Bokassa – Riffs, Hooks, Breakdowns And Freedom Tour am 01.12.2019 im Schlachthof, Wiesbaden

Starker Headliner vs. lahmes Publikum

Eventname: Riffs, Hooks, Breakdowns And Freedom Tour 2019

Headliner: Bokassa

Vorbands: Shambala, Puppy

Location: Kesselhaus Schlachthof, Wiesbaden

Datum: 01.12.2019

Kosten: 20,00 € VVK zzgl. Gebühren, 25,00 € Abendkasse

Zuschauer: ca. 150

Setlisten:

Shambala:

  1. Trapped Inside
  2. Get Your Gun
  3. Deported Mankind

Puppy:

  1. Black Hole
  2. Agatha
  3. Star Of The Sea
  4. Powder Blue
  5. Just Liek You
  6. _fig.1
  7. Bathe In Blood
  8. _fig.2
  9. World Stands Still
  10. Serotonin
  11. Emtombed

Bokassa:

  1. Impending Doom
  2. Last Night (Was A Real Massacre)
  3. You Bring Party, I Bring Gasoline
  4. Captain Cold One
  5. Charmed & Extremely Treacherous
  6. No Control
  7. Crocsodile Dundee
  8. Narcissism Is Underrated
  9. Wrath Is Love
  10. Hellbilly Handfishin’
  11. Jam
  12. Genocidal Tendencies
  13. Retaliation
  14. Mouthbreathers Inc.
  15. Vultures
  16. Immortal Space Pirate (The Stoner Anthem)
  17. Walker Texas Danger
  18. Blunt Force Karma
  19. Only Gob Can Judge Me
  20. Five Finger Fuckhead

Wie verbringt der gemeine Metalhead den ersten Advent? Natürlich im Kreis seiner Familie! So war es lange im Vorfeld klar, dass dieses Jahr das Gastspiel von Bokassa im Kesselhaus des Wiesbadener Schlachthauses für ein Familientreffen (zumindest eines Teiles) des größten deutschen Metclub Chapters herhalten musste, sind uns die Norweger doch im Laufe des Sommers als Support auf der Metallica Open Air Tour in Europa ans Herz gewachsen.

Mit auf der Straße sind die Briten Puppy, und heute als lokaler Support Shambala, ein junges Trio aus dem benachbarten Bornheim. Gegründet vor etwas mehr als zwei Jahren können Shambala zwar noch keine Veröffentlichung vorweisen (dies soll in 2020 erfolgen), dafür aber von sich behaupten, in 2019 sowohl den Rock N Pop Youngsters Wettbewerb als auch den Rockbahnhof Wörrstadt (und damit einen Slot auf dem Neuborn Open Air Festival NOAF 2019) gewonnen zu haben. Heute haben sie Bühnenzeit für drei Songs ihres Stilmixes aus Grunge und Stoner Rock und wissen dabei musikalisch durchaus zu überzeugen.
Vor der gefühlt oder sogar tatsächlich (?) nur kniehohen Bühne herrscht jedoch leider “vornehme Zurückhaltung”.

Die folgenden Puppy, ebenfalls ein Trio, können mit drei EPs, einer LP, Touren u.a. im Vorprogramm von Monster Magnet und Festivalauftritten, z.B. auf dem Bloodstock Open Air schon erheblich mehr Erfahrung vorweisen. Optisch kann man sich hier eine Zusammenstellung aus Jay und Silent Bob an den Saiteninstrumenten und Phil Anselmo am Schlagzeug vorstellen, musikalisch ist das Dargebotene schwer zu fassen. Von Indie Rock über Grunge bis thrashigen Metal ist hier so vieles enthalten. Entsprechend zwiegespalten sind auch die Publikumsreaktionen von “Klasse” bis “die gehen gar nicht!” Das liegt in erster Linie an Sänger Jock Norton, an dessen gewöhnungsbedürftiger Stimme sich die Geister scheiden. Zwischen den Songs kann er aber auch die von ihm wenig Begeisterten durch humorvolle Kommunikation überzeugen und lässt sich auch nicht durch einen Entenstimmen imitierenden Besucher aus dem Konzept bringen. “What the duck?”, ist da nicht die bzw. seine treffende Frage, interessanter wäre, welche Drogen der Ententyp eingeworfen hat. Highlight und Hingucker der Show und der Band ist Drummer Billy Howard Price, der ausnahmslos zu begeistern weiß und auf sein Schlagzeug eindrischt, dass es eine wahre Pracht ist. Chapeau!

Die Publikumsreaktionen haben sich bei Puppy zwar schon etwas gesteigert, die Menschendichte vor der Bühne ist aber auch hier so gering, dass ein Volltrunkener keine Chance zum Flippen hätte und stattdessen sofort den Boden küssen würde.

Aber genauso wie ich, scheinen mindestens 95 % des Publikums wegen Bokassa hier zu sein: Viele vertraute Gesichter und Metallica Shirts, wo man nur hinschaut – mehr ein Klassenausflug, als das eingangs erwähnte Familientreffen. Für den ersten Adventssonntag jedenfalls ein ordentlicher Besuch im Kesselhaus, den sich die Norweger über den Sommer redlich erspielt und verdient haben.
Waren sie Anfang Mai in Lissabon noch sichtlich nervös ob der Unsicherheit, was sie erwartet, wie sie vom Publikum aufgenommen werden und auf der riesigen Bühne durch die Verkabelung der Instrumente an einen kleinen Aktionsradius gefesselt, haben sie sich im Laufe der Tour nicht nur von der Verkabelung gelöst, sondern vielmehr zu selbstsicheren und routinierten Livemusikern entwickelt, die sowohl die Menge als auch die weitläufige Stage im Griff hatten. Die durch Besuche der Pre-Partys gezeigte Fannähe hat dem Trio darüber hinaus viele Freunde beschert, und war für den weiteren Karriereweg sicherlich auch förderlich.
Wie schon bei den Vorbands macht es das Wiesbadener Publikum auch dem Hauptact nicht leicht und wenig Anstand in Ekstase zu verfallen oder zumindest ordentlich den Bär steppen zu lassen. Die verhaltenen Reaktionen bei Shambala und Puppy waren also nicht ausschließlich auf das Unbekannte und Gewöhnungsbedürftige zurückzuführen. Vermutlich ist es heute eine Mischung aus Wochentag sowie des Umstandes, dass das nicht vollgepackte Kesselhaus mit seiner niedrigen Bühne heute eher den Charme eines schlecht besuchten Discoabends in einem Jugendzentrum versprüht. Erschwerend kommt hinzu, dass der Großteil der Besucher dann wohl doch eher anwesend ist, um vorweihnachtlich nostalgisch in Erinnerungen an den Toursommer mit Metallica schwelgend Bokassa die Aufwartung zu machen.
Die zeigen sich davon gänzlich unbeeindruckt und ziehen einfach ihr Ding durch. Angetrieben von Drummer und Grinsekatze Olav Dowkes werden den Anwesenden 20 sozialkritische Songs um die Ohren – im positiven Sinne – gerotzt, unterbrochen von humorvollen Ansagen des kommunikativen Jørn Kaarstad. Dem Fass den Boden aus schlägt aber Bassist Bård Linga, der sich zu einer echten Rampensau entwickelt hat und es sich nicht nehmen lässt, mehrmals den Weg von der Bühne in die ersten Reihen zu nehmen, um dort amtlich abzurocken. Geil!

Nach getaner Arbeit nehmen sich die drei dann auch direkt die Zeit, nassgeschwitzt jeden Plausch, Autogramm- und Bilderwunsch zu erfüllen und entlassen somit zufrieden Gesichter in die Weihnachtszeit.

Fazit: Ein ordentlicher lokaler Nachwuchssupport (auf dessen ersten Output in 2020 man gespannt sein darf), ein zwiespältiger britischer Support und ein starker Headliner, der ein aktiveres und enthusiastischeres Publikum verdient hatte.

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