Blick über das Infield spürt man, dass dieses Konzept aufgeht. Eine beachtliche Anzahl Rocker stellt ihre schwitzenden Körper in die beißende Sommersonne. Davon, dass wir langsam auf den Herbst zutaumeln, spürt man rein gar nichts. Schweißtreibend vor und auf der Bühne für alle Protagonisten, die dem Wetter trotzen und erste kleine Staubwolken in die Luft zaubern. Ein kühles Nass in Form von Gerstensaft oder Softdrink schafft wenigstens etwas Abkühlung, diese liegen bei 4 € bzw. 3 €. Die allgemeinen Preise liegen somit im normalen Festivaldurchschnitt. Bei der Nahrungsaufnahme ist es etwas anders: Bratwurst im Brötchen für einen glatten Fünfer darf als happig bezeichnet werden, hier wiederum bestimmt der Markt den Preis.
Zurück zu Thundermother, die bestens eingespielt keine Zweifel aufkommen lassen. Mal sehen, wohin die Reise geht – bleiben die Skandinavierinnen weiter so enorm aktiv und können die Stücke noch präziser zelebrieren, kann was ganz Großes daraus werden. Mit ordentlich Applaus geht es um kurz nach halb zwei zurück in den Tourbus.

Dog Eat Dog in ein Schema zu drücken, ist quasi unmöglich. Ihre Wurzeln liegen im Hardcore und Punkrock. Der Spagat geht noch weiter: Rap, Metal und Hip Hop Anleihen werden in poppige Reggae Melodiegewitter versenkt. In The Doghouse scheppert es über den Platz, während John Connor seine Augen hinter einer rosaroten Sonnenbrille versteckt. Schweißperlen rinnen allen Künstlern nach wenigen Minuten aus allen Poren. Bozez am Saxophon hat ein beachtlich rotes Gesicht, während er in sein Instrument bläst. Pull My Finger und Who’s The King? lassen alle Hüllen fallen. Die Sonnenbrille von Sänger John Connor flog bereits in die Ecke und die geflochtenen Haare glänzen in der Sonne. Gut gelaunt fliegen die Finger von Roger Hämmerli über die Saiten. Die Exoten gehen in einem Monat auf All Boro Kings 25 Year Anniversary European Tour 2019, falls wer noch nicht genug bekommen hat.

At War With Love und Hell On Earth – fertig ist der kraftvolle Start der Belgier aus La Calamine, die man unter dem Namen Nasty kennt. Die Hardcore Recken genießen einen sehr guten Ruf in der Szene. Etwas in Verzug geraten, glückt der Live-Checkin. Für mich ist es die erste Show und ich kann die Euphorie nur bedingt teilen. Natürlich servieren sie kraftvolle wie kompromisslose Beats und Sänger Matthi animiert wunderbar mit den deutschen Ansagen das Publikum. Mit der Tatsache, dass er Belgier ist, kann man über Kleinigkeiten hinwegsehen, unterm Strich spricht er einfach zu viel. Wenn man von vierzig Minuten Spielzeit gefühlt über zehn Minuten Ansagen macht, verschwenden Nasty viel zu viele kostbare Minuten. Look At Me And Fuck You und Fire schlagen eine derbe Kerbe in die Menge. Matthi gestikuliert und wiederholt ins tausendste: „Kommt näher. Bewegt euch. Ich will ein Tornado (Circle Pit) sehen.“ Körperbetonte Pits lassen nicht lange auf sich warten, ein musikalisch gelungener Kraftakt mit Defiziten im Zeitmanagement. Die Security sprüht Wasser ins Publikum, um wenigstes punktuell für Abkühlung zu sorgen.

Deutlich geerdeter schießen die Backyard Babies nicht über das gewünschte Ziel hinaus. Über Century Media Records haben sie im März ihr aktuelles Werk Sliver & Gold auf die Reise geschickt, das ohne Problem in Sulingen andocken kann. Feiner Staub durchtränkt die Kleidung, während Look At You eine erste Duftnote abgibt. Nicke Borg ist klarer Leader der Schweden, lässt dieses aber nur bedingt raushängen. Dregen an der zweiten Gitarre platziert euphorisch die tragenden Backvocals in den Rock ’n‘ Roll. Am Bass hämmert Johan Blomquist in die Saiten. Die vier Babies stehen voll im Saft und zocken alleine dieses Wochenende auf drei Festivals. Neben dem Reload bringen sie ihren groovigen Sound in den hohen Norden zum Baltic Open Air, wo unsere Kollegen gastieren. Auf diesem Wege gute Besserung an unseren lieben Kay, der sich dort gestern Abend den Fuß gebrochen hat. Wir können es nicht öfter sagen: Passt auf euch und eure Mitmenschen auf! Lieber einmal den Sanitäter zu viel gerufen als einmal zu wenig!
Fehlen im Set darf auf gar keinen Fall 44 Undead. Der Überflieger des neuen Silberlings setzt weitere Maßstäbe bei den Hinterhof-Babys.

Ska-Punk und Pop-Punk aus Mülheim an der Ruhr – wenn das mal nicht die Sondaschule ist. Beim Opening mit Sondaschule, Neue Welt und Waffenschein Bei ALDI kommt mal schnell ins Schlucken. Die sehr Mainstream orientierte Ausrichtung schielt vorsichtig auf Die Ärzte. Um das Spektakel abzurunden gibt es eine Konfettikanone, die den warmen Sommerabend verdunkeln soll. Heavy bleiben maximal die Texte. Nach dem Motto „Hände in die Luft tralala“ kommt eine platte Partystimmung auf, die man entweder voller Überzeugung teilt oder die Zeit für andere Dinge nutzt. Tausche Alkoholsucht Gegen Liebe und Is‘ Mir Egal kann man als stummen Schrei nach Liebe werten, um noch mal Die Ärzte zu zitieren. Dumm Aber Glücklich, dem ist nichts hinzuzufügen. Bist Du glücklich? wer ist denn bitte bei einer solch optimal organisierten Veranstaltung nicht glücklich?
An dieser Stelle kann man es schnell man unterschieben, wie solide die Macher ihr Open Air im Griff haben. Logistisch darf man alles ganz weit vorne einsortieren. Der Sound im Umfeld vom Mischturm hat nicht einmal gewackelt und das Personal macht in allen Belangen einen exzellenten Eindruck.
Soilwork schieben das Intro Verkligheten vom gleichnamigen neuen Longplay inkl. erstem Hit Arrival heraus. Das Infield wird durchflutet: Anhänger des Punk gehen, Fans des melodischen Death Metal kommen. Agil wie auf dem ROCKHARZ oder Party.San, spielen die Skandinavier aus Helsingborg ihren emotionalen Todesblei. Sänger Björn „Speed“ Strid schlendert lässig mit aufgesetzter Sonnenbrille über die Bretter, während unter ihm ein Circle Pit tobt. Full Moon Shoals oder The Akuma Afterglow kann man gar nicht oft genug hören. Sylvain Coudret und David Andersson taumeln glücklich über die lichtdurchflutete Show. Nach diversen Auftritten geht es morgen gen Heimat zum Helsingborg Rockfest, um danach die leeren Akkus wieder aufzuladen. In 45 Minuten gibt es neun Nummern, die mit Stabbing The Drama und Stålfågel ihr Ende finden. Man kann Soilwork gar nicht oft genug erleben, die Symbiose aus bitterbösen Riffs und harmonischen Atmosphären macht stets Spaß und birgt einen Suchtfaktor.
Lordi aus Finnland kommen mit einer schlechten Nachricht: Mr. Ox wird die Gruppe verlassen. Schade, der Anblick am Bass ist bzw. war imposant. Auf der anderen Seite kann Mastermind Mr. Lordi beim Nachfolger Hand anlegen und ein neues Kostüm kreieren. Der Wehmut verfliegt schnell – Sexorcism, Would You Love A Monsterman? und Blood Red Sandman ebnen den Weg in eine erfolgreiche Hard Rock Schlacht. Als ein Kollege von der Crew den Mastermind persönlich besucht, um ihn ein neues Mikrofon zu überreichen, fragt er: „Was zu Hölle machst du hier?“ Locker und lustig erklingt in den Ansagen ein freches: „Hallo, Titten oder Ficken!“ Mr Lordi läuft zur Höchstform auf, auch wenn die Technik teilweise streikt. Der Nebelwerfer wird nach einem lauen Lüftchen in die Ecke gefeuert. Who’s Your Daddy? die Frage kann jetzt nicht mehr jeder deutlich beantworten, dank eines gepflegten Alkoholkonsumes. Erfrischend dürfte nur die Darstellung der Akteure sein. Mutig und voller Tatendrang ziehen sie ihre Heavy Rock Show durch und schwitzen unter den kiloschweren Kostümen. Die obligatorischen Fledermausflügel stimmen auf Hard Rock Hallelujah ein. Schade, dass erst beim ESC Siegersong am meisten Interaktion aufkommt.
Die eigentliche Explosion unter den Anhängern folgt erst beim Schlussact, das haben wir diesen Sommer schon anders gesehen. Eine Sause, die Lust auf mehr macht! US-Posthardcore aus der Of Mice & Men Maschinerie hält ein flammendes Inferno parat. Der Reload Löwe kommt bei diesen lodernden Ausstößen ins Schwitzen. Vor der Bühne erleuchten selbst die Gesichter in den ersten Reihen durch den Feuerschein und die warmen Schwaden offenbaren, wie heiß es auch für die Musiker zugeht, die direkt neben den Flammenwerfern auf der Stage ihre Songs Mushroom Cloud oder Unbreakable zelebrieren. Neben altem Stoff gibt es auch neuen aus dem Hause Rise Records, bei dem sie mit ihrem Debüt Of Mice & Men vor zehn Jahren angefangen haben und nach nur einem Jahrzehnt zu einer festen Größe in der Label-Familie zählen. Groovend – mal eine Partystimmung von Anfang bis Ende, ohne jegliche Abstriche. Das Reload kann also auch hemmungslos feiern. Bei Defy fordert Aaron Pauley alle Anwesenden auf, in die Hocke zu gehen, um danach aufzuspringen und völlig zu eskalieren. Feuer frei: Of Mice & Men wirbeln tonnenschweren Staub auf!
Bei Airbourne steht nur einer im Rampenlicht: Joel O’Keeffe, der über den ganzen Auftritt von den hellen Scheinwerfern verfolgt über die Bretter flitzt. Ready To Rock oder Too Much, Too Young, Too Fast nur zwei Titel, die allen alles abverlangen. Joel O’Keeffe ölt wie Sau, der Schweiß rinnt über seinen blanken Oberkörper, da würde man gerne wissen, wie viele Schritte der Australier in einer Stunde auf die Bühne zaubert. Vom kommenden Boneshaker Album, welches Ende Oktober über Spinefarm Records / Universal Music erscheint, gibt es direkt den Titeltrack. Mit viel Druck in den Stücken bleiben Matt „Harri“ Harrison, Justin Street und Ryan O’Keeffe nur optisch im Hintergrund. Als Rampensau soll und muss es der Frontmann an der Gitarre richten. Die Reihen stehen dicht, es gibt von Beginn an viele Crowd Surfer. Chewin‘ The Fat, die nächste Perle im Repertoire. Wildes Händegeklatsche zwingt die Besucher zu Bottom Of The Well in die Knie, um dann schlagartig aufzuspringen. Diese Aktionen scheinen wohl modern zu sein. Jack Daniels Cola und ein Lemmy-Altar, da bekommen selbst hartgesottene Gänsehaut, bei dieser Huldigung à la Airbourne. Joel O’Keeffe kurbelt eine echte Sirene zu Flugzeuggeräuschen beim Einstieg zu Live It Up an. Um 23 Uhr schießt die letzte Feuersäule aus dem Dach – der Co-Headliner hat zu Ende gezaubert. Im September zieht es die Männer mit dem neuen Material für drei Monate auf diverse Bühnen, checkt einen Standort in eurer Nähe.
Neben der EMP Mainstage drehen zur späten Stunde die Regler auf der Tentstage auf. Ab 22.45 Uhr kommen Powerslave mit Iron Maiden Covern zum Zug. Im Anschluss haben alle Hardrocker ein Grund zum Tanzbein schwingen, und zwar zu AC/Dynamite, die AC/DC Cover aus der Anlage jagen. Wer nach Sabaton noch nicht genug hat, darf bis 4 Uhr im Zelt abhängen und Konservenmucke begutachten.
Die Umbaupause dauert ein paar Minuten länger als angedacht. Eine halbe Stunde konnte die Crew nur minimal nicht stemmen, die das ganze Equipment inkl. Pyrotechnik und Schützengraben auffahren muss. Gut zehn Minuten später als geplant knallt es heftig zwischen den Sandsäcken. Sabaton stürmen auf das Schlachtfeld. Das neue Album The Great War katapultierte die Schweden zu Recht auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Ein Erfolg für den historischen Power Metal aus den Händen von Joakim Brodén, mit dem wir im Vorfeld über die neuen Tracks sprechen konnten. Traditionell versenkt Ghost Division den ersten Punsh. Es folgen diverse Hymnen wie Bismarck, Shiroyama, Fields Of Verdun, The Attack Of The Dead Men oder The Lion From The North. Die neue The Great War Materie bekommt dabei viel Platz, unter anderem mit The Red Baron und 82nd All The Way. Noch ein Bier unterdrückt Joakim Brodén am Anfang noch geschickt. Er hat gelernt, die Zeit sinnvoll zu nutzen: die Ansagen schneller, das Drumherum kürzer, dafür mehr Musik – was will man mehr? Nur in Deutschland muss noch Bier her – was soll´s? Traditionen müssen gewahrt werden. Das Backdrop umfasst die ganze Bühne und wird durch Hologramme als dreiflächige Videoleinwand genutzt. Schade, dass Metal Crüe vorerst als Abschluss ausgedient hat, der ebenbürtige Nachfolger To Hell And Back kann als letztes Gefecht noch mal alle Kräfte mobilisieren. Sabaton klopfen ganz oben an, dürften ein Legendenstatus anpeilen und haben dabei noch viele Jahre vor sich!
Samstag

Aufgrund familiärer Verpflichtungen geht es am zweiten Haupttag ohne Fotograf auf das staubige Battlefield. Wo gestern noch der Hardrock, Rock ’n‘ Roll und Heavy Metal dominiert hat, dürfen heute die Fans von Hard und Metalcore ihre Fäuste gen Himmel ballen. Als musikalische Frühshoppenuntermalung springen Monsters Of Liedermaching um 10 Uhr auf die Zeltbühne. In den frühen Mittagstunden kommt es zum zweiten Setyøursails Gig in diesem Jahr in Sulingen. Im April zockten sie noch den Contest, jetzt geht es auf die EMP Mainstage. Die Kölner, vor gut zwei Jahren zusammengeführt, um mit den Einflüssen von Beartooth, Underoath oder A Day To Remember ihr eigenes Süppchen zu kochen. Das Konzept scheint aufzugehen, die ersten Mosher kann das Quartett aus den Zelten treiben. Die Frontfrau hält noch folgendes politisches Statement parat. „Wir lieben es laut und schnell, aber vor allem ohne Nazis!“ Die schwarze Flagge mit deutlichem Aufdruck: „No Place For Homophobia, Fascism, Sexism, Racism“ unterstreicht ihre Einstellung.

Eyes Set To Kill, Jinjer oder auch Massendefekt kämpfen gegen die Hitze an. Wie am Freitag ist es bis zum frühen Abend arg warm und die beliebtesten Plätze sind die in den wenigen Schattenregionen an den Seiten im Infield. Fesh, mit einer frechen Rothaarfrisur, bringt Alexia Rodriguez auffallend die Herren der Schöpfung zum Schwitzen. Die amerikanische Metalcore Formation wurde 2003 in Phönix gegründet. Sieben Produktionen stehen mittlerweile zu Buche, der nicht kleine Hopser zu Century Media/Universal vor sechs Jahren konnte zusätzlich beflügeln. Live definitiv interessant – drüber hinaus sollte man Eyes Set To Kill für die Zukunft auf dem Zettel haben, wie man sieht. Stücke wie Infected ziehen das Publikum gleich in ihren Bann.

Jinjer bringen Words Of Wisdom und Ape mit nach Niedersachsen. Mit ihrem Groove Metal, der eine progressive Ader beinhaltet, will Tatiana Shmailyuk oft zu viel auf einmal. Micro, die kleine EP zur Tour im Winter, war stückweise zu überladen. Nur zu gerne tauschen sie das Studio gegen eine Bühne und da schießen sie niemals über das Ziel hinaus. Düster, mit einem fetten undurchdringlichen Klang, bringt Tatiana noch eine sensible Seite mit ins Geschäft. Den anderen Female Fronted Gruppen stehen Jinjer um nichts nach, haben keine symphonischen Auswüchse und orientieren ihre Kunst eher in extremere Gefilde. Die Ukrainer gelten nicht ohne Grund als brandheißer Geheimtipp, was bis nach Sulingen vorgedrungen ist. Eine körperbetonte Session, die durch viele Gefühlsebenen geschoben wird. Vor der Bühne geht es gut zur Sache, wenn man mal die mörderischen Einflüsse aufgrund der über 30 Grad beachtet.

Massendefekt haben eine feste Deutschrock-Säule, der sie nach Belieben Pop Beats oder Punk Noten beigeben. Für den noch frühen Slot können die Nordrheinwestfahlen aus Meerbusch viele Schaulustige aus den Schatten lotzen. Wo Ich Dich Finde oder Schwarz Weiß Negativ treffen den Nerv der Zeit. Das Quintett hämmert ein ums andere Mal ihre eingängigen Refrains heraus, Mauern, Freier Fall und Wellenreiter kann man da als beste Beispiele nennen. Auch wenn man die Männer noch nicht kennt, kann man sehr schnell mitmachen und sogar mitgrölen. Die Securitys feuern immer wieder mit Schläuchen Wasser in die Menge. Wie am Vortag kann jeder die kleine Dusche gebrauchen, der in den ersten Reihen den Körper an die Gatter drückt. Gitarrist Nico hat wohl gedacht, was die kantigen Jungs da unten können, kann ich auch – er springt kurzerhand selber in den Bühnengraben und beglückt die Anhänger mit einer zusätzlichen sympathischen authentischen Duschaktion. Die Stimmung könnte nicht ausgelassener weite Kreise ziehen. Crowd Surfer treiben über die Hände gen Bühne, zur ganzen Zufriedenheit von Massendefekt, die sichtlich durch die wilde Party berührt, kaum aus dem Grinsen herauskommen.

Härter, aggressiver, schmerzvoller – die dritte Krachkapelle des Tages, die eine Frau als Sprachrohr benutz. Candace Kucsulain, das Aushängeschild für die Amerikaner Walls Of Jericho. Die Truppe dürfte man ruhig schon als eingefleischten Gast bezeichnen, die in den letzten Jahren ihren Stellenwert nicht ausbauen konnten und im Billing hinter Emil Bulls und Bury Tomorrow rutschen. Das kann ganz nüchtern betrachtet an der geringen Veröffentlichungsrate liegen. Seit 2008 haben sie nur vor drei Jahren No One Can Save You From Yourself auf die Reise geschickt. Das ist arg mau, da hilft nur eine gute Liveperformance, um wieder ins Gespräch zu kommen. Wohin es für Walls Of Jericho geht, darf spannend begutachtet werden, das Potenzial kann man nicht wegdiskutieren, nur, kann eine erneute Euphorie entfacht werden? Ein kleiner Schritt wurde auf dem Reload getan.

Das aktuelle Werk Mixtape konnte nicht alle Fans begeistern. Noch nie hat ein Silberling das Lager der Emil Bulls Fans in der Form gespalten. Die Süddeutschen werden trotzdem oder gerade deshalb mit offenen Armen empfangen. Die komplexe Dampfwalze rollt von einem Festival zum nächsten, kann kaum gestoppt werden und liebt es, überaus moderne Moves an die Anhänger zu bringen. Das offene Hemd lässt Metal, Hardcore, Alternative und zu guter Letzt Rock Einflüsse durchsickern. Der Partyfaktor liegt hoch, dafür sorgt alleine Christoph v. Freydorf. Niemals lumpen lassen, so verkommt der Auftritt zu keiner Zeit zu einem Coverfestival. Here Comes The Fire kann man als Synonym für Emil Bulls im Allgemeinen nehmen. Selbst, wenn man die Jungs auf Platte nicht als Dauerbrenner in der heimischen Anlage rotieren lässt, auf Festivals darf man sie nicht auslassen.

Als wir vor gut acht Jahren Time For Metal gegründet haben, gab es Bury Tomorrow gerade fünf Jahre. Schnell kamen gemeinsame Projekte wie Shows, Touren, Reviews der Scheiben und Interviews, daher bleibt eine besondere Verbindung. Beide Fronten konnten an ihren Aufgaben wachsen. Schnittstellen wie die Heutige in Sulingen können genossen werden – wer hätte gedacht, dass die Engländer bereits im Jahr 2019 einen angemessenen Status besitzen. Der Ausflug von der Insel in den grünen Landkreis Diepholz kann man pauschal als Erfolg werten. Die wichtigsten Gesichter dürften dabei Daniel Winter Bates und Jason Cameron sein, die bis auf den Wechsel 2013 an der Gitarre mit Kristan Dawson ihr Team zusammenhalten konnten. No Less Violent oder Black Flame darf man als scharfe Spitzen werten. Die Balance aus Clean und gutturalem Gesang passt wie sonst selten in der Szene. Stimmungsvoll bleibt keine Power auf der Strecke, ohne zu bissig jeder nackten Wade wie ein williger Dackel hinterherzurennen. In die Karten spielt die langsam erträglicher werdende Temperatur. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet das Reload Ende August noch mal für diverse Sonnenbrände verantwortlich sein wird.

Glückwunsch Agnostic Front zur Celebrating 35 Years Of Victim In Pain Tour. Die Crossover Hardcore Veteranen zählen ganz klar zu den Legenden im Genre. Das soll die etwas frühe Sause nicht trüben, schließlich geht es nach dem Auftritt direkt weiter nach Dänemark, von wo sie ganz Skandinavien für ein paar Tage einnehmen. Roger Miret, seit 1983 Sänger der verrückten New Yorker, hat seit über drei Jahrzehnten Vinnie Stigma an seiner Seite, das letzte eigentliche Gründungsmitglied. Die Liste der Ehemaligen darf man als recht lang bezeichnen. Die Qualität wurde bei Agnostic Front nie in Gefahr gebracht. Nicht nur auf Platte mit Durchschlagskraft versehen, startet um 18:15 Uhr ein Presslufthammer, der erst erschöpft nach 45 Minuten in die Ecke fällt. Feuer frei für das Reload Finale 2019 – noch stehen vier Acts in den Startlöchern. Nicht nur die norddeutschen Bretter biegen stärker unter der Rifflast, auch das Publikum geht steiler, je länger der Tag andauert. Kein Vorwurf an alle Beteiligten, in den Mittagsstunden mussten wir ebenfalls des Öfteren kleine Pausen einlegen, ansonsten wäre ein fataler Hitzschlag wohl vorprogrammiert gewesen.

Ring frei für You Are We, Anti-Social, Haunt Me! Nicht zu bremsen, kaum zu stoppen, mit viel Wut im Bauch galten While She Sleeps lange zu den Senkrechtstartern schlechthin. Dieser Status konnte mehrfach erfolgreich bestätigt werden. In Sachen melodischen Metalcore bzw. Hardcore macht den Briten keiner was vor. Die mehrstimmigen Gesänge haben einen erdrückenden Charakter. Die Brechstange brauchen Lawrence ‚Loz‘ Taylor und Mat Welsh nie und gelten als eingespieltes Team wie Bury Tomorrow, die kaum Ärger durch Besetzungswechsel an der Front haben. Dafür ballern Hits wie Anti-Social unerbittlich in den menschlichen Verstand. Wie ein Hurricane fegen While She Sleeps über den Platz. Der Wellenbrecher trennt einmal mehr geschickt den elektrisierten Partymob von den entspannten, Bier trinkenden Mitgrölern. Bei vielen großen Veranstaltungen verzichten die Organisatoren auf die Trennung, in Sulingen gehört es zur Planung und hat ganz klar auch Vorteile.

Zak Tell kann ohne Clawfinger leben! Das klingt wie ein Witz und wurde 2013 bittere Tatsache. Nach einem Jahr wurde die Auflösung jedoch flink rückgängig gemacht und die alte Crew rekrutiert. Seit Life Will Kill You (2007) bleibt es trotzdem ruhig um die Crossover Skandinavier aus Schweden und Norwegen. 2017 dann die Hoffnung mit der Single Save Our Souls – ein neues Album gibt es trotzdem noch nicht. Scheiß drauf! Prisoners, Nothing Going On, Rosegrove und Nigger funktionieren immer noch. Etwas ins Alter gekommen, haben die Krallenfinger noch nichts verlernt. Two Sides, Recipe For Hate, Biggest & The Best oder The Price We Pay bilden Höhepunkte bei einer Band, die am heutigen Tag überrascht und als einer der Gewinner angepriesen werden darf. Jetzt muss nur langsam mal neues Material her, oder?

Ein medizinischer Notfall gegen 21.30 Uhr im Eingangsbereich zum Infield des Reload Festivals sorgt für einige Besucher für einen kleinen Schrecken. Beamte der Polizei sperren einen Teilbereich weiträumig ab. Ein Sprecher vor Ort sprach von einem „internistischen Vorfall“, weitere Angaben haben wir für euch leider nicht, hoffen aber, dass alle gesund und munter die Heimreise am Sonntag antreten können. Denkt bitte dran: Die Party ist wichtig, die Musik, der dröhnende Bass in der Magengrube – jedoch auch eure Gesundheit. Passt auf euch und eure Mitmenschen auf und helft, wenn es nötig ist!

Hatebreed oder Bullet For My Valentine – ich hätte glatt meinen Arsch dafür verwettet, dass Hatebreed den Headliner Zuschlag bekommen. Egal wo sie stehen, eine Machtdemonstration ist jeder Gig aufs Neue. Looking Down The Barrel Of Today läuft wie geschnitten Brot. Hardcore mit Punk Attitüde kann nur einen hemmungslosen Abriss bedeuten. Vorwerfen kann man den Amerikanern alles, nur nicht, dass sie nicht immer alles geben, um eine totale Zerstörung zu entfachen. I Will Be Heard gehört da ebenfalls ins Repertoire. Jamey Jasta hat eh ein Ding am Sender, läuft live in Sekunden heiß, da kommt ein Studiogeschoss um Längen nicht mit. Hatebreed ist eine Gruppe, die am besten performen kann und nicht ihre Stücke auf eine Konserve zwängen möchte. Da liegt das Zünglein auf der Waage – wer so gepolt wurde, auf egal welcher Bühne zu killen, der kann nicht anders und genau das wollen die Leute Abend für Abend sehen. Die letzten müden Knochen sitzen nicht mehr an ihrer Stelle – wer noch keinen guten Physiotherapeuten hat, sollte dieses schleunigst ändern, euer Körper wird es euch danken.

Ende aus Micky Maus. Im Zelt zocken Strenght ihre Pantera Cover und Mürderhead  – welch ein Wunder – Motörhead Cover. Bullet For My Valentine dürfen hingegen das Feld leerräumen. Hatebreed haben, wie erwartet, Spuren hinterlassen. Sichtbar fällt es schwer, noch mal 100% zu geben. Auch das grandiose Set lässt es nicht einfacher werden, der ganz große Kraftakt bleibt vor der Bühne aus. Keine Vorwürfe an Matthew Tuck: Titel wie Scream Aim Fire oder 4 Words (To Choke Upon) haben ihren Charme und könnten noch steiler gehen, nur die Luft wird immer dünner nach zwölf Stunden non Stop Beschallung. Das Interesse bleibt hoch, die Reihen bis hinter den Mischturm dicht gedrängt, nur körperliche Aktivitäten werden zurückgefahren und lieber in Ruhe dem Finale gelauscht. Kleine Pits, ein paar Surfer bleiben über für den Bastard aus (Melodic) Metalcore, Hard Rock, Heavy Metal, Thrash Metal und Alternativen Metal. Die Waliser bleiben ganz cool, ihr Stiefel steht, daran ändert auch der Ausklang bzw. Abschluss nichts. Eine Zugabe gibt es auch noch. Mit Tears Don’t Fall und Waking The Demon schließt das Reload 2019 seine Pforten und Bullet For My Valentine werden gebührend verabschiedet. Ein großes wie fulminantes Feuerwerk beendet die Sause endgültig und macht Lust auf das Jubiläum im nächsten Jahr. Bitte denkt dran, dass es eine Woche früher als gewohnt steigt.

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