Ab hier heißt es: Ayreonauts only! Mitte September des vergangenen Jahres machten sich rund 15.000 (!) Fans aus 71 Ländern (!!) auf die Reise zum Familientreffen ins niederländische Tilburg, um die Stadt zum vierten Mal (plus dem Theaterstück The Theater Equation) in „Ayreon City“ zu verwandeln. Stolze fünf Konzerte stellten die Musikerinnen und Musiker an diesem Wochenende auf die Beine. Ayreon-Bier, Ayreon-Menüs, Ayreon-Flaggen, die im Wind wehen. Diese Superlative sind einem Mann zu verdanken: Arjen Anthony Lucassen, dem langen, schlaksigen Hippie-Dude, der vor 30 Jahren ein ganzes Universum unter dem Banner Ayreon erschaffen hat. Wer auch nur einmal in dieses Rabbit Hole hinabgestiegen ist, der möchte so rasch nicht mehr ans Tageslicht. So ergeht es auch mir. Zum dritten Mal machte ich mich auf den Weg nach Tilburg, um das Jubiläum des Meisters und seiner Gefolgschaft zu zelebrieren. Nur wenige Minuten blieben mir und den anderen Ayreonauts, um die begehrten Tickets zu ergattern. Vor der Location 013 stand bereits Stunden vor Beginn eine lange Schlange, man sah Shirts von früheren Veranstaltungen und Flaggen von Südamerika bis Indien. Der bescheidene Sir Arjen kann auch Jahrzehnte später nicht begreifen, was er dort erschaffen hat.
Eine Reise durch drei Jahrzehnte Ayreon-Geschichte
Neben dem herausragenden Sound, den man nur im 013 genießen kann, spielen die Bühnenaufbauten und – im heute im Fokus stehenden Album 30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time – auch die gigantische Videoproduktion eine zentrale Rolle. Dabei sei erwähnt, dass die Leinwand im 013 jedes von mir bisher besuchte Konzert mit ähnlichem Anspruch aussehen lässt wie die Diashow auf Tante Paulas 90. Geburtstag. Da mir „nur“ das Tonmaterial vorliegt, stellt sich mir die Frage, ob es die gleiche Faszination entfachen kann, wie das Gesamtpaket, bestehend aus Video und Musik. Beim Kauf habt ihr die Qual der Wahl: Blu-ray, CD plus DVD oder Vinyl, und das sogar vom Meister persönlich signiert. Lediglich das Artbook ist bereits ausverkauft.
Livealben müssen sich in meinen Augen und Ohren doppelt anstrengen, um einen Ehrenplatz in einer Sammlung oder in diversen Bestenlisten zu bekommen. Spontan fallen mir Klassiker wie Purples Made In Japan oder Priests Unleashed In The East ein. In meiner Gunst ganz oben stehen Kultscheiben à la Tokyo Tales von Blind Guardian oder Dream Theaters unsterbliches Vermächtnis Live At Budokan. Die Atmosphäre des Publikums muss spürbar sein und die Produktion darf nicht zu sehr glattgezogen werden. Viel mehr wünsche ich mir von einem Livealbum nicht. Ayreon haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie in der Lage sind, ein Live-Erlebnis der Extraklasse nach Hause zu liefern. Wie am Konzertabend auch, ist die CD unterteilt in Songs, die ihr Livedebüt feierten (CD 1), und Ayreon-Klassiker auf der zweiten Scheibe. Für gewöhnlich landet bei mir ausnahmslos jeder Song im Review, doch bei den vorliegenden 27 Songs plus Ansprachen wäre das des Guten zu viel. So besinne ich mich auf die zahlreichen Highlights, die bei mir hoch im Kurs stehen.
Die Highlights eines denkwürdigen Livespektakels

Das Dream-Sequencer-Intro beschert mir direkt eine Gänsehaut und ich fühle mich in den Konzertabend zurückversetzt. Das surreale Doppelpack, bestehend aus dem verträumten My House On Mars und dem symphonischen Sail Away To Avalon, ist alleine sein Geld wert. Der erstgenannte Song wird vom langjährigen Lucassen-Weggefährten Wudstik intensiv dargeboten und von den zauberhaften Stimmen im Background, namentlich Heather Findlay, Marcela Bovio und Irene Jansen, veredelt. Sail Away To Avalon, vom Ayreon-Debütalbum The Final Experiment, stand sehr weit oben auf meinem Wunschzettel für dieses Konzert. Maggy Luytens Stimme ist wie geschaffen, um die raue See auf der Reise nach Avalon zu vertonen. Es wird laut im Publikum, denn Sir Arjen himself betritt erstmals die Bühne, um eine echte Rarität zu präsentieren. Days Of The Knights stammt von seinem Solo-Debüt namens Pools Of Sorrow, Waves Of Joy. Zwei Jahre bevor Ayreon erschaffen wurde, erschien also dieser Song, der sich aufgrund seiner heroischen Ader erstaunlich gut in das restliche Material des Sets einfügt.
Ich springe zum emotionalen Höhepunkt des ersten Sets: Meine Lieblingssängerin Anneke Van Giersbergen treibt mir mit ihrer Darbietung von Childhood – nicht von ungefähr auf meinem Lieblingsalbum The Human Equation zu finden – Tränen in die Augen. Ach, Kinder, ist dat schön. Direkt anschließend darf sich Marcela Bovio im epischen Dragon On The Sea ins Rampenlicht stellen. Dort gehört sie mit ihrer Stimme auch hin. Ein Name, den ich vor diesem Abend noch nicht auf dem Zettel hatte, ist Dino Jelusick, der u. a. beim Trans-Siberian Orchestra hinter dem Mikro steht und auch mit Whitesnake tourte. Eine Tatsache, die sich spätestens nach seiner Performance von The Year Of ’41 ändern sollte. Seine kraftvolle Stimme ist wie geschaffen für Arjens Metal-lastiges Projekt Star One. Dino ist für die große Bühne im 013 wie gemacht, einfach eine Rampensau. The First Man On Earth ist die nächste positive Überraschung im Set. Im Original gesungen von Neal Morse, performt Wudstik diesen Übersong mit dem Herzen auf der Zunge.
Remember? Forever!
Weiter geht es mit dem zweiten Akt, den Klassikern und Fan-Highlights. Joost van den Broeks Hammond-Orgel dröhnt, die Querflöte von Jeroen Goossens erklingt – es ist an der Zeit, dem Publikum The Theory Of Everything zu erklären. Ein traumhaftes Trio, bestehend aus Fanliebling Mike Mills, der Engelsstimme von Tommy Karevik (Kamelot) und erneut der rauen Rockröhre Maggy Luyten, vertont die ersten beiden Teile des Konzepts in unnachahmlicher Art und Weise. Auch Into The Black Hole, auf dem Album von Legende Bruce Dickinson eingesungen, gehört für mich zu den stärksten Songs aus der Feder von Arjen Lucassen. Nach Mike Mills steht mit Damien Wilson der nächste Fanliebling am Mikrofon. Der sympathische Brite zeigte sich, wie schon von den letzten Ayreon-Konzerten gewohnt, fanfreundlich und ließ sich für Shakehands, Fotos und einen kurzen Plausch bei den Fans vor der Halle blicken. Den Song intoniert er mit Bravour. Valley Of The Queens markiert einen weiteren emotionalen Höhepunkt. Die Sängerinnen bekommen erneut ihren verdienten Spot im Rampenlicht und sorgen für wohlige Schauer auf dem Rücken.
Ab dem Moment, ab dem Jeroen Goossens die ikonischen Eröffnungsnoten auf dem Didgeridoo spielt, explodiert die Energie im Raum förmlich. Die Fans lieben Loser und auch für Arjen ist es jedes Mal ein Highlight, wenn das Publikum die Show für einen kurzen Moment übernimmt und laut „LOSER“ in Richtung der Bühne schreit. Ein Keyboardsolo von Arjens Sidekick Joost darf natürlich nicht fehlen. „Hey dude, you’re so uncool, but hey, that’s alright.“ Diese ikonischen Zeilen, die man am Konzertwochenende auch in gedruckter Form auf einem Shirt erwerben kann, gehören zum groovigen Amazing Flight In Space, welches auf keiner Ayreon-Show fehlen darf. Genau wie das unsichere Lachen des alten Hippies. Zu Everybody Dies stehen nahezu alle Akteure auf der Bühne, und wer jetzt noch nicht genug hat, der sollte seine Protein-Tabletten nehmen und den Helm aufsetzen: Set Your Controls sorgt dafür, dass sich alle Anwesenden einen Flug ins Weltall leisten können.
HIER! geht es für weitere Informationen zu Ayreon – 30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time in unserem Time For Metal Release-Kalender.



