Talco – Maskerade auf dem Reeperbahn Festival 2020 in Hamburg und im Stream

Vier Tage Musik aller Genres

Eventname: Reeperbahn Festival 2020

Headliner: Talco

Ort: Festival Village Stage, Heiligengeistfeld, Hamburg

Datum: 19.09.2020

Kosten: 65,00 € VVK als Liveevent für Samstag, freier Zugang zum Stream

Genre: Punk, Ska

Besucher: ca. 800 Besucher

Veranstalter: Reeperbahn Festival (https://www.reeperbahnfestival.com)

Link: https://www.facebook.com/talcopunkchanka/

Das Reeperbahn Festival ist eigentlich ein Meeting der verschiedenen Musikrichtungen in den Clubs auf der Reeperbahn und anliegenden Straßen. Docks, Große Freiheit 36, Gruenspan, aber auch Knust oder Molotow sind klassische Orte für Konzerte. Dieses Jahr ist alles anders und die größten Bühnen sind outdoor. Eigentlich ist das Heiligengeistfeld bzw. die Festival Village ein Treffpunkt, aber keine Location für Konzerte. In diesem Jahr befindet sich die Hauptbühne auf dem Platz, wo sonst der Hamburger Dom stattfindet. Die Kapazitäten in den Clubs sind sehr begrenzt bzw. einige Clubs sind nicht Bestandteil des Reeperbahn Festivals, was als eine Art „Light Version“ 2020 veranstaltet wird. Für den Freund von härteren Klängen gibt es während der Zeit immer die Metal Dayz in der Hamburger Markthalle, 2020 wegen der Pandemie natürlich nicht. An härteren Tönen ist im Billing vom Reeperbahn Festival nicht so richtig viel. Während der bisherigen drei Tage habe ich dann und wann mal in ein Konzert einer mir unbekannten Band hineingeschaut, aber meistens nach fünf Minuten den Kanal gewechselt.

Die einzige Band, welche von vornherein als „gut“ einzustufen ist, sind Talco aus Marghera, Venedig, Italien. Erste Gehversuche gab es bereits vor 20 Jahren, seit 2004 sind die Italiener unterwegs und in Hamburg durchaus Stammgast. Die Truppe füllt Clubs wie die Fabrik, Große Freiheit 36 oder das Knust ohne größere Probleme. Eine klare politische Haltung und eine gewisse Nähe zu einem Fußballklub aus Hamburg ist seit vielen Jahren die Attitüde des Sextetts, welches eine gut tanzbare Mischung aus Ska und Punk abliefert, welche auch als Combat Ska (analog zu u. a. Banda Bassotti oder RedSka) bezeichnet wird. Im Dezember 2019, zum 15. Geburtstag der Band, war man noch in der Großen Freiheit 36 zu sehen und der Laden kochte natürlich. Heute gibt es Sitzplätze und in Hamburg ist Tanzen verboten (das ist kein Witz, dafür kann man zur Kasse gebeten werden). Passend zur aktuellen Situation liefern die Herren eine akustische Scheibe der interessierten Zuhörerschaft mit dem Namen Locktown. Im September und Oktober ist man mit dem neuen Werk in einigen Locations unter Corona-Bedingungen zu sehen, so auch heute als Headliner des Reeperbahn Festivals. Die kleine Tour trägt den ebenfalls sehr passenden Namen mit Talco Maskerade, welcher auch als Zusatznamen für das Akustikwerk dient. Ich selbst habe mich für den Stream entschieden, was sicherstellt, dass ich das Konzert auf jeden Fall verfolgen kann. Die Medienvertreter unterliegen den gleichen Szenarien wie der normale Besucher, d. h. wenn die Location mit der zugelassenen Menge an Menschen belegt ist, bleibt auch der Medienvertreter draußen. So gibt es schon mal einen Vorgeschmack auf das, was wohl in den kommenden Monaten als Liveevent zu sehen sein wird.

Die Truppe singt auf Italienisch, natürlich gehören auch Nummern wie Bella Ciao zum Repertoire, das während des Zweiten Weltkriegs zu einer der Hymnen der italienischen Widerstandsbewegung gegen die Nazidiktatur wurde.

Der Stream startet mehr als pünktlich, und es gibt erst mal eine Ansage vor dem Gig bzgl. der Coronaregeln für die Menschen vor Ort. Das Intro ertönt und man erwartet eher den letzten Cowboy, dann erscheinen die sechs Herren und nehmen wie das Publikum auf Stühlen Platz und schnappen sich ihre akustischen Instrumente. Dema begrüßt das Publikum und erinnert sich an den Dezember letzten Jahres, es war wohl einer der letzten Auftritte der Herren. Seit ca. neun Monaten hat man keine Konzerte mehr spielen können und kreierte das akustische Projekt Talco Maskerade. Die ersten beiden Songs sind bekannte Melodien, gefolgt von zwei Songs, welche auf dem in 2020 neuen elektronischen Album erscheinen sollten. Ein Track davon ist Locktown, die neue Single. Zumindest ist hier die Stimmung auch am Stream zu hören, das Publikum tanzt natürlich nicht, wie man es normal bei einem Talco Konzert tut, sondern klatscht und wippt mit. Dann ist es Zeit, auf St. Pauli natürlich St. Pauli zu spielen, eine Reminiszenz aus Italien an den örtlichen Sportverein und den Hamburger Stadtteil. Was sich normalerweise bei den Konzerten in den Clubs auf dem Kiez abspielt und im Vergleich zu diesem Ding, muss ich nicht beschreiben, ein wenig kommt davon auch auf dem Reeperbahn Festival im Sitzen rüber. Es folgt mit La Sedia Vuota (Combat Circus, 2006) ein richtiger Klassiker der Truppe, im normalen Konzertbetrieb ist Pogo garantiert. San Maritan (Gran Gala, 2012) klingt akustisch auch anders als sonst und geht langsam und gemächlich in die Hymne Bella Ciao über, mit der Tempoaufnahme ist normalerweise Chaos vor der Bühne. Hier und heute sind alle diszipliniert auf ihren Sitzen, Band genauso wie Zuschauer, mehr als Sitzpogo ist heute nicht und mit A La Patchanka geht es nahtlos in das Outro. Ancora befindet sich auch auf der Setlist und ist akustisch leider etwas kraftlos im Vergleich zu dem, was man sonst so von der Truppe auf die Ohren bekommt. Signor Presidente aus der ganz frühen Zeit der Herren (Tutti Assolti, 2004), verbreitet akustisch eine sehr coole Stimmung. Starkes Ding! Il Tempo ist in der heutigen Version wieder nicht so der Burner, da fliegt eigentlich die Kuh durch den Laden. Für La Mia Citta gilt eigentlich das Gleiche, auch ein sehr energetischer Song, der akustisch nicht das ausstrahlt wie sonst in der eigentlichen Talco Fassung. Danza dell’Autunno Rosa ist akustisch leider ein echter Flop, ansonsten live eine Bank, aber so kommt der leider einfach nicht an. Sänger Dema verabschiedet sich vom Publikum und so endet der Stream nach knappen 70 Minuten.

Was soll ich schreiben? Das sind nicht Talco, das ist Talco Maskerade, oder besser Talco mit angezogener Handbremse. Es ist halt nicht die Zeit für Pogo. Mich freut es, dass die Herren ein kreatives Projekt auf die Beine gestellt haben, welches Talco Songs spielt, aber natürlich lange nicht die Energie besitzt wie die normalen Talco Sachen.

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