Sphinx – Here We Are (Re-Release)

Eine Prog-Metal-Zeitreise zu den frühen Achtzigern

Artist: Sphinx

Herkunft: Raum Stuttgart, Deutschland

Album: Here We Are

Spiellänge: 39:47 Minuten

Genre: Alternative Rock, Hardrock, Krautrock

Release: 05.03.2021 (Re-Release von 1981)

Label: Golden Core / ZYX Music

Links: https://www.facebook.com/Goldencorerecords

Bandmitglieder:

Gesang – Rolando Scarponi
Gitarre – Thomas „Tommy“ Metzger
Bass – Rocco D’Ambrosio
Schlagzeug – Michele „Mike“ Catena
Keyboards – Rosario CondelloThomas Kircher

Tracklist:

  1. Burning Lights
  2. Jane
  3. Superstar
  4. I Quell Angolo
  5. Spirit Of Life
  6. 666
  7. Galley

Bevor Dream Theater das Licht der Welt erblickten, gab es Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger eine international belächelte Szene. Liebevoll als Krautrock bezeichnet, probierten sich deutsche Bands aus. Camel, Kraan, Jane, Novalis, Grobschnitt, Guru Guru sind nur einige, die mir gerade einfallen. Dazu gehörten auch Sphinx, die aus dem Raum Stuttgart kommend für Furore sorgten. 1977 gründete sich die Band, die zum größten Teil aus italienischen Gastarbeitersöhnen bestand, was der Gruppe einen internationalen Flair verlieh.

Die frischgebackene Firma GAMA nahm die Gruppe unter Vertrag und nahm mit ihnen im hauseigenen Spygel Studio (benannt nach der Folkband Eulenspygel, da die beiden Inhaber dort spielten) in Kirchheim/Teck diese erste und leider auch einzige LP auf. Sphinx lösten sich bald darauf auf. Einzig ihr Gitarrist Thomas Metzger machte weiter von sich Reden. Parallel spielte er bei der Band Piledriver, der das gleiche Schicksal beschienen war. Aber kurze Zeit später wurde er als Tommy Newton mit Victory und als Produzent bekannt.

Spinx Bandfoto 1981

„Rock Made In Italy“ stand auf der Originalhülle von Here We Are. Ein Promotiongag, um nicht auch als German Kraut eingeordnet zu werden. Die LP erschien 1981 bei Peak, einem Label der Firma GAMA, die zu diesem Zeitpunkt noch ganz neu im Geschäft war. Natürlich konnte dieses neue Label ein solch erstklassiges Produkt noch nicht am Markt durchsetzen. 1985 erschien die LP als Burning Lights mit umgestellter Trackliste und verändertem Cover ein zweites Mal. Sie war ein wenig erfolgreicher, aber die Musikwelt war noch immer nicht reif für dieses Produkt. Dream Theater gründeten sich gerade erst, Genesis verließen das Prog-Rock-Genre und wurden mit Duke, einem kommerziellen Rockalbum erfolgreich.

Texte liegen mir leider nicht vor, so konzentriere ich mich ausschließlich auf die Musik. Die sieben Songs auf dem Album beinhalten alles, was die internationale Musikszene später als selbstverständlich erachtet. Harte Gitarrenriffs, Keybords mit bis dahin ungeahnten Klangfolgen. Sprachlich wechseln die Texte zwischen Englisch und italienisch. So etwas gab es bis dato auf dem deutschen Markt noch nicht. Der Opener Burning Lights nimmt ein Thema der Hannoveraner Jane aus dem Jahr 1976 auf, entwickelt daraus einen mit Tempowechseln durchzogenen, radiotauglichen Song. Der zweite Song, der sicher nur zufällig Jane heißt, startet mit Glockengeläut. Aber auch hier entwickelt sich ein tanzbarer Song, der so in die Zeit passte. Ein Chor im Hintergrund verleiht dem Song punktuelles Gewicht. Superstar beginnt dann gleich mit einem einprägsamen Gitarrenriff. Für die damalige Zeit nicht radiotauglich und dem Prog-Rock-Genre folgend, entwickelt sich ein ganz anderes Klangmuster. Einprägsame Keybords unterstützen und ziehen den Song. Bis auf den Opener sind übrigens alle Songs jenseits der Dreieinhalb-Minuten-Radiomarke. I Quell Angolo ist ein Song, den man als Ballade des Albums einstufen kann. Auf Italienisch gesungen passt er zu dem Italo-Sound, der Mitte der Achtziger in allen Diskotheken gespielt wurde. Auch da war die Band der Zeit voraus. Spirit Of Live startet mit einem Sandsturm aus dem Keyboard. Langsame Passagen lassen den Song reifen. Das Keyboard bestimmt zusammen mit dem Schlagzeug und dem Gesang das Geschehen. Erst nach viereinhalb Minuten wird ein schneller Rocksong daraus, um wieder in eine ruhige Stimmung zu verfallen. Mit über siebeneinhalb Minuten Tempowechsel der längste Song des Albums. Er enthält alles, was ein Fan dieses Genres zu der Zeit hören wollte. 666 als sechster Song dürfte kein Zufall sein. Der bisher schnellste Song schlägt ganz andere Töne an. Er erinnert mich an Kansas. Ein bisschen ELO, ein bisschen Deep Purple vielleicht? Mit Galley endet nun die Zeitreise. Typisch für die Zeit ein gesanglastiger Midtempo-Song. Klasse Keyboards, Stimme auf den Punkt. Trotzdem ist es meiner Meinung nach der schwächste Song des Albums.

Golden Core legt nun sechs dieser Perlen aus dem GAMA-Erbe neu auf. Nach der Piledriver-CD (Review hier) möchten sie mit dieser Neuauflage ein weiteres Stück deutsche Musikgeschichte retten und jüngeren Generationen zur Verfügung stellen. Golden Core entschieden sich, die Wiederveröffentlichung auf der Originalversion von 1981 aufzubauen. Als Audioquelle für das Remaster von Neudi diente die sehr rare CD der Firma Audiophon von 1990. Das Cover wurde fast im Original belassen. Lediglich das „Made In Italy“ wurde herausretuschiert. Erscheinen wird das Album als CD sowie als klassische schwarze Vinyl. Darüber hinaus ist es auch auf den digitalen Kanälen als Download und Stream zu finden. Das CD-Booklet und LP-Inlay enthält unveröffentlichte Fotos, die Sänger Rolando Scarponi zur Verfügung gestellt hat. Dazu gibt es Liner Notes, die auf einem Interview mit einem Zeitzeugen (Piledriver-Sänger Thomas Metzger) und mit einem Fan (Sven The Axe von Solemnity) basieren.

Sphinx – Here We Are (Re-Release)
Fazit
Ein weiteres Stück Zeitgeschichte, das vor dem Verfall gerettet wird. Je häufiger ich das Album höre, je mehr kommen die Erinnerungen an diese Zeit wieder. Man traf sich mit Freunden und lauschte mit 100 oder 150 anderen in kleinen Klubs Bands wie diesen. Alles friedlich, alles ruhig, alles ohne Mainstream.

Anspieltipps: Burning Lights und Superstar
Norbert C.
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