Dropkick Murphys – Turn Up That Dial

„Dreht den verdammten Regler auf“

Artist: Dropkick Murphys

Herkunft: Quincy, USA

Album: Turn Up That Dial

Spiellänge: 39:16 Minuten

Genre: Folk Punk, Folk Rock, Punk Rock

Release: 30.04.2021

Label: Born & Bred Records

Link: https://dropkickmurphys.com/

Bandmitglieder:

Gesang – Al Barr
Gesang – Ken Casey
Gitarre, Tin Whistle, Akkordeon, Klavier und Backgroundgesang – Tim Brennan
Gitarren, Banjo, Mandoline und Backgroundgesang – Jeff DaRosa
Gitarre und Backgroundgesang – James Lynch
Schlagzeug, Perkussion und Backgroundgesang – Matt Kelly
Dudelsack – Lee Forshner
Bassgitarre – Kevin Rheault

Tracklist:

  1. Turn Up That Dial
  2. L-ee-b-o-y
  3. Middle Finger
  4. Queen Of Suffolk County
  5. Mick Jones Nicked My Pudding
  6. H.B.D.M.F
  7. Good As Gold
  8. Smash Shit Up
  9. Chosen Few
  10. City By The Sea
  11. I Wish You Were Here

Nachdem die Folk-Punk-Urväter The Pogues schon vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet hatten, bleiben für mich nur noch die zwei Großen dieses Genres übrig: Flogging Molly und Dropkick Murphys. Obwohl auch deutsche Vertreter wie Fiddler’s Green ihre Berechtigung haben, kommt man an den „zwei großen“ Bands nicht vorbei.

Seit 1996 treibt die irisch-amerikanische Band Dropkick Murphys in den Pubs und auf den großen Bühnen dieser Welt ihr Unwesen. Jetzt steht Studioalbum Nummer zehn in den Startlöchern und hört auf den passenden Namen Turn Up That Dial. Denn es soll positivere Vibes vermitteln als das letzte Werk 11 Short Stories Of Pain And Glory, bei dem in erster Linie der Tod nahestehender Menschen betrauert wurde. Sänger Ken Casey musste nach einer OP den Bass an den Nagel hängen und nutzt die neu gewonnene Freiheit am Mikro für folgende Worte: „Steh auf, raus aus den Jogginghosen, die du das letzte Jahr getragen hast, bessere Zeiten liegen vor dir – Let’s fuckin‘ go!“

Noch Anfang 2020 hatte die Band auf ihrer Tour die Gelegenheit, in 9.000 glückliche Gesichter beim Auftritt im majestätischen Alexandra Palace in London zu blicken. Wir alle wissen, was dann geschah. Deshalb bekämpften die „Boston Kids“ ihren Coronablues, indem sie lustige und fröhliche Songs unter dem Banner „put your fist up and play it loud“ schrieben. Genau das, was ich jetzt brauche!

Was die Jungs in dunklen Zeiten am Leben hält, wird bereits in der zweiten Strophe des Titelsongs klar: „These days can be dark, they’re lonely and long. Thank God for the music that made me belong.“ Mit der stampfenden Energie von Straßenmusik gibt Turn Up That Dial die Marschrichtung vor und lässt mich an unbeschwerte Teenagerzeiten zurückdenken: „We took on the world with these songs in our ear“ – Walkman auf, Musik an, Welt aus.

Lee Forshner wusste noch gar nicht, was ihn in L-ee-b-o-y erwartete, als die Murphys ins Studio gingen. Der Dudelsackspieler trug seinen Part zur angeblichen Instrumentalnummer bei, ohne zu ahnen, dass die restlichen Bandmitglieder ihm einen Songtext gewidmet hatten. „Wir können es kaum erwarten, ihn zu überraschen. Dudelsackspieler sind an und für sich schon einzigartige Charaktere und Lee ist einfach ein toller Kerl“, sagte Ken Casey schadenfreudig grinsend.

Middle Finger ist eine der vorab veröffentlichten Singles auf Turn Up That Dial. Das Leben von Ken Casey ist laut der Lyrics trauriger als ein Country-Song. Nichtsdestotrotz macht die ironische, Akkordeon-dominierte Nummer mehr als nur Spaß und lässt weder Auge noch Kehle trocken – typischer Sound der Folk Punks.

Dropkick Molly oder Flogging Murphy? Bereits nach dem erstmaligen Hören von The Queen Of Suffolk County wird mir klar, dass die Dropkick Murphys noch nie so sehr nach ihren Genrekollegen geklungen haben. Als Fan beider Formationen ist das kein Problem und so wird der Song die nächsten Monate meine Playlist blockieren. Musikalisch dominiert das Banjo von Jeff DaRosa, während Casey von den Heldentaten einer messerschwingenden Femme fatale aus der Gegend erzählt.

Im klassisch rotzigen DM-Soundgewand geht es in Mick Jones Nicked My Pudding weiter. Der langjährige Produzent Ted Hutt regt sich zu Recht (!) darüber auf, dass The Clash-Gitarrist Mick Jones seinen Pudding geklaut hatte: „Oi! Mick Jones, leave my pudding alone.“ Während einer Mittagspause verwandelte Ken Casey die Anekdote kurzerhand in eine herrliche Mitgrölnummer.

Noch unbeschwerter und witziger kommt das Stück H.B.D.M.F um die Ecke. Dieser eine Kumpel, der seinen eigenen Geburtstag immer etwas zu hart feiert, um im Mittelpunkt zu stehen – wer kennt ihn nicht? Casey ließ allerdings offen, ob der Besungene ein Bandkollege ist. In jedem Fall zum Lachen und zum Schunkeln.

Die Nadel fällt und das Knistern des Vinyls ist selbst in der MP3-Version von Good As Gold zu hören. Der Partysong lässt mich nicht mehr ruhig sitzen. Der Text erzählt nicht nur von prägender Musik aus der Jugend, sondern auch vom heiligen Akt des Plattenkaufs: Das Begehren, die Aufregung und schließlich der magische Moment, an dem die Nadel fällt.

Smash Shit Up begleitete Band und Fans bereits auf der abrupt beendeten Tour 2020. Die Band, die ihre Einnahmen des historischen Streamingkonzerts Streaming Outta Fenway an Wohltätigkeitsorganisationen spendete, hatte eben doch eine Vergangenheit und die war hart: „I wanna be a rebel, I wanna break some bones.“ Wieder einmal gibt Tim Brennans Akkordeon den Ton an und ansonsten liefert das Stück Dropkick Murphys in Reinkultur: Raue Refrains zum Mitgrölen, angepisste Lyrics und das perfekte Zusammenspiel der zahlreichen Instrumente.

Wer braucht noch eine kleine Abreibung? Richtig, die Heimat der Dropkick Murphys „the good old USA“. Im folkigen Funsong Chosen Few wird mit der Coronapolitik und dem glücklicherweise abgewählten Präsidenten abgerechnet. Mit diesem Thema kann man wohl noch einige Alben füllen.

Eine weitere zynische Liebeserklärung bekommt die Bandheimat Boston in City By The Sea aufs Auge gedrückt. Die Sänger Al und Ken liefern sich ein schönes Duell um die Heimat-Metropole, wo man geliebt und gehasst wird: „I wanna be back where people tell it like it is. Everyone remembers, but nobody forgives – But I’m still a Boston kid.“

Nach all der Ironie, dem Zynismus und natürlich dem vorrangigen Spaß, den Turn Up That Dial bis hierhin ausgezeichnet hat, wird es zum Abschluss noch einmal nachdenklich. Akkordeon, Dudelsack und Trommelmarsch spielen in der Hommage an Al Barrs verstorbenen Vater Woody die Hauptrolle. Noch nie haben die Dropkick Murphys ein Album in ihrer fast 25-jährigen Bandkarriere mit einem ruhigen Song beendet. Ein notwendiger Schritt, um diesem Mann ihren gebührenden Respekt zu zollen und einen Moment innezuhalten – I Wish You Were Here.

Dropkick Murphys – Turn Up That Dial
Fazit
„Je düsterer die Zeiten wurden, desto härter kämpften wir, um die Leute mit dieser Musik aufzurichten.“ Meine Herren, das ist ihnen gelungen. Spaß, Ironie, Zynismus und Trauer sind die Themen auf Turn Up That Dial und werden in die unnachahmliche Mischung aus Punk und Irish Folk verpackt. Die aggressive Härte der frühen Werke mag fehlen, aber wer in dieser Zeit etwas Ablenkung und Freude braucht, kann mit dem neuesten Streich der Dropkick Murphys nichts verkehrt machen.

Anspieltipps: Turn Up That Dial, Middle Finger, Queen Of Suffolk County und Good As Gold
Florian W.
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Leise War Gestern... - Der Time For Metal Podcast
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