Bullet For My Valentine – Gravity

“Der Aufschrei wird riesig werden“

Artist: Bullet For My Valentine

Herkunft: Wales

Album: Gravity

Genre: Metalcore

Release: 29.06.18

Label: Spinefarm / Universal Music

Link: http://www.bulletformyvalentine.com/

Bandmitglieder:

Gesang und Gitarre – Matthew Tuck
Gitarre und Backgroundgesang – Michael Paget
Bass und Backgroundgesang – Jamie Mathias
Schlagzeug – Jason Bowld

Tracklist:

  1. Leap Of Faith
  2. Over It
  3. Letting You Go
  4. Not Dead Yet
  5. The Very Last Time
  6. Piece Of Me
  7. Under Again
  8. Gravity
  9. Coma
  10. Don’t Need You (2018 Version)
  11. Breathe Underwater

Es zeigt sich als ewiges Spiel innerhalb der Metal Szene: Bands, die bisher stets mit einer gewissen Härte bei den Fans gepunktet haben, verwenden plötzlich sanftere, weichere Songstrukturen und verlassen damit den „wahren“ Metal – eine niemals endende Diskussion! Das neue Album Gravity von der Band Bullet For My Valentine darauf allein zu reduzieren, wäre jedoch ein fataler Fehler, liefern die Herren doch hier das interessanteste Album des Jahres 2018 (bisher) und eventuell sogar ihrer kompletten Musikkarriere. Am 29. Juni 2018 ist es soweit, und das sechste Album der Waliser Band wird veröffentlicht. Dieses hört auf den Namen Gravity und spiegelt inhaltlich bzw. tetxlich vor allem die letzten, düsteren Jahre des Frontmannes und Sänger Matt Tuck wieder, der bereits mehrfach in Interviews bestätigt hat, dass es sich um das bisher persönlicheste Album für ihn selbst handelt. Die vorab veröffentlichten Singles sorgten dafür für so einige Diskussionen, was genau die Metalcore Gruppe, die seit The Poison im Jahre 2005 sehr hoch angesehen wird, denn nun vom Stapel lassen würde. Eines ist nach dem Anhören jedenfalls sicher: Der Aufschrei wird riesig werden!

Der Opener Leap Of Faith eröffnet Gravity mit den bereits erwarteten Strukturen: Leichte Elektroeinflüsse sind klar zu vernehmen, und statt starker Screams zeigt sich Sänger Matt hier zunächst mit rauchiger Stimme, die die meiste Zeit den Song selbst trägt. Doch Leap Of Faith nimmt dabei sehr schnell Fahrt auf, lässt die Gitarren spielen, wobei der Song dennoch über die Emotionalität getragen wird. Ein wenig fühlt man sich an Linkin Park oder atmosphärisch sogar an Architects erinnert – ein Vergleich, der eventuell öfter im Kopf passieren wird. Leap Of Faith steigert sich in der zweiten Hälfte und verliert sich dabei in Breakdowns und Screams – ein Kontrollverlust, der emotionaler und passender an dieser Stelle nicht sein könnte. Der hier bereits leicht neue Stil steht Bullet For My Valentine auf jeden Fall erfrischend gut.

Mit Over It folgte die erste Single-Auskopplung des Albums und dürfte somit den meisten Fans bereits bekannt sein. Mit weitaus mehr Energie konnte der Song bereits bei Veröffentlichung überzeugen, wenn auch hier bereits klare Verändeurngen erkennbar sind, wenn auch eher unterschwellig. Der Song erinnert dann doch stärker an die letzte Platte Venom und liefert genau diese Energie, Eingängigkeit und in sich eskalierenden Songstrukturen. Live bereits ein paar Mal erlebt, dürfte sich dieser Song lange in der musikalischen Welt von Bullet For My Valentine halten – und dbaei sowohl alte als auch neue Fans überzeugen.

Mit einer weteren Single-Auskopplung geht es auch direkt weiter. Letting You Go sorgte bereits für etwas Kritik durch die durchaus leicht simplen bzw. etwas faden Lyrics Strukturen („First you wanna love me. Then you wann hate me…“), die auch im Album Kontext nicht stärker von sich überzeugen können. Dafür ist hier der Ohrwurm-Faktor ganz klar gegeben, und Bullet For My Valentine verschieben den Fokus ganz klar auf die eigentliche Instrumentation statt lyrische Tiefgänge. Insbesondere in der zweiten Hälfte kommt der Song dabei sehr zum Leben, gönnt sich aber auch entsprechende Ruhepausen, womit die große „Explosion“ dann doch ausbleibt, auch wenn der Song bis zum Ende hin Fahrt aufnimmt. Dennoch bleibt Letting You Go eher hinter den anderen Songs zurück, auch wenn er im Kopf haften bleibt.

Mit Not Dead Yet drehen Bullet For My Valentine das neue Rad weiter und präsentieren hier einen Song, der fast schon einer Rock-Hymne gleicht – auch mit entsprechenden „Hohoooo“-Rufen! Gesanglich bewegt sich hier Matt durchaus auf neuen Feldern, wobei der Song stark von seiner markanten Stimme profitiert und durch diese die besondere Note aufgedrückt bekommt. Während bisher Gravity inhaltlich sowie musikalisch recht düster angelegt war mit einer gewissen Prise Wut, so zeigt Not Dead Yet eine unverkennbare, positive Motivation, die wie ein Licht in einem doch recht düsteren Album schimmert.

Der wahrscheinlich kontroverseste Song dürfte wohl The Very Last Time für viele langjährige Fans sein. Die Gitarren und Drums hier stark reduziert, setzt dieser Song stark auf elektronische Einflüsse, melodischen, ja, fast schon Balladen-Gesang, und verursacht vor allem beim ersten Anhören durchaus Verwirrung. Wer hier jedoch aufgrund des „fehlenden Metals“ zu früh aussschaltet, dürfte vielleicht einen der wichtigsten Songs auf diesem Album verpassen, präsentiert Bullet For My Valentine doch musikalisch ganz neue Seiten, die in der zweiten Hälfte mit alten Strukturen vermischt werden. Und ja, auch dieser Song frisst sich im Kopf fest!

Alte Strukturen bzw. typische Bullet For My Valentine Gefühle bringt die nächste Single-Auskopplung Piece Of Me mit sich – hier sprechen wieder die Gitarren und Drums, und ein wenig hat man das Gefühl, die Band hat bisher vor allem Songs veröffentlicht, welche nur leicht darauf vorbereiten würden, was Gravity eigentlich bereithält. Auch hier mischen sich einige neue Elemente hinein, mit denen die Band in diesem Album sehr erfolgreich experimentiert. Dennoch dürfte sich Piece Of Me als recht „typische“ Single bezeichnen, die mit starker Wut und einer etwas „rohen“ Gewalt auf der Platte klar hervorsticht.

Under Again schraubt diese Gewalt dann wieder etwas zurück, auch wenn der Song noch genügend Emotionalität und Wut ausstrahlt. Vor allem der Chorus weiss hier zu überzeugen, und auch gesanglich schafft es Matt hier wieder zu überraschen über die mitreißende Emotionalität, die er hier vorzuzeigen hat. Auch einer der härtesten Breakdowns weiss Under Again den Zuhörern fast schon unterschwellig und nebenbei zu liefern, womit man fast aufpassen muss, sich nicht vollkommen in der düsteren Atmosphäre hier zu verlieren. Under Again weist wieder diesen gewissen Kontrollverlust auf, der Gravity insgesamt zu zeichnen zeigt – und den Zuhörer dabei vollkommend mitnimmt.

Der Titeltrack Gravity achtet darauf, das alte und neue Bullet For My Valentine wieder etwas zueinander finden, so sind es doch vor allem die Chorus Strukturen, die instrumental wieder in die Härte gehen, während gesanglich Matt neue Felder testet und dabei wieder einmal beweist, dass man ihn vielleicht bisher als Sänger unterschätzt hat. Im Vergleich zu anderen mehr als starken Songs bleibt der Titeltrack im Gesamtbild etwas zurück, da er trotz seiner Eingängigkeit ein wenig schnell wieder in Vergessenheit gerät. Live dürfte der Track doch noch einiges mehr an Energie und auch Power bedeuten.

Mit dem nächsten Song Coma schaffen es Bullet For My Valentine auch am nahen Ende des Album noch immer, den Zuhörer zu überraschen und komplett abzuholen. Coma wirkt dabei sehr in sich geschlossen und als eigenes Konzept durch etwas Zurückhaltung und mehr Struktur, die durchaus an der ein oder anderen Stelle etwas aufbricht. Die Zurückhaltung und das leicht lauernde in der Stimme täuscht jedoch auch hier wieder über die Natur des Songs hinweg, der sich unterschwellig stetig weiter ausbaut, nur, um am Ende eine Gewalt und Härte preiszugeben, die sowohl emotional als auch nachwirkend ist. Mit Coma zeigt sich hier eine der stärksten Singles des Albums, und diesen Sound könnte man sich durchaus stärker für die Band vorstellen.

Und was danach kommt, sollte auch jeder inzwischen kennen. Denn zwischen dem Album Venom und der neuen Platte gab es 2016 die durchaus überzeugende Single Don’t Need You, die momentan auch bei Live Shows der Band als Opener stets zum besten gegeben wird und hier tatsächlich noch einen Platz auf der Platte gefunden hat, auch wenn der Song bereits zwei Jahre auf dem Buckel hat. Auffallend zeigt sich Don’t Need You da natürlich, da sich Bullet For My Valentine hier noch stärker an ihrem alten Material orientiert hat, und somit dürfte dieser Song vor allem alte Zeiten zurückrufen. Inhaltlich zeigt es sich dennoch stimmig, insbesondere, da der Song kurz vor Ende die Zuhörer noch einmal abholt.

Mit Breathe Underwater schließt das Album Gravity, sofern man die Deluxe Variante außen vorlässt. Mit der Akustik-Nummer unterstreicht Bullet For My Valentine noch einmal die starke Emotionalität, welche Gravity bisher unter Beweis gestellt hat. Lyrisch spannend und mit durchaus Gänsehautmomenten behaftet, wird der Song sicherlich nicht jeden überzeugen, doch bringt Erinnerungen an das akustische Tears Don’t Fall zurück. Und am Ende bleibt nur das Gefühl, etwas vollkommen Neues erlebt zu haben.

Fazit: Mit Gravity beweisen Bullet For My Valentine den Mut, sich als Band neu zu präsentieren, ohne dabei aber ihre Wurzeln und ihre Stärken einbüßen zu müssen. Durchaus kann man auch sagen, dass die Band mit dem Trend der Zeit geht. Doch was bei vielen Bands eher gewollt wirkt und unpassend erscheint, präsentiert sich auf Gravity als geschlossenes, emotionales und dadurch auch logisches Bild. Auch erwähnswert zeigt sich die gesangliche Leistung von Matt Tuck, der doch schon in der Vergangheit häufig am Mikro unterschätzt wurde und hier durch seine raue und markante Stimme die Zuhörer durch das Album führt und dabei das Hauptaugenmerk bildet. Live dürfte sich das Set der Waliser nun durchaus vielseitiger anhören, und auch wenn vermutlich vielen Fans ihren Unmut äußern werden, so schaffen es Bullet For My Valentine, zumindest gegenwärtig das wohl interessanteste Album des Jahres 2018 abzuliefern.

Anspieltipps: Leap Of Faith, Under Again, Coma
Anabel S.9.5
Leser Bewertung4 Bewertungen4.2
9.5

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