NMB – Innocence & Danger

Die neu gewonnene Leichtigkeit der Neal Morse Band

Artist: NMB

Herkunft: USA

Album: Innocence & Danger

Spiellänge: CD1 48:46 Minuten, CD2 50:52 Minuten

Genre: Progressive Rock

Release: 27.08.2021

Label: InsideOut Music

Link: https://www.nealmorse.com/

Bandmitglieder:

Gesang, Gitarre und Keyboard – Neal Morse
Gitarre und Gesang – Eric Gillette
Bassgitarre – Randy George
Keyboard und Gesang – Bill Hubauer
Schlagzeug – Mike Portnoy

Tracklist:

  1. Do It All Again
  2. Bird On A Wire
  3. Your Place In The Sun
  4. Another Story To Tell
  5. The Way It Had To Be
  6. Emergence
  7. Not Afraid Pt 1
  8. Bridge Over Troubled Water

  1. Not Afraid Pt 2
  2. Beyond The Years

Der Name Neal Morse steht für Qualität: egal, ob in früheren Tagen zusammen mit Spock’s Beard oder nach wie vor mit Flying Colors, Transatlantic und Solo. Im aktuellen Fall haben wir es mit NMB zu tun, früher unter dem Namen The Neal Morse Band bekannt. Die Mannschaft, die neben dem Meister persönlich u. a. Tausendsassa Mike Portnoy und Zauberhändchen Eric Gillette beherbergt, legt ihr viertes Album vor. Dieses Team spielte schon großartige Werke wie The Grand Experiment oder The Similitude Of A Dream ein. Wie man es aus dem Morse-Multiversum kennt, kommt der neueste Streich namens Innocence & Danger als Doppel-LP und knapp 100 Minuten Spielzeit mit mächtig Spielzeit im Gepäck. Das Konzept der beiden Vorgänger wird allerdings nicht fortgeführt, wie Drummer Mike Portnoy erläutert: „Nach zwei ausufernden Doppel-Konzeptalben in Folge war es erfrischend, wieder eine Sammlung von nicht zusammenhängenden Einzelsongs in der Art unseres ersten Albums zu schreiben.“

Den Startschuss zu Innocence & Danger lieferten Keyboarder Bill Hubauer und Bassist Randy George. Von da an nahm die Teamarbeit ihren Lauf und so vereint das Album das Beste aller Bandmitglieder. Vermutlich resultiert daraus auch die Abkehr vom Namen The Neal Morse Band, denn das hier ist keine One-Man-Show, wie Morse betont: „Die Band ist wirklich so außergewöhnlich und ein tolles Team.“ Die Texte aus der Feder des ehemaligen Namensgebers beschreiben ein Stück neu gewonnene Freiheit und einige der Lyrics entstanden nach einem gemeinsamen Podcast mit Yes-Legende Jon Andersen. Für Progfans gibt es auf Seite zwei von Innocence & Danger Episches zu bestaunen: Zwei Stücke, die mit ihrer Spieldauer sogar die acht Songs der ersten Seite übertreffen. Für Freunde von Bonusmaterial wird einigen Versionen eine Bonus-DVD beigelegt. Diese enthält ein Making-of und Studiotouren mit Hubauer, George und Gillette.

Die Fakten wären geklärt, auf geht’s ins Prog-Wunderland von Innocence & Danger: Uplifting (dt. erhebend) ist immer das erste Wort, welches mir zur Musik von Neal Morse einfällt. So auch im Opener Do It All Again. Obwohl die Texte nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen behandeln. Dieser sich ständig steigernde Songaufbau, der stets im Refrain wie eine Prog-Supernova explodiert, treibt einfach die bösen Geister aus dem Körper. Auch an einem trüben Sommertag, der sich nach Herbst anfühlt. Ähnlich wie bei Transatlantic, teilt sich Neal Morse den Gesang mit seinen Kollegen. Im Falle von NMB mit der tiefen Stimme von Bill Hubauer und den Vocals von Eric Gillette, der ein richtig guter Sänger geworden ist. Dann liefert Gillette noch Gitarrensoli auf dem Niveau eines John Petrucci (hört man ab Minute 6:00, zum Niederknien) und spielt auf Neals Jesus-Musical Drums wie ein junger Gott – Talent overload!

Bird On A Wire lebt von einer fancy Keyboardmelodie und Gillette belegt meine gerade aufgestellte Behauptung, denn sein Gesang ist wirklich stark, genau wie seine Soli. Mike Portnoy ist weiterhin einer der wenigen Drummer, die ich am Spiel erkenne. Großartige Truppe, die Mr. Morse da um sich versammelt hat. Wie auch in der Vergangenheit gibt Produzent Rich Mouser dem Ganzen den richtigen Schliff. Für mich einer der besten seines Fachs.

Der Beginn von Your Place In The Sun transportiert dank seiner Drumgrooves und Keyboards einige Foreigner/Toto-Vibes aus den 80ern in unsere Zeit. Meine Hüften und Schultern bewegen sich von ganz alleine. Die Beatles haben auch ihre Finger im Spiel. Da erkennt man die alten Helden im Songwriting der Herrschaften. Another Story To Tell führt die beschwingten Keyboard-Melodien fort. Ein typischer Morse-Song, der auf dem Album allerdings nicht weiter herausragt.

Foto: John Zocco

Es wird ruhiger und geht etwas weg von den nach vorne treibenden ersten Songs des Albums. The Way It Had To Be besticht durch atmosphärische Synthies, Pianos und bluesige Gitarren-Arrangements. Schöne ruhige Nummer, die zum Träumen einlädt. In ähnlich ruhigen Gewässern schwimmt auch Emergence, dass als instrumentales Akustikgitarren-Intermezzo daherkommt und zu Not Afraid Pt 1 überleitet. Das Stück besticht wiederum durch mehrstimmige Gesangspassagen, die mir wohlige Schauer über den Rücken jagen. „I’m not afraid anymore. I think I finally opened up the door, and I’m ready to reach out for something more.“ Starke Worte, mit musikalischer Gänsehaut-Garantie.

Den Abschluss von Seite eins bildet die Coverversion des Simons & Garfunkel-Klassikers Bridge Over Troubled Water. Wie es sich für eine ordentliche Progband gehört, wird die ursprüngliche Länge des Songs von fünf auf acht Minuten geschraubt und mit einer großen Portion Bombast versehen. Bass und Keyboard kommen extrem gut rüber und flechten den Song gekonnt in den NMB-Sound ein.

Wo Part 1 ist, kann auch Part 2 nicht weit sein und so eröffnet Not Afraid Pt 2 die zweite Seite der Prog-Epen. Damit ich den Anschluss nicht verpasse, höre ich ihn mir zusammen mit dem ersten Teil an. Auch für sich genommen kann der „große Bruder“ schon mit knapp 20 Minuten aufwarten. Während in Pt 1 noch die Akustik-Gitarren und mehrstimmigen Gesänge dominieren, gibt es in Pt 2 erst mal eine dramatische Piano-Einleitung. Knarzende Bassgrooves und eindringliche Attacken der Tastenfraktion leiten zu fast schon metallischen Riffs über. Gillette rasiert übers Griffbrett (Sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen :D) und frickelt was das Zeug hält.

Nach dreieinhalb Minuten instrumentaler Vollbedienung besänftigt Neal Morse die Gemüter mit wärmenden Gesangsmelodien. Mit jeder Note merkt man, dass der stetige Aufbau hin zum „Grande Finale“ geplant wird. Kurz angeschlagene Keyboard-Akkorde untermalen die unterschiedlichen Stimmungen, um dann von Meat Loaf-artigen Chor-Einschüben attackiert zu werden: „Mystery man won’t you stop and listen“ – großartig! Immer wieder kommen Passagen hinzu, die an Transatlantic erinnern. Gitarrist Eric darf wieder zeigen, was er draufhat, ohne den Songfluss unnötig abreißen zu lassen. Es wird Zeit für die Morse-typischen großen Gesangsarrangements mit Breitwand-Chören. Es folgt noch einmal die Ruhe vor dem bombastischen Sturm. Man kennt diese Art des Songaufbaus von Neal Morse und trotzdem schafft es der Maestro jedes Mal damit zu überzeugen.

Ein kleines Orchester leitet das über 30-minütige Schlussepos ein. Das ist eine Spieldauer, die meine Augen zum Leuchten bringen. Keyboards schleichen sich an und der Song lebt von starken Darbietungen der Sänger. Danach gibt es kein Halten mehr: Es wird gefrickelt, geklatscht (!), soliert, harmoniert und gegroovt, dass es eine wahre Freude ist. Satzgesang darf für das Morse-Prädikat auch nicht fehlen. Alles wirkt so ungezwungen und das abgelegte Korsett eines Konzeptalbums wird durch Jamsession-Feeling ersetzt. Wurde eben beim ersten Longtrack schon die Transatlantic-Rufe laut, so kommt man jetzt nicht mehr daran vorbei. Wenngleich Virtuosen wie Hubauer und Gillette dem Sound der NMB ihren eigenen Stempel aufdrücken. Viele Köche verderben den Brei? Weit gefehlt, denn bei diesem Team tropft die Kreativität aus jeder Pore und findet mit Innocence & Danger ein passendes Zuhause.

Weitere Artikel aus dem Morse-Multiversum:

Review zu Jesus Christ The Exorcist Live

Review zu Transatlantic – The Absolute Universe

NMB – Innocence & Danger
Fazit
Wer bisher sein Seelenheil in den unterschiedlichen Neal-Morse-Releases gefunden hat, wird auch mit dem neuesten Album zufrieden sein. Durch das offen gestaltete Songwriting und den Input aller Beteiligten ist für Abwechslung gesorgt. Beim Bewerten der einzelnen Songs kam ich im Schnitt auf 8,6 Punkte, die mit ruhigem Gewissen auf 9 aufgerundet werden können. Nach dem Transatlantic-Album, der zweite Streich aus dem Morse-Kosmos im Jahr 2021 mit absoluter Kaufempfehlung.

Anspieltipps: Do It All Again, Your Place In The Sun, Not Afraid Part 1 und Beyond The Years
Florian W.
9
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9
Punkte
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