Big Big Train – Woodcut

06.02.2026 - Progressive Rock - Inside Out Music - 65:47 Minuten

Das Schicksal ist ein mieser Verräter, mochte man anno 2021 denken, als der langjährige Big-Big-Train-Sänger und Multiinstrumentalist David Longdon nach einem tragischen Unfall verstarb. Doch dieser Schicksalsschlag sollte nicht das Ende der seit 1990 andauernden Reise der multinationalen Gruppe bedeuten. Der 1. März 2024 markierte einen Neuanfang. An diesem Tag erschien das erste Album mit Alberto Bravin am Mikrofon. Und nicht nur auf dieser Position brachte sich der ehemalige PFM-Sänger ein. Bravin war maßgeblich am starken Songwriting auf The Likes Of Us beteiligt. Auf dem heute im Rampenlicht stehenden 16. Studioalbum Woodcut wurde Bravin sogar eine noch größere Rolle zuteil. Er übernahm die alleinige Produktion und bekam es dabei mit über 400 einzelnen Musikaufnahmen zu tun, die am Ende die Handlung des ersten Konzeptalbums in der Geschichte von Big Big Train entstehen lassen sollten. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Künstler, der schlicht The Artist genannt wird. Bei einem Spaziergang findet er ein Stück Kernholz, aus dem er etwas „Schönes und Anderes“ erschafft. Doch befindet sich der Künstler dabei in einer Art „Holzschnitt-Parallelwelt“ oder doch im wahren Leben, welches ihn mit Wahnvorstellungen plagt? Diese Frage darf jeder Hörer im Laufe des knapp 66-minütigen Werks für sich selbst beantworten. Was verraten werden darf, ist, dass der auf dem Cover zu sehende Holzschnitt vom britischen Künstler Robin Mackenzie gefertigt wurde. Lasst uns gemeinsam am Leben von The Artist teilhaben.

Big Big Train – Pic by Cecile Lopes

Violine, Cello und Klarinette erzeugen im Intro namens Inkwell Black eine Welt aus Licht und Schatten. Bereits hier bemerke ich die Präsenz von Clare Lindley, die seit 2021 ein wichtiger Bestandteil des Septetts ist. Ohne Umschweife gelange ich zur zentralen Erzählung um The Artist, dessen Last, etwas Kreatives erschaffen zu müssen, spürbar ist. Lindleys Textzeile „To carve a thousand birds and never hear them sing”, intoniert von Bravins magischer Stimme, sorgt für Mitgefühl mit dem Protagonisten und beschert mir multiple emotionale Gefühlsausbrüche. Mehrstimmiger Gesang, Hammond-Orgel-Abfahrten und grandiose Gitarrenarbeit, angetrieben von Nick D’Virgilios energetischem Schlagzeugspiel, versetzen mich in eine Art Rauschzustand. Hinzu kommt die immer wieder durchschimmernde folkige Untermalung – ein Markenzeichen im Sound von Big Big Train. Diese kurze, von zurückhaltenden Bläsern inszenierte, Passage ab Minute 06:12 rührt mich fast zu Tränen.

Black Sabbath goes Folk

Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Diese Tatsache bezieht sich jedoch nicht auf die musikalische Qualität des folgenden Stücks The Lie Of The Land, sondern eher auf das Leben von The Artist. Melancholische Stimmung kommt auf, wenn das Klavier gefühlvoll angeschlagen wird und Bravin seine warme Stimmfarbe darüberlegt. Kurze Zeit später setzt die gesamte Band ein und reißt mich wie in einem wilden Fluss mit. The Sharpest Blade stammt aus der Feder von Lindley, DVirgilio und Gitarrist Rikard Sjöblom. Zunächst dominiert der Folk das Geschehen, doch die schwarz gefärbten Gitarrenriffs vermitteln dabei eine Atmosphäre wie auf dem ersten Black-Sabbath-Album. Lindley und Bravin teilen sich den Gesang und sind dabei wie füreinander geschaffen. Die Zeile „The knife edge seems to know where to go“ jagt mir wohlige Schauer über den Rücken.

Ist es das wahre Leben oder nur Fantasie?

Albion Press hat seinen Namen von der Druckerpresse aus dem 19. Jahrhundert, mit der das Artwork des Albums erstellt wurde. Wie es sich für ein progressives Konzeptalbum gehört, kehrt das hier etablierte musikalische Motiv im Laufe des Albums wieder. Das erschaffene Kunstwerk mit einigem Abstand zu betrachten, so lautet hier die lyrische Einleitung. Musikalisch wird’s erst richtig proggy, nur um kurze Zeit später den straighten Rocker heraushängen zu lassen. Dass Big Big Train als Songwriter-Kollektiv zusammengewachsen sind, ist spätestens hier zu erkennen. Jeder streut seine außergewöhnlichen Fähigkeiten ein, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Lässt sich zu Beginn noch zur Musik headbangen, so schießen mir beim Refrain endgültig die Tränen in die Augen. Wie schön kann Musik sein? Im anschließenden Arcadia verliert sich The Artist in seiner eigenen Schöpfung, einer glückseligen Vision des Paradieses. Cello, Flöten und 12-saitige Gitarren sorgen für die richtige Stimmung in dieser vermeintlichen Vision des Künstlers. Der Spannungsbogen wird gekonnt aufgebaut und explodiert förmlich zum Grande Finale.

Mind = blown!

Second Press dient als Intermezzo, ehe Warp And Weft mich auf eine völlig irrwitzige Fahrt mitnimmt. „Eine Zwangsstörung, die in Musik umgesetzt wurde“, scherzt Songwriter Nick D’Virgilio. Seine Drums geben krumme Taktarten vor, dazu pumpt der Bass von Bandgründer Gregory Spawton. Im Mittelteil überraschen mich Big Big Train mit einem Kanon, gefolgt von einem abgefahrenen Keyboardsolo. Keyboard-Wizard Oskar Holldorff darf in Chimaera gleich wieder ans Werk. Dieses Mal allerdings als Leadsänger. Wenn so viele großartige Stimmen in einer Band vereint werden, muss ich stets an die Beatles denken. Wohl dem, der auf so ein Arsenal zurückgreifen kann. Das Stück erzeugt in mir eine Aufbruchstimmung, die sonst nur Neal Morse in seinen zahlreichen Projekten erzeugen kann. „Uplifting“ sage ich dazu immer. Jedes Mal, wenn Paul Mitchell seine Trompete erklingen lässt und diese sich dann mit den Gitarrenarrangements verbrüdert, bekommt meine Gänsehaut eine Gänsehaut. Schienbein, Nacken, Kopf – einfach überall.

Dead Point scheint über das Schicksal des Künstlers zu entscheiden. Entsprechend gedrückt wirkt die Stimmung zunächst. Der Song besteht aus zwei musikalischen Themen, die den Schwebezustand des Protagonisten umschreiben. Die erste, gedrückte Hälfte und die zweite Seite, die trotz Selbstzweifeln Hoffnung vermittelt. Der Star des sowohl melodisch als auch melancholisch getragenen Stücks Light Without Heat ist ohne Zweifel das Gitarrensolo. Ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen, zaubert Sjöblom magische Noten auf seinem Instrument. Eine mehrstimmige Gesangscollage gibt den Ton im hypnotischen Dreams In Black And White an. Habt ihr nach all der Verwirrung Hunger auf einen harten Prog-Rock-Song im Stil der 70er? Dann seid ihr mit Cut And Run bestens bedient.

Ein Funken Hoffnung und musikalisches Gold

Hawthorn White und Counting Stars bilden eine lyrische Einheit, die Selbstreflexion und Befreiung des Künstlers umschreiben. „Er erinnert sich an eine Szene aus seiner Kindheit, als er in der Abenddämmerung auf einem Hügel stand und die funkelnden Sterne beobachtete. Diese Erfahrung weckte in ihm ein Gefühl der Ehrfurcht vor der Weite und Großartigkeit des Universums. Als die Nacht hereinbricht, begibt er sich erneut aufs Land, um die Sterne zu zählen“, gibt uns Spawton einen Einblick in die gedankliche Welt von The Artist. Hat mich das Solo in Light Without Heat schon vom Hocker gehauen, setzt Sjöblom in Counting Stars noch einen drauf. Einfach sensationell! Der zunächst von Klavier und wärmenden Gesangsmelodien getragene Song ist durch Bravins gesangliche Höchstleistung und dem erwähnten Gitarrensolo ein echtes Statement. Wie erwartet, kehren im epischen Finale namens Last Stand anfängliche Motive zurück. Nach all den Selbstzweifeln, nach all der Dunkelheit, keimt beim Künstler eine hart erkämpfte Hoffnung auf: „There’s gold in the skies. Find it. Keep moving on.” Ich habe jedenfalls das musikalische Gold gefunden und möchte nur noch tief durchatmen und die Geschichte von vorne beginnen.

Hier geht es für weitere Informationen zu Big Big Train – Woodcut in unserem Time For Metal Release-Kalender.

Big Big Train – Woodcut
Fazit zu Woodcut
Wer Big Big Train aus der Vergangenheit kennt, ist sich deren Fähigkeit, Magie zu produzieren, bewusst. Die ersten Zitate der amerikanischen Redakteurskollegen zum 16. Studioalbum Woodcut ließen Großes erahnen. Doch mit dieser Qualität des ersten Konzeptalbums der Bandgeschichte habe ich nicht gerechnet. Gemeinsam zweifle, leide, fühle und hoffe ich mit dem Protagonisten The Artist. Besser kann progressive Rockmusik anno 2026 nicht klingen. Denkt an eure liebsten progressiven Konzeptalben der Siebziger, reist in die Gegenwart zurück und lauscht ehrfürchtig diesem Meisterwerk. Woodcut markiert einen Meilenstein in der Geschichte von Big Big Train und ist hiermit offiziell der erste Anwärter auf das Progrock-Album des Jahres.

Anspieltipps: The Artist, Albion Press, Chimaera und Counting Stars
Flo W.
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