Love And Death – Perfectly Preserved

Korn und Breaking Benjamin hatten eine wilde Nacht

Artist: Love And Death

Herkunft: Phoenix, Arizona, USA

Album: Perfectly Preserved

Spiellänge: 35:19 Minuten

Genre: Nu Metal, Alternative Metal

Release: 12.02.2021

Label: Earache Records

Link: https://www.facebook.com/LoveandDeathMusic

Bandmitglieder:

Gesang und Gitarre – Brian “Head” Welch
Gitarre und Gesang – JR Bareis
Bassgitarre – Jasen Rauch
Schlagzeug – Isaiah Perez

Tracklist:

1. Infamy
2. Tragedy
3. Down
4. Let Me Love You (Feat. Lacey Sturm)
5. Death Of Us
6. Slow Fire
7. The Hunter (Feat. Keith Wallen)
8. Lo Lamento
9. Affliction
10. White Flag (Feat. Ryan Hayes)

Was ist anno 2021 noch vom erfolgreichen Nu Metal der Neunziger übrig geblieben? Das letzte musikalische Lebenszeichen von Limp Bizkit ist nun schon fast zehn Jahre her und Linkin Park haben 2017 ihren Frontmann auf tragische Weise verloren. Bleiben noch die Genre-Pioniere Korn, die in schöner Regelmäßigkeit neues Futter auf die hungrige Masse loslassen – mit mehr oder weniger durchschlagendem Erfolg. Neben Sänger Jonathan Davis, dessen Texte im Alter von 50 Jahren noch immer von den Problemen Heranwachsender handeln, ist vor allem Gitarrist Brian “Head” Welch für den signifikanten Sound der Band verantwortlich. Riffmeister Welch hat während seiner Abwesenheit bei Korn nicht nur zu Gott gefunden, er rief 2012 auch Love And Death ins Leben – eine Nu Metal Band mit christlichem Hintergrund. Die Band brachte es auf eine EP namens Chemicals (2012) und das Album Between Here & Lost (2013). Nunmehr acht Jahre später erscheint also der Nachfolger Perfectly Preserved und die Tinte für die Unterschrift bei Earache Records ist gerade getrocknet. Aus dem originalen Line-Up ist neben Welch nur noch Gitarrist JR Bareis mit von der Partie. Verstärkung haben sich die beiden, neben einigen Gastmusikern, in Form von Breaking Benjamin Gitarrist Jasen Rauch geholt, der auf dem neuen Album für die tiefen Töne zuständig ist und als Co-Songwriter fungiert. Der erste Kontakt zwischen Welch und Rauch entstand ein bis zwei Jahre nach dem ersten Head Soloalbum Save Me From Myself (2008). Damals experimentierte Head mit Synthesizern und wurde von Jasen Rauch dazu ermutigt, die Gitarre wieder in die Hand zu nehmen. Mit dieser Vorgeschichte entstand eine Symbiose: So lassen sich bei Love And Death Melodien umsetzen, die bei Korn keinen Platz finden. Bei Breaking Benjamin wiederum würden die Arrangements und der Härtefaktor nicht ins Konzept passen. Rauch, der ebenfalls die erste Scheibe der Band produzierte, teilt sich dieses Mal die Regler mit ex-In Flames Drummer Joe Rickard. Die Felle auf Perfectly Preserved verdrischt Phinehas-Drummer Isaiah Perez.

In den Texten geht Head nicht offensiv mit christlichen Themen um, sondern erzählt eher von alltäglichen Kämpfen: „Ich habe das Gefühl, dass das, was unsere Welt in diesem einzigartigen Moment am meisten braucht, echte Geschichten über die Überwindung von Schwierigkeiten sind. Dies sind ehrliche Songs, die von unserer Gruppe von Freunden mitgeschrieben wurden und sich mit Depressionen/psychischer Gesundheit, herausfordernden Beziehungen, Traumata, Einsamkeit und ähnlichen Themen befassen.“ Die Spannung steigt: Ob der Nu Metal auf diesem Werk wirklich so perfekt erhalten wurde, wie es mir der Albumtitel suggeriert?

Mit dem Intro Infamy starten wir in Perfectly Preserved atmosphärisch mit Pianoklängen, dezent elektronischen Beats und eindringlichen Vocals, bevor das Riffgewitter in Tragedy losbricht – jump, jump, jump! Die Band spielt sich dann im Verlauf gekonnt die Bälle zwischen melodischen Parts und amtlichen Riffattacken zu. Damn, Brian Welch haut nicht nur gekonnt in die sieben Saiten, er hat auch eine geniale Stimme, die sich perfekt mit dem Gesang von JR Bareis ergänzt. Zum krönenden Songfinale gibt es dann noch einen fetten Breakdown ins Gesicht geboxt – sauberer Einstieg. Was soll ich zum nächsten Track Down sagen? Das Ding wäre zum Peak des Nu Metal auf MTV durch die Decke gegangen. Verzerrter Gesang, groovende Riffs, ein Refrain für die Ewigkeit und „deepe“ Lyrics, die jeden Emo-Teenie durchdrehen lassen: „Show me I’m alive.“ Darüber hinaus liefert Down die perfekte Verschmelzung von Breaking Benjamin Hooks und Korn-Passagen zum gepflegten Ausrasten.

Let Me Love You ist vermutlich die kurioseste Idee auf dem Album und stammt von JR Bareis. Es handelt sich um ein Cover von DJ Snake feat. Justin Bieber (!) und wird durch den Gesang der ex-Flyleaf Frontfrau Lacey Sturm unterstützt. Zugegeben, in der Version von Love And Death brezelt das Teil ordentlich, das täuscht allerdings nicht über die Tatsache hinweg, dass der Refrain noch immer schwer zu ertragen ist – viel Spaß mit dem Ohrwurm. Death Of Us startet recht kornig, äh kernig und haut mir die typischen Head-Riffs um die Ohren. Unterstrichen wird mein Gefühl durch die aggressiven Vocals des Bandgründers, die gar nicht mal so weit entfernt sind von einem gewissen Jonathan Davis. Lediglich der eingängige Refrain weicht etwas von diesem Kurs ab. Das Hauptriff in Slow Fire kommt aus den Untiefen des Gitarrentunings und liefert die richtige Stimmung für den düsteren Song. Ein paar coole elektronische Spielereien und „robotic-sounds“ durchbrechen von Zeit zu Zeit den dichten Nebel, bevor man wieder ordentlich abgehen kann: „I am done.“ Nach diesem Gemetzel bietet The Hunter das Kontrastprogramm, um den Puls wieder etwas zu senken. Für die Position hinterm Mikro hat Jasen Rauch den zweiten Breaking Benjamin Gitarristen und Bandkollegen Keith Wallen ausgeliehen. Seine fast schon sanfte Stimme ist der perfekte Gegenspieler zu den abgrundtief bösen Vocalparts von Head. Lo Lamento erschien bereits 2016 als Single, wurde jedoch für dieses Album leicht verändert. So fehlt z. B. das kurze Klavier-Intro und der Mix wurde dem aktuellen Sound angepasst, der, ganz nebenbei erwähnt, richtig ballert. Hier gibt es schönen Wechselgesang zwischen Head und Bareis, der in feinste Stakkato-Riffs übergeht. Dann setzt Head zu einem eskalativen Rap-Part an, den er so nur beim Korn-Frontmann gelernt haben kann. Affliction lebt ebenfalls vom kongenialen Wechselspiel zwischen Bareis und Head. Letzterer schreit all sein in der Vergangenheit angestautes Leid heraus und steigert es ab Minute zwei in den wütendsten Part auf Perfectly Preserved. Zum Abschluss gibt es noch einmal stimmliche Unterstützung, dieses Mal in Form von Righteous Vendetta Fronter Ryan Hayes. Dezent eingesetzte Elektrobeats, typischer Wechselgesang und satte Riffs dürften sogar Jünger des Modern Metal oder Metalcore zufriedenstellen. Zum allerletzten Mal gibt es einen kurzen Teil zum durch die Wohnung moshen: „5, 4, 3, 2, 1“ – go and buy this fuckin‘ record!

Love And Death – Perfectly Preserved
Fazit
Bei der Auswahl eines neuen Reviews bekommt man beim Wort Nu Metal erst mal einen leichten Schreck. Obwohl mich diverse Bands aus dieser Zeit durchaus geprägt haben, ist aktuell nichts mehr von der damaligen Erfolgswelle zu spüren. Hier wurde jedoch nicht versucht, von ein paar abgehalfterten Musikern längst verblasste Erfolge wieder aufleben zu lassen. Nein, hier haben erfahrene Szenegrößen ihr Innerstes nach außen gekehrt und großartige Songs zwischen Nu und Modern Metal produziert. Das Endergebnis klingt, als hätten Korn und Breaking Benjamin einen giftigen kleinen Bastard in Sneakern und Baggypants gezeugt. Die erste faustdicke Überraschung des noch jungen Musikjahres – welcome back guys.

Anspieltipps: Tragedy, Down, Affliction und White Flag
Florian W.
9
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Punkte
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