Summer Breeze Open Air 2022 vom 17. bis 20.08.2022 in Dinkelsbühl

45.000 Metalheads feiern in Dinkelsbühl zum Festivaljubiläum bei Sonne, Regen und Matsch

Veranstaltung: Summer Breeze Open Air 2022

Ort: Flugfeld des Aeroclub, Flugplatzstr.1, 91550 Dinkelsbühl

Webpräsenz: Website, Facebook, Instagram

Datum: 17.08. – 20.08.2022

Kosten: Festivalticket ab 189 € (inkl. Camping und Vorverkaufsgebühr). Für das Festival muss pro Fahrzeug ein separates Parkticket erworben werden, das ihr nur vor Ort kaufen könnt. Zudem gibt es Tageskarten für Mittwoch (69,90 €) sowie Donnerstag, Freitag und Samstag (jeweils 79,90 €).

Veranstalter: Silverdust GmbH

Besucher: ca. 45.000 – 50.000

Bands: 1914, Acranius, Agrypnie, Alestorm, Amorphis, Analepsy, Angelus Apatrida, Any Given Day, Die Apokalyptischen Reiter, Apophis, Arch Enemy, Avatar, Avatarium, Aviana, Balance Breach, Beast In Black, Bembers, Benediction, Benighted, Blasmusik Illenschwang, Blind Guardian, Bloodywood, Born From Pain, Brainstorm, Brothers Of Metal, Bury Tomorrow, Caliban, Cannibal Corpse, Combichrist, Comeback Kid, Conjurer, Consvmer, Crack Up, Crisix, Cypecore, Cytotoxin, Dagoba, Dangerface, Darkest Hour, Dark Funeral, Dark Tranquillity, Death Angel, Debauchery, Defocus, Distant, Djerv, Eisbrecher, Eisregen, Electric Callboy, Elwood Stray, Emil Bulls, End Of Green, Enforced, Ensiferum, Evile, Feuerschwanz, Fiddler’s Green, Finntroll, Fixation, Fleshcrawl, Ghostkid, Gutalax, Gutrectomy, Hämatom, Haggefugg, Hammer King, Hangman’s Chair, Hawxx, Heaven Shall Burn, Humanity’s Last Breath, Hypocrisy, Igorrr, Infected Rain, Insomnium, J.B.O., Jinjer, Knogjärn, Korpiklaani, Kvaen, Landmvrks, Lik, Lord Of The Lost, Lorna Shore, Lüt, Madball, Mass Hysteria, Misery Index, Mission In Black, Morbid Alcoholica, Mr. Hurley & Die Pulveraffen, Nanowar Of Steel, Napalm Death, Navian, Necrotted, Nekrogoblikon, The Oklahoma Kid, Omnium Gatherum, Orden Ogan, The Other, Parasite Inc., Primal Fear, The Prophecy23, Raised Fist, Randale, Resolve, Seasons In Black, Serenity, Skyeye, Slope, Storm, Temptations For The Weak, Ten56, Turbobier, Vended, Venues, Vola, Voodoo Kiss, Vulture, Warkings, Der Weg einer Freiheit, Within Temptation

Abgesagt: Enforced, Hatebreed, Thundermother, Static-X, Madball, Mental Cruelty

Summer Breeze Open Air 2022

Das Summer Breeze Open Air 2022 ist vorbei. Rund 45.000 Fans und über 130 Bands auf vier Bühnen widmeten sich vom 17. bis 20. August 2022 endlich wieder der schönsten Nebensache der Welt und ließen im mittelfränkischen Dinkelsbühl die Nacken kreisen. Endlich. Wieder. Breeze. Ein Festival mit sehr vielen Höhe- und einigen Tiefpunkten. Mit Sonne, Regen und Schlamm. Viel Schlamm. Der guten Laune tat dies keinen Abbruch.

Es waren lange, ereignisreiche Tage. Entsprechend umfangreich ist unser Bericht. Schnappt euch einen Snack und einen Drink. Über die nachfolgenden Links könnt ihr direkt zu den einzelnen Abschnitten springen.

Lowlights

Schaffen wir die Tiefpunkte zu Beginn aus dem Weg, damit wir danach die Highlights genießen können.

Highlights

© Summer Breeze Open Air 2022

Schlamm, Scheiße, sexuelle Übergriffe

Nach langer Trockenheit sorgt der ab Donnerstag wiederholt einsetzende Regen mit über 25 l/m² Wasser für tückischen Morast. Die Fluten verwandeln das Festivalgelände in einen matschigen Hindernisparcours (und Mosh Pits in Mud Pits), vor dem anfangs auch die Veranstalter kapitulieren müssen: Zeitweise ist eine Abfahrt vom Gelände nicht möglich. Vereinzelt sorgen Räumfahrzeuge für freie Wege, auf dem Infield werden jedoch keinerlei Vorkehrungen getroffen, um den sumpfigen Untergrund etwa mit Stroh, Hackschnitzeln oder Rindenmulch zu stabilisieren. Gleichzeitig ist klar, dass sich das leichter schreiben als umsetzen lässt. Denn auch das Breeze leidet unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und dem Fachkräftemangel. Immerhin dürfen Rollstuhlfahrer:innen irgendwann einen asphaltierten Weg hinter den Kulissen nutzen, um zwischen T-Stage und Main Stage zu pendeln.

Weiterhin sorgt der Zustand der sanitären Anlagen für Unmut. Veranstalter Achim Ostertag berichtet: „Wenn ein Sanitärdienstleister mit 14 Personen statt wie gebucht 70 Personen anreist, dann sind Probleme vorprogrammiert. Glücklicherweise konnten wir in der Nacht auf Donnerstag zusätzliches Personal akquirieren und die Situation an den Sanitärstationen in den Griff bekommen.“ Nicht jeder mag diese Einschätzung teilen, unabhängig davon hat sich das Summer Breeze Team ein Lob für die rasche Maßnahme verdient.

Ein dickes Lob gebührt dem Breeze auch für den Umgang mit solch widerwärtigen Arschlöchern, die Personen beim Crowdsurfen begrapschen. Laut Angaben der Polizei werden während des Festivals fünf Frauen mitunter gezielt unter der Kleidung berührt. Die Festivalleitung macht die Vorfälle selbst öffentlich und verurteilt diese aufs Schärfste:

Übrigens: Im Awareness-Zelt des Festivals standen rund um die Uhr Kontaktpersonen für all jene zur Verfügung, die etwas auf dem Herzen haben.

Und jetzt zurücklehnen und genießen.

Dienstag, 16.08.2022

Zum 25. Jubiläum gönnt sich das Summer Breeze Open Air 2022 vor dem offiziellen Start am Mittwoch ein Sonderprogramm und holt dienstags jene Bands auf die Bühne, die einst beim ersten Summer Breeze 1997 in Abtsgmünd zu Gast waren. Dazu gehören Voodoo Kiss, Crack Up, Apophis und Fleshcrawl sowie Tagesheadliner End Of Green. Dazu gibt es zwei Besonderheiten: Einerseits ist das die Tatsache, dass Summer Breeze Veranstalter Achim Ostertag damals wie heute bei Voodoo Kiss in die Felle haut. Andererseits das Geständnis, dass wir am Dienstag noch gar nicht in Dinkelsbühl angekommen sind. Also schnell zum Mittwoch.

Mittwoch, 17.08.2022

Das Summer Breeze ist zurück

Der Autor dieser Zeilen hielt das Festivalzelten früher für eine unabdingbare Notwendigkeit. Diese Grundüberzeugung änderte sich nach einem verhagelten Wochenende (ja, es geht um den aus Eisklumpen bestehenden Niederschlag), doch das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls bietet sich das beschauliche Dinkelsbühl zur Sommerbrise ganz vorzüglich für einen Aufenthalt an. Schnell das Festivalbändchen geholt, eingecheckt, Bierchen und los. Okay, noch ein Bierchen. Wait what, die Blasmusik Illenschwang spielt schon?

Auf dem Weg zum Bus-Shuttle, der von morgens bis abends zwischen Festivalgelände und Innenstadt pendelt, passieren wir amüsiert-irritierte Touris („Warum sind die alle schwarz angezogen?“) und gut gelaunte Einheimische, die das für die Wirtschaft nicht unerhebliche Summer Breeze Open Air 2022 ebenfalls vermisst haben. Die Sonne scheint, es ist heiß – wie in der Hölle. Lustig: Am Wegesrand versuchen uns christliche Bekehrer:innen die Vorzüge eines Buches anzupreisen. Vermutlich hätte die Zeit gereicht, um es zweimal zu lesen, denn der Shuttle lässt lange auf sich warten. Das war es dann mit Pallbearer. Immerhin gibt es einen kleinen Moshpit, als alle wartenden Festivalfans gleichzeitig in den Shuttle einsteigen wollen, der nach einer gefühlten Ewigkeit die Haltestelle an der Schwedenwiese erreicht.

Schnell noch die Jacken im vorab gebuchten Schließfach deponieren, wobei sich „schnell“ mit Blick auf die Dreckschicht im Inneren des Lockers relativiert. Wir putzen. Und dann endlich durch die Sicherheitsschleuse rein aufs Infield. Wie haben wir dich vermisst. Auf der Wera Tool Rebel Stage haben sich gerade Urne aufgebaut. Das Londoner Doom-Sludge-Stoner-Blues-Thrash-Metalcore-Prog-Gebräu (!) ist zum ersten Mal beim Summer Breeze zu Gast und klatscht dem Publikum direkt eine Faust in die Fresse. Wahnsinn, was diese Band zu dritt entfesselt. Insbesondere Schlagzeuger Richard Harris liefert eine eindrucksvolle Performance ab. Vor der Bühne mag noch Platz sein, doch die ersten Crowdsurfer:innen gleiten bereits über das Publikum und wer noch eine Hand freihat, reckt die Teufelshörner in die Luft. Wie so viele andere Bands an diesem Wochenende widmen Urne den zahlreichen Crewmitgliedern einen Song und scherzen „We hope you enjoy our English version of Metal„. Yes, we do.

Urne © Summer Breeze Open Air 2022

Mehr Zuspruch als Urne findet der Summer Breeze Merchstand. Wie jedes Jahr hat sich eine gigantisch lange Schlange an Besucher:innen gebildet, die es kaum abwarten können, neue Breeze-Devotionalien zu ergattern. Wir umkreisen sie elegant und begeben uns, vorbei an den Verkaufsständen (Wo warst du, Bob Moon?!), zur Main Stage, wo bereits Caliban spielen. Übrigens: Mal schnell zwischen den Bühnen wechseln ist auf dem Summer Breeze nur zwischen Wera Tool Rebel Stage und T-Stage möglich. Die Ficken Party Stage befindet sich außerhalb des Infields auf dem Campingplatz und der Weg zur Main Stage zieht sich. Vor allem bei Schlamm.

Caliban liefern wie immer ein souveränes Set ab, das von gelegentlichen Soundproblemen getrübt wird. Wirklich negativ fällt das nicht ins Gewicht, denn vor und auf der Bühne ist der Spaß ausgebrochen. Frontman Andreas Dörner will mehr Circlepits und Crowdsurfer:innen, dabei kommen die sich schon in die Quere. „Es ist so geil, wieder auf der Bühne stehen zu dürfen„, sagt er. Auch das werden in den folgenden Tagen noch viele Bands ansprechen. Während Staubwolken bei gleißender Hitze zum Himmel steigen, spielen Caliban ihr Rammstein-Cover von Sonne. Kommt cool.

Caliban © Summer Breeze Open Air 2022

Beim Blick auf die Main Stage fallen direkt die zwei großen Leinwände auf, auf denen das jeweilige Konzert übertragen wird. Aber wo sind die mächtigen Summer Breeze Gargoyles aus den Vorjahren? Gleichermaßen fehlt die charakteristische Drehbühne. Drei Tage später bestätigt die Pressekonferenz des Festivals unsere Vermutung: Gestiegene Kosten und mangelndes Personal haben Transport und Betrieb der Bühne wirtschaftlich unmöglich gemacht.

Auf der T-Stage ist derweil Thrash Metal angesagt, denn Exodus sind bereit für eine Nackenmassage und ekstatische Soli. Die freudige Masse vor der Bühne skandiert wiederholt den Bandnamen und es stellt sich die Frage, warum die US-amerikanischen Bay Area Veteranen nicht auf der Main Stage spielen. Frontman Steve Souza (in Kutte) hat leichtes Spiel, denn das Publikum frisst ihm und seinen Bandkollegen aus der Hand. Mit Botschaften wie „We will be bonded together“ und „Thanks for moshing“ heizt er die Fans an, die richtig ausrasten. Dass der Sound nicht mitunter in akustisch anstrengende Gefilde abdriftet, ist im Pit egal.

Während die Klamaukgaranten Feuerschwanz das Gelände vor der Main Stage in eine riesige Partymeile verwandeln, in der bis in die hinterste Reihe auch zum Dragostea Din Tei Cover im Takt mitgeklatscht wird, begrüßt die Wera Tool Rebel Stage Paleface. Bleiche Gesichter gibt es jedoch nirgends im Publikum zu sehen. Crowdsurfende Fans und aufgewirbelter Staub aus dem Pit vermischen sich mit dem brutal groovenden Beatdown der Schweizer, die richtig krass Bock auf ihre Show haben und den Kontakt zum Publikum suchen. Ansteckend!

Einige Meter weiter ist auf der T-Stage kurz darauf Thrash-Nachschlag angesagt. Wieder Bay Area, wieder alte Helden, die jung klingen: Testament besteigen die Bühne vor imposantem Backdrop und machen sich daran, das Breeze zu erobern. Es ist richtig voll geworden, viele Besucher:innen sind es auch. Vor mir fallen zwei besoffene Mädels kreiseltanzend in einen filmenden Dude und könnten nicht glücklicher sein. Testament fetzen uns Riffs wie Machetenhiebe um die Ohren. Überall in die Luft gereckte Teufelshörner und Fäuste, Crowdsurfer:innen, Circlepits, eine Wall of Death. Genau so geht eine Metal Show. Und wie toppt man die gute Stimmung? Genau: Wenn man den ehemaligen Sänger Steve Souza auf die Bühne holt, der zufällig eine Stunde vorher mit Exodus gerockt hat.

Testament © Summer Breeze Open Air 2022

Die Stuttgarter Metalcore-Combo Our Promise verspricht direkt im Anschluss auf der Wera Tool Rebel Stage nicht nur einen Stilwechsel, sondern auch massive Sympathie. Die Jungs, die sich erst 2020 zusammengetan haben und Bands wie The Ghost Inside oder I Prevail als Einfluss nennen, sind sichtbar glücklich, auf dem Summer Breeze Open Air 2022 spielen zu können. Das überträgt sich rasch auf das Publikum, das sich von der Band motivieren lässt und der Aufforderung zum Springen sofort nachkommt. Schade, dass der Clean Gesang ein wenig untergeht.

Es ist trotz glühender Hitze Eiszeit für den ersten Headliner, denn Eisbrecher schneien auf der Main Stage herein. Das Bühnenbild unterstreicht die souveräne Inszenierung (!) der Band mit hohen Podesten, in deren Mitte das Schlagzeug thront. Wie immer beweist Fronter Alexander Wesselsky seine Qualitäten als Alleinunterhalter und hält das Publikum mit Scherzen und wohldosiertem Pathos bei Laune. Dazu gehört wie so oft der Dank, endlich wieder auf einer Bühne stehen zu können und auch das Breeze ist zufrieden. Eisbrecher sind hier gern gesehener Gast. Musikalisch gibt es das übliche, gute Programm ohne echte Überraschungen, vereinzelte Gimmicks wie Kostümwechsel und „Schneefall“ bei Eiszeit geben dem Auftritt Charakter und wieder einmal beweist die Single FAKK vom aktuellen Album Liebe Macht Monster ihre Qualitäten als Livestück. Faust nach oben, mitgrölen, schunkeln. Alle haben Spaß. Zum Abschluss schicken Eisrecher das Falco-Cover Out Of The Dark in den schwarzen Nachthimmel.

Eisbrecher © Summer Breeze Open Air 2022

Was könnte es Besseres geben, als die Nacht mit einem Auftritt von Paradise Lost zu veredeln? Der Soundcheck irritiert mit schmerzhafter Lautstärke, die sich zum eigentlichen Konzert etwas einpegelt. Doch es bleibt mitunter ein basslastiger Brei. Egal. Die Gothic-Pioniere spielen vor einem großflächigen Backdrop und sind zum insgesamt sechsten Mal beim Breeze. Vielleicht ist es ein Gefühl von Heimat, das Sänger Nick Holmes überraschend redselig macht. Mit lakonischem Humor kündigt er Lieder an, kokettiert mit dem Alter der Musiker und bemerkt, dass die Band seit ihrem letzten Auftritt vor vier Jahren ein paar Pfunde zugelegt und einige Haare verloren hat. Irgendwann will er ein Bier haben und verspricht augenzwinkernd, direkt mit PayPal zu zahlen. Es dauert zwei Songs bis zum ersten Schluck, die Grabenschlampen stellen ihm zwei Biere auf die Bühne. Beim gut gemischten Set der Jahrzehnte umfassenden Diskografie singen und tanzen selbstverständlich vor allem ältere Fans, die Augen oft entrückt geschlossen.

Nach Paradise Lost dröhnen die Ohren zugegeben ein wenig, doch das sympathische Geschrei von Svalbard kommt trotzdem durch. Die Band aus Bristol in England treibt seit elf Jahren ihr Unwesen und hat kürzlich bei Nuclear Blast Records unterschrieben. Die vierköpfige Truppe dreht Post und Black Metal durch den Corewolf und das wollen wirklich viele Menschen sehen und hören. Wankend im Takt schwanken die Körper zu den gewaltigen Melodien, die heute Abend neue Ohren finden. Vor der Wera Tool Stage ist es gut gefüllt und vor allem Sängerin Serena Cherry freut sich über den Zuspruch. Nächstes Jahr sind Svalbard übrigens mit Cult Of Luna auf Tour.

Paradise Lost © Summer Breeze Open Air 2022

Jemand ein Bier? Die nächste Party steigt auf der Main Stage und alle haben Durst und Lust zum Tanzen mitgebracht. Im Wechsel der gelben und grünen Lichter springen die Finnen Korpiklaani mit ihrem Folk Humpa Metal über die Bühne und liefern genau das, was man von ihnen erwartet. Hochwertigen skandinavischen Metal, der zum Alkohol trinken animiert. Sänger und Gitarrist Jonne Järvelä hat alles im Griff. Niemi und Journey Man ziehen die Stimmung nach oben. Im weiteren Verlauf feiern unzählige Headbanger zu Beer Beer oder Vodka. Korpiklaani und eine sausende Party – das steht auch heute im Einklang. Geballte Fäuste, zufriedene Gesichter und keine Wünsche, die von Jonne und Co. nicht erfüllt wurden.

Zum Tagesabschluss gönnen wir uns Fleshgod Apocalypse. Kurz vor Mitternacht sind die ersten Summer Breezler schon ein bisschen müde und auch wir brauchen erschreckend lange, bis wir den Gastgitarristen „Mr. Mannequin“ als Schaufensterpuppe erkennen. Anfangs müssen die römischen Symphonic Death Metaller das Publikum noch ein wenig animieren, der Sound auf der T-Stage lässt zudem etwas zu wünschen übrig, die formidable Stimme von (Opern)Sängerin Veronica Bordacchini ist übermächtig. Doch mit jeder Minute drehen Fleshgod Apocalypse weiter auf. Moshpits, Walls of Death und kollektive Begeisterung sind der Lohn. Die Band kann den Zuspruch aus dem Publikum kaum in Worte fassen. „No words“ steht später in ihrem Instagram-Post. Sänger Francesco Paoli ist auch einen Tag später noch bewegt und postet: „Ich bin so stolz auf das, was gestern Abend passiert ist“.

Fleshgod Apocalypse – Summer Breeze Open Air 2022

Den letzten Slot auf der Main Stage bekommen Die Apokalyptischen Reiter. Seit Jahrzehnten bringt die Band ihre Fans auf allen Festivals der Republik zum Schwärmen. Über das neue Material kann man streiten, als Liveprogramm geht der Daumen jedoch klar nach oben. Mit Reitermanie und Friede Sei Mit Dir bestätigen Die Apokalyptischen Reiter ohne Probleme ihre enorme Livepräsenz. Weit nach Mitternacht zünden sie mit Der Adler und Es Wird Schlimmer weitere Feuerwerke. Klatschend begleitet die Masse den markanten Sänger Daniel „Fuchs“ Täumel, die Hitdichte ist groß. Bis in die hinteren Reihen drängen die Körper zur Bühne. Mark „Dr. Pest“ Szakul an den Tasten vermisst man zwar immer noch, das Quartett kann den Weggang jedoch kompensieren. Schockwellenartig wabern die Melodien durch die Luft, sodass Die Apokalyptischen Reiter die metalgierige Meute zufrieden auf den Zeltplatz schicken.

Donnerstag, 18.08.2022

Krasse Party mit den Callboys

Es gibt wirklich noch Menschen, die „Helgaaaaaaa“ rufen. Eine Massenhysterie löst das sicher nicht aus, doch Mass Hysteria auf Frankreich bringen immerhin die Fans zur frühen Mittagszeit auf der T-Stage zum Kreischen, die bis zum ersten Wellenbrecher stehen. Die Band gehört im Heimatland zur Metal-Speerspitze und ist seit 1993 aktiv. Mass Hysteria verbreiten mit ihrem Genremix aus Industrial, Nu und Alternative Metal eine positiv-sympathische Stimmung, die so ansteckend ist, dass wir Darkest Hour auf der Mainstage verpassen. Die Menge hüpft und umschließt Sänger Mouss Kelai („In the 90ies everyone jumped!„) , als dieser zum Publikum hinabsteigt und zu einem Happy Birthday Summer Breeze Circle auffordert. Das sitzt. Von überall kommen plötzlich Menschen angerannt, um eine Runde im Pit zu drehen. Eine Runde im (Whirl)Pool drehen können dieses Jahr übrigens Besucher:innen des Vip-Bereichs.

Conjurer © Summer Breeze Open Air 2022

Mit Conjurer steht danach eine wirklich spannende Combo auf der Wera Tool Rebel Stage. Die Engländer kippen ein galliges Gebräu aus Doom, Sludge und Post-Metal zusammen, das die Musiker mit saftigen Hassbatzen abschmecken. Basser Conor Marshall zelebriert Windmill Headbanging, die Sänger/Gitarristen Dan Nightingale und Brady Deeprose schreien fühlbar böse und schmerzerfüllt ins Publikum. Das Summer Breeze mosht sich fit für den Tag und kommt der Forderung nach einem Circle sofort nach.

Sebastian „Sushi“ Biesler hat sich mit Ghostkid erfolgreich von seiner Electric Callboy Vergangenheit gelöst. Rein musikalisch präsentiert er das interessantere Angebot, massentauglich(er) ist es jedoch noch nicht. Wobei das mit Blick auf die zahlreichen Fans vor der Bühne relativ ist. Biesler bedankt sich sichtlich gerührt für den Zuspruch und legt sich mit seiner Band mächtig ins Zeug. Aktive Stage Action und düsteres Make-Up tragen zum kraftvollen Set bei, das soundtechnisch allerdings nicht immer überzeugt. Als Biesler bei This Is Not Hollywood kurz den Text vergisst, lächelt er das einfach sympathisch weg. Vielleicht bleibt die Show ein wenig hinter den Erwartungen zurück, eine Ansage wie „Es kommen noch viele geile Bands, wir sind quasi nur ein Warm-Up“ hat Biesler aber wirklich nicht nötig. Ghostkid macht Spaß und auch die Mama darf sich freuen, als am Schluss ein Smartphone-Video gedreht wird. „Macht Lärm für Mama.“ Haben wir gemacht!

Ghostkid © Summer Breeze Open Air 2022

Ausnahmezustand, die Erste. Tatort: T-Stage. T wie Toilette. Ja, Gutalax sind am Start. Wir haben anfangs auf die Probleme mit den sanitären Anlagen hingewiesen. Das hat aber nichts mit den zahlreichen Menschen zu tun, die am heutigen Donnerstag mit Klopapier und Klobürsten ausgerüstet zur tschechischen Grindcore-Band pilgern. Das Konzert ist ein Community Event mit kollektiver Selbstironie, zu dem aufblasbare Schwimmbadtierchen zwischen Mülltonnen, Crowdsurfern – auch mit Rollstuhl – und alkoholisierten Spaßvögeln herumfliegen. Jemand sagt: „Ich glaub, ich höre das gleiche Lied schon wieder.“ Nein, Gutalax bucht man nicht für musikalische Finesse, sondern als Garanten für hervorragende Stimmung. Dass das Summer Breeze so steil geht, scheint sogar die Band selbst zu überraschen. Come on, Fäkalhumor geht immer. Gutalax auch.

Misery Index holen den Ernst zurück auf die T-Stage. Death Metal wie eine Faust in die Fresse, Doublebass Übermacht, unsere Hosen vibrieren vor den Boxen. Sänger Jason Netherton prangert an und kotzt seine von Frust und Hass getrieben Botschaften in den Pit, wo sie kathartische Energie entfalten. Die Fans moshen Schulter an Schulter und Misery Index können einfach zusehen, wie sich die Action vor der Bühne selbst regelt. Grüße an den Dude vor uns, der ausgelassen in seinen Becher gesungen hat.

Mit der Ficken Party Stage ist das so eine Sache. Einerseits hat es Charme, eine ausgelagerte Band direkt auf dem Campingplatz anzubieten. Andererseits sinkt die Motivation auf, äh, Ficken, wenn erst einmal das Infield erreicht ist. Die Zeit von der Main Stage zur Ficken Party Stage dauert einen Wandertag. Viele Besucher:innen ignorieren diese Bühne daher komplett und stellen sogar deren Existenz infrage. Ein Fan fasst es so zusammen: „Lasst die Bands im Infield spielen oder bucht halt weniger Bands, die Ficken Stage braucht niemand.“ Könnte man meinen. Über mangelnden Zuspruch kann sich die Bühne allerdings nicht beklagen. Der Partyfaktor ist hoch, eigene Getränke können mitgebracht werden, das Durchschnittsalter sinkt rapide bei gleichzeitig ansteigender Tattoo- und Impericon-Shirt-Dichte. Zudem ist die Ficken Party Stage oftmals Nährboden für den metallischen Nachwuchs und Bands wie Consvmer. Hier gibt es gesellschaftskritische Texte auf Deutsch, verpackt in eine Mischung aus Metalcore und Beatdown. Das ist ein ziemlich hartes Brett, was bei den Fans gut ankommt. Die Violent Dancer packen Faust und Roudhouse Kicks aus. Aggressionen, Gym Workouts und Frohsinn tanzen fließend ineinander über.

Consvmer © Summer Breeze Open Air 2022

Die finnischen Melo Death Metaller Omnium Gatherum gehören ebenfalls zu den Highlights des Tages. Eine Band, die vor allem live zu überzeugen weiß. Mit ihrem 2021er-Album Origin im Gepäck dürften die kommenden 45 Minuten mitunter sehr kurzweilig werden. Omnium Gatherum tun heute das, was sie am besten können. Sie praktizieren ehrlichen, authentischen und in der Tat sehr abwechslungsreichen Melodic Death Metal, dem es an jenen genannten Attributen nicht mangelt. Hinzu gesellen sich Spielfreude und jede Menge Sympathie, die von jedem Einzelnen der Protagonisten von der Bühne herabstrahlt. Die Crowd quittiert die Songs der Band ein ums andere Mal mit frenetischem Applaus und dies zu Recht. Das opulente Soundgewitter dieser Band, welches wegen der instrumentellen Vielfalt nie langatmig oder unausgewogen rüberkommt, gibt der Kreativität der Band einen zusätzlichen Schub.

Necrotted sorgen zweifelsohne für das Lokalkolorit auf dem diesjährigen Summer Breeze. Aus Abtsgmünd stammend – der ersten Heimstätte des Summer Breeze – wissen die fünf Herren nur zu gut, welche Bürde auf ihnen lastet. Dieser vermeintlichen Last haben sich Necrotted an diesem frühen Abend jedoch sehr schnell entledigt und in höchste Motivation verwandelt. Eingeleitet vom Superperforator wird diese den Gästen vor der Wera Tool Rebel Stage in Form von brachialem Death Metal von Sekunde eins an erbarmungslos um die Ohren gehauen. Die Performance der Musiker generell, insbesondere aber von Frontmann Fabian Fink, lässt dabei keine Zweifel aufkommen, dass man heute richtig Bock hat, auf die Kacke zu hauen. Und mit Songs des aktuellen Albums Operation: Mental Castration gelingt dies formidabel. Zahlreiche Crowdsurfer sind unterwegs und Circlepits bilden sich. 30 kurzweilige und extrem tough dargebotene Minuten sind leider viel zu schnell zu Ende. Als Sahnehäubchen bekommen zwei Crewmitglieder noch die Gelegenheit, auf der Bühne einen Heiratsantrag zu zelebrieren. Die sichtlich gerührte Dame nimmt den Antrag des auf Knien sitzenden Adonis an. Was blieb ihr in Anbetracht des würdigen Rahmens und der vielen Zuschauer auch anderes übrig? 😊 Glückwunsch und alles Gute an die beiden für die gemeinsame Zukunft.

Death Angel gehen immer, vor allem auf dem Summer Breeze. Die Jungs aus San Francisco sind gern gesehene Gäste in Dinkelsbühl. Man kann sich eben auf die Performance stets verlassen und deren Bühnenpräsenz können sich eingefleischte Thrasher ohnehin nicht entziehen. Zuletzt standen Death Angel 2019 auf gleicher Bühne und rissen diese förmlich ab. So auch heute. Spätestens bei Seemingly Endless Time wird bis in die hintersten Reihen klar, dass Death Angel nicht gekommen sind, nur um der Oxidation der Gitarrensaiten entgegenzuwirken. Death Angel wollen begeistern, mitreißen und eine geile Zeit mit dem Publikum verbringen. Seit den frühen 1980er-Jahren touren Death Angel bereits über die Bühnen dieser Welt und hinterlassen überall diesen unverkennbaren Sound, der maßgeblich durch den Gesang von Frontmann Mark Osegueda geprägt ist. Aggressive Modulation im Einklang mit Melodie und diese sagenhafte musikalische Basis machen Death Angel seit vier Jahrzehnten aus. So sehe nicht nur wir das, die Schar der zahlreichen Gäste ganz offensichtlich auch. Mal wieder alles richtig gemacht. Die vergangene Stunde war abermals ein Ohrenschmaus.

Electric Callboy © Summer Breeze Open Air 2022

Metal-Puristen mögen spotten, doch wenn es um Aufmerksamkeit und kollektive Ekstase geht: Electric Callboy gewinnen schon heute das Summer Breeze. Gefühlt pilgert das komplette Festival zur Main Stage. #Völkerwanderung. Das Security Personal filmt ungläubig die Massen, die sich vor die Bühne schieben. Bis hinter den Wellenbrecher herrscht dichtes Gedränge, schon vor Beginn des Konzerts formt sich der erste Circle. Und dann explodiert der zweite Ausnahmezustand des Tages, die Leute flippen einfach aus und die Band hält mit Konfettikanonen drauf. Die Frontmänner Kevin Ratajczak und Nico Sallach wissen genau, wie sie das Publikum noch weiter anfeuern können. Es gibt die üblichen Sprüche und verdientes Lob für die Grabenschlampen, die sich angesichts der Armada an Crowdsurfern gegenseitig stützen müssen. Electric Callboy schütteln ihre Hits aus, der Pit eskaliert. Einigen Fans ist das zu viel, denn im engen Gewusel gibt es zeitweise kaum Platz, um die eigenen Arme auszustrecken. Hinzu kommt, dass die üblichen Verdächtigen mitunter Moshpit und Boxring verwechseln. Musikalisch bleiben Electric Callboy auch heute ein zweischneidiges Neonschwert, zeitweise fühlt sich der Auftritt wie eine Playback-Inszenierung an. Ganz ehrlich? Voll egal! War das ’ne Party. Bei der mischt – warum auch immer – plötzlich auch Sebastian Pufpaff mit. Dabei wäre die bessere Überraschung ein Duett mit Sebastian Biesler gewesen. Trotzdem, das war krasser Scheiß, wirklich. Den Auftritt von Electric Callboy könnt ihr euch als Aufzeichnung im Summer Breeze YouTube-Kanal ansehen.

Worin genau steckt die Magie dieser Band? Ist es diese schier übernatürliche Art des nackenbrechenden Headbanging von George „Corpsegrinder“ Fisher oder ist es die diabolisch anmutende Kunst, echten, rohen und brettharten Death Metal zu zelebrieren? Die Antwort liegt vermutlich irgendwo dazwischen, denn von beidem wird der Crowd an diesem Abend reichlich geboten. Wir können den Blick von George Fisher nicht abwenden und bereits beim Zuschauen wird uns schwindelig. Wie macht er das, ohne sich dabei sämtliche Nackenwirbel zu brechen? Beeindruckend. Es werden in jedem Fall keine Gefangenen gemacht. Dieser Satz ist zwar total abgegriffen, nur im Falle von Cannibal Corpse ergibt das alles wieder Sinn. Die Amerikaner sind angetreten, um neben der Bühne selbst auch das Infield vor der T-Stage dem Erdboden gleich zu machen. Mitsamt den Gästen versteht sich, denn diese werden von dieser krassen Death Metal Walze nicht nur überrollt, sondern sprichwörtlich in alle Himmelsrichtungen katapultiert. Die Haare fliegen im Takt von George Fischer, zumindest ansatzweise. Unzählige Crowdsurfer:innen geben sich auf den Händen derer, die sie tragen, die Hände und die Circlepits nehmen kein Ende. Eine wilde Raserei, anders ist der Auftritt von Cannibal Corpse nicht zu bezeichnen. Das ist auch so zu erwarten gewesen. Wo Cannibal Corpse draufsteht, ist auch Cannibal Corpse drin. Diese Machtdemonstration zeigt, dass Death Metal à la Cannibal Corpse noch lange nicht ausgedient hat. Zum Glück, denn das aktuelle Album ist auch im Lichte dieses Gigs heute tatsächlich und mit Recht total abgefeiert worden.

Humanity’s Last Breath locken mit düsterem Ambiente, Prog und Djent vor die Wera Tool Rebel Stage. Und was die Band hier abfeuert, zieht uns sofort in ihren Bann. Die aus Schweden stammende ursprüngliche Deathcore-Formation feiert eine Messe. Das Lichtarrangement ist dunkel gehalten und der anhaltende Nebel sorgt für ein dezentes Schaudern auf dem Rücken. Das Flackern der Stroboskoplichter ergänzt den gewaltigen Sound der Band grandios, und das Bühnenoutfit der Jungs setzt der ganzen Sache noch die Krone auf. Musikalisch ist das ein echt fettes Brett. Hochtechnisch und auf extreme Weise tough dargeboten. Der gutturale Gesang von Filip Danielsson fängt diese instrumentelle Hochleistung in Perfektion atmosphärisch auf. Nach 45 Minuten genialer Musik heißt es für viele Zuschauer:innen im Publikum: Horizonterweiterung.

Arch Enemy – Summer Breeze Open Air 2022

Hättet ihr gewusst, dass Arch Enemy bereits zum sechsten Mal beim Breeze die Main Stage rocken? Die Festivalcrowd weiß auf jeden Fall, dass sie von den schwedischen Melo Deathern eine fette Show erwarten darf – und die gibt es. Die Band um Frontfrau Alissa White-Gluz lässt sich nicht vom einsetzenden Regen beirren und heizt dem Publikum ordentlich ein. Zu eindrucksvollen Licht- und Pyroeffekten haut die Band vor allem neuere Tracks raus und bewirbt das aktuelle Album Deceivers. Klassiker wie We Will Rise dürfen allerdings auch nicht fehlen. Die meisten Fans trotzen dem stärker werdenden Regen, doch die ersten Menschen flüchten und suchen einen trockenen Unterschlupf. Mehr Platz für Circlepits.

Die ersten Besucher:innen rutschen bereits durch den aufgeweichten Boden, als Ensiferum die T-Stage betreten. Der Regen hat es sich über dem Festivalgelände bequem gemacht, doch wer jetzt mit den Finnen feiern will, hat die Sonne im Herzen. Ausgelassen tanzen die Fans und klatschen im Takt, die fröhliche Stimmung erinnert an ein Volksfest.

Gut feiern lässt es sich auch mit Dagoba auf der Wera Tool Rebel Stage. Nach fünf Jahren Funkstille haben sich die Franzosen im Februar mit dem Album By Night zurückgemeldet. Ein cooles Intro eröffnet das zugängliche Set der Band, deren stilistisches Soundgebräu im Modern Metal Etikett aufgegangen ist. Was da aus den Lautsprechern kommt, klingt richtig gut. Also wirklich, Dagoba haben einen richtig geilen Sound erwischt und das Publikum geht ab.

Dagoba – Summer Breeze Open Air 2022

Ist das jetzt Melodic Death Metal? Horrorpunk? Progressive oder Industrial Metal? Das übliche Kontrastprogramm gibt es jetzt auf der Main Stage mit Avatar, die zur Freakshow aufrufen. „Wir kommen den ganzen Weg aus Schweden für diesen Scheiß“, ulkt Fronter Johannes Eckerström auf Deutsch. Bühnenbild, Kostüme und Gesten der Band verschmelzen stimmig ineinander, dazu zelebrieren sie die Freude an der musikalischen Extraversion. Allen voran selbstverständlich Zirkusdirektor Eckerström, der im charakteristischen Harlekin-Make-Up munter Grimassen schneidet und mit dem Verweis auf Nur Geträumt von Nena – natürlich im Blümchen-Remix (!) – Kenntnisse der deutschen Musiklandschaft unter Beweis stellt. Wie ein Besessener schüttelt er seinen Körper und gibt alles. Im Publikum tut man ihm es gleich oder steht angesichts der Show ein wenig verwundert vor der Bühne.

Es gibt Bands, die sind gemacht für die Nacht. Der Weg Einer Freiheit gehören auf der T-Stage unbedingt dazu. Das Konzert der Würzburger ist der dritte Ausnahmezustand am heutigen Donnerstag, der allerdings ganz anders abläuft. Bis zum ersten Wellenbrecher steht das Publikum kurz nach Mitternacht dicht gedrängt, um in emotionalen Black Metal abzutauchen. Wie können so liebe Jungs so böse Mucke machen? Ergriffen, fast ehrfürchtig lauschen die einen den überlangen Liedern, andere bekommen ihre Fäuste gar nicht mehr aus der Luft heraus, während die Nackenmuskeln um Gnade winseln. Das Breeze spendet tosenden Applaus nach jedem Track, dann nächster Song: alle mucksmäuschenstill. Gänsehaut.

Wer seine gute Laune jetzt noch toppen möchte, schaut bei Dark Tranquility auf der Main Stage vorbei. Die Schweden mögen vier neue Mitglieder haben, die Songs der Band sind geblieben. Ja, man könnte wieder am Sound herumkritteln, doch nur ein Blick auf das sympathischste Melodic Death Metal Lächeln der Welt (aka Mikael Stanne) genügt, um wohliges Kribbeln in der Pommesgabel auszulösen. Dark Tranquility haben wieder eine Videoleinwand mitgebracht, mit dem sie ihren Auftritt um stimmungsvolle Animationen bzw. Album-Artworks erweitern. Dabei mangelt es der Band sicher nicht an ausdrucksstarken Momenten, die Setlist ist ein Hitfeuerwerk. Vor und auf der Bühne schießen Glücksgefühle durch Körper, denn auch bei Dark Tranquility gilt: Wir haben euch vermisst. Fröhlich adressiert Stanne die Menge: „Klar, dass ihr nicht alle aus Dinkelsbühl seid. Aber wie geil wäre das bitte? Denn ihr seid die Metal Community.“

Freitag, 19.08.2022

Schlammschlacht

Puh, 11:30 Uhr, irgendwie früh. Aber für Debauchery lohnt sich das allemal. Was uns an den Herren aus dem Großraum Stuttgart und natürlich an der Musik so gefällt, ist die Mischung aus Death Metal und Rock ’n‘ Roll – kurz Death ’n‘ Roll. Echt ansprechend arrangiert und dadurch jederzeit interessant. Das eine Mal etwas mehr Death Metal, das andere Mal wieder mehr Rock ’n‘ Roll. Melodiös und dennoch räudig. Energiegeladen und inspirierend zugleich. Neben dem Bühnenoutfit, der gesamten Choreografie und dem sympathischen Auftreten – nicht nur von Thomas Gurrath – ist das die Erfolgsformel von Debauchery. Das geht zu früher Stunde runter wie Öl und der Start in den Tag ist gemacht. Die Fans huldigen Debauchery am frühen Tage mit allem, was zur Verfügung steht.

Bloodywood – Summer Breeze Open Air 2022

Bounce, Bounce, Bounce! Zur frühen Mittagsstunde hat sich die YouTube-Sensation Bloodywood aus Indien angekündigt, die zum ersten und wahrscheinlich nicht zum letzten Mal beim Summer Breeze auftritt. Nu Metal mit indischen Instrumenten und bedeutungsvollen Texten in Panjabi? Geht – auch mit Sprachbarriere! Der gute Ruf als exzellente Liveband, die hierzulande trotz des aufsehenerregenden Wacken-Auftritts 2019 noch immer ein Hauch Exotenbonus umweht – daheim und nicht nur dort sind die Jungs Superstars -, haben saftig viele Zuschauer:innen um 12:00 Uhr vor die Main Stage gelockt. Drei Sekunden nach Beginn des Konzerts ist klar: Alle feiern Bloodywood. Die Jungs aus Neu-Delhi präsentieren eine (fast zu) perfekte Show, die keinen Stillstand erlaubt. Trotz nassen Bodens verwandelt sich der Pit nach wenigen Augenblicken in ein staubiges Schlachtfeld, das die zahlreichen Crowdsurfer in ein Verkehrschaos verwickelt. Die Ansagen der Frontmänner Jayant Bhadula und Raoul Kerr mögen etwas einstudiert wirken, doch wie sie soziale Missstände anprangern und für Diversität einstehen, ist authentisch, erntet Applaus und hochgereckte Fäuste. Die übernatürlich sympathischen Bloodywood haben mit ihrem heutigen Auftritt viele neue Fans gewonnen und auch wir denken noch immer an diesen genialen Auftritt. [Zwischen strahlenden Gesichtern steht eine ungeduldige Gruppe Lorna Shore Fans: „Endlich wird’s leerer, komm, wir gehen vor, Platz sichern.“] Mehr über Bloodywood könnt ihr in der kurzweiligen Doku Raj against the Machine erfahren.

Mission In Black gehören auf dieses Festival. Sicherlich ein wenig gepusht durch Steffi Stuber, die bei Voice of Germany für Furore sorgte. Das allein wird der Band allerdings nicht gerecht. Mission In Black überzeugen primär durch ein durchdachtes Songwriting mit Tiefgang. Der von Melodie und Power getragene Thrash Metal der aus Heidenheim stammenden Band treibt die anfangs noch überschaubare Anzahl von Gästen vorzüglich an und es werden stetig mehr. Und ja, es ist natürlich das Growling und die im Wechsel sanft anmutende Stimme von Steffi Stuber, die den Songs die Veredelung gibt. Dem stehen ihre Kollegen an den Instrumenten jedoch in nichts nach, denn diese treiben Steffi von Song zu Song zur Höchstleistung an. Das wirkt alles rund, harmonisch und man merkt, dass die Band voller Herzblut dahintersteht. Mit Songs wie Oceans In Blood zum Beispiel kann man die Crowd sehr schnell für sich gewinnen. Auch diese 30 Minuten sind leider viel zu schnell vorüber.

Lorna Shore – Summer Breeze Open Air 2022

Krassere Saiten und Stimmbänder werden derweil bei Lorna Shore auf der Main Stage aufgezogen. Alle Deathcore-Fans sind im Paradies, das Infield platzt aus allen Nähten. Nach Bloodywood sollte der inoffizielle Headliner des heutigen Tages schon gefunden sein, oder? Nicht unbedingt. Lorna Shore sind einfach brutal, Abriss, die ultimative Knochenmühle – und alles klingt auch noch perfekt. Die Band mag es durch das unmenschliche Repertoire von Schreihals Will Ramos kürzlich zu einem gewissen Holy Shit Fame gebracht haben, doch Lorna Shore können mehr als pure Aggression. Hier stehen fähige Musiker an den Instrumenten, die zudem genau wissen, wie sie dem Breeze den Arsch versohlen. Allein die Pit Action bei Sun//Eater und Cursed To Die ist oscarverdächtig, im Publikum schütteln sich frenetischer Jubel und ungläubiges Staunen die Hände. Unsere Ehrfurchtspunkte gehen derweil an Doublebass Monster Austin Archey. Auch Lorna Shore werden sicherlich nie wieder so früh beim Breeze spielen.

Bei Vended stehen Griffin Taylor und Simon Crahan auf der Bühne und ja, das sind die Söhne der beiden Slipknot Musiker Corey Taylor und Shawn Crahan. Spätestens bei den ersten Tönen ist der Einfluss der Väter auch direkt hörbar, doch Vended müssen sich nicht hinter Slipknot verstecken. Machen sie ohnehin nicht. Die Jungs aus De Moines, Iowa machen gleich von Beginn an ordentlich Alarm. Da bleibt nicht viel Zeit zum Luft holen. Die Songs grooven ungemein und die brachiale Härte der Arrangements verzaubert dabei nicht nur unsere Ohren. Die Fans stimmen sofort mit ein – sagenhaft mit anzuschauen.

Wer In The Air Tonight von Phil Collins als Intro wählt, kann keine schlechte Band sein, wa? Comeback Kid sind mit ihrem lässigen Hardcore Punk immer einen Besuch wert und gehen sofort aufs Publikum zu. Mit Ansagen wie „We’re a punk band at a metal festival“ beschwören sie Gemeinschaftsgefühl und sammeln direkt Sympathiepunkte. Sänger Andrew Neufeld will 2-Step Dancing sehen und bekommt einen Hochgeschwindigkeits-Circle direkt dazu. Er will wissen, ob es sich lohnt, die Comeback Kid Show zu sehen. Das nennt man dann wohl rhetorische Frage. „Der Traum vom Moshpit“ haben wir unser Review zum aktuellen Album betitelt. Das Summer Breeze Publikum zeigt, dass es von Augenblicken wie diesem geträumt hat.

Die Duisburger Hardcore Formation Slope hat es indes verdient, dass man mehr als nur ein Öhrchen riskiert. Das ist nicht nur stumpf reingeprügelter Hardcore, hier vereinen sich Funkelemente, durchdringende Härte und vor allem die Raffinesse im Songwriting. So werden die Musik und die Performance von Slope zum Experiment für den Zuhörer. Warum? Man weiß bei Slope eigentlich nie, was einen im nächsten Moment erwartet. Da schleichen sich kurzerhand beinahe sleazige, funkige und bluesige Soli ein, die im nächsten Moment mit rohem Hardcore niedergetreten werden. Das klingt in positiver Hinsicht wie Hardcore-Jazz und es macht in der Tat echt Spaß, den Jungs zuzuschauen und zuzuhören.

Landmvrks – Summer Breeze Open Air 2022

Mit Landmvrks betritt eine französische Metalcore Institution die T-Stage. Landmvrks agieren auf der Bühne äußerst professionell, ohne dabei die Leichtigkeit zu verlieren oder Spielfreude einbüßen zu müssen. Der vorgetragene Metalcore setzt ein hohes Maß an technischer Fertigkeit voraus, was den Franzosen aber bravourös gelingt. Das Wechselspiel zwischen dem harten instrumentellen Groove und den melodiösen Aspekten des überwiegend aggressiv modulierten bis gutturalen Gesang ist vollkommen harmonisch aufeinander abgestimmt. Die Musik von Landmvrks ist durchdacht und bis ins letzte Detail ausgefeilt. Und wenn es live dann noch so flüssig rüberkommt, dann sind echte Profis am Werk.

Mittlerweile hat es sich so richtig schön eingeregnet und das Summer Breeze hat sich in eine Sumpflandschaft verwandelt. Das Pendeln zwischen den Bühnen kommt einer Gedulds- und Geschicklichkeitsprobe dar, viele Besucher:innen flüchten in ihre Zelte oder suchen in der Händlermeile Zuflucht. Das ist bitter für Benighted, Emil Bulls, Hämatom und Parasite Inc., die allesamt gute Auftritte hinlegen und mehr Publikum verdient hätten.

Vulture sind ein Klassiker in jeder Hinsicht. Echter Old School High Speed Metal, angereichert mit jedweder Attitüde der guten alten Zeit und veredelt durch eine leichte Thrash Note. Das sieht man den Herren aus Dortmund auch an. Lange Haare, Kutten sind Pflicht, ebenso wie Nietengürtel und engste Hosen. Einfach klasse. Und genauso wird deren Mucke auch präsentiert. Zeit ist ein hohes Gut und die bevorstehenden 30 Minuten sind ohnehin viel zu knapp gehalten. Wenig Zeit – dann spielen wir halt schneller! Vulture kommen ohne Umwege zum Punkt und pflügen den Acker vor der Wera Tool Rebel Stage sehr zum Gefallen der zahlreichen Headbanger ordentlich um. Ein wenig erinnert die Musik von Vulture an die frühen Alben der guten alten Destruction. Und genau in diesem Stile brennen Vulture hier und heute ein loderndes Feuerwerk bzw. eine Vendetta ab.

Djerv – Summer Breeze Open Air 2022

Wer dem anhaltenden Regenwetter, abgesehen von im Schlamm badenden Frohnaturen etwas Positives abgewinnen will, freut sich über jene Bands, die auf der überdachten Wera Tool Rebel Stage spielen. Djerv aus Norwegen sind so ein Kandidat, die witterungsbedingt auf noch mehr neugierige Ohren stoßen. Während die zwischen Rock und Metal balancierende Musik einer Gewöhnungsphase bedarf, kann Sängerin Agnete Kjølsrud direkt überzeugen. Fließend wechselt sie von Klargesang zu inbrünstigem Geschrei und fiesem Gekeife, derweil wirbelt sie energetisch über die Bühne. Cool.

Was soll man noch zu Napalm Death schreiben? Vielleicht, dass angesichts des Wetters und dem parallel stattfindenden Alestorm-Auftritts deutlich weniger Menschen als erwartet vor der Bühne stehen. Doch die sind bester Laune und feiern die Engländer, die ihrerseits gewohnt aufs Gas drücken. Auch wenn Bassist Shane Embury im Hawaiihemd einen Farbtupfer setzt, sind Napalm Death natürlich düster eingestellt und wütend wie eh und je. Sänger Barney Greenway sammelt wie gewohnt Kilometergeld auf der Bühne und predigt brüllend gegen Krieg, Knarren und Konzerne. Dankenswerterweise ballert die Band musikalisch nicht nur in die Fresse, sondern lässt auch Zeit für Hüft- und Kopfkreisen. Das ändert nichts daran, dass ein Napalm Death Konzert vor und auf der Bühne in Verausgabung enden kann.

Napalm Death – Summer Breeze Open Air 2022

Piraten sind Wasser gewohnt. Dennoch dürften Alestorm und ihre Fans eine feuchte Kehle der nassen Unterwäsche bevorzugen. Statt Rum wird auch eher Bier ausgeschenkt, das ist aber nebensächlich, wenn zu gehaltvollen Riffs und cheesy Keyboard-Tunes geschunkelt wird. Die Alkoholisierung des Breeze hat schlagartig zugenommen und die stimmlichen Kompetenzen der Besucher:innen finden in einem kollektiven Grölen zueinander. Dazu wird bis hinter den letzten Wellenbrecher getanzt. Ein latent verwirrtes Kind dreht sich zu seinen Eltern und fragt: „Können wir heimgehen?“

Wir gehen lieber zur Wera Tool Rebel Stage, wo Cytotoxin ihren „Chernobyl Death Metal“ spielen. So richtig wohl fühlen wir uns mit dieser Eigenbeschreibung angesichts des Kriegs in der Ukraine nicht. Der Zufall will darüber hinaus, dass im Anschluss Jinjer auf der T-Stage spielen. Andererseits: Death Metal ist ja nicht nur zum Wohlfühlen da. Aber was Cytotoxin hier in die Menge feuern, ist schon eine Sache für sich. Nennt es Tech Death, Grind oder Brutal Death Metal. Es ist auf jeden Fall ein ultrabrutaler, präziser Abriss, den die Band mit ihren Instrumenten erschafft. Also doch etwas zum Wohlfühlen. Frontmann Sebastian Grihm als Sänger zu bezeichnen, ist unzureichend und das ist keinesfalls despektierlich gemeint. Sein Stimmapparat ist vielmehr eine Waffe, die gutturales Todesgrunzen genauso wie irre Pig Squeals aus den Tiefen der Hölle hervorpresst. Nicht zu verachten sind auch seine Qualitäten als Anheizer: Mit einem Kreisverkehrsschild bittet er zum Circle Pit. Geile, lustige Idee! Überhaupt legt sich die ganze Band mächtig ins Zeug, um ihrem Publikum ein denkwürdiges Konzert zu bescheren.

Within Temptation – Summer Breeze Open Air 2022

Ganz, ganz anders geht es bei Within Tempation auf der Main Stage zu und das ist so genau richtig. Viele Summer Breeze Fans haben sich auf den Auftritt der Symphonic Metal Aushängeschilder gefreut, die mit einem aufwendigen Bühnenbild – eine gigantische Maske funkelt vor einer Videoleinwand mit roten Augen in die Menge – den musikalischen Bombast unterstreichen. Eingepackt in Regenponchos starrt das Publikum gebannt auf die Darbietung der Niederländer, die in 90 Minuten alle Register ihres Könnens ziehen. Sogar fanatische Pit Warrior halten sich zurück und respektieren, dass die meisten Zuschauer:innen Within Tempation einfach nur genießen wollen. Jetzt müssen nur noch die Trottel verschwinden, die den Auftritt von Sängerin Sharon den Adel mit „Ausziehen, Ausziehen“ kommentieren.

Der heutige Auftritt von Jinjer steht freilich unter besonderen Vorzeichen, denn die Ukrainer müssen während ihres Gigs nicht nur auf die Performance achten, sondern auch stetig an die in der Heimat verblieben Menschen denken, die sich im Krieg mit Russland befinden. Keine leichte Aufgabe. Das Banner im Hintergrund der Band ziert das Logo in den ukrainischen Landesfarben, was der Situation entsprechend vollkommen in Ordnung ist. Das Infield vor der T-Stage ist prall gefüllt und die Fans sind mit großen Erwartungen gekommen. Jinjer gehen mit ihren aktuelleren Alben tendenziell mehr in Richtung Djent, doch das Bandrepertoire ist breit. Die Einen mögen Jinjer weniger verspielt, direkter und roher, die Anderen können sich mit dem progressiven Djent durchaus anfreunden. Aber am heutigen Abend präsentieren sich die Herren um Tatiana Shmailyuk gewohnt präzise und drücken ordentlich auf das Groove Pedal. Shmailyuks Stimmgewalt und der gesangliche Facettenreichtum machen hier den Unterschied. Sie kann hervorragend ihren ausgebildeten Cleangesang einsetzen und gleichermaßen im tiefen Growling der gesamten versammelten Meute Angst einjagen. Bei dieser Show gibt es grundsätzlich nichts zu vermissen, dennoch betrübt uns die Vermutung, dass Jinjer ob der Entwicklungen in der Heimat nicht ganz befreit aufspielen können. Klar ist: Jinjer geben heute Abend abermals einen formidablen Abriss höchster Güte zum Besten, der breite Anerkennung erntet.

Jinjer – Summer Breeze Open Air 2022

So, Space Chaser. Old School Thrash Metal mit dem gewissen Etwas. Ist es die Berliner Schnauze, die dem Space Chaser Thrash die besondere Note verleiht? Man weiß es nicht genau. Was neben der instrumentellen Inszenierung jedoch hervorsticht, ist der Gesang von Frontman Sigfried Rudzynski. Seine breit angelegte Range erinnert oft an Bobby „Blitz“ Ellsworth. Die Arrangements klingen deshalb auch nicht selten nach Overkill. So zu klingen ist beileibe keine Schande, denn Space Chaser können was und das wird der geneigten Gemeinde vor der Wera Tool Rebel Stage kompromisslos um die Ohren gehauen. Das zündet, wie man so schön sagt. Die Fans feiern Space Chaser und wir reihen uns nahtlos ein. Genialer Auftritt einer erfrischenden Combo. Hut ab! Wer noch nicht genug vom Schlamm hat, kann beim Metalcore von Any Given Day bei der T-Stage durchdrehen.

Die Finnen Amorphis bekommen trotz des Wetters für ihren harmonischen Death Metal einen großen Zuspruch. Der Mix. der bis ins Modern-melancholische reicht, wird vom Land der Tausend Seen bis in den Süden Deutschlands getragen. Auch nach den vielen intensiven Jahren ackern die Musiker weiter und lassen die Korken mit Northwards, On The Dark Waters, Silver Bride und Into Hiding knallen. Immer gern gesehen der Hit Amongst Stars, nach dem sich Sänger und Ikone Tomi Joutsen brav bei allen Fans bedankt. Seit fast 20 Jahren hat er das damals schwere Amt von Tomi Koivusaari bzw. Pasi Koskinen übernommen und die stets aufgeschlossene Truppe noch weiter nach oben geführt. Neben den neuen Werken zelebrieren Amorphis auch alte Evergreens. Trotz Wasser in den Schuhen und Schlamm im Gesicht tanzen die Fans im wilden Takt und machen den Auftritt wie schon fast gewohnt zu einem Festivalhöhepunkt. Gibt es so etwas wie einen schlechten Amorphis-Liveauftritt? Mit The Bee und House Of Sleep dreht die Band nochmals auf, um dann das Feld endgültig zu verlassen.

Die Funken fliegen bei Lord Of The Lost, die zum Start Drag Me To Hell und Morgana in die Nacht schicken. Die Band um Mastermind Chris Harms – in Latex gehüllt beleben sie die Bühne – trotzt mit ihrem Dark Rock wie alle anderen Acts dem nicht weniger düsteren Wetter. Angeblich gibt es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung und ja, diesen blöden Spruch will heute niemand mehr hören. Dafür aber sehr gerne Lord Of The Lost, die in den letzten Jahren nicht nur das Genre belebt haben, sondern darin zu einer der wichtigsten Bands herangewachsen sind. Authentisch, immer nah an den Fans und das auf preisverdächtigem Niveau. Das ist keine Floskel, sondern gelebte Realität bei den Hamburgern. Kein Wunder, dass The Gospel Of Judas und Born With A Broken Heart vom Publikum kompromisslos abgefeiert werden. Neben den Riffgewittern dringen die Keyboard-Moves von Gerrit Heineman schwallartig über das Infield. Feucht und fröhlich bekommt dabei eine ganz neue Bedeutung. Der Wahnsinn endet weit nach Mitternacht mit Loreley und La Bomba. Sichtlich von der Unterstützung berührt, verlässt die Band um 2:00 Uhr nachts die Bühne.

Samstag, 20.08.2022

Bereit fürs Finale

Die moldawische Truppe Infected Rain um die charismatische Frontfrau Lena Scissorhands ähnelt in vielerlei Hinsicht Jinjer. Das ist natürlich dem musikalischen Grundkonzept von Infected Rain geschuldet, denn auch diese Band besitzt grandiose Musiker, wie auch diese sehr begabte Sängerin. Lena Scissorhands beherrscht alle Facetten. Cleangesang, heftige Screams, wie auch die tiefen Growls. Perfekt moduliert und der jeweiligen Stimmung des Songs angepasst. Dieser Auftritt bei High Noon kommt nichts anderem gleich als einem fulminanten Abriss. Das Infield ist bereits gut gefüllt, die Crowd flippt regelrecht aus. Musikalisch bedienen sich Infected Rain aus den Elementen des klassischen Modern Metals, der deutliche Anleihen in Richtung Core und Djent aufweist. Das macht das Ganze allerdings nur noch besser. Infected Rain performen mit einer derartigen Zielstrebigkeit, haben dabei die Fans zu jeder Zeit absolut fest im Griff und lenken den Mob. Aggressivität, Kreativität, durchdringende Härte, Melodie, Feingefühl, Groove, um nur wenige Attribute zu nennen, mit denen diese Band ausgestattet ist.

Es regnet schon wieder oder immer noch. Also schnell unters Dach der Wera Tool Rebel Stage, wo die Belgier Temptations Of The Weak vor überschaubarem Publikum Metalcore/Modern Metal zum verspäteten Mittagstisch kredenzen. Große Überraschungen gibt es nicht zu hören, Headbanger und todesmutige Schlammtänzer gibt es aber zur Genüge.

Dark Funeral – Summer Breeze Open Air 2022

Dark Funeral waren ursprünglich als satanischer Gute-Nacht-Gruß auf der Main Stage geplant, um das Summer Breeze mit einer superben Note Black Metal in die Realität zu entlassen. Aufgrund einer Flugplanänderung kurz vor Festivalbeginn können die Schweden allerdings nur nachmittags auftreten und das ist wiederum nur möglich, weil J.B.O. spontan ihren Slot anboten und mit Dark Funeral tauschen. Eine fette Geste und unglaublich lustig: Pink gegen Schwarz. Es wird aber noch besser. Ausgerechnet beim Auftritt des Black Metal Urgesteins kommt die Sonne raus. 16:50 Uhr in Dinkelsbühl, einfach mal „Hail Satan“ schreien. Befreiend. Im Publikum grämen sich nur trve schwarze Seelen über den tageshellen Auftritt von Dark Funeral und in dem Moment, als die ersten Zuschauer:innen die Luftgitarren auspacken, ist sowieso klar: Das ist richtig geil. Wir versichern zudem allen YouTube-Kommentatoren, die sich über das schlechte Bassspiel beklagen, dass die Performance live ordnungsgemäß gehämmert hat. Die Band selbst ist ebenfalls gut aufgelegt, dominiert das Infield und konterkariert das düstere Image mit gewollt cheesy Sprüchen. Die Fans werden mit Blick in den schlammige Pit liebevoll zu „Mud Monsters“ umgetauft und Teufelssprachrohr Andreas Vingbäck aka Heljarmadr witzelt, dass er gerne mit dem Publikum trinken würde, wenn er nicht seine Flasche Wein schon hinter der Bühne getrunken hätte.

Bury Tomorrow – Summer Breeze Open Air 2022 © Pic by Christian Melchinger

Beim Summer Breeze Open Air 2019 gehörten Bury Tomorrow zu den absoluten Höhepunkten. Die Erwartungen an den Auftritt der Engländer auf der Main Stage sind daher hoch. Hinzu kommt eine gewisse Skepsis, da die Band bei den letzten Singles verstärkt auf Keyboards setzte und den wunderbaren Klargesang von Jason Cameron einbüßte, der die Band 2021 verließ. Die neue Stimme heißt Tom Prendergast, der auch – Überraschung – an den Keys steht. All diese Gedanken verschwimmen zu Luxusproblemen, als der Opener Choke hervorbricht und das Breeze in moshende Glückseligkeit taucht. Bury Tomorrow sind eine authentische, sympathische Band, die Stimmung macht und ihrem Publikum freundlich den Arsch versohlt. Die Setlist bedient sich primär bei den jüngsten Alben, was im heiteren Trubel nebensächlich ist. Es macht einfach Spaß. Irgendwann kommt, was kommen muss. Shouter Daniel Winter-Bates will Crowdsurfer sehen und verlangt nach einem Rekord. Mehr als 1.000 Menschen will er über das Publikum dahingleiten sehen. Wir haben nicht mitgezählt, können aber versichern, dass alle Zuschauer:innen vor der Bühne einen Verkehrsinfarkt erleben. Im Sekundentakt erreichen neue Crowdsurfer das Terrain der Grabenschlampen, die wieder einmal alles geben. Die ersten Menschen ziehen sich genervt zurück und machen Platz für neue Bury Tomorrow Fans, die kurz darauf bei Cannibal Schulter an Schulter gemeinsam hüpfen. Für einen Augenblick herrscht kollektive Freundschaft. Und Tom Prendergast? Hat gerockt.

Was sich in der Vorwoche auf dem Party.San noch als Problem zeigte, ist heute Abend glücklicherweise nicht der Fall. Der Sound, der aus den Boxen der T-Stage donnert, ist sehr gut abgemischt und im Gegensatz zur Vorwoche hat der Mischer im FOH nicht so sehr mit dem Wind zu kämpfen. Das kommt der Musik von Benediction sehr gelegen. Dieses beißende Death Metal Abrisskommando bedarf nicht nur der Hingabe der Fans, sondern auch einem glasklaren, transparenten Sound. Sonst sind die Tiefe des Songwritings und die musikalische Fertigkeit der Engländer nicht zu ergreifen. Heute ist es so und Benediction fegen indes ohne Erbarmen über das Infield hinweg. Kein Auge bleibt trocken, kein Nacken steht still. Das ist Old School Death Metal wie er im Buche steht. Never to old to Rock ’n‘ Roll, getreu diesem Motto machen Benediction alles platt, was ihnen in die Quere kommt.

Blind Guardian – Summer Breeze Open Air 2022 © Pic by Christian Melchinger

Es ist immer noch unglaublich, dass Blind Guardian tatsächlich zum ersten Mal beim Summer Breeze Open Air spielen. Zum. Ersten. Mal. Wer die Menschenmassen sieht, die sich für dieses Ereignis vor die Main Stage schieben, fragt sich nochmals ungläubig: Spielen jetzt wirklich Blind Guardian? Oh ja, das tun sie. Es ist mindestens ein Electric Callboy voll vor der Bühne, es gibt fast mehr Personen als Schlamm. Die Aushängeschilder des deutschen Metals schöpfen aus ihrer reichhaltigen Diskografie und verzaubern das Publikum, welches klatschend und singend zum neuen Bandmitglied wird. Ganze 16 Tracks werfen die Protagonisten der langsam untergehenden Sonne entgegen. Dürfen wir Blind Guardian als Stehaufmännchen der deutschen Power-Metal-Szene bezeichnen? Alle Anhänger:innen der Band schätzen die grandiosen Tage der legendären Alben. Die neueren Platten liefern seit Jahren genug Diskussionsstoff, um damit ganze Bücher zu füllen. Steht Hansi Kürsch dann auf einer Bühne, sind eben trotzdem alle da und feiern ausgelassen Into The Storm, Welcome To Dying oder Nightfall. Auf den Brettern dieser Metalwelt macht Blind Guardian keiner was vor. Super sympathisch philosophieren sie über das Wetter und über die modischen Aspekte von Stiefeln, die leider auch bei dieser Sause benötigt werden. Nur für Crowdsurfer werden die Pommesgabeln kurz heruntergenommen. Standesgemäß, aber trotzdem saugeil beenden Time Stands Still (At The Iron Hill), Mirror Mirror und Valhalla den Auftritt der niemals kleinzukriegenden Superlative namens Blind Guardian. Die Menge singt noch, als die Band längst die Bühne verlassen hat.

Weniger hymnisch, doch dafür umso härter donnern die Schweden Lik ihren Old School Death Metal von der Wera Tool Rebel Stage in die beträchtliche Zuschauerschar. Die Gitarren jaulen, das Schlagzeug drückt angenehm in die Fresse und die Skandinavier werfen wirklich alles in die Waagschale, um neue Fans zu akquirieren. Mit im Set dafür Ghoul, Funeral Anthem und Celebration Of The Twisted. Die Band versteht es unüberhörbar, den über Jahrzehnte geliebten Sound aus Stockholm hocleben zu lassen. Fronter Tomas Åkvik serviert dazu nicht nur deutsche Ansagen, sondern deftige Growls, die dem Publikum den Puls in die Höhe treiben. Mit ihrer rund 45-minütigen Show haben sich Lik definitiv für höhere Aufgaben beworben.

Zum Endspurt fährt das Summer Breeze die schweren Headliner-Geschütze auf und bittet Publikumsliebling Heaven Shall Burn auf die Main Stage. Nach diversen glorreichen Festivalgigs in diesem Sommer soll und muss jetzt das Breeze daran glauben. Sänger Marcus Bischoff wirbelt gemeinsam mit Maik Weichert und Alexander Dietz den nicht vorhandenen Staub auf. Einmal den Weg freigeschossen, kann man Heaven Shall Burn als tödliche Lawine bezeichnen. Gegen Übermacht, Voice Of The Voiceless und Thoughts And Prayers ist kein Kraut gewachsen. Der Pit steht und dreht. Dafür bekommen die tanzenden Melodic Death Metal und Metalcore-Fans das Edge Of Sanity Cover Black Tears serviert. Beide Versionen machen nur Laune – und da man Edge Of Sanity nicht mehr live erleben kann, tragen eben Heaven Shall Burn diese mächtige Nummer noch regelmäßig in die Ohren der Musikfans. Zugegeben ein wenig schade, dass vermutlich viele Fans gar nicht wissen, dass Dan Swanö für den Song verantwortlich ist. Zurück zum brennenden Himmel, in dem Endzeit und Numbing The Pain abfackeln und dem Publikum die letzten Kraftreserven entlocken. Tapfer geht das Publikum zu Hunters Will Be Hunted in die Knie.

Heaven Shall Burn – Summer Breeze Open Air 2022 © Pic by Christian Melchinger

Eine neue Stimme ist für eine Band immer ein Wagnis, das Ignite im vergangenen Jahr erfolgreich meisterten. Nach dem Weggang des beliebten Frontmanns Zoli Téglás präsentierte die Melodic Hardcore Band aus dem kalifornischen Orange County mit Eli Santana einen recht unbekannten neuen Sänger. Pandemiebedingt konnten sich noch nicht allzu viele deutsche Fans von dessen Live-Qualitäten überzeugen. Das ändert sich heute Abend. Leider haben Ignite das Pech, auf der T-Stage zwischen den Slots der Main Stage Headliner Blind Guardian und Heaven Shall Burn zu spielen. Es ist auffällig leer vor der Bühne, was definitiv nicht an der Band liegt. Das bedeutet aber auch: Alle Anwesenden wollen Ignite und nur Ignite sehen. Und das wissen die Kalifornier, die wie üblich mit einer kraftvollen Bühnenpräsenz agieren und vom ersten Akkord an Energie und Botschaft ausstrahlen. Es gibt natürlich die neuen Songs und noch natürlicher die alten Songs, die mitunter als Evergreens durchgehen. Bei allen macht Eli Santana eine gute Figur und wir sagen es jetzt einfach: Wir haben Zoli nicht vermisst. Santana macht als Frontmann und Bandsprachrohr eine gute Figur. Mental Health, Homophobie, Frauenrechte, Immigration. Ignite sprechen alles an und niemals wirkte es bei diesem Breeze authentischer als bei Ignite. Das U2 Cover von Sunday Bloody Sunday widmet die Band den Opfern des Kriegs in der Ukraine und jeder im Publikum fühlt den Song. Alle Fäuste in der Luft. Plötzlich steigt Bassist und Gründungsmitglied Brett Rasmussen von der Bühne, kurz darauf steht er im Matsch bei den Fans, die schlammtrotzend im Circle um ihn herumflitzen. Wie lassen sich diese Emotionen toppen? Richtig: Beim Gänsehautgaranten Live For Better Days singen alle mit.

Die Band Agrypnie hat sich nach dem medizinischen Begriff für „Schlafstörung“ benannt, was sowohl den Festivalalltag als auch die Darbietung der deutschen (Post-)Black-Metaller beschreibt. Deren atmosphärisches Set ist der emotionale Gegenpool für alle Heaven Shall Burn Verweigerer. Schallendes Schlagzeug und fieses Gekeife sorgen dafür, dass an Schlaf wirklich nicht zu denken ist.

Andy LaPleguas Aggrotech-Projekt Combichrist ist mittlerweile im Metalzirkus so etabliert, dass es Bandmerch mit der Aufschrift „I listened to Combichrist before they were metal“ gibt. Beim Soundcheck macht sich bereits bemerkbar, welches Ungetüm gleich über die T-Stage walzen wird. Es ist laut, viel zu laut und die wartenden Zusschauer:innen friemeln sich Taschentuchkügelchen ins Ohr. Dann geht es endlich vor überschaubarem Publikum los, denn noch immer wüten Heaven Shall Burn auf der Main Stage. Combichrist sind hungrig und wollen das Breeze erobern, der Sound spielt aber noch nicht mit. Mehrfach fällt das Mikro aus, bis es LaPlegua wütend in die Ecke feuert. Neues Mikro, neues Glück und ab geht’s. Mittlerweile hat es sich vor der T-Stage gefüllt und es kommt mehr Bewegung in die Menge. Combichrist setzen wenig überraschend auf aktuelles, gitarrenlastiges Material und spielen nur wenig Klassiker. Get Your Body Beat fehlt etwa. Dafür räumt Maggots At The Party wieder souverän den Pit auf und lässt zahlreiche Tanzbeine durch den Schlamm schwingen. Unter Zugabeforderungen verlassen Combichrist die Bühne.

Hypocrisy – Summer Breeze Open Air 2022 © Pic by Christian Melchinger

Kennt ihr noch James Brown Is Dead von L.A. Style? Ja? Gratulation. Ihr habt einen fein kuratierten Musikgeschmack und seid vermutlich ziemlich alt. So alt wie Born From Pain, die kurz vor Mitternacht die Wera Tool Rebel Stage in ein erinnerungsträchtiges Hardcore Happening verwandeln. Matsch vor der Bühne? Heisere Stimme? Dritter Bandscheibenvorfall? Egal, jetzt ist Bewegung angesagt. Wir waren skeptisch, ob Born From Pain eine Chance gegen die parallel spielenden Hypocrisy haben werden. Jetzt wissen wir: unbedingt. Mit Leuchtfackel stehen die werten Herren auf der Bühne und zeigen, wie frisch der gute alte Hardcore klingt. Dazu die Botschaft: „Wir haben alle mal klein angefangen. Nimm eine Gitarre und glaub‘ an dich.“ Da ist es wieder, dieses wohlige Gefühl im Bauch.

Wenn die Post-Apokalypse doch so schön wie Cypecore auf der T-Stage wäre. Trotz Hypocrisy-Konkurrenz auf der Main Stage hat sich eine eindrucksvolle Menge cypecorefreudiger Menschen vor der Bühne eingefunden und ist bereit, dem Nacken den letzten Rest zu geben. Die Band eröffnet mit Dissatisfactory und sofort steigt die Stimmung auf 1000 Grad und das, obwohl die Geisterstunde bereits hinter uns liegt. Live sind die melodeathmatischen Cypecore immer eine Wucht, im Dunkel der Nacht kommen zudem die futuristisch leuchtenden Outfits hervorragend zur Geltung. Übrigens ist Tron von Steven Lisberger der beste Film der Welt. Ihr dürft anderer Meinung sein, aber jetzt wisst ihr zumindest, wie Cypecore auf der Bühne aussehen. Dazu eine Prise zenobitiger Borg. Doch zurück zur Show, die souverän Hit an Hit reiht. Beim Überhit The Alliance platzen den Fans fast die Fäuste.

Spaß muss sein. J.B.O. erledigen diesen Job seit Jahrzehnten mit Bravour. Die Ballermann-Rocker mit dem Hang zum Heavy Metal haben eine kurze Zündschnur und lassen sofort die Katze aus dem Sack. Party Hard dürfte vielen durch den Kopf gehen, als die pinke Masse die nächste urkomische Messe feiert. Planet Pink, Hoffen Und Bangen, Mach Noch Eins Auf! und Wer Lässt Die Sau Raus?! Ein Hit nach dem anderen fetzt aus der Anlage. Sowohl Vier Finger Für Ein Halleluja als auch Verteidiger Des Blödsinns trifft es für J.B.O. wie der berühmte Nagel auf dem Kopf. Regelmäßig muss die Band daher in den Süden zum Summer Breeze ziehen, um den seriösen Bands die Show zu stehlen.

Ausblick

Das Summer Breeze Open Air 2022 war trotz aller Widrigkeiten nicht nur eine gut organisierte Megaparty, sondern ein wirtschaftliches Risiko. „Was wir 2019 kalkuliert haben, passt nicht mehr, da wären 40 % mehr Besucher nötig gewesen„, offenbarte Festivalchef Achim Ostertag während der Pressekonferenz. Wir können nur hoffen, dass das Summer Breeze halbwegs seine Kosten decken konnte und 2023 mit neuer Stärke weiterrockt. Daher: Unterstützt Musik, die Szene, das Breeze! Die ersten Bands für das nächste Jahr sind bereits bestätigt, Tickets für das Summer Breeze Open Air 2023 könnt ihr im Summer Breeze Shop bestellen.

Beteiligte Autoren

  • Christian Daumann (Text)
  • Peter Hirsch (Text)
  • Christian Melchinger (Bild)