Bands: Youth Code, King Yosef, Street Sects
Ort: Kesselhaus im Schlachthof Wiesbaden, Murnaustraße 1, 65189 Wiesbaden
Datum: 07.02.2026
Kosten: 32,75 € VVK, 34 € AK
Genre: EBM, Experimental, Industrial, Noise, Hardcore
Veranstalter: Schlachthof Wiesbaden
Link: https://schlachthof-wiesbaden.de/events
Heute Abend für mich mal etwas anderes im Wiesbadener Kesselhaus: EBM. Mit Street Sects, King Yosef und Youth Code treffen Projekte aufeinander, die Industrial, Hardcore, Noise und elektronische Radikalität nicht nur kombinieren, sondern bis an ihre jeweiligen Belastungsgrenzen treiben. Entsprechend erwartungsvoll fahre ich heute Abend dorthin und werde nicht enttäuscht. Obwohl nebenan in der großen Halle eine ausverkaufte Veranstaltung läuft, ist das Kesselhaus heute Abend auch recht gut gefüllt. In dieser Veranstaltung suche ich die sonst „üblichen Verdächtigen“ natürlich umsonst. Allerdings treffe ich Dave von Tortuga Booking im Publikum, was mich sehr freut. Er gibt mir schon mal einen kleinen Ausblick auf seine nächsten Veranstaltungen. Wir müssen nicht lange warten, bis es losgeht.
Kontrollierte Eskalation im Stroboskoplicht – Street Sects
Schon früh am Abend liegt im Kesselhaus eine gespannte, fast greifbare Unruhe in der Luft. Als Street Sects pünktlich ihren rund 30-minütigen Support-Slot eröffnen, wird sofort klar: Das hier ist kein gewöhnliches Vorprogramm. Das Duo aus Austin – Sänger Leo Ashline und Multi-Instrumentalist Shaun Ringsmuth – verwandelt die Bühne innerhalb weniger Sekunden in einen Ort kontrollierter Eskalation.
Musikalisch bewegen sich Street Sects in einem radikalen Spannungsfeld aus Electronic, Noise, Punk, Hardcore, Industrial, sample-basierter Musik, Power Electronics und Rock. Shaun Ringsmuth steht hinter seinem Setup aus Elektronik und Samples und schichtet gnadenlose Industrial-Beats, noisige Gitarrenflächen und verstörende Soundfetzen übereinander. Darüber brüllt, keift und beschwört Leo Ashline seine Texte, wirft sich ins Stroboskoplicht und klammert sich ans Mikrofon wie an einen Rettungsanker.

Ohne größere Ansagen jagt ein Track den nächsten. Auch wenn sich im dichten Lärm für mich nicht jeder Song eindeutig identifizieren lässt, erinnern Struktur und Energie stark an Live-Dauerbrenner wie In Contempt, Spitting Images, Featherweight Hate oder The Glass Shithouse, die das Duo für gewöhnlich in seinen Sets platziert. Ob diese Stücke tatsächlich an diesem Abend gespielt wurden, ist für mich angesichts der kompromisslosen Intensität und der fließenden Übergänge schnell zweitrangig.
Ashlines Performance ist intensiv und körperlich, irgendwo zwischen Hardcore-Show, Noise-Ritual und kathartischem Wutausbruch. Das Publikum reagiert zunächst vorsichtig, lässt sich dann aber immer tiefer in diesen düsteren Strudel hineinziehen. Trotz, oder vielleicht wegen der kurzen Spielzeit, wirkt der Auftritt dicht und kompromisslos: Street Sects nutzen ihre 30 Minuten maximal aus, ohne Atempausen und ohne Zugeständnisse. Als der letzte Sound-Schwall durch das Kesselhaus hallt, bleibt ein Raum voller Adrenalin und leichtem Unbehagen zurück. Die perfekte Vorbereitung für das, was noch kommen soll.
Mechanische Härte, überraschend nahbar – King Yosef
Nach dem Auftritt von Street Sects verschiebt sich der Fokus im Kesselhaus deutlich, als King Yosef die Bühne übernimmt. Der Sound ist präziser, schwerer und klarer strukturiert. Chaos wird hier durch Kontrolle ersetzt, Energie durch konstante Belastung.
Hinter dem Projekt steht Tayves Yosef Pelletier, der an diesem Abend selbst am Mikrofon steht. Pelletier ist nicht nur unter dem Namen King Yosef aktiv, sondern übernimmt auch den Gesang bei der (Death)-Metal-Band Misery Whip, spielt Gitarre bei der Metalcore-Formation Sacrament und treibt mit Wraith Drain ein neues Brutal-Death-/Hardcore-Projekt voran, bei dem er sämtliche Instrumente selbst einspielt.
Stilistisch bewegt sich King Yosef im Grenzbereich von Industrial, Industrial Hardcore, EBM, Noise und elektronisch geprägtem Metal. Tieffrequente Basslines, mechanische Drum-Patterns und kalte, funktionale Synths bestimmen das Set. Stücke wie Molting Fear, Mist Of Pain oder Cut The Cord wirken wie massive Druckmodule, während Shame’s Mirror und Doomtown Drift Below stärker auf rhythmische Repetition und düstere Texturen setzen. Die Songs gehen fließend ineinander über, klare Zäsuren werden bewusst vermieden.

Live wird das Material durch effektives Setup auf der Bühne umgesetzt: ein Schlagzeuger, der dem Sound zusätzliche Körperlichkeit verleiht, sowie ein weiterer Musiker an der Elektronik, der phasenweise auch live Gitarre spielt. Trotz der klaren technischen Struktur bleibt Pelletier selbst permanent in Bewegung. Er nutzt die gesamte Bühne, sucht bewusst die körperliche Nähe zum Sound ebenso wie die direkte Nähe zum Publikum, tritt an den Bühnenrand, beugt sich nach vorne und bindet den Raum aktiv in die Performance ein.
Zwischen den Songs spricht er immer wieder zum Publikum, erzählt, bedankt sich sichtbar bewegt bei Youth Code und würdigt ausdrücklich Street Sects. Der Stolz, an diesem Abend mit befreundeten Projekten auf der Bühne zu stehen, wirkt nicht inszeniert oder kalkuliert. Trotz der kühlen, industriellen Ästhetik strahlt der Auftritt eine ungewöhnliche Authentizität aus. Am Ende bleibt ein Set, das technisch präzise, physisch fordernd und menschlich erstaunlich nahbar ist.
Am Siedepunkt – Youth Code treiben das Kesselhaus ans Limit
Als Youth Code schließlich die Bühne hier im Kesselhaus betreten, kippt die Dynamik des Abends endgültig. Was zuvor bereits bis an die Belastungsgrenze getrieben wurde, wird nun noch einmal verschärft, beschleunigt und verdichtet. Der Raum steht sofort unter Strom. Die Lautstärke steigt, die Intensität ebenso – und die Atmosphäre erreicht ein Niveau, das kaum einen Vergleich mehr zulässt.
Youth Code, gegründet in Los Angeles, stehen seit Jahren für eine kompromisslose Verbindung aus EBM, Industrial, Hardcore und Punk und haben sich durch unzählige Touren sowie eine klare politische und ästhetische Haltung einen festen Platz in der internationalen Szene erarbeitet. Auf der Bühne stehen die beiden zentralen Figuren der Band: Sara Taylor und Ryan George, beide Multi-Instrumentalist*innen, die das Material live mit beeindruckender Präzision und physischer Präsenz umsetzen.

Der Sound ist druckvoll, aggressiv und gleichzeitig extrem fokussiert. Sequenzen, verzerrte Synths und treibende Beats greifen ineinander wie Zahnräder. Stücke wie O Fortuna oder Transitions entfalten sofort eine mitreißende Dynamik, während Burn Your World, No Consequence und I Am Cursed das Set immer weiter nach vorne peitschen. Youth Code lassen keine Lücken entstehen – jeder Track steigert Tempo und Intensität.
Sara Taylor steht im Zentrum der Performance. Ihr Gesang ist roh, fordernd und durchgehend präsent, ihre Bewegung rastlos. Sie sucht permanent die Nähe zum Publikum, schreit, gestikuliert, reißt mit. Ryan George hält das Set musikalisch zusammen, wechselt souverän zwischen Elektronik, Samples und Live-Elementen und sorgt für die massive, treibende Grundlage. Songs wie Anagnorisis, Shift Of Dismay oder Consuming Guilt zeigen, wie präzise und zugleich aggressiv dieses Zusammenspiel funktioniert.
Zum Ende des Sets öffnet sich die Bühne noch einmal sichtbar: King Yosef steht bei den letzten beiden Songs gemeinsam mit seinen Freunden am Bühnenrand. Sara Taylor nimmt sich einen Moment, um ihn ausdrücklich zu erwähnen, und bezeichnet ihn als einen der größten Songwriter überhaupt – eine Anerkennung, die weder überhöht noch inszeniert wirkt, sondern die enge Verbundenheit der beteiligten Projekte unterstreicht. Mit I’m Sorry treiben Youth Code das Kesselhaus endgültig an den Siedepunkt. Schweiß, Bewegung und Lärm verschmelzen zu einer einzigen, dichten Masse.
Fazit
Am Ende bleibt ein erschöpfter, euphorischer Raum zurück. Youth Code toppen nicht nur alles Vorangegangene – sie treiben den Abend konsequent auf die Spitze. Der Abend hier im Kesselhaus wirkte mit den drei Projekten Youth Code, King Yosef und Street Sects wie ein kollektiver Ausnahmezustand: intensiv, kompromisslos und lange nachhallend.























