Versengold – Autokino Tour 2020, Cruise Inn, Hamburg 04.07.2020

Auch zu Corona Zeiten tanzen wir nicht nach braunen Pfeifen

Eventname: Versengold – Autokino Tour 2020

Headliner: Versengold

Ort: Cruise Inn, Hamburg

Datum: 04.07.2020

Kosten: 79,00 € VVK je PKW mit 2 Personen, keine AK

Genre: Folk Rock, Mittelalter Rock

Besucher: ca. 666 PKWs

Veranstalter: Karsten Jahnke Konzertdirektion GmbH (kj.de)

Links: https://www.versengold.com/
https://www.facebook.com/Versengold/

Setliste:

  1. Intro Nordlicht
  2. Durch Den Sturm
  3. Niemals Sang- Und Klanglos
  4. Schöne Grüsse Von Zuhause
  5. Verliebt In Eine Insel
  6. Lichterloh
  7. Winterflut 1717
  8. Teufelstanz
  9. Der Tag, An Dem Die Götter Sich Betranken
  10. Solange Jemand Geige Spielt
  11. Mondlicht
  12. Feuergeist
  13. Hoch Die Krüge
  14. Braune Pfeifen
  15. Thekenmädchen
  16. Thekentune
  17. Mach Noch ‚Ne Runde
  18. Butter Bei Die Fische
  19. Ich Und Ein Fass Voller Wein
  20. Weinfass Tune
  21. Haut Mir Kein‘ Stein
  22. Abgesang

Samstag, der 04.07.2020 in einem Jahr, in dem man viele neue Erfahrungen macht. So steht für mich heute das erste und wahrscheinlich (wobei man das natürlich nie weiß) letzte Autokino Konzert meines Lebens auf dem Programm. Gerufen hatten die folkigen Bremer Stadtmusikanten, besser bekannt unter den Namen Versengold um Frontman Malte Hoyer. Seit 2003 existiert das Sextett, welches Malte in seinem Heimatort Osterholz-Scharmbeck, vor den Toren Bremens, als Hobbyprojekt zum Leben erweckte. Hoerensagen war 2005 der Erstling und bereits ein Jahr später erschien Allgebraeu. Mittlerweile sind es acht Studioalben aus der Feder von Versengold. Das aktuelle Werk heißt Nordlicht, welches 2019 erschien und einige Geschichten aus dem Teufelsmoor erzählt. Das 2017er Werk Funkenflug schaffte es bis auf Platz zwei der deutschen Albumcharts. Neben Bands wie Schandmaul oder Subway To Sally gehören Versengold schon länger zu den bekanntesten Genrevertretern des Mittelalter Rocks. Das 15. Bandjubiläum wurde übrigens nicht in Bremen, sondern im Hamburger Grünspan gefeiert.
Soweit zu dem, was da heute auf der Bühne stehen wird. Die Anreise zu einem Konzert erfolgt für mich seit einer Ewigkeit mit einem PKW inkl. Fahrdienst. Da ich natürlich auch keine Ahnung habe, welche Regeln für die Pressevertreter gelten, sind wir mehr als pünktlich vor Ort. Die Location ist wohl die schrägste Konzertumgebung meines Lebens. Dass man die Kräne vom Freihafen sieht, ist noch durchweg normal. Aber auf der anderen Seite steht eine Wand von Aida, sprich ein Kreuzfahrtschiff außer Dienst. Dazwischen ein Parkplatz, durchaus groß, eine Bühne und eine Leinwand, die ebenfalls größer als die Bühne ist (zumindest höher). Außerhalb des PKW gilt für alle Mundschutzpflicht. So geht es erst mal für mich nach draußen und die Umgebung erkunden. In der ersten Reihe sind einige geschmückte PKWs, mit Fahnen oder T-Shirts auf der Motorhaube. Es gibt eine kleine Gastronomie Ecke und einen mobilen Verkaufswagen mit Popcorn und Co. Was ich nicht gesehen habe, ist eine Merch Ecke, was natürlich für die Künstler blöd ist, da so auch diese Einnahmen aus dem Verkauf bei den Gigs wegfallen. Evtl. gibt es zukünftig eine Alternative auch für diesen Ansatz. Den Unterschied beim Verkauf von Popcorn vs. T-Shirts verstehe ich persönlich nicht ganz.

Dann zur Technik: Das Konzert wird über eine FM Frequenz auf die Autoradios in die PKWs übertragen. Das bedeutet für mich, dass ich den Sound der Band auf der Bühne und quasi als Verstärker den Sound aus den Autoradios dazu bekomme, während ich draußen unterwegs bin. So stehen die Pressevertreter pünktlich vor der Bühne und um 21 Uhr springt das Sextett auf die Bretter, die die Welt bedeuten und startet mit Durch Den Sturm vom aktuellen Longplayer. Die Herren explodieren förmlich vor Spielfreude. Gerade Bassist Eike und Daniel an der Gitarre springen fast wie Flummis umher und es ist vom ersten Moment sehr viel Bewegung. Wie es sich für einen anständigen norddeutschen Abend gehört, macht auch das Wetter mit und es gibt perfektes Hamburger Schmuddelwetter. Ich persönlich habe damit kein besonderes Problem, deutlich angenehmer als 30 Grad und knallende Sonne. Mit Niemals Sang- Und Klanglos gibt es schon recht früh einen Klassiker der Funkenflug auf die Ohren, gefolgt von Schöne Grüße Von Zuhause, dem Corona-Song von Versengold, welcher während des Lockdowns entstanden ist. Grüße auf die grüne Insel gibt es mit Verliebt In Eine Insel. Zwischen den Songs gibt es immer wieder Statements von Malte, welche ich allerdings nicht bzw. nur zum Teil verstehe, dazu hätte ich ein Radio am Ohr haben müssen. So geht es wohl auch um den Fußball in Bremen und Hamburg. Mit Lichterloh gibt es neue Musik aus dem Hause Versengold, während Winterflut 1717 an unschöne Geschehnisse der Vergangenheit erinnert. Irgendwann ist Malte dann als Fußgänger zwischen den PKWs unterwegs. Die Stimmung in den PKWs ist selbst für mich mit Kamera in der Hand greifbar. Es wird in den Karossen geschunkelt, gesungen und gefeiert. Malte dreht eine größere Runde über den Parkplatz mit Mikro und begrüßt die Anhänger. Vor dem Gig stand übrigens auf der Leinwand „bitte nicht hupen“. Das hatte sich schon lange erledigt, und der Applaus kommt heute aus der Hupe. Die Fraktion mit Violine und Nyckelharpa, Florian und Alexander, sprühen genauso vor Musik wie das gesamte Sextett. Hier sieht man eine Band, die mächtig Bock auf den Gig hat, die nicht von bereits 20 Konzerten in 20 Tagen ausgelaugt an der heutigen Location aufschlägt, sondern ein spezielles Programm nur für diese Show konzipiert hat und sich einfach nur freut, auf der Bühne zu stehen zu dürfen. Über Teufelstanz geht zu Der Tag, An Dem Die Götter Sich Betranken. Die Nummer kann im ersten Moment durchaus falsch interpretiert werden, es geht hier ganz bestimmt nicht um ein göttliches Besäufnis. Vielmehr stellen Versengold die Frage, warum es so viele Fehler im Konstrukt der Welt gibt. Solange Jemand Geige Spielt ist eine Hommage an die Musik und die Möglichkeit mit Musik viele Dinge besser zu fühlen, als es sich ohne Musik anfühlt. Schöne Grüße an die Herren der Politik bezüglich der Frage, ob Künstler systemrelevant sind. Über Mondlicht, Feuergeist und dem Feierbiest Hoch Die Krüge geht es zu ernsten Themen, aber natürlich tanzt und schunkelt heute niemand zu Braunen Pfeifen, welcher von einem Hupkonzert begleitet wird. Malte widmet das Thekenmädchen dem Thekenpersonal auf dieser Welt, das es ja momentan auch nicht ganz so einfach hat. Zum Ende des Tracks steigen Florian mit Violine und Daniel mit Gitarre auf die Ladefläche eines Kleinlasters, der mit den beiden eine Runde über den Parkplatz dreht. Der Kleinlaster bleibt dann in der Mitte des Parkplatzes stehen und Malte springt ebenfalls auf die Ladefläche, gefolgt von den restlichen Dreien. Nun ist also das Sextett in der Mitte der PKWs und es gibt ein Bier sowie a cappella Mach Noch ‚Ne Runde. Die Menschen hängen aus den Fenstern ihrer PKWs und es wird an vielen Ecken lauthals mitgegrölt. Nach dem Song machen sich die Protagonisten wieder auf die Bühne und es gibt eine spezielle Showeinlage vom Bassist Eike, der als Glam Rocker die Bühne entert. Das kann natürlich nur bedeuten, dass es nun Butter Bei Die Fische gibt. Tief in die Versengold Vergangenheit greifen die Herren nun und holen Ich Und Ein Fass Voller Wein (Allgebraeu, 2006) heraus, eine weitere Nummer zum Schunkeln und mitsingen, welches Malte genauer überprüft und eine weitere Runde über den Parkplatz dreht und dort gemeinsam mit den Fans den Refrain anstimmt. Ein Klassiker der letzten Jahre im Versengold Repertoire ist Haut Mir Kein‘ Stein, eigentlich ein nachdenklicher Song über Rituale zur Verabschiedung von lieb gewonnenen Menschen, welcher aber zum Leben und zum Feiern einladen soll, auch in Zeiten von social Distancing. Malte richtet nach dem Lied einen Appell an alle, die Künstler und Kulturschaffenden zu unterstützen in der harten Zeit. Es gibt viele Bands, denen es noch schlechter geht als Versengold, die gar keine Möglichkeit haben aufzutreten und nun teilweise sogar auf Hartz 4 abgerutscht sind. Dem können wir uns nur voll und ganz anschließen. Traditionell gibt es den Abgesang des Sextetts a cappella zum Ende der Show. Die Herren verneigen sich vor den PKWs (genauer gesagt vor den Personen, welche in den PKWs verweilen) und so endet mein erstes Autokonzert nach ca. 110 Minuten.

Ein Fazit zu schreiben, ist alles andere als einfach. Surreal oder unwirklich auf der einen Seite, weil man Konzerte natürlich ganz anders kennt. Auf der anderen Seite eine neue Erfahrung, eine Band, welche sich einen Arsch freut, auf der Bühne zu stehen, die eine spezielle Show für den Gig konzipiert hat, und so ist es sicher etwas Einzigartiges. Mit der neuen Regelung in Hamburg und den 1.000 Sitzplätzen Outdoor wird das Thema der Autokonzerte wohl bald Geschichte sein, aber wer weiß, manchmal wiederholt sich ja Geschichte. Wenn eine Band ein derartiges Autokonzert spielt und man die Musik mag – ich würde hinfahren. Wenn man nun mal umrechnet – 79 € kostete die Eintrittskarte für zwei Personen, jeder weitere Person auf der Rückbank 25 €. In dem PKW kannst du aber mitnehmen was du möchtest. Was bleibt bei einem normalen Gig an Geld an der Theke? Den Faktor muss man dazurechnen, dann sieht das Preis-Leistungs-Verhältnis schon völlig anders aus. Dazu bekommst du eine ausgeruhte Band, welche nicht seit vier Wochen auf Tour ist. Trotzdem freue ich mich auf das erste Outdoor Konzert, wo Boxen draußen stehen und die Lautsprecher wieder richtig Lärm machen.

Das Schlusswort soll Malte mit einem ganz speziellen Song haben. Dieser ist von Schandmaul und erzählt die Geschichte von Tjark Evers von Baltrum, der auf einer Sandbank strandete und seine Abschiedsworte verfasste, welche im Museum von Baltrum zu begutachten sind. Das Ganze singt Malte auf platt bei der 20 Jahre Schandmaul Show in Köln 2018 und ist meines Erachtens sehr hören- und sehenswert.

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