Das Interview mit Björn Gooßes zum aktuellen Harkon-Album „Love And Vore“

Harkon melden sich mit "Love And Vore" zurück – Sänger Björn Gooßes über das Debütalbum, kreative Entwicklung und den eigenen Sound

Artist: Harkon

Herkunft: Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Genre: Progressive Heavy Metal / Hard Rock

Label: Doc Gator Records

Link: https://www.facebook.com/harkonmusic

Bandmitglieder:

Gesang – Björn Gooßes
Gitarre – Volker Rummel
Bassgitarre – Marcel Willnat
Schlagzeug – Lars Zehner

Mit Love And Vore legten Harkon am 31.10.2025 über Doc Gator Records ein kraftvolles Debütalbum vor, das die lange Pause seit der EP Ruins Of Gold (2019) eindrucksvoll beendete. Zwischen eingängigen Melodien, progressiver Härte und starken Hooks hat die Band ihren eigenen Sound gefunden. Sänger Björn Gooßes spricht im Interview über die Entstehung des Albums, die Jahre zwischen den Veröffentlichungen und die kreative Entwicklung von Harkon.

Time For Metal / René W.:
Hallo Björn, zwischen der EP Ruins Of Gold (2019) und dem Debütalbum Love And Vore lagen mehrere Jahre. Was waren die wichtigsten Gründe für diese lange Pause – kreativer Reifeprozess, äußere Umstände oder ganz bewusste Zurückhaltung?

Harkon / Björn Gooßes:
Hi René! Bewusste Zurückhaltung war es sicher nicht, aber in der Tat eine Mischung aus kreativem Reifeprozess und äußeren Umständen. Da Harkon ’ne Band sind, bei der viel Kreatives gemeinsam im Proberaum passiert, hat uns Corona natürlich ausgebremst. Und allzu fixe Songwriter waren wir vorher schon nicht, haha! Als das Album dann fertig geschrieben war, haben wir ja zunächst komplett in Eigenregie produziert und sind erst im Anschluss mit dem veröffentlichungsreifen Material auf Labelsuche gegangen, was natürlich auch seine Zeit brauchte. Als uns Doc Gator Records dann den Zuschlag gaben und das Releasedatum festzurrten, brauchte es zu guter Letzt auch noch einen entsprechenden Vorlauf. Ja, und so ziehen dann in Summe schnell mal ’n paar Jahre ins Land. Aber wenn man Love And Vore hört, sollte man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass sich das Warten gelohnt hat!

Time For Metal / René W.:
Hat sich dein persönlicher Blick auf Musik und Songwriting in dieser Zeit verändert, und wenn ja: Wie spiegelt sich das konkret auf Love And Vore wider?

Harkon / Björn Gooßes:
Man befindet sich als halbwegs reflektierter Mensch ja in ständigem Wandel, was die eigenen Perspektiven angeht, von daher ist diese Frage schwer zu beantworten. Musik spielt seit jeher eine sehr große Rolle in meinem Leben, vor allem aber eben als Hörer, gar nicht so sehr als Musikschaffender. Inwiefern das allerdings einen wie auch immer messbaren oder nennenswerten Einfluss auf Love And Vore hat, vermag ich jedoch beim besten Willen nicht zu sagen. Vielleicht in dem Sinne, dass Krisenzeiten Demut und Dankbarkeit lehren, und ich sehr froh bin, das Privileg zu haben, mit Volker, Marcel und Lars gemeinsam Musik machen zu können und etwas wie Love And Vore geschaffen zu haben.

Time For Metal / René W.:
Love And Vore
wirkt deutlich ausgefeilter und zugleich direkter als Ruins Of Gold. War das ein bewusstes Ziel oder eher das Ergebnis eurer natürlichen Entwicklung als Band?

Harkon / Björn Gooßes:
Bei Harkon passiert wenig mit irgendeinem Plan im Hinterkopf, wir gehen das Songwriting sehr organisch und intuitiv an. Unsere Integrität und Authentizität als Musiker, Texter und Künstler spielt dabei ’ne große Rolle. Wir wollen etwas schaffen, das uns in erster Linie selber begeistert und hinter dem wir stehen können – möchten das aber natürlich auch hinaus in die Welt tragen, ganz klar! Wenn ein Song im Zuge dessen eingängig ist, passiert das dann aber nicht aus Kalkül im Sinne eines vermeintlichen kommerziellen Potenzials heraus, sondern weil wir denken, dass der Song, so wie er ist, einfach gut ist. Und wenn man sich parallel dazu als Musiker weiterentwickelt, spiegelt sich das vermutlich in einem Eindruck wie dem deinen wider, der ja letztlich ein Kompliment für uns ist. Vielen Dank dafür!

Time For Metal / René W.:
Der Albumtitel Love And Vore ist ungewöhnlich und vieldeutig. Welche inhaltliche Klammer verbindet die Songs unter diesem Titel?

Harkon / Björn Gooßes:
Kürzlich gab ich in meiner „Funktion“ als Artworker ein Interview und mir wurde eine ähnliche Frage gestellt hinsichtlich einer verbindenden Klammer meiner Arbeiten. Und da meine Texte im weitesten Sinne oft so etwas wie die lyrische Version meiner Bilder sind, passt meine Antwort aus jenem Interview eigentlich auch hier ganz gut. Jedenfalls sagte ich, das Menschsein an sich sei als unerschöpfliches Füllhorn der Absurditäten das immer wiederkehrende Sujet. Mal aus dieser, mal aus jener Perspektive beleuchtet, mal mehr, mal weniger autobiografisch, aber oftmals näher an der Realität, als es vermutlich sein sollte.

Time For Metal / René W.:
Textlich erzählen die Songs oft mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Wie gehst du beim Schreiben vor – entstehen Texte aus konkreten Erfahrungen oder eher aus abstrakten Bildern und Stimmungen?

Harkon / Björn Gooßes:
Sowohl als auch. Aber ich versuche, meine Texte nie allzu konkret zu verfassen, sodass sie immer ein gewisses Spiel mit sich bringen. Ich möchte den Raum für Interpretation jedenfalls immer ein Stück weit leer lassen, auf dass ihn die Leser*innen zusätzlich zu dem „vorgegebenen“ mit eigenen Erfahrungen und Empfindungen füllen und so den Song letztlich auch näher an sich heranlassen können.

Time For Metal / René W.:
Der Opener Watch The World Go By wirkt wie ein programmatisches Statement. Warum habt ihr euch entschieden, genau diesen Song an den Anfang des Albums zu stellen?

Harkon / Björn Gooßes:
Fun Fact: Haben wir gar nicht! Eigentlich hatten wir Double Down als Opener vorgesehen, der ja ebenso direkt auf die Zwölf geht und vor allem musikalisch sofort das Revier markiert. Allerdings ist Double Down im weiteren Verkauf des Songs auch etwas herausfordernder, während Watch The World Go By als Opener in Gänze etwas gradliniger daherkommt, wovon wir uns im Zuge des diesbezüglichen Gesprächs mit Frank und Olli von Doc Gator Records letztlich selber überzeugt haben. Wir genießen totale kreative Freiheit und wissen die entspannte Zusammenarbeit mit Doc Gator sehr zu schätzen. Ihr einziger Wunsch war tatsächlich, Watch The World Go By als Opener zu nehmen, was sich nach kurzer Bedenkzeit dann auch als sehr gute Wahl für uns gezeigt hat.

Time For Metal / René W.:
Viele Hörer ziehen Vergleiche zu Nevermore oder Strapping Young Lad, gleichzeitig klingt Harkon sehr eigenständig. Wie wichtig ist euch diese Balance zwischen Referenzen und einer klaren eigenen Identität?

Harkon / Björn Gooßes:
Für mich persönlich ist das völlig unwichtig. Wir machen schließlich keine Musik auf Basis irgendwelcher Referenzen. Die eigene Identität ist natürlich aufgrund der eigenen Einflüsse immer verwoben mit Reminiszenzen an andere Bands, aber das muss man im kreativen Prozess bis zu einem gewissen Grad ausblenden, denke ich. Sobald man sich entscheidet, im weitesten Sinne harte Rockmusik zu machen und sich innerhalb dieser Parameter zu bewegen, kann man dem Rad wahrscheinlich eh nur ein vielleicht neues, aber zumindest eigenes Geschmacksprofil verleihen, es in Summe aber eher nicht neu erfinden. Strapping Young Lad als Vergleich habe ich bisher zum Beispiel nirgends gehört und kann es auch gar nicht so wirklich nachvollziehen. Aber das ist ja nicht schlimm. Solange es positiv gemeint ist, jedenfalls, haha!

Time For Metal / René W.:
Die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Cornelius Rambadt hat dem Album hörbar Tiefe und Druck verliehen. Was hat er aus deiner Sicht entscheidend zum Sound von Love And Vore beigetragen?

Harkon / Björn Gooßes:
Der Schlüssel liegt sicherlich im Zusammenspiel vom Mix und unserer musikalischen Identität. Manches mag für sich genommen nur eine kleine Rolle spielen, wie zum Beispiel ein bestimmter Fretless-Bass, eine spezielle Snare-Drum oder eben auch die Art und Weise des eigenen Spiels, aber in Summe und in Verbindung mit dem organischen, aber zeitgemäß fetten Sound von Rambado Recordings ergab es eben das, was man auf Love And Vore hören kann. Und ich bin froh, mit diesem kleinen, feinen und alles andere als von der Stange genommenen Team gearbeitet zu haben! Neben dem Mix von Corny zählen dazu natürlich auch das Mastering von Dennis Koehne oder auch die Bandfotos von Sebastian Freitag.

Time For Metal / René W.:
Deine Gesangsleistung gilt als eines der Highlights des Albums – facettenreich, kraftvoll und emotional. Hast du deine Stimme in den letzten Jahren bewusst weiterentwickelt oder neue Techniken integriert?

Harkon / Björn Gooßes:
Vielen Dank für die Blumen! Ich will jetzt nicht sagen „Übung macht den Meister“, da ich sicher noch lange kein Meister bin. Aber es hilft sicherlich, beim Songwriting dies und das und jenes auszuprobieren und seine eigenen Grenzen immer neu auszuloten. Bestimmte neue Techniken bewusst anzuwenden, gehörte, wenn überhaupt, dann nur marginal dazu. Ich hab mich einfach drauf konzentriert, meine dem jeweiligen Song angemessene Kernkompetenz einfach ein wenig zu schärfen, haha!

Time For Metal / René W.:
Songs wie Blood Will Have Blood oder The Errorist bleiben sofort im Kopf, ohne an Komplexität zu verlieren. Wie schafft ihr es, Progressive-Strukturen mit starken Hooks zu verbinden?

Harkon / Björn Gooßes:
Wenn ich dir das verriete, müsste ich dich leider töten.

Time For Metal / René W.:
Love And Vore
wirkt wie ein geschlossenes Werk ohne schwache Momente. Gab es Songs, die es nicht aufs Album geschafft haben – und wenn ja, warum?

Harkon / Björn Gooßes:
Five Years From Now
ist ein Bonustrack, der „nur“ auf der CD-Version ist, nicht auf Vinyl und auch nicht im Streaming. Dieser Track war gemeinsam mit dem Titelsong der Ruins Of Gold EP das erste Harkon-Material überhaupt. Five Years From Now ist sicherlich nicht schlechter, tanzte vom Gefühl her aber irgendwie etwas aus der Reihe, zumal wir fürs Vinyl aufgrund der limitierten Spielzeit eh auf einen Song verzichten mussten. Somit gibt’s aber immerhin einen guten Grund, sich eine Kopie dieses fast schon etwas antiquiert wirkenden Formats zuzulegen!

Time For Metal / René W.:
Jetzt, da das Debütalbum endlich erschienen ist: Fühlt sich das für dich eher wie ein Abschluss eines langen Kapitels oder der eigentliche Start von Harkon an?

Harkon / Björn Gooßes:
Beides, denke ich. Mit der Veröffentlichung eines Albums ist immer auch irgendwie ein Zyklus abgeschlossen. Aber eher ein innerer, kreativer. Die typische „Tour zum Album“ kann natürlich erst danach kommen. Von ’ner Tour können wir aber wohl erst mal nur träumen. Wir würden natürlich dennoch sehr gerne mit einigen coolen Konzerten Love And Vore unter die Leute bringen. Leider hapert es an der Bookingfront noch etwas. Wer das hier also liest und Bock auf ’nen Harkon-Gig hat bzw. uns an einen Club oder Booker vermitteln kann – gerne einfach mal via mail@harkon.info in Kontakt treten!

Time For Metal / René W.:
Ich bedanke mich für deine Zeit und wünsche dir einen guten Start ins neue Jahr.

Harkon / Björn Gooßes:
Jau, ich bedanke mich ebenfalls im Namen von Harkon und wünsche dir auch ein frohes neues Jahr, René!