Possessed – Revelations Of Oblivion

Ein Brecher. Schon jetzt völlig zu Recht ein Erfolg mit dem Einstieg in die Charts

Artist: Possessed

Herkunft: USA

Album: Revelations Of Oblivion

Spiellänge: 54:18 Minuten

Genre: Death Metal

Release: 10.05.2019

Label: Nuclear Blast Records

Link: https://possessedofficial.com/

Bandmitglieder:

Gesang – Jeff Becerra
Gitarre – Daniel Gonzalez
Gitarre – Claudeous Creamer
Bassgitarre – Robert Cardenas
Schlagzeug – Emilio Marquez

Tracklist:

1. Chant Of Oblivion
2. No More Room In Hell
3. Dominion
4. Damned
5. Demon
6. Abandoned
7. Shadowcult
8. Omen
9. Ritual
10. The Word
11. Graven
12. Temple Of Samael

Possessed genießen ja in der Metalszene einen Legendenstatus, der sich vor allem auf das Debütalbum Seven Churches von 1985 begründet – der Langspieler soll einer der ersten im Genre Death Metal sein. Das Ding bei solchen Legendenbands ist: Oftmals wurden sie hauptsächlich auch aufgrund des Kontextes auf einen Thron gehoben und nicht unbedingt wegen ihrer herausragenden Qualität. Weil sie mit die Ersten waren, die solch brutales Zeug gezockt haben, stachen sie halt heraus. Hört man sich das Debüt ohne den musikgeschichtlichen Kontext an, fällt auf, dass es trotz aller Stärken wie etwa den rasend-wilden Gitarrenriffs auch Schwächen gibt, von denen man seltsamerweise kaum liest oder hört: Dabei hatte der Drummer offenkundig Probleme mit dem Timing, der Gesang auf Seven Churches klang eher viertklassig und der Sound recht matschig.

Was das mit dem aktuellen Comeback-Album Revelations Of Oblivion zu tun hat, das jetzt nach einer rund 30-jährigen Auszeit erschienen ist? Sehr viel, denn erstens werden viele Fans der Band sogleich einen Vergleich zu dem Legendenalbum anstellen, zweitens wohl recht kritisch sein, da nur der ehemalige Sänger und Hauptsongwriter Jeff Becerra von den Ex-Mitgliedern mit an Bord ist. Merken tut man das nicht wirklich: Revelations Of Oblivion ist nach einem atmosphärischen Intro von Anfang bis Ende ganz genau das, was Possessed auch schon früher ausgezeichnet hat: Wilder, grober Extrem-Metal, irgendwo zwischen Death Metal und Trash Metal, mit sich immer wieder in Raserei verlierenden Gitarren, dazu mächtig donnernden Drums und einem Sänger, der einen hohen Wiedererkennungsfaktor hat. Doch im Gegensatz zu früher gibt’s diesmal einen erstklassigen Sound, bei dem selbst im heftigsten Instrumenten-Rausch nicht alles zu einem Soundklumpen verpappt.

Becerra ist damit eine Gratwanderung gelungen: Das neue Album sollte alte Fans versöhnen, da es noch immer alle Zutaten aus den guten alten Zeiten hat (somit also old-school ist). Und es dürften mit dieser Scheibe auch viele neue Anhänger hinzugewonnen werden können, denen Possessed bisher einfach zu fern von der heutigen (Sound-)Qualität war. Einzelne Songs herauszuheben, fällt schwer, das Album klingt ziemlich homogen, ohne dass es an Abwechslung mangelt. Es gibt bärenstarke Up-Tempo-Abrissbirnen, wie das vorab veröffentlichte No More Room In Hell oder die darauf folgenden Dominion (das nur kurz ganz sachte vom Gaspedal geht) und Damned (bei dem man Becerra aufgrund seines schicksalhaften Lebenslaufes mit einer Querschnittslähmung durch eine Schießerei 1990 die fast tragisch herausgeschrienen Zeilen wie „nothing ist forever, nothing ever last“ sofort abnimmt). Das ist Großartigkeit in einem Guss!

Luftholen darf der Hörer aber dankenswerterweise auch: Demon fängt stampfend an, bevor die Herren Musiker erneut, aber nur kurz in Raserei verfallen. Dann wird wieder gestampft, um danach wieder in die Gedärme zu stampfen mit passenden old-school Lyrics („fall, fall on your knees“). Hat durchaus das Zeug zum Live-Knaller. Abandoned geht kaum schneller, die Drums nicht mächtiger (sowieso hat Felldrescher Emilio Marquez auf dem Album einen grandiosen Job abgeliefert!). Das kann man mitskandieren (Abandoned! Abandoned!), da muss die Rübe geschüttelt werden!

Puh, ganz schön heftig, wie sich Possessed anno 2019 anhören! Verschnaufpausen gibt’s nicht wirklich. Zwar kommt vor Shadowcult ein kurzes Intro, dann geht die wilde Fahrt aber wieder los: Sänger Becerra überschlägt sich fast, um dann einen einprägsamen Refrain rauszudrücken. Der Gesang ist übers gesamte Album immer wieder an die einzelnen Songs in Nuancen angepasst. Mal wütender, mal tragisch-verzweifelt-wütend, mal wie bei Shadowcult auch teilweise etwas verschwörerisch (zumindest will der Verfasser dieser Zeilen das so herausgehört haben).

Omen kommt fast schon melodisch rüber, zertrümmert aber natürlich trotzdem noch alles, was bei drei nicht weggehechtet ist. Und sollte noch etwas stehen geblieben sein, so vernichtet das ziemlich lange Ritual den Rest: Was ein Massaker! Und dann gibt’s hintenraus auch noch eine okult-böse Note, passend zum Namen und Text des Songs. Jetzt könnte eigentlich langsam mal Schluss sein, viel mehr solch fieses Geballer halten die wenigsten Hörer aus. Aber nö, nicht mit Possessed! Songwriter Beccera hatte nach 30 Jahren wohl jede Menge Ideen zu verbraten. So ist The Word weniger gerade auf die Zwölf, sondern vielschichtiger in seiner Struktur. Der Gesang kommt hier mehr zur Geltung. Graven bietet dann erneut rasend-furiose Gitarrenläufe und mehr Mid-Tempo, bevor schließlich das Outro Temple Of Samael das Ende markiert.

Fazit
Vielleicht sollten sich andere Bands an Possessed ein Beispiel nehmen und nur alle 30 Jahre Alben aufnehmen. Na gut, ist natürlich nur ein schwacher Witz. Zumindest hat die Auszeit dem Songwriter und einzig übrig gebliebenem Gründungsmitglied Jeff Becerra keineswegs geschadet, sondern einen vollen Sack Ideen beschert. Die Gratwanderung zwischen old-school Vibes und Instrumentierung sowie modernem Sound gelingt. Possessed sind trotz der personellen Umbesetzung noch immer unverkennbar. Die Zutaten sind gleich geblieben: rasende Gitarrenläufen, ohne Ende ballernde Drums und ein Sänger, der mit seinem Rotz in der Stimme einen hohen Wiedererkennungswert hat. Um wenigstens eine Referenz zu nennen: Hier und da erinnert das Ganze an Venom. Revelations Of Oblivion ist ein überaus homogenes Album geworden, mit einem gelungenen Cover (stammt vom gleichen Künstler, der auch die Scheiben von Ghost verziert) bei dem allein der eine oder andere Song (wie zum Beispiel Ritual) etwas kürzer hätte sein dürfen. Dennoch knallt eigentlich jeder Song, der eine oder andere ist nur nicht ganz ein totales Massaker, sondern versucht durch Midtempo-Parts mehr Variation und dadurch Dynamik zu kreieren. Hätte das noch mehr geklappt, wäre die Bewertung höher ausgefallen.

Anspieltipps: No More Room In Hell, Abandoned und Ritual
Tobias K.8.5
Leser Bewertung1 Bewertung7.3
8.5
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