Blackbraid III | Gemälde von Adam Burke, Rahmenillustration von Adrian Baxter

Blackbraid – Blackbraid III

Eine spirituelle Hörerfahrung und der aufregendste Beitrag zum aktuellen Black Metal

Artist: Blackbraid

Herkunft: USA

Album: Blackbraid III

Spiellänge: 52:50 Minuten

Genres: Black Metal, Melodic Black Metal, Folk/Pagan Black Metal

Release: 08.08.2025

Label: Eigenproduktion

Link: Blackbraid.eu

Bandmitglieder:

Gitarre, Bass, Flöte & Vocals – Sgah’gahsowáh

Gastbeiträge:

Schlagzeug – Neil Schneider
Gitarrensolo in „God Of Black Blood“ – Randy Moore

Tracklist:

  1. Dusk (Eulogy)
  2. Wardrums At Dawn On The Day Of My Death
  3. The Dying Breath Of A Sacred Stag
  4. The Earth Is Weeping
  5. God Of Black Blood
  6. Traversing The Forest Of Eternal Dusk
  7. Tears Of The Dawn
  8. Like Wind Through The Reeds Making Waves Like Water
  9. And He Became The Burning Stars…
  10. Fleshbound (Lord Belial Cover)
Blackbraid III | Gemälde von Adam Burke, Rahmenillustration von Adrian Baxter

Aus den Adirondack Mountains walzen dunkle Töne heran. Und wenn diese es nicht wieder in die Top 10 der Black-Metal-Alben des Jahres sämtlicher Magazine schafft, fress‘ ich Corpsepaint-Schminke.

Spätestens seit dem furiosen Blackbraid II (2023) ist das Ein-Mann-Projekt von Jon Krieger in aller Ohren, auf Festivals wie Midgardsblot und Hellfest sowie auf Tourneen in prachtvoller Gesellschaft wie der von Wolves In The Throne Room, Gaerea und Lamp Of Murmuur.
Das Alleinstellungsmerkmal indigener Untertöne von Flöte, Trommeln und naturinspiriertem Sounddesign spielte auf keinen Fall die einzige Rolle im Erfolg von Blackbraid. Sein Zweitling bestach als Fortführung seines Vorgängers durch Ohrwurmriffs, hochemotionale Tremolo-Melodien, brutal vielseitiges Songwriting und ein tightes und technisch anspruchsvolles Spiel, zu genießen in einer Hochglanzproduktion, die nicht überpoliert war. Krieger nahm seine Einflüsse von Dissection, Gorgoroth und Bathory und holte den Black Metal aus dem muffigen Keller an die frische Waldluft.

Was nun vor uns liegt, ist alles, was Sgah’gahsowáh unausgesprochen versprochen hat. Gewaltig. Tiefgründig. Das makellose Blackbraid III.

Das Schlagzeug feuert einem in Wardrums At Dawn On The Day Of My Death unbarmherzig ins Gesicht. Terzen und Quarten prallen aufeinander und treiben uns der Gefahr in die Arme. Wenn der Song neu ausholt, verspricht er nichts außer Großem. Das Songwriting ist typisch Blackbraid, denn dem Zug in den Kampf lässt es sich tänzelnd zu leichtfingrigen Riffs genauso intuitiv folgen wie rasend auf den Grundsteinen der Blast Beats. Über allem schweben die summenden Geister von Melodien und bahnen sich ihren Weg durch Ohr und Seele. Die erste Gänsehaut kaum verflacht, zieht der Track am Ende erst so richtig an und wir dürfen mit nervenkitzelndem Gitarrensolo und Sgah’gahsowáhs atemlos akzentuierenden Screams zusammen ausrasten. Meine einzige Kritik hier: Dieser Teil ist viel zu kurz, ein Fünkchen Verstand glüht noch in mir.

Der Song war eine Warnung. Ich werfe die Arme in die Luft und freue mich auf den Rest.

Blackbraid 2025 | Foto: Moshmallows

In The Dying Breath Of A Sacred Stag holt Sgah’gahsowáh die unwahrscheinlichsten Klänge und Spielarten aus dem Zupfinstrument. Die Akustische zaubert Lagerfeuerromantik in die Luft, doch bevor wir Gelegenheit bekommen, zur selben Melodie im elektronischen Format etwas zu selbstvergessen mitzuschunkeln, taucht die Fratze des Black Metal vor unserer Nasenspitze auf. Wie überdrehte Violinen schrauben sich die Gitarren durchs Trommelfell, und nach jedem Wechsel im klugen Kontrast mit den recht „rockigen“ Strophenpartien ist ihr Psychoterror umso willkommener. Das Solo ruft aus den späten 80ern zu uns, will aber statt Aufmerksamkeit nur die Vocals untermalen, was wieder ein Punkt für das Songwriting ist! Im Mittelteil stehlen uns die unerwarteten Rhythmuswechsel ebenso die Orientierung wie die vorbeirauschenden Dissonanzen, die derart genial sind, gerade weil ihnen die Eins und die Zwei nichts bedeuten. Bei all dem, was vor sich geht, behält der Track durchgängig seine Headbangbarkeit – Flow ist die Blackbraid ganz eigene Magie! Nichts basiert hier auf dem Chaos des „Bewusstseinsstroms“, und doch ist alles Bewusstsein im Fluss! In diesem Sinne werden wir auch wieder an den Anfang des Songs zurückgeführt. Auch ich komme wieder zu mir.
Natürlich ist diese Art von „Rahmung“ eines Songs keine musikalische Neuerfindung. Gleichzeitig arbeitet Jon Krieger nun wirklich nicht mit faulen Tricks. Spiritualität ist fest in sein Projekt eingewoben und umarmt in musikalischer Zirkelform geschickt die zentrale Erzählung.
Ohne Aufrichtigkeit und Absicht fehlte Blackbraid die Seele.

Kein Zwischengeplänkel

Das ist auch in den ruhigen Abschnitten zu spüren.
Mit den Interludes des Vorgängers haben die von Blackbraid III zwar den instrumentalen Charakter und das der Natur entnommene Sounddesign gemein. Durch sie atmet das Album, wir werden an einen Ort versetzt, der sich in uns selbst nach uns sehnt.
Doch sind sie rauer, die abgenutzt klingenden Saiten der Westerngitarre tragen Vergangenheit und Geschichten. Statt auf saubere Komposition ist man deutlich mehr auf Atmosphäre aus.
The Earth Is Weeping ist somit kein Song, sondern eine Meditation, introspektiv und ernst in der Wiederholung eines einzigen Riffs und durch die permanenten Erinnerungen der Stimmen aus der Natur, dass es auf der Erde nicht nur uns gibt. Von mir aus könnte dieser Track drei Stunden dauern. Like Wind Through The Reeds Making Waves Like Water fließt so leicht dahin wie sein unterschwelliges Bachplätschern, man spürt ein paar Sonnenstrahlen auf den Augenlidern.
Von reinen Zwischenspielen kann eigentlich keine Rede sein, denn alle vier haben ihre eigene Stimmung. Und die wirkt mit Nachdruck, zuweilen auch durch den Anteil der E-Gitarre. In Dusk (Eulogy) kommt deren Distortion nach dem Tremolospiel besonders unheilvoll, in Traversing The Forest Of Eternal Dusk wird ihre Melodie aus der indigenen Flöte geboren und erhebt sich als Hoffnungsversprechen über die Melancholie hinweg. Mir bricht hier ein wenig das Herz.

Vantablack Metal

Bereits nach 20 Sekunden weiß ich, dass dieser Song mein Sommerhit ist! Als reinkarnierter God Of Black Blood grüßt uns Sgah’gahsowáh mit Knochenrasseln, grunzendem Schmerz und triumphierender Rage. Die Schwärze ist absolut!
Opferbereit senkt sich die Gitarre in den Abgrund. Der Gott ruft uns für den Untergang zu sich. Der Rhythmus hypnotisiert, Melodietänze verführen. Vor dieser Majestät verneige ich mich in Ehrfurcht und marschiere ihr zur Seite in welche Dimension auch immer sie mich führt. Mein Atem hechtet meinem Herzrasen hinterher. Mit aufgerissenen Augen höre ich noch besser, dennoch ist das Flötenspiel kaum wiederzuerkennen, so verzerrt es aus dem Schwarzen Loch herüberschwebt.
Randy Moores überirdisches Solo verschluckt Gottwesen aus allen Ecken auf und unter der Erde. Diesen Song hört man nicht, man erfährt ihn. Als er langsam und viel zu schnell ins stille Nichts verschwindet, rufe ich laut „Was zur Hölle??“ Mir ist auf richtig gute Weise verdammt schlecht.

Der Track ist völlig richtig zwischen zwei instrumentale Ruheoasen eingebettet, gibt man ihm doch alle Energieressourcen hin.

Gleiches gilt für Tears Of The Dawn. Dessen Melodielinien sind wieder hymnenhaft eingängig, doch gepaart mit diesem brutalen Tempo komme ich sitzend ins Schwitzen – in der Mitte hat der Song keine Gnade mehr! Und selbst in gezügelteren Momenten nimmt Blackbraid seine Soundgewalt kein bisschen zurück, weckt mit klagendem Einzelspiel die Sehnsucht nach mehr, gibt uns was wir wollen, täuscht und erlöst uns mit luftig leichten Tremolos und vorzüglich dunklen Vocals.

Fingerspitzengefühl und Leidenschaft

Nach der Friedlichkeit des letzten Instrumentals täuscht And He Became The Burning Stars… solche nur an – die Westerngitarren sind nervös, meine Vorfreude neu entfacht.
Der folgende Teil prescht schnörkellos voran und behauptet in erster Linie den Platz für die Lyrics. Den größten Spaß machen dann donnernde Riffs, Wirbelstürme an Tremolos und ein aus dem Nichts kommendes Solo – aus diesem Moshpit wird niemand lebend entkommen!
Was mich bei Blackbraid immer wieder fertigmacht, ist dieses Gespür für Feinheiten in Stimmungen, Melodien und Spielweisen. Das instrumentale Intermezzo bzw. Outro des Songs ist nur eine leichte Variation dessen Intros und doch in der Energie ganz anders – aus dem finsteren Wald ist es nur ein Schritt auf die mondhelle Lichtung. Von dort trägt uns die Katharsis durch all die Ebenen aus Tremolos, Distortion, Gitarrenkrächzen und einladenden Leads, und erhebt uns ins Jenseits von Gut und Böse.

Getreu seiner eigenen Tradition hat Krieger mit Lord Belials Fleshbound wieder ein Cover ans Ende des Albums gesetzt. Einen Black-Metal-Song in einen Black-Metal-Song zu verwandeln kann schwierig sein. Allerdings muss Krieger schon lange nichts mehr beweisen und huldigt seinen Idolen mit Fingerspitzengefühl und Leidenschaft:
Im Mix wurde mit mehr Abwechslung in Tiefen und Instrumentenfokus gearbeitet. Man hat einen Hauch nach unten transponiert, und den Song mit mehr Rumms und Lebendigkeit („Groove“!) weiterentwickelt. Nun müssen sich Cover und Original natürlich nicht miteinander messen, vor allem nicht, da zwanzig Jahre produktionstechnischer Entwicklungen zwischen ihnen liegen und künstlerische Entscheidungen ihren Eigenwert besitzen.
Bei der Vocal-Performance sehe ich das allerdings anders: Sgah’gahsowáhs Darstellung ist irre, denn man hört ihn den Song mit jeder Faser seines Körpers spüren! Thomas Backelin dagegen schien ihn zu seiner Zeit eher abzuarbeiten …

Auch auf Blackbraid III hat Kriegers Getreuer Neil Schneider am Schlagzeug alles vernichtet und im Mixing und Mastering so einiges gezaubert. Die Produktion ist wieder diamantenrein mit Einschlüssen an interessanten Stellen.
Jede Sekunde des Albums trifft, wohin es zielt! Dieses Projekt gehört zum Aufregendsten, was moderner Black Metal gerade zu bieten hat und beweist, dass es keine Labels braucht, um Großes zu stemmen!

Blackbraid – Blackbraid III
Fazit
In meinen wildesten Fieberträumen hätte ich mir kein besseres drittes Album von diesem Projekt ausmalen können! Gitarren kratzen den Rücken herunter und kitzeln die Nackenhaare aufrecht, Hammer und Amboss wollen zu den Blast Beats aus dem Schädel brechen. Doch auch wenn Blackbraid III einen Tick knackiger ist als sein Vorgänger, beharrliche Riffs walten, wo vorher sehnsuchtsvolle Tremolos ihre Weisen sangen und Gitarrensoli den Platz der indigenen Flöte übernommen haben – Heaviness und Songwriting bewegen sich immer noch auf einem Fluss, der einen wichtigen Teil von Blackbraids Magie und Majestät ausmacht. Der spirituelle Gedanke in Form und Inhalt ist der stete Wind in den Segeln. Durch tückische Stromschnellen kommen wir in sanfte Gewässer und vorbei an weiten Landschaften, bis wir plötzlich den Wasserfall hinabstürzen. Und das nicht unbedingt in der Reihenfolge.
Zwischen Meditation und soundgewaltiger Dunkelheit lässt uns Sgah'gahsowáh an seinem unheimlichen Talent für Feinheiten in Spieltechniken und Stimmungen teilhaben; Tanz und Raserei liegen ebenso dicht beieinander wie Unheil und Verspieltheit. Und das in einer glasklaren Produktion, in der jedes Instrument atmen kann!
Holt also tief Luft und lasst euch den Atem verschlagen, denn Blackbraid ist nicht bloß ein Musikprojekt. Blackbraid ist eine Erfahrung.

Anspieltipps: God Of Black Blood, Wardrums At Dawn On The Day Of My Death, The Dying Breath Of A Sacred Stag und And He Became The Burning Stars...
Eva B.
9.8
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