Frost* – Day And Age

„Enjoy yourselves you scum“

Artist: Frost*

Herkunft: Großbritannien

Album: Day And Age

Spiellänge: 53:16 Minuten

Genre: Artrock, Progressive Rock

Release: 14.05.2021

Label: InsideOut Music

Link: https://www.facebook.com/frostlife

Bandmitglieder:

Keyboard, Chapman Stick und Gesang – Jem Godfrey
Gitarre, Bassgitarre und Gesang – John Mitchell
Bassgitarre, Keyboard und Gesang – Nathan King

Gastmusiker:

Schlagzeug – Kaz Rodriguez
Schlagzeug – Darby Todd
Schlagzeug – Pat Mastelotto

Tracklist:

  1. Day And Age
  2. Terrestrial
  3. Waiting For The Lie
  4. The Boy Who Stood Still
  5. Island Life
  6. Skywards
  7. Kill The Orchestra
  8. Repeat To Fade

InsideOut und Progressive Rock? Da kann das Schlagwort „Supergroup“ nicht fern sein. Frost* dürften nicht jedem Genrefan ein Begriff sein. Spätestens wenn die Namen der Beteiligten fallen, fangen die Augen zahlreicher Artrock Proggies an zu leuchten.

2004 gründete Sänger und Keyboarder Jem Godfrey das Projekt Frost*. Godfrey hatte sich bis dahin als Komponist seichter Popmusik wie Atomic Kitten oder Ronan Keating einen Namen gemacht. Diese Tatsache hinderte ihn jedoch nicht daran, im Jahr 2006 das Album Milliontown aufzunehmen, welches von vielen als Klassiker des modernen Prog Rock angesehen wird – meine Person eingeschlossen. Allen voran der 26-minütige Titelsong ist nichts weiter als eine Offenbarung des Neo Prog. Das Werk wurde damals in folgender Besetzung eingespielt: Jem Godfrey am Mikro und an den Tasten, John Mitchell (Arena, Kino, It Bites) an der Gitarre und ebenfalls am Mikro, John Jowitt (Ark) am Bass, Andy Edwards (ex-IQ) an den Drums sowie John Boyes an der zweiten Gitarre. Jetzt wird die Richtung von Frost* klarer.

Das 2008 erschienene Album Experiments In Mass Appeal stellte auch durch den neuen Sänger Dec Burke und die kompositorische Herangehensweise ein Gegenstück zum Debüt dar. Deutlich reduzierter und songorientierter rauschten die Kompositionen durch den Äther.

Die aktuelle Besetzung mit Godfrey, Mitchell und Bassist Nathan King (Level 42) feierte 2016 auf dem Album Falling Satellites ihren Einstand. Damals noch mit Craig Blundell (Steven Wilson) an der Schießbude. Da die Band nach dem Ausstieg von Blundell 2019 keine Lust mehr auf das Spiel „Drumstick wechsel dich“ hatte, entschieden sich Frost* als Trio weiterzumachen. Um ihrem Sound mehr Variationen zu verleihen, teilen sich den Job an den Drums gleich drei Gastmusiker: Kaz Rodriguez (Chaka Khan, Josh Groban), Darby Todd (The Darkness, Martin Barre) und Pat Mastelotto (Mr. Mister, King Crimson).

Puh, eine Menge großer Namen. Kommt am Ende ein Meisterwerk dabei raus oder verderben viele Köche den Brei? Unterm Strich sind die Hauptsongwriter Godfrey und der großartige John Mitchell für die Songs auf Day And Age verantwortlich. Die Aufnahmen teilten sich in zwei unterschiedliche Sessions: Phase eins fand im September 2019 in einer Hütte in Cornwall statt, in der sich Godfrey und Mitchell ein Aufnahmestudio einrichteten. In Phase zwei versammelten sich alle drei Bandmitglieder im tiefsten Winter in einem umgebauten Küstenwachturm im englischen East Sussex – very British, indeed.

Das von einer Mädchenstimme gesprochene Intro leitet den Titelsong Day And Age ein und schließt mit den Worten: „Enjoy yourselves you scum“. Dieser Satz stammt von John Mitchell, der ihn während der Aufnahme-Session in East Sussex ins Mikro schrie. „Enjoy yourselves“ ist ein wiederkehrendes Thema auf dem Album. Was dann folgt, ist eine knapp 12-minütiges Art/Prog Rock Feuerwerk der Extraklasse. Schade, dass Frost* diesen Song lediglich in einer gekürzten fünf Minuten Fassung angeteasert haben, denn diese erzählt nicht die ganze Wahrheit. Was bleibt, ist die einprägsame Leitmelodie und die mal mehr, mal weniger ausgeprägte düstere Atmosphäre, die sich durch Day And Age zieht und sich als „positive Melancholie“ bezeichnen lässt. Die zweite Hälfte der „langen Version“ ist entscheidend. Denn diese liefert neben dem eh schon genialen Refrain aus Hälfte eins wieder die hypnotische Stimme des Mädchens nebst wahnwitzigen Drum-Salven von Kaz Rodriguez. Hätte auch gerne doppelt so lange gehen können.

Terrestrial erzählt die Geschichte von Donald Crowhurst, der während eines Segelwettbewerbs Ende der 60er verschwand und nie gefunden wurde. Musikalisch geht es dezent härter zur Sache. Ich ordne die Musik von Frost* gerne in die Kategorie Progressive Power Pop ein. Da alle beteiligten Musiker mit so viel Talent gesegnet sind, wird’s auch nie langweilig. Oder um einen YouTube-Kommentar zu diesem Song zu zitieren: „[Folder] – Music – Frost* – Bad Songs (!) This Folder is empty.“ Dominant treten hier die spacigen Synthies in den Vordergrund und mich dürstet es nach mehr.

Waiting For The Lie hat mich erhört und liefert wieder ein starkes Keyboard-Leitmotiv. Allerdings eher im klassischen Sinn. Dazu zieht mich der hypnotische Gesang in seinen Bann. Alles fließt enorm harmonisch, was erstaunlich ist angesichts der Tatsache, dass die beteiligten Musiker nur alle Jubeljahre mal zusammen ins Studio finden. Ich schließe die Augen und träume, bevor mich die Stimme des Mädchens sanft weckt: „Wake up.“

Die Spoken-Word-Performance in The Boy Who Stood Still stammt vom britischen Schauspieler Jason Isaacs, der vor allem durch seine Rolle als Lucius Malfoy in der Harry Potter-Filmreihe bekannt geworden ist. Zunächst lies mich diese Interpretation kalt, nach mehreren Durchläufen könnte sich der von 80s-Synthiepop durchzogene Song jedoch als heimlicher Star herausstellen. Unkonventionell und spannend.

Willkommen auf der Insel: Nathan Kings Basslinien schmeißen im luftigen Island Life alle aus der Hängematte und animieren zum Abdancen. So Frost*ig geht’s auf diesem Album nicht zur Sache, und da zum blauen Meer auch der blaue Himmel gehört, leiten wir über zu Skywards. Da auch die Protagonisten von Frost* ihre Helden haben, freuen sich laut John Mitchell alle Bandmitglieder besonders über die Zusammenarbeit mit Drum-Legende Pat Mastelotto (u. a. Mr. Mister), der in diesem Song einen passenden 80s-Backbeat liefert.

Kill The Orchestra heißt der zweite Longtrack auf Day And Age. Dieser leitet zunächst mit fragilen Pianoklängen und emotionalen Gesangspassagen ein. Immer wieder gibt es kleine Ausbrüche, die diesem Stück die Variabilität verleihen. Ich bin ein großer Fan von Gitarristen, die von David Gilmour beeinflusst wurden, so auch John Mitchell, der seiner Klampfe gegen Ende des Songs noch ein paar „floydige“ Töne entlockt. Der letzte Song Repeat To Fade bringt Mr. Mastelotto wieder zurück an die Schießbude – und wie! Der mittlerweile 65-Jährige zerlegt die Felle nach Strich und Faden und liefert somit einen mächtigen Rückhalt für den tollen Abschluss des Albums.

Last but not least sei noch das wunderbare Albumcover erwähnt: Erschaffen von Carl Glover (Steven Wilson, Marillion) spiegelt es perfekt das Leitthema von Day And Age wider, zudem ich Mastermind Jem Godfrey die letzten Worte überlasse: Day And Age handelt davon, dass wir ein Planet voller Sender geworden sind. Jeder hat die Macht, seine Gedanken weit und breit zu übertragen. Aber niemand hört zu, weil er zu sehr mit dem Senden beschäftigt ist.“

Frost* – Day And Age
Fazit
Auf Album Nummer vier liefern Frost* mal wieder eine faszinierende Mischung aus Artrock, Prog und Pop. Immer mit den entscheidenden Nuancen, um sich nicht zu wiederholen, aber dennoch alte Fans in Verzückung zu versetzen. Obwohl es unzählige sogenannte Supergroups in den genannten Genres gibt, haben Frost* doch eine ganz eigene Faszination. Day And Age ist eine klare Empfehlung für alle, denen viele Progbands zu sperrig wirken und die mit den Hauptbands der Protagonisten wie Arena, IQ, Kino vertraut sind. Anhänger von 60s/70s Power Pop und 80s Synthiepop sind ebenfalls herzlich zu 50 Minuten Realitätsflucht eingeladen.

Anspieltipps: Day And Age, Waiting For The Lie und Repeat To Fade
Florian W.
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