Dokken – The Lost Songs: 1978-1981

Nostalgie pur

Artist: Dokken

Herkunft: USA

Album: The Lost Songs: 1978-1981

Genre: Heavy Metal, Hard Rock, Glam Metal, Hair Metal

Spiellänge: 44:42 Minuten

Release: 28.08.2020

Label: Silver Lining Music

Link: https://dokken.net

Bandmitglieder:

Gesang, Gitarre – Don Dokken
Gitarre – Jon Levin
Schlagzeug – BJ Zampa
Bass – Juan Croucier
Gitarre – Greg Leon
Schlagzeug – Gary Holland
Schlagzeug – Mick Brown
Gitarre – George Lynch
Bass – Rustee Allen
Schlagzeug – Bill Lordan
Schlagzeug – Greg Pecka

Tracklist:

01. Step Into The Light
02. We’re Going Wrong
03. Day After Day
04. Rainbows
05. Felony
06. No Answer
07. Back In The Streets
08. Hit And Run
09. Broken Heart
10. Liar
11. Prisoner

Wir schreiben mittlerweile den 20. März 2021 und es ist an der Zeit, die vergessenen CDs des letzten Jahres aus dem Keller zu kramen. Eines dieser liegen gebliebenen Alben kommt von niemand Geringerem als Don Dokken, einem Jugendheld. Warum? Man weiß es nicht, vielleicht haben einige der Kollegen einen Bogen um das Album gemacht, weil sie damals, als die Band ihre ganz großen Erfolge feierte, selbst noch Quark im Schaufenster waren und die goldene Ära des Don Dokken gar nicht miterlebt haben. Nun, es ist, wie es ist.

Es gibt Rockbands, die sind mit der großen Zeit des Hard Rock in den 1980er-Jahren fest verankert und auch über dreißig Jahre später nicht wegzudenken. Dazu gehören neben Skid Row, Ratt, Guns n’ Roses, Mötley Crüe, Quiet Riot, Twisted Sister, Poison und vielen weiteren mehr auch Dokken, die bereits seit 1978 im Rock ’n‘ Roll-Zirkus mitmischen. Seine Karriere begann der Kalifornier Donald Maynard Dokken gegen Ende der 1970er-Jahre mit der nach ihm benannten Band im norddeutschen Hamburg, wo er mit einer ganzen Reihe amerikanischer Musiker herumlärmte. Fest zur Dokken Band gehörten damals nur Bassist Juan Croucier (ex-Vic-Vergat) und Drummer Greg Pecka. Die Band spielte einige Konzerte auf der Reeperbahn, wo man auch den Produzenten Michael Wagener kennenlernte und der eines dieser Konzerte mitschnitt. Mit Wagener nahm die Band einige Demos und die auf 500 Stück limitierte Single Hard Rock Woman auf, bevor es zurück in die USA ging.

1980 kehrte man nach Hamburg zurück, jedoch bestand die Dokken Band mittlerweile aus dem Gitarristen Greg Leon (ex-Quiet Riot), dem Bassisten Gary Link und dem Schlagzeuger Gary Holland. Bei weiteren Konzerten auf der Reeperbahn lernte man den Produzenten Dieter Dierks kennen, der Don Dokken später bat, die Hannoveraner Scorpions bei der Vorproduktion zum Blackout-Album in seinem Studio zu unterstützen, da Klaus Meine während der Aufnahmen seine Stimme verlor und nach einer Stimmbandoperation ein ganzes Jahr nicht singen durfte. Die Demos mit Don Dokkens Gesang wurden später, nachdem Meine sich erholt und die Produktion beendete, vernichtet, jedoch wurde sein Backgroundgesang in den Songs Blackout, No One Like You und Dynamite auf das Album übernommen. Dokken erhielten im Gegenzug die Möglichkeit, weitere Demos in Dierks Studio einzuspielen. Während dieser Zeit war auch die Solinger Stahlschmiede Accept zu Gast bei Dierks, deren Managerin Gaby Hauke die Dokken-Bänder mitnahm nach Hamburg und ihnen so zu einem Plattendeal mit Carrere Records verhalf.

In neuer Besetzung mit Schlagwerker Mick Brown und Gitarrist George Lynch wurde das Debütalbum Breakin‘ The Chains unter Produzent Michael Wagener eingespielt, welches 1981 unter dem Namen Don Dokken in Deutschland veröffentlicht wurde. Auf dem Album ist noch Bassist Juan Croucier angegeben, tatsächlich war für sämtliche Bassspuren niemand Geringeres als Peter Baltes von Accept verantwortlich.

1982 erschien auch Udo Lindenbergs Album Keule, für das das Panikorchester mit Dokken-Bassist Juan Croucier, Gitarrist George Lynch und Drummer Mick Brown verstärkt wurde und die auf den Songs Urmensch, Zwischen Rhein Und Aufruhr, Gesetz und Ratten zu hören sind.

1983 erschien Breaking The Chains in den USA und es folgten Touren mit Blue Öyster Cult und Rainbow. Der Rest ist Geschichte, 1984 gelang Dokken mit dem Zweitwerk Tooth And Nail der kommerzielle Durchbruch und bis 1987 wurde drei Alben mit Platin ausgezeichnet, bevor es 1989 zu einer ersten Auflösung kam.

Doch zurück zu den Anfängen, denn mit The Lost Songs: 1978-1981 präsentieren Dokken und Silver Lining Music ausschließlich elf Nummern aus der ganz frühen Schaffensphase der Band in den USA und Deutschland, die teilweise bei Dieter Dierks im Studio aufgenommen wurden und seitdem von Mastermind Don Dokken unter Verschluss gehalten wurden. Der erste Eindruck besticht mit einem spektakulären Artwork des bekannten US-amerikanischen Designers & Tattoo-Künstlers Tokyo Hiro (u.a. Motörhead, GBH, Foo Fighters, Mötley Crüe) aus Orange County.

Etwas anders sieht es dagegen beim eigentlich Wesentlichen aus, schon beim Öffnen steigt einem ein leicht modriger Geruch in die Nase, was aber nicht auf unsachgemäße Lagerung bei uns im Archiv zurückzuführen ist, sondern eher darauf, dass das Songmaterial mittlerweile über vier Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Beim ersten Durchlauf wird dann auf schnell klar, warum die Songs so lange im Tresor unter Verschluss gehalten wurden, denn Fans, die die ganz großen Hits der 1980er-Jahre kennen und lieben, wären vielleicht enttäuscht, denn zum Ende der 1970er-/Anfang der 80er-Jahre sind Dokken noch meilenweit vom späteren Stadionrock entfernt und klingen noch bodenständig, roh, grobkörnig und ungeschliffen – Hard Rock/Sunset Strip Metal in den Kinderschuhen späterer Glam Rock-Helden, aber dennoch unmissverständlich Dokken!

Wir Menschen neigen dazu, im Leben immer wieder zurückzublicken, da bilden auch Metalheads keine Ausnahme, denn früher war ja bekanntlich alles besser. Die Bands waren besser, die Konzerte waren besser, die Festivals waren besser …, denn heute ist ja alles nur noch ein Abklatsch und Ausverkauf. Von daher macht es natürlich Sinn, wenn die alten Helden zurückblicken und auch zugezogenen, noch pubertierenden Fans einen Überblick über die Anfänge verschaffen. Ob The Lost Songs: 1978-1981 dieser Aufgabe gerecht wird, darüber darf man durchaus geteilter Meinung sein, denn gegenüber dem noch frischen Artwork glänzen die Songs nur bedingt. Der frenetische Fan und Hörer wird schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, denn die Qualität der Songs lässt arg zu wünschen übrig. Obwohl die Nummern nachbearbeitet wurden und ein Make-Up verpasst bekamen, so ist der Glanz der Originale trotz des Make-Ups über die Jahrzehnte verblasst und die Verwesung ist stark fortgeschritten. Viele der älteren Dokken Fans kennen noch die Zeit der 80er-Jahre, in der wir nächtelang vor dem Radio/Kassettenrekorder gehockt haben, um die wenig geilen im Radio gespielten Songs mitzuschneiden. Daran fühlt man sich bei der vorliegenden Scheibe zurückerinnert, denn einige Songs klingen genau so. Nostalgie pur!

Nichtsdestotrotz macht dieser historische Meilenstein Sinn, denn es ist eigentlich unglaublich, dass Songs wie z.B. der charakteristische Opener Step Into The Light, der mit gutem Gesang und eingängigen Melodien besticht, die melancholische Ballade Day After Day, die mit einer großartigen Melodie in den 80s bestimmt viel Aufmerksamkeit bekommen hätte, oder auch Rainbows, das alle charakteristischen Bestandteile eines typischen 80s Rockers in sich trägt, unveröffentlicht blieben. We’re Going Wrong transportiert das klassische Rockfeeling früher Scorpions, hier präsentiert sich zweifellos noch ein sehr junger Don Dokken. Die Melodie von Felony ist über alle Zweifel erhaben, jedoch klingt es, als wäre es live in einem Club mitgeschnitten. No Answer stammt offenbar aus den Anfängen der 1980er-Jahre, denn die Produktion klingt moderner und weniger altbacken. Während das Können von Ur-Gitarrist Greg Leon begrenzt war, glänzt hier nun Saitenhexer George Lynch. Mit Back In The Streets kehrt man zum frühen Produktionsstil zurück, doch die Nummer erinnert mit viel fröhlicher Energie an alte Rush. Don besticht erneut mit seiner grandiosen Stimme und das Gitarrensolo ist definitiv Hexenwerk. Hit And Run stammt ganz offenbar aus den 70ern, die Produktion ist roh, jedoch verblichen. Dennoch wird hier das Potenzial der jungen Band hörbar, geile Stimme und die Gitarrenarbeit war der Zeit weit voraus und erinnert an Def Leppard. Broken Heart ist wieder einer der ganz frühen Songs, klingt jedoch, als wäre er mit einem Kinderkassettenrekorder aufgenommen. Bei den letzten beiden Songs, Liar und Prisoner, handelt es sich um echte Livesongs, die offenbar damals von Michael Wagener in einem Club auf der Reeperbahn mitgeschnitten wurden. Hier erklärt sich am besten, warum die Band dann später so groß werden konnte.

Dokken – The Lost Songs: 1978-1981
Fazit
The Lost Songs: 1978-1981 ist ein kleiner Schatz, insofern, dass hier erstmals die frühen Jahre in dieser Ausführlichkeit dokumentiert sind. So ganz lost sind die Songs jedoch teilweise nicht, denn zumindest vier erschienen 1980 als Back In The Streets Demo und Felony war Teil des Debütalbums. Interessant dürfte die Compilation dennoch nur für echte Die Hard Fans sein, die einfach alles haben müssen und gerne in Nostalgie baden. Für Anhänger jüngeren Datums hätte es mehr Sinn gemacht, die alten Nummern völlig neu einzuspielen, dann jedoch wäre der Charme vergangener Zeiten definitiv verloren gegangen. So muss man das Ganze als das sehen, was es tatsächlich ist, ein Stück Musikgeschichte, bei der das Verfallsdatum längst überschritten, das aber noch nicht ungenießbar ist. Von Songwriting und einigen Ideen her, könnte das Album auch heute noch als Anschauungsmaterial für junge, unerfahrene Bands dienen. Wem es jedoch um ausgereifte Songs und erstklassige Soundqualität geht, der sollte lieber weiterhin zu Tooth And Nail (1984), Under Lock And Key (1985) und Back For The Attack (1987) greifen.

Anspieltipps: Aufgrund der Qualität verzichte ich darauf
Andreas F.
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