Das Interview mit In Extremo-Frontmann Michael Rhein im Zuge Keimels Metalldetektor Ausgabe April 2018

Im Zuge der April-Ausgabe von Keimels Metalldetektor lud Markus Keimel den Frontmann von In Extremo, Michael Rhein, zum Gespräch. Zur unterhaltsamen Kolumne inklusive Story, Geheimtipps und Bandporträt der deutschen Mittelalter-Rock-Band geht es HIER LANG!

Markus Keimel / Time For Metal: Hallo erst mal und Dankeschön, dass du dich meiner Fragen annimmst. Ihr wart vor Kurzem erst auf dem 70000 Tons Of Metal Cruise, der größten Metal-Kreuzfahrt überhaupt. Das dürfte ein großartiges Spektakel gewesen sein. Kannst du ein paar Eindrücke und Highlights schildern?

Michael Rhein / In Extremo: Wir waren ja schon ein paar Mal auf dem 70.000 Cruise, aber auch auf dem Full Metal Cruises hier in Europa mit dabei, das ist schon immer ein bisschen wie Familientreffen, man kommt sehr viel mit den Fans auf dem Schiff in Kontakt, man ist da ja selber „Künstler“ und „Tourist“ zur gleichen Zeit. Auf diesen Schiffen ist aufgrund der räumlichen Begebenheiten einfach viel weniger Distanz zum Publikum, man sitzt ja auch beim Essen zusammen in den Bordrestaurants und trifft sich dann abends an den Bars zum Plausch – ich glaube, das macht auch den Reiz für Fans aus, an diesen Cruises teilzunehmen!

Markus Keimel / Time For Metal: In Extremo gibt es nun seit gut 23 Jahren. Ihr habt um die 1,5 Millionen Tonträger verkauft und seid zweifelsohne die erfolgreichste Band in eurem Genre, eine der erfolgreichsten deutschen Rock-Bands überhaupt. Wann sind die Momente, in denen man realisiert, dass diese Zahlen real sind beziehungsweise was war für dich das bisherige Karrierehighlight mit In Extremo?

Michael Rhein / In Extremo: Naja, für uns ist der Erfolg, den wir heute haben, ja eher ein fließender Prozess gewesen, es ist ja nicht so, dass wir angefangen haben und alle auf uns gewartet hätten, ganz im Gegenteil. Titel wie Verehrt Und Angespien haben da durchaus auch autobiografischen Hintergrund, wir waren mit unserer Musik längst nicht überall willkommen und sind das auch heute noch nicht! Aber wir haben (glaube ich) schon eine eigene Szene maßgeblich mitgeprägt und natürlich bekommt man irgendwann mit, dass da nicht mehr nur ein paar Hundert, sondern auch mal mehrere Tausend Fans vor der Bühne stehen…scheinbar haben wir also irgendetwas richtig gemacht, hahaha…

Als Highlight steht da für mich nach wie vor unser 20-Wahre-Jahre Jubiläum auf der Loreley, wo wir an 2 Tagen vor jeweils 12.500 Fans in der ausverkauften Kulisse zwei sehr besondere Sets gespielt haben. Die zwei Shows kann man sich auch auf unserer aktuellen Best Of CD/DVD 40 Wahre Lieder anhören und ansehen! Und 2020 steht ja schon wieder das 25. Jubiläum an – mal gucken, was wir uns dazu noch einfallen lassen…

Markus Keimel / Time For Metal: Bei meinen Musikprojekten herrschen betreffend kreativer Schaffung nahezu diktatorische Verhältnisse, da ich Songwriting und Texte im Alleingang erledige. (lacht) Ihr seid eine Band, bestehend aus sieben Mitgliedern. Ich stelle mir das, ehrlich gesagt, ziemlich schwierig vor. Wie läuft da der Entstehungsprozess eines Albums eigentlich ab? Wie ist die Band da organisatorisch aufgestellt? Arbeiten am Songwriting und an den Arrangements alle sieben mit?

Michael Rhein / In Extremo: Ja, wir sind eine basisdemokratische Band. Das hat mitunter Nachteile, weil wir für alle Entscheidungen sicher etwas länger brauchen, aber das, was am Ende dann raus kommt, ist auch immer zu 100% In Extremo! Die Songs entstehen bei uns fast alle gemeinsam, jeder trägt etwas dazu bei, wobei wir schon mit Basti, Kay und Pymonte drei sehr erfahrene „Säulen“ in unserem Songwriting-Prozess haben. Es werden aber immer von allen aus der Band neue Ideen im Proberaum oder Studio präsentiert und dann geht der Hahnenkampf los, was verwendet werden darf und was nicht, hahaha…

Markus Keimel / Time For Metal: Da ich ein relativ begeisterter Videospiele-Spieler bin, weiß ich natürlich um den legendären In Extremo-Auftritt im PC-Game-Klassiker Gothic Bescheid. Wie kam dieses virtuelle Gastspiel damals eigentlich zustande? Oftmals ist zu lesen, dass das der Band einen ziemlichen Karriereschub verschafft hat. War das so zu spüren?

Michael Rhein / In Extremo: Hm, also wir wurden damals von einem Freund der Band gefragt, der für die Firma gearbeitet hat, die das Spiel hergestellt hat. So kam das zustande. Einen „Schub“ würde ich jetzt ehrlich gesagt nicht dem Spiel zusprechen, es hat uns aber sicherlich nicht geschadet. Generell sind in der Mittelalterszene viele gameaffinen Menschen zu treffen, daher denke ich auch, dass die Idee insgesamt bei unseren Fans auch gut angekommen ist, dort mitzumachen.

Markus Keimel / Time For Metal: Wie ich gelesen habe, werdet ihr im Juli wieder in Österreich auftreten. Zufälligerweise sogar in meiner Geburtsstadt Leoben. Ich habe schon das Gefühl, dass ihr in diesem Land wirklich sehr beliebt seid. Gibt es spezielle Erinnerungen oder eine besondere Affinität zu Österreich?

Michael Rhein / In Extremo: Ja, wir purzeln ja regelmäßig zu Euch über die Alpen und wurden bislang immer sehr warmherzig dort empfangen! Ich erinnere mich gerade an unseren letzten Auftritt auf dem Novarock, 2015 muss das gewesen sein, wo der gesamte Innenraum schon lange bevor wir auf die Bühne gekommen sind, unseren Namen gerufen hat. Das war ein absoluter Gänsehautmoment. (Da gibt es glaube ich auch ein Video von auf Youtube, musst Du mal googeln, findest Du bestimmt…)

Markus Keimel / Time For Metal: Ihr seid auch ziemlich aufgeschlossen, was die Zusammenarbeit mit Gastmusikern betrifft. Thomas D, Henning Wehland oder Joey Kelly von der Kelly Family zum Beispiel waren schon bei euch zu Gast. Irgendwie kam mir bereits öfters der Gedanke, dass ein Zusammenspiel von In Extremo und Herbert Grönemeyer ziemlich interessant wäre. Für dich denkbar? Gibt es noch bestimmte Musiker, mit denen du gerne mal zusammenarbeiten möchtest. Musiker, die du gerne zu einem Gastspiel einladen würdest?

Michael Rhein / In Extremo: Herbert wäre natürlich eine riesengroße Ehre, aber wir haben uns bislang noch nicht persönlich kennengelernt. Die ganzen Kooperationen sind ja alle passiert, weil wir mit den Musikern in direkten Kontakt waren oder sind, da wurde nichts von groß „geplant“, ich gehe entweder auf die Leute direkt zu oder es ergibt sich in einem Gespräch und dann macht man so was eben. Auch auf Quid Pro Quo bin ich auf Hansi (Kürsch / Blind Guardian) und die HSB-Jungs (gemeint ist Heaven Shall Burn) einfach zugelaufen und die haben spontan sofort „Ja, klar“ gesagt, ebenso Mille (Kreator), der ja auch bei unserer 1.000. Show beim Summerbreeze mit auf der Bühne war…mal schauen, was die Zukunft noch bringt, jedenfalls sind solche Kooperationen immer spannend und wir haben da auch großen Spaß dran!

Markus Keimel / Time For Metal: Wenn man derart viel herumkommt und auf Tour ist, ist es vermutlich auch mal schön, nach Hause zu kommen. Ein bisschen Bewegung aus dem Leben zu nehmen. Wie wichtig ist dir das beziehungsweise was bedeutet “zu Hause sein“ für dich?

Michael Rhein / In Extremo: Ich sag ja immer: „Nach ner Tour nach Hause zu kommen, ist erst mal komisch, da klatscht nämlich niemand!“, hahaha! Aber ich kann da jetzt nur für mich sprechen, denke aber, den Kollegen geht es genauso: wir haben ja fast alle unsere Familien, Kinder, Freundinnen usw. und für uns alle ist „zu Hause“ der Ort, wo wir auftanken und runterfahren können…zum Glück ist das so…

Markus Keimel / Time For Metal:

Bitte sei so nett und vervollständige folgende Sätze!

Musik bedeutet für mich… …mein Leben!

Fußball ist… FC Schalke 04!

Von mir aus können alle wissen… …dass ich ein Halunke bin!

Das beste Bier… leider nicht in Köln, wo ich wohne…

Ungern verzichte ich auf… Bauzener Senf!

Es gehört verboten, dass … wenige Menschen vielen Menschen Dinge verbieten dürfen, die sie eigentlich tun sollten!

Das beste Album aller Zeiten ist… Die Lieblingsalben wechseln irgendwie doch ständig…ich habe aber aktuell wieder so 2-3 absolute Favoriten, das sind Filter (Short Bus), Black Stone Cherry (Folklore & Superstition) und das aktuelle Band der kroatischen Band Manntra (Meridian).

Überlebenswichtig auf Tour ist… Akku und Ladekabel.

Markus Keimel / Time For Metal: Ein wesentlicher Erfolgsbestandteil von euch dürfte auch Authentizität sein. Man hat bei In Extremo einfach nie das Gefühl, dass da etwas gekünstelt und aufgesetzt ist. Es wirkt zu hundert Prozent ehrlich. Findest du das selbst auch wichtig und inwiefern vermisst du das vielleicht in der heutigen Musiklandschaft?

Michael Rhein / In Extremo: Och, ich würde gar nicht sagen, dass ich das vermisse, es gibt tonnenweise authentische Bands da draußen, aber ich gebe dir da 100% recht, Bands, denen das abgeht, die werden es immer schwer haben. Erst durch Authentizität schaffst du es, die Leute auch emotional zu berühren…das glaube ich zumindest und darum kann ich jedem Musiker nur empfehlen, sich immer zu hinterfragen, ob das, was er gerade macht, auch wirklich „sein Ding“ ist…wer versucht, einem Trend nachzujagen, hat sofort verloren.

Markus Keimel / Time For Metal: Was mir als sprachaffiner Mensch und Autor irrsinnig gefällt ist euer Fokus auf Sprache beziehungsweise die Implementierung von vielen (alten) Sprachen. In Extremo ist generell eine Band, die großen Wert auf Text legt, die viel vom Text lebt, würde ich behaupten. Was würdest du sagen, wie sehr ist ein Song beziehungsweise eure Musik von seinem Text abhängig? Wie viel Wert misst du der Sprache allgemein bei?

Michael Rhein / In Extremo: Die Vielsprachigkeit war ja schon immer unser Markenzeichen. Wer jetzt aber glaubt, ich spreche alle diese teilweise sehr alten Sprachen fließend, den muss ich enttäuschen, hahaha…aber wir beschäftigen uns natürlich sehr damit und bemühen uns immer, dass wir, egal welche Sprache wir anfassen, alles auch richtig rüberkommt. Sprachen sind unser Kulturgut, egal, aus welchem Land du kommst, die Sprache ist immer auch Schlüssel zur Seele…wir versuchen unseren Teil beizutragen, dass so etwas am Leben erhalten bleibt.

Markus Keimel / Time For Metal: Bisher lagen zwischen euren Veröffentlichungen nie mehr als zwei, drei Jahre. Das ist schon gewaltig, vor allem wenn man sich euren Terminkalender dazwischen so ansieht. Wird da nicht einmal der Wunsch nach einer längeren Pause laut oder gibt es schon konkrete Pläne für ein neues Album?

Michael Rhein / In Extremo: Du, heutzutage sind die jungen Bands doch schon fast auf einem Trip, dass fast jedes Jahr ein neues Album erscheinen muss, da haben wir es uns mit unserem 3 Jahre-Tonus eigentlich ganz gemütlich eingerichtet…zumal wir ja auch mit jedem Album dann immer auch erst mal 2 Saisons durch die Lande ziehen, um alle Festivals und Clubs, wo man uns sehen will, auch bespielt zu haben…daher, das passt schon, dieses Frühjahr haben wir ein bissel Ruhephase, jetzt im Sommer geht es mit den Festivals wieder los und dann beginnen auch schon die Arbeiten an dem Quid Pro Quo Nachfolger…Langeweile kennen wir nicht!

Markus Keimel / Time For Metal: Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch und wünsche dir und In Extremo weiterhin viel Erfolg.

Michael Rhein / In Extremo: Sehr gerne und vielen Dank auch von hier – beste Grüße nach Österreich!!! Wir sehen uns hoffentlich bald.

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