Sag niemals nie. Wenn den Unantastbaren der Dolch in den Rücken getrieben wird, dann stehen viele Spötter am Straßenrand und sagen: Hab’s doch immer gesagt. So auch bei dem kalifornischen Esoterik-Post-Hardcore-Kollektiv Neurosis. Wer über allen schwebt, fällt tief. Wer die Welt verbessern möchte, scheitert. Doch Neurosis wären nicht sie selbst, wenn sie selbst den Dolchstoß durch Gründer Scott Kelly in positive Energie umwandeln könnten. Vollkommen überraschend steht An Undying Love For A Burning World wie ein Monolith im Raum – ganz 2001-mäßig.
Sich schüttelnd steht man nun diesen acht Songs gegenüber und fühlt sich live in einem Mahlstrom der Irritationen und Erwartungen und Hoffnungen durcheinandergewirbelt. Alle drei Emotionen werden auf das Ärgste gespannt. Neurosis kehren nicht zu ihren metallischen Hardcore-Wurzeln zurück, sie machen aber auch nicht dort weiter, wo sie 2016 mit Fires Within Fires aufgehört haben. Der Fünfer hört sich live an, direkt und natürlich. Sie haben vieles über Bord geworfen und so zur Erde zurückgefunden. Neurosis anno 2026 klingen bodenständiger, eher nach Scheune als nach Hightech-Studio.
They Are Torn Wide Open
Neu machen Neurosis nichts, nur anders. Ihrem schwer groovenden Vibe blieben sie treu. Ihre Elektronik ist hingegen moderner geworden, nicht nur Stimmungsmacher. Sie sind zwei Schritte zurückgegangen, um einen in eine neue, andere Richtung zu gehen. Die letzten Großwerke von Axegrinder und Amebix – Satori und Sonic Mass – flimmern bedeutungsschwanger durch den Äther der Wiedererkennung. Dies bildet ein magisches Dreigestirn aus düsterem, wegweisendem Post Crust. Neurosis sind aber Amis, sodass sie weniger William Wallace folgen als die Wunden der amerikanischen Sünde an den First Nations offenlegen.
Auf Basis von Roeders vielfältigem, wie treibendem Rhythmus kämpft die Stimme von Von Till zusammen mit der von Edwards gegen ein urwüchsiges Crescendo an. Landis legt dazu die stimmungsvolle Klanglandschaft darunter und spielt sich mehr in den Vordergrund als bisher gewohnt. Insgesamt sind die Gitarren wieder bestimmender und dramatischer als zuletzt. Der überraschend einfache und nicht mehr so übermäßig ausufernde Sound erdet die Herren des post-metallischen Melodrams in urwüchsiger Weise. Neurosis stehen wieder mit allen Beinen auf dem Boden.
Souls Back To Zero
Steve Von Till, Dave Edwards, Jason Roeder und Noah Landis besinnen sich auf das Wesentliche ihrer Musik zurück. Und das ist die atmosphärische, dramatische und authentische Stimmung mit dieser notwendigen Kante Killing Joke. Wer ein Follow-up zu Fires Within Fires erwartet hat, kann sich getrost wieder hinlegen. An Undying Love For A Burning World ist die Wiederauferstehung eines uralten Mythos, der seit 1992, seit Souls At Zero bzw. 1988 mit dem Urknall Pain Of Mind seine Bahnen durch die Szene zieht. 38 Jahre musikalische Entwicklung in einem Album.
Hier geht es lang für weitere Informationen zu Neurosis – An Undying Love For A Burning World in unserem Time For Metal Release-Kalender.



