Cannibal Corpse – Violence Unimagined

Das musikalische Motto der Death Metal Legende lautet: umzingeln, töten, verschlingen

Artist: Cannibal Corpse

Herkunft: Tampa, Florida, USA

Album: Violence Unimagined

Spiellänge: 42:54 Minuten

Genre: Death Metal

Release: 16.04.2021

Label: Metal Blade Records

Link: http://cannibalcorpse.net/

Bandmitglieder:

Gesang – George „Corpsegrinder“ Fisher
Gitarre – Erik Rutan
Gitarre – Rob Barrett
Bassgitarre – Alex Webster
Schlagzeug – Paul Mazurkiewicz

Tracklist:

  1. Murderous Rampage
  2. Necrogenic Resurrection
  3. Inhumane Harvest
  4. Condemnation Contagion
  5. Surround, Kill, Devour
  6. Ritual Annihilation
  7. Follow The Blood
  8. Bound And Burned
  9. Slowly Sawn
  10. Overtorture
  11. Cerements Of The Flayed

Seit über 30 Jahren terrorisieren die amerikanischen Schlächter von Cannibal Corpse bereits die Metalszene und diverse moralische Politiker gleichermaßen. Wer hat nicht schon mal hämisch grinsend versucht, einem Nicht-Metal-Kumpel Klassiker wie Hammer Smashed Faced unterzujubeln. Egal ob Karriere-Highlights wie das Debüt Eaten Back To Life, den witzigen Auftritt in Jim Carreys Komödie Ace Ventura – Ein tierischer Detektiv oder Meilensteinen des Death Metal wie Bloodthirst und KillCannibal Corpse arbeiten unbeirrt und mit chirurgischer Präzision weiter an ihrem blutigen Vermächtnis. Album Nummer 15 trägt den Titel Violence Unimagined und erscheint am 16. April bei Metal Blade Records.  

Vom originalen Line-Up sind nur noch Bassist Alex Webster und Drummer Paul Mazurkiewicz vorhanden. Seit Anfang 2021 ist offiziell Erik Rutan (ex-Morbid Angel, Hate Eternal) an der zweiten Gitarre zu finden. Der Produzent, der bereits vier Corpse-Scheiben zurechtgefräst hat, hilft seit 2019 als Tourgitarrist aus, da der langjährige Saitenquäler Pat O’Brien aufgrund diverser Delikte einsitzen musste und sich weiterhin mit persönlichen Dämonen herumschlägt. Das lebensbejahende Coverartwort stammt wie gewohnt vom „Meister des Gemetzels“ Vince Locke. In weiser Voraussicht wurden zwei Cover angefertigt, da das Original so oder so wieder in einigen Ländern auf dem Index landet. Laut Alex Webster sind Cannibal Corpse auf Violence Unimagined an ihre Schmerzgrenze gegangen und haben sämtliche Grenzen ausgelotet. Bedingt durch den Songwriting-Einfluss von Erik Rutan haben wir es hier laut Websters Aussage mit dem bisher anspruchsvollsten Drumming der Bandgeschichte zu tun. Ebenfalls gesteigert wurde das Brutalitätslevel der Texte.

Persönlich würde ich mich nicht als riesengroßen Fan des Genres Death Metal bezeichnen. Dennoch haben Cannibal Corpse bei mir seit ca. 20 Jahren eine Art Sonderstatus eingenommen. Liegt es an den Shirts, mit dem man in der Schule richtig schön schocken konnte? Oder an den Ende der Neunziger veröffentlichten Meisterwerken Gallery Of Suicide und Bloodthirst? Vielleicht auch am coolen Auftreten von „halb Mensch, halb Nacken“ George „Corpsegrinder“ Fisher, der auf der Bühne eine Mischung aus Ventilator und Wrestler abgibt? Sei’s drum, allein von der technischen Leistung der instrumentalen Fraktion können sich andere Bands eine große Scheibe mit der Kettensäge abschneiden.

Wir starten den blutgetränkten Amoklauf der Amerikaner mit Murderous Rampage: Kein Intro, kein Geplänkel, kein Bullshit – hier steigen Drums, Bass und die Gitarren von Rob Barrett und Erik Rutan gleich voll ein. Nach wenigen Sekunden gesellen sich auch die Growls dazu. Zugegeben, ich bin definitiv im Team Corpsegrinder. Er ist einer der wenigen Death Metal Frontmänner, die man trotz aller Brutalität gut versteht. Wer nach über 25 Jahren der Abwesenheit immer noch Original-Grunzer Chris Barnes hinterhertrauert, der dürfte spätestens nach dem neuesten Erguss seiner Band Six Feet Under seine Meinung revidieren. Der Sound drückt, klingt aber etwas organischer als in der Vergangenheit. Eventuell fehlt etwas Fokus auf Bass und Doublebass, aber das ist meine persönliche Vorliebe. Wer eine Legende wie Erik Rutan in der Band hat, ist in den richtigen Händen. Ansonsten gibt es im Opener ordentlich auf die Fresse. Raserei wechselt sich mit fetten Moshparts ab. Alex Webster hat nicht zu viel versprochen, nach diesem ersten beeindruckenden Arbeitsnachweis von Paul Mazurkiewicz.

Die sägenden Riffs von Necrogenic Resurrection ertönen durch einen Dual Rectifier und einen 5150 plus Maxon Overdrive für die anderen Spuren (für die Gitarren-Nerds), wie Rutan im Interview mit Guitarworld verriet. In der Vergangenheit wurden immer wieder Rufe laut, dass CC-Alben immer gleich klingen würden. Wer das behauptet, setzt sich nicht mit den Details auseinander. Im zweiten Song auf Violence Unimagined sind es neben dem geilen Hauptriff z. B. die gekonnt gesetzten Drummfills, das fiese „Kopf-ab-Break“ im Mittelteil und dieser kleine, aber feine Beckeneinsatz bei Minute 2:34.

Die vorab veröffentlichte Single Inhumane Harvest (dt. unmenschliche Ernte) lief bei mir schon einige Runden, bevor das Album eintraf. Glaubt man den Reaktionen auf Social Media, so hat der Song das Zeug zum Bandklassiker. Inhaltlich beschäftigen sich Cannibal Corpse nicht mit Splatter-Fantasien, sondern mit grausamer Wahrheit: Es geht um den Organhandel des organisierten Verbrechens in China. Musikalisch hat Inhumane Harvest tatsächlich alles, was ich an der Band liebe – Highspeed-Geknüppel, ultrafette Moshparts und brutale Lyrics. Wer das Video sehen möchte, sollte sich beeilen, weil es vermutlich nicht mehr lange auf YouTube verweilt.

In Condemnation Contagion überrumpelt der Corpsegrinder den Hörer ohne Vorwarnung mit seinen Growls. Der Song durchbricht erstmals die Struktur der ersten drei Songs. Paul Mazurkiewicz muss erneut alle Tricks aus dem Ärmel schütteln. Das klingt nach frischem Wind, klingt nach Rutan und fast schon so progressiv wie zu Zeiten von Gallery Of Suicide. Das Introriff von Surround, Kill, Devour erinnert entfernt an Sentenced To Burn, einen Klassiker, der ebenfalls vom GOS-Album stammt. Der vorliegende Track hat schon fast einen eingängigen Refrain und einige Thrashvibes. Sehr abwechslungsreich mit genügend Passagen zum gepflegten Headbangen – geht ins Ohr, bleibt im Kopf.

In Ritual Annihilation kommen zunächst wieder alle Highspeed-Jünger auf ihre Kosten, bevor meine heißgeliebten Riffs im Sinne von „alles und jeden zerschneiden“ wieder die Bühne betreten. Das quietschende Solo darf nicht fehlen, sodass auch der letzte Zombie die Botschaft gehört hat. Und jetzt alle Untoten im Chor: „Follow the blood“. Nicht nur, dass der gleichnamige nächste Titel einen Refrain zum gemeinschaftlichen Mitgrunzen parat hält, hier wird auch ohne Gnade „geprog-deathed“ und ein halsbrecherischer Part an den nächsten getackert – geiler Scheiß.

Irgendwie erinnert mich das kurz eingestreute, wiederkehrende Thema von Bound And Burned an einen Metallica-Song, bleibt nur offen, welcher es ist. Wie schon in einigen vorangegangen Songs wird auch hier kein Anhänger eingängiger 4/4-Takte zum neuen Fan der Band. Jemandem, der gleichermaßen auf komplexes Gefrickel und amtliches Geschredder steht, wird jedoch der Sabber aus den Mundwinkeln laufen. Slowly Sawn (dt. langsam sägend), ist mein bereits erwähntes Lieblingsmotiv bei Cannibal Corpse. Sei es durch die Midtempo-Passagen, die Drumbeats oder die Gitarren, die kurzfristig auf eine Seite der Lautsprecher gelegt werden – dieser Sound demonstriert einfach eine rostige Kettensäge, die den Hörer in Zeitlupe in Scheiben schneidet.

Der Hochgeschwindigkeitszug namens Overtorture stellt die Weichen um und reißt auf seiner Höllenfahrt alles und jeden in den Abgrund. Fans von Songs wie The Time To Kill Is Now kommen in zweieinhalb Minuten voll auf ihre Kosten. Die unmenschlichen Riffs werden garniert von einem eingestreuten Echoeffekt auf der Stimme des Corpsegrinders und lässigen Passagen, bei denen nur der Bass zu hören ist – was für ein Ritt! Für den letzten Song namens Cerements Of The Flayed tun mir Cannibal Corpse den Gefallen und gehen soundtechnisch wieder in Richtung der „Selbstmord-Gallerie“. Alle Kräfte werden erneut mobilisiert und ins Finale eines gelungenen Werkes gesteckt.

Cannibal Corpse – Violence Unimagined
Fazit
Das neue Album der Splatter-Könige kommt ganz und gar ohne Füllmaterial aus und dennoch muss ich mir erst mal eine kalte Flasche Wasser über den Kopf schütten, damit der Fanboy in mir nicht die Oberhand gewinnt. Auch auf Album Nummer 15 erfinden Cannibal Corpse weder sich, noch den Death Metal neu. Durch den frischen Wind des neuen Bandmitglieds Erik Rutan, wurde dennoch alles an Kreativität ausgelotet, was die Amerikaner zu bieten haben. Diese Tatsache ist angesichts ihrer langen Karriere mehr als bemerkenswert. Violence Unimagined landet in meinem persönlichen Albumranking der Band in den Top Five.

Anspieltipps: Inhumane Harvest, Surround, Kill, Devour, Follow The Blood und Overtorture
Florian W.
9
Leser Bewertung47 Bewertungen
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