Keimels Metalldetektor Ausgabe August 2017

Im zarten Alter von etwa zwölf, dreizehn Jahren bat ich meinen ältesten Bruder Mike – der im übrigen hoffentlich gerade mit Lemmy einen himmlischen Whiskey säuft – mir netterweise ein Tape zu überspielen. Für die jüngeren unter Euch, damit meine ich das hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Kompaktkassette. Natürlich nicht mit Musik, die ich ohnehin schon kannte. Musik, deren Reiz mich bereits in diesem doch sehr jungen Alter verließ. Nein, ich wollte Musik von den Bands, deren Cover, Logos und was auch immer seine mich so faszinierenden T-Shirts, Poster und Flaggen zierten. Von den Typen mit langen Haaren und Lederjacken. Von den Motiven, die mit Totenköpfen und Schwertern übersät waren. Ein junger Bub war bereit für hartes Zeug, ohne so recht zu wissen, was auf ihn zukommt. Mein verwaschenes Dog Eat Dog-Shirt gab’s schließlich nicht mehr her. Auf jeden Fall nahm er meinen Wunsch lächelnd zur Kenntnis, ging ihm als guter Bruder selbstverständlich auch gewissenhaft nach. Und da kommen wir auch schon zum Inhalt der Kassette, ja DER Kassette!!! Da ich, wie es sich für ein Neunziger-Kiddie gehörte, selbstverständlich mit großer Leidenschaft Skateboard fuhr, kann ich heute seine Intention mit Band Nummer eins am Tape dann doch nachvollziehen. Allerdings nur mit einem herzhaften Schmunzeln. Bis dato habe ich mir Rage Against The Machine nämlich kein zweites Mal freiwillig angehört. Das habe ich nebenbei bemerkt auch nicht mehr vor. Nein, sogar ganz und gar nicht!

Im Übrigen hat mir diese Gruppe auch bestätigt, dass Gitarrenhelden meist ausschließlich aufgrund medialer Hypes und Sympathiewerten entstehen – selten aufgrund musikalischer Qualitäten. Tom Morello ist so ein Beweis dafür. Jeder Gossen-Flamenco-Gitarrist in Süderamerika hat mehr Musik im Blut als dieser Typ. Diese tatsächlich außergewöhnlichen Musiker interessieren aber leider keinen! Gerne dürft Ihr Euch an dieser Stelle einmal Aniello Desiderio anhören – damit Ihr nachvollziehen könnt, was ICH unter einem Gitarrenvirtuosen verstehe.

Die zweite Band auf diesem technischen Wunderwerk namens Kassette, welche ich übrigens oftmals mit einem sehr ekelhaft abgekauten Bleistift vor- und zurückspulte – wobei mir einfällt – wer kaut bitte auf einem Bleistift (!) ? – dürfte zu meinem Bedauern nicht mehr als zehn Prozent von Euch geläufig sein. Und selbst diese Einschätzung erscheint mir vermutlich als sehr optimistisch. Darum mache ich’s kurz! Ein Industrial-Metal-Wahnsinn namens Godkiller. Ein monegassischer Allrounder und Multi-Instrumentalist mit Wurzeln im Black Metal, den ich mehr als nur empfehlen kann. Im Grunde ist Godkiller ein MUSS für jeden, der auf Industrial-Metal steht. Keine Show, kein Firlefanz – origineller Sound mit Qualität im Songwriting, keine Trend-Scheisse, mit einer so wichtigen, leider heutzutage immer seltener werdenden Ehrlichkeit und Direktheit. Großartig! Da fährt einem pure Musik in die Venen! An dieser Stelle auch beste Grüße an Sadako-Frontmann Markus Reisenbauer, der bis dato der einzige Mensch ist, den ich bisher getroffen habe, der dieses großartige musikalische Erzeugnis einerseits gleichmäßig wie ich schätzt und zweitens überhaupt erst kennt. Wird sich ab nun hoffentlich ändern!

Band Numero drei hat mir dann endgültig mein früh-jugendliches Lockenköpfchen frisiert. Und zwar ordentlich. Pungent Stench. Natürlich etwas schmunzelnd, aber dennoch stehe ich heute zu meiner Meinung, dass diese Kapelle das grindige, absurde und derbe Pendant zum Wienerlied ist. Selbstverständlich tanze ich auch gerne mal einen schneidigen Walzer zu Blood, Pus and Gastric-Juice. Meistens spät…beim Heimgehen…wenn’s von alleine geht. Kann ich jedem empfehlen der gerne einen satten Schwung auf’s Parkett legt. Zumindest, dass diese Band wie keine andere den derben und schwarzen Wiener-Schmäh derart skrupellos und unverfroren praktiziert wie eben Stench, ist für mich bislang Fakt. Ich liebe sie! Mit Viva La Muerte wurde ein Stein für mich ins Rollen gebracht. Ein Stein der viele Jahre später auf einen Felsen krachte. Ein Felsen namens Belphegor. Das überaus interessante und informative Gespräch, welches ich mit Belphegor-Mastermind Helmuth Lehner geführt habe, gibt es übrigens HIER! zu lesen.

Belphegor. Seit 1993 (!) – also unglaublichen 24 Jahren – wird die Metal-Welt von einem diabolischen Sound-Gewitter erschüttert, welches mit einer gewöhnlichen Metal-Band an sich im Grunde nicht viel zu tun hat. Ein Kult ist es! Ja, vielmehr eine Institution des Leibhaftigen! Geboren in Salzburg! Es gibt auf dieser Erde vermutlich nur ganz wenige Musik-Projekte, die dermaßen brachial, roh und ungeschönt – aber auch in einer derart authentischen Art und Weise extreme Musik verkörpern, leben und praktizieren wie diese Salzburger Ausgeburt der Hölle! Abseits der kreativen und musikalischen Qualitäten ist mitunter auch dieser Seltenheitswert, diese Besonderheit ein nicht geringer Faktor, warum Belphegor einen so hohen Stellenwert in der Szene genießen, warum sie der erfolgreichste österreichische Metal-Output überhaupt sind, warum sie bei Nuclear Blast unter Vertrag stehen und warum sie eine fast unvergleichliche und erfolgreiche Historie in ihren Geschichtsbüchern stehen haben. Diese Historie ist nebenbei bemerkt auch einfach derart reich an Ereignissen, sodass ich gezwungen bin, nur einige Eckpunkte aufzuzählen.

Helmuth Lehner, Gründer und Mastermind, veröffentlichte mit Belphegor bis dato zehn Tonträger und führte seinen Streifzug bisher quer über den halben Erdball. Sage und schreibe zehn mal tourte man bereits durch Nordamerika. Europa hat Belphegor längst eingenommen. Einige Male waren die Mozartstädter zu Gast auf dem wohl mächtigsten Metal-Festival – dem Wacken Open Air, auch in Asien wurde getourt. 2016 musste die Black/Death-Metal-Band gezwungenermaßen ihre Russland-Tour abbrechen, wurden sie auf einem Flughafen von radikalen orthodoxen Christen attackiert und schlussendlich von russischen Behörden zensiert. Auf das Image der Band angesprochen, sagte Lehner einmal, dass „Titten, Tod und Teufel zu Belphegor gehören, wie das Amen zum Gebet.“ Wer sich die visuellen Outputs, Videoclips von Lehner & Co zu Gemüte führt, was natürlich anzuraten ist, wird relativ rasch feststellen, dass es vermutlich eben exakt diese Mischung ist, die Belphegor zu dem machen was sie sind. Ein derbes und morbides Gesamtkunstwerk. Ein derbes und morbides Gesamtkunstwerk, welches am 15. September 2017 einen weiteren Mosaiksteine in das Bild ihres Schaffens setzen. Totenritual heißt der neue Longplayer und scheint mit Abstand einer der besten ihrer bisherigen Historie zu werden. Für das Cover-Artwork engagierte Lehner erneut den Griechen Seth Siro Anton. Neun Tracks wird der Tonträger umfassen, der neben der Standard Jewel CD unter anderem auch als Digi-Pack inklusive Bonus-Material oder Limited Mailorder Editon erhältlich sein wird. Die erste Single-Auskoppelung, die in Form eines beeindruckenden Lyric-Videos veröffentlicht wurde, hört auf den Namen Baphomet und hält, was der Name verspricht. Selten noch war ein boshafteres, teuflischeres Stück Musik auf dieser Welt zu hören als dieser Song. Live-Konzerte bezeichnet Helmuth übrigens nicht unbedingt unpassend als Rituale. Und von diesen Ritualen wird es dieses Jahr wieder eine Menge geben, begeben sich Belphegor ab Ende September auf ihre Totenritual-Tour. Bespielt wird bis Ende Oktober Europa, ehe es im November auf Nordamerika-Reise geht. Ich für meinen Teil werde dem Ritual am 20.Oktober in Graz beiwohnen, Euch allen kann ich nur empfehlen, selbiges zu tun. Denn eines ist zweifellos klar – Belphegor bedeutet einen Höllenritt, den Ihr dieser Intensität vermutlich noch nie erlebt habt.

Ich bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit!

Wir lesen uns nächstes Monat wieder. Bis dahin – macht es gut!

„Zwider-schaun“, meine Buben und Mädels!

Euer Markus Keimel

ANSPIELTIPPS von Belphegor:

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