Drakonische Zeiten oder ist das Paradies schon verloren?

Ein Special zu 25 Jahre Draconian Times sowie zum Release des 16. Studioalbums Obsidian von Paradise Lost

Nick Holmes, Gregor Mackintosh und Matthew Archer aus Halifax in Yorkshire waren Anhänger von Bands wie Celtic Frost und Candlemass. Für das Trio Inspiration genug, um selbst Musik zu machen. Es wurde noch jemand für den Bass und für die zweite Gitarre gesucht. Im Jahre 1988 wurde aus dem Trio ein Quintett. Aaron Aedy übernahm die Gitarre und Steve Edmondson den Bass. Nick Holmes konzentrierte sich fortan voll und ganz auf den Gesang. Bis 1989 wurden die drei Demos Paradise Lost, Frozen Illusion und Plains Of Desolation veröffentlich. Paradise Lost spielten Death Metal mit Doom-Einflüssen und wurden so in der englischen Death Metal Szene neben Gruppen wie Bolt Thrower bekannt. Die Band erhielt einen Plattenvertrag beim englischen Label Peaceville Records und veröffentlichte dort im Jahre 1990 das Debütalbum Lost Paradise, auf dem sie an die drei Demos anknüpfte und düsteren Doom/Death Metal spielte. Bereits ein Jahr später erschien Gothic. Der Name dieses Langeisens sollte noch größere Bedeutung für die Musikszene bekommen. Zum Death Metal kam nun auch weiblicher Gesang in Form von Gastsängerin Sarah Marrion, Orchesterpassagen und Keyboardklänge dazu. Es war die Zeiten der „Big“. Die „Big Three“ des Doom Metal waren alle bei Peaceville unter Vertrag. Neben Paradise Lost wurden My Dying Bride (ebenfalls aus Yorkshire) und Anathema mit diesem Titel geadelt. 1992 wechselten Paradise Lost zu Music For Nation und es erschien das dritte Werk Shades Of God. Neben dem Label änderten sich noch einige andere Dinge auf dem Langeisen. Paradise Lost wurde nicht mehr verschnörkelt geschrieben und der knurrige Death Metal war in den Hintergrund getreten. As I Die (als Bonustrack veröffentlicht) wurde einer der erfolgreichsten Tracks von Paradise Lost. Ein weiteres Jahr verging und Nick war mit seinen Mitstreitern erneut im Studio und es erschien Icon. Death Metal gab es nun überhaupt nicht mehr, dafür Doom und erstmals auch offiziell Gothic Metal. Die Scheibe galt als Metal Meilenstein und war der kommerzielle Durchbruch der Band.

Am 12. Juni 1995 erfolgte die Veröffentlichung von Draconian Times. Paradise Lost waren zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Es gab einen Wechsel an den Drums. Lee Morris übernahm hier den Stuhl. Paradise Lost waren u.a. Headliner bei großen Festivals wie das Dynamo Open Air. Vom Style wurde Draconian Times deutlich eingängiger und melodischer als sein Vorgänger Icon. Nick Holmes selbst brachte den Begriff Dark Rock ins Spiel. Man bezeichnete Draconian Times als Missing Link zwischen Metallica und The Sisters Of Mercy. Paradise Lost selbst sahen keinen Stilbruch von Draconian Times gegenüber Icon. Erstmals stiegen auch die beiden Singleauskopplungen, The Last Time, vorab im Mai 1995 veröffentlicht, und Forever Failure, im Herbst 1995 herausgekommen, in die Charts ein.
Nick Holmes sagte: „Der Gesamtsound klingt immer noch sehr melancholisch, und darauf legen wir auch großen Wert. Früher war uns in erster Linie wichtig, dass das Resultat so heavy wie möglich ausfällt. Das ist inzwischen zweitrangig, denn es gibt zu viele Bands, die um jeden Preis heavy sein wollen und dabei vergessen, dass es dabei nicht nur auf einen fetten Gitarrensound ankommt.
Von der Musikpresse wurden Paradise Lost Vorwürfe gemacht, zu kommerziell und auf die große Knete aus zu sein, obwohl zumeist die Qualität des Albums durchaus anerkannt wurde.

Die Scheibe wurde in ca. sechs Monaten geschrieben und in den Great Linford Manor und Ridge Farm Studios von Januar bis März 1995 fertiggestellt. Zu Beginn des Studioaufenthalts war das Album dank einiger Demoaufnahmen bereits komplett fertig, nur einige Keyboardpassagen bei I See Your Face wurden noch verändert. In Deutschland war der Longplayer 14 Wochen in den Charts und erreichte mit Platz 15 die beste Platzierung.

Die Tracks auf Draconian Times:
1. Enchantment, 2. Hallowed Land, 3. The Last Time, 4. Forever Failure, 5. Once Solemn, 6. Shadowkings, 7. Elusive Cure, 8. Yearn For Change; 9. Shades Of God, 10. Hands Of Reason, 11. I See Your Face, 12. Jaded

Der Wandel bzgl. des Stils von Paradise Lost blieb auch in den folgenden Jahren beständig. One Second enthielt 1997 deutlich stärkere elektronische Elemente, welches bei einigen älteren Fans weniger gut ankam. Insgesamt wurde das Werk als rundes Rockalbum der Spitzenklasse angesehen. Den elektronischen Weg verfolgten Nick und Co. auch auf Host 1999. Die Scheibe erinnerte teilweise eher an Depeche Mode als an Paradise Lost. Das Album wurde dem Genre Dark Rock zugeordnet. Es folgten mit Believe In Nothing (2001) Symbol Of Life (2002) und Paradise Lost (2005) wieder härtere Töne. Metal war auf den Longplayern nicht zu hören. Das änderte sich erst wieder 2007 mit In Requiem. Man ging mehr auf die Wurzeln wie Shades Of God oder Icon zurück, vernachlässigt dabei nicht Paradise Losts musikalisches Schaffen der letzten zehn Jahre.

Im September 2009 erschien das zwölfte Studioalbum Faith Divides Us – Death Unites Us, gefolgt von Tragic Idol im April 2012. Im Juni 2015 wurde das Album The Plague Within und im September 2017 Medusa veröffentlicht. Beide Werke sind wieder stark vom Death Doom geprägt und sind eine deutliche Rückkehr zu den Wurzeln der Band. Nun also am 15.05.2020 Obsidian, das 16. Studioalbum von Paradise Lost. Zum Review geht es hier lang  (Klick).

Soweit also zu Paradise Lost und Draconian Times. Eine Band, die nun seit 32 Jahren auf den Bühnen der Welt zu sehen und hören ist. Viele wegweisende Tracks kommen von der Truppe aus Halifax. Man hatte oft einen veränderten Sound, aber selten Veränderungen an den Instrumenten. Nur der Platz an den Drums wurde von verschiedenen Musikern eingenommen. Nick Holmes, Gregor Mackintosh, Aaron Aedy und Steve Edmondson musizieren seit mehr als 30 Jahren gemeinsam. Hoffen wir mal, dass irgendwann auch wieder Konzerte möglich sind und Nick mit seiner Truppe die alten und die neuen Songs live zelebrieren kann.

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