Transatlantic – The Absolute Universe: The Breath Of Life & Forevermore

Wenn das Mutterschiff des Progressive Rock ruft, gibt es ein Review epischen Ausmaßes

Artist: Transatlantic

Herkunft: USA, UK, Schweden

Album: The Absolute Universe: The Breath Of Life (Abridged Version) & Forevermore (Extended Version)

The Breath Of Life Spiellänge: 64:19 Minuten

Forevermore Spiellänge: CD1 47:16 Minuten, CD2 43:08 Minuten

Genre: Progressive Rock

Release: 05.02.2021

Label: InsideOut Music

Link: https://www.transatlanticweb.com/

Bandmitglieder:

Gitarre und Gesang – Roine Stolt
Bassgitarre und Gesang – Pete Trewavas
Keyboard und Gesang – Neal Morse
Schlagzeug und Gesang – Mike Portnoy

The Breath Of Life Tracklist:

  1. Overture
  2. Reaching For The Sky
  3. Higher Than The Morning
  4. The Darkness In The Light
  5. Take Now My Soul
  6. Looking For The Light
  7. Love Made A Way (Prelude)
  8. Owl Howl
  9. Solitude
  10. Belong
  11. Can You Feel It
  12. Looking For The Light (Reprise)
  13. The Greatest Story Never Ends
  14. Love Made A Way

Forevermore Tracklist:

  1. Overture
  2. Heart Like A Whirlwind
  3. Higher Than The Morning
  4. The Darkness In The Light
  5. Swing High, Swing Low
  6. Bully
  7. Rainbow Sky
  8. Looking For The Light
  9. The World We Used To Know

  1. The Sun Comes Up Today
  2. Love Made A Way (Prelude)
  3. Owl Howl
  4. Solitude
  5. Belong
  6. Lonesome Rebel
  7. Looking For The Light (Reprise)
  8. The Greatest Story Never Ends
  9. Love Made A Way

The Absolute Universe oder das absolute Transatlantic-Monument? Musikalische Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gehört hat. Was zum Teufel hat die Supergroup da auf die Beine gestellt? Supergroup ist zunächst mal ein sehr inflationär gebrauchter Begriff, vor allem in der Prog- und Metalszene. Wenn eine Band sich diesen Titel auf die Fahnen schreiben darf, dann sicher Transatlantic. Geschlagene sieben Jahre zogen seit dem letzten Output der viel beschäftigten Herren Neal Morse (Flying Colors, ex-Spock’s Beard), Roine Stolt (The Flower Kings), Pete Trewavas (Marillion) und Mike Portnoy (u. a. Sons Of Apollo, ex-Dream Theater) bereits ins Land. Ende 2019 trafen sich die begnadeten Musiker in Stolts Heimat Schweden, um die ersten Songs für Album Nummer fünf zu schreiben. Dabei entstand Material für mindestens zwei CDs. Die Bandmitglieder gingen zurück in ihre Heimat, um ihre Parts auszufeilen. Wenige Monate später machte Neal Morse Urlaub in Neuseeland, um sich für sein letztes Soloalbum Sola Gratia inspirieren zu lassen. Darin vertiefte er sich so sehr, dass er sich komplett vom neuen Transatlantic Album entfernte. Im März 2020 beschäftigte sich Morse erneut mit dem neuen Transatlantic Material und er hatte das Gefühl, das Gesamtkonzept etwas kompakter gestalten zu müssen – gesagt, getan. So präsentierte er den restlichen Herren seine gekürzte Rohfassung. Eine lange Diskussion um die endgültige Version entbrannte und letzten Endes war es Mike Portnoy der sagte: „Why not both?“ Zunächst als Haupt- und Bonusversion geplant, ging das Label InsideOut auf den Wunsch ein, beide Versionen gleichzeitig zu veröffentlichen. So präsentieren Transatlantic ihren Fans am 05.02.2021 die “kurze” Version The Absolute Universe: The Breath Of Life und die “lange” Version The Absolute Universe: Forevermore. Sogar eine dritte (!) Version namens The Absolute Universe: The Ultimate Edition inkl. 5.1 Mix auf Blu-ray wird ebenfalls ab Februar erhältlich sein – puh, durchatmen. Sie enthält ein bisschen von beiden Versionen. Diese liegt mir für die Rezension nicht vor.

Was macht diese Veröffentlichung so besonders?

Eine Supergroup verdient sich ihren Namen nicht, weil es sich um bekannte Musiker handelt, die mal eben eine lange und eine gekürzte Version auf den Markt schmeißen. So wurden für The Breath Of Life neue Parts und Texte geschrieben und einzelne Gesangspassagen wurden von verschiedenen Bandmitgliedern eingesungen, sodass zwei eigenständige Alben entstanden, die trotzdem Gemeinsamkeiten haben. Aufgrund der Pandemie musste das finale Songwriting aus der Ferne erfolgen, was für die erfahrenen Musiker jedoch kein Problem darstellte. Diese Herangehensweise führt dazu, dass The Breath Of Life die Handschrift von Neal Morse trägt und Forevermore die Signatur von Roine Stolt mit sich bringt. Aufgrund der kurzen Songs, die ein großes Ganzes ergeben, erinnern beide Teile von The Absolute Universe an das Konzept des 2009 erschienenen Meisterwerks The Whirlwind. Bevor wir zur Musik kommen, überlasse ich Meister Portnoy das Wort: „Wir hatten schon immer die Einstellung, dass mehr von etwas nie genug ist. Aber dieses Mal haben wir diese Idee auf ein neues Extrem gebracht. Ich bin sicher, dass The Absolute Universe als Ganzes der feuchte Traum eines jeden Prog-Fans sein wird!“

Transatlantic – Pete Trewavas, Roine Stolt, Neal Morse, Mike Portnoy – Foto: Tobias Anderson

Mit dem Mutterschiff in Richtung absolutes Universum

Das Werk stellt den längsten Aufnahmeprozess der Transatlantic-Geschichte dar. Produziert wurde The Absolute Universe wie gewohnt in Eigenregie. Wie auch schon auf den ersten vier Alben machte Rich Mouser beim Mix einen fantastischen Job, den ich sogar als klangliche Referenz bezeichne. Die Frage, ob man beide Versionen haben sollte, stellte sich zwar lange Zeit für die Band, aber keinesfalls für die Fans – man sollte beide Versionen hören. Die Storyline umfasst ein Konzept der persönlichen Querelen, mit denen sich jeder in der heutigen Gesellschaft konfrontiert sieht, wenngleich auch oft im metaphorischen Sinn. Das verrückte Jahr 2020 spielt ebenfalls eine Rolle und The Breath Of Life konzentriert sich etwas mehr auf die Auswirkungen des Virus. Ich empfehle jedem, sich Zeit für dieses Mammutwerk zu nehmen: Kopfhörer auf, Welt aus, Musik an. Zum besseren Verständnis benutze ich im Text des Öfteren “lange Version” für Forevermore und “kurze Version” für The Breath Of Life. Generell kann man The Absolute Universe sehr gut mit der Herr Der Ringe-Trilogie vergleichen: Während man vor knapp 20 Jahren bei der Kinoversion als Fantasy-Fan glücklich und zufrieden den Saal verlassen konnte, wusste man spätestens einige Zeit später, dass doch etwas fehlt – die Extended Version. Nicht künstlich aufgebläht, sondern mit echtem Mehrwert für die absoluten Geeks unter den Fans.

The Breath Of Life & Forevermore

Beide Versionen starten mit der Overture, die gleich mal das instrumentale Können der Musiker unter Beweis stellen (nicht, dass sie es nötig hätten). Die längere Ouvertüre enthält erstmals das wiederkehrende lyrische Thema „Belong, belong, better to belong“, welches von Roine Stolt erdacht wurde. Die Idee dazu beinhaltet den Wunsch, zu etwas zu gehören: Zu einer Religion, Philosophie, politischen Bewegung oder Musikrichtung – wichtiger denn je, in Zeiten, in denen uns das Virus trennt. Gespräche finden als Einzeiler in sozialen Medien statt und Leute reagieren mit einem Klick darauf. Heart Like A Whirlwind basiert auf einer Demo von Neal Morse aus dem März 2019, in der er überlegte, einen Nachfolger zu The Whirlwind zu schreiben. Diese Idee wurde später verworfen, der Text blieb jedoch. Dazu entstand das Pendant Reaching For The Sky, dass auf derselben Melodie aufbaut, allerdings einen völlig neuen Text erhielt. Dieser bezieht sich auf die Unruhen der Pandemie in den USA auf ihrem vorläufigen Höhepunkt. Die Morse-typischen Keyboardmelodien weisen nach wenigen Sekunden auf ihren Macher hin und lassen mich euphorisch beschwingt im Takt mitwippen. Higher Than The Morning greift das „belong“ Thema wieder auf, sowohl in den Lyrics, als auch auf der Gitarre. Der Aufbau des Songs, die Chöre und der Refrain hätten in der Form wohl auch auf ein Album der Neal Morse Band gepasst. Die längere Fassung enthält alternative Gesangspassagen des grandiosen Mr. Stolt, der auf den gesamten Songs von Forevermore wie entfesselt die sechs Saiten bedient. The Darkness In The Light ist tatsächlich auf beiden Seiten des Universums gleich lang und groovt unheimlich. Funky Basspassagen, eingeleitet von unverwechselbaren Gitarren-Leads des schwedischen Saitenhexers. Überhaupt ist es trotz der geballten Power der Alpha-Männchen Morse, Stolt und Portnoy unmöglich, sich nicht in das Bassspiel von Pete Trewavas auf diesem Album zu verlieben. Es harmoniert wunderbar mit den Drums des Herrn Portnoy.

Die beiden Brüder im Geiste Take Now My Soul und Swing High, Swing Low haben noch einen weiteren Verwandten im Transatlantic-Universum: Es bestehen gewisse Parallelen zu Rose Colored Glasses vom The Whirlwind Album. Generell gelten für alle drei Songs die typischen positiven Vibes, die mal an die Beatles und mal an Queen erinnern. Im Mittelteil wird Roine Stolt zum wiederholten Mal von der Leine gelassen – großartig! Den aggressiven Einstieg am Mikro zu Looking For The Light liefert Mike Portnoy. Da musste ich meine Ohren schon genau spitzen, denn anfangs hielt ich die Stimme für einen raueren Neal Morse. Portnoy ist nicht nur einer der besten Drummer aller Zeiten, er ist auch stimmlich gewachsen. Es ist schon eine Gabe, wenn sämtliche Bandmitglieder singen können, denn die Vocal-Harmonien sind nicht von dieser Welt. Love Made A Way (Prelude) ist das akustische Vorspiel zum düsteren Owl Howl, welches gleichzeitig den härtesten Song markiert. Stolt schrieb das Riff nicht speziell für Transatlantic und es liefert die Kehrseite der sonst so positiven Flower-Power-Vibes des Schweden. Eindringlich und unheimlich zeigt sich seine Stimmfarbe zu Beginn des Songs, der ganz sicher ein Highlight im zukünftigen Liveset der Band darstellt.

Die absolute Differenzierung

Beide Alben haben auch ihre ganz persönlichen Highlights, deshalb ein kurzer Schwenk in Richtung Forevermore: Die Stücke Bully und Rainbow Sky sind dieser Version vorbehalten. Bully fungiert als Klebstoff zwischen Swing High, Swing Low und Rainbow Sky und lebt von genialen Bassgrooves und den röhrenden Klängen der Hammondorgel. Rainbow Sky ist ein beschwingter Song im klassischen Powerpop-Stil der Beatles. Er stammt aus der Feder von Neal Morse, der ihn vom Album streichen wollte. Roine Stolt war jedoch so überzeugt von dem Song, dass er schließlich auf der von ihm betreuten Forevermore-Seite landete. Der längste Song auf The Absolute Universe ist ebenfalls Forevermore vorbehalten. The World We Used To Know strahlt über neun Minuten pure Magie der Marke Stolt aus. Retro-Prog at its best, gekrönt von einem emotionalen Morse-Finale. Die zweite CD der langen Version startet ebenfalls mit einer exklusiven Nummer namens The Sun Comes Up Today. Wohlig warme Vocal-Harmonien, bombastische Keyboards und mitreißende Gitarrensoli eröffnen den Song, der im weiteren Verlauf auf den Schultern der unfassbar präzisen Bassläufe von Pete Trewavas steht. Er steuert ebenfalls den Gesang bei.

Am Ende siegt die Liebe

Kommen wir zurück zu den Songtiteln, die auf beiden Versionen auftauchen und bleiben gleichzeitig bei Mr. Trewavas: Solitude (dt. Einsamkeit) ist zunächst ein sehr introvertierter Song mit Pianoklängen, gefühlvollen Gitarren und der warmen Stimme von Pete Trewavas. Er ist sicherlich nicht der beste Sänger der Gruppe, egalisiert diese Tatsache aber mit dem richtigen Gespür für Emotionen. Der Text entstand vor der Pandemie, könnte aber kaum besser in die aktuelle Situation passen. Die positiven Vibes von Neal Morse holen den Song schlussendlich aus seiner Dunkelheit. Das kurze Belong greift das eingangs genannte Thema von Roine Stolt wieder auf und startet mit einem witzigen Soundeffekt, der auch schon bei den Flower Kings zum Einsatz kam. Hier leitet die Band wiederum zu zwei verschiedenen Songs über: Can You Feel It wurde von Neal Morse auf die kurze Fassung gesetzt, als Gegenspieler zum düsteren Stolt-Song Lonesome Rebel auf der langen Version. Morse war der Meinung, dass sein Song besser in den Fluss der letzten Songs auf The Breath Of Life passt – yes Neal, I can feel it! Dennoch bringt auch Lonesome Rebel einen schönen Kontrast ins Geschehen von Forevermore. Akustikgitarren und die außergewöhnliche Stimme von Roine Stolt jagen mir wohlige Schauer über den Rücken – „Once he was the greatest, now he is doomed forever.“ Kein progressives Konzeptalbum ohne Reprise. An dieser Stelle taucht Looking For The Light mit attackierenden Bässen und Hammondorgeln wieder auf und ebnet den Weg für The Greatest Story Never Ends. Die Forevermore-Version bietet zusätzlich noch Satzgesang à la Gentle Giant, den es auch schon bei Spock’s Beard gab. Prog as Prog can be oder so ähnlich. Die Band erfindet sich nicht neu, pflanzt aber alle lieb gewonnenen Klänge so unerbittlich in mein Ohr, dass es eine helle Freude ist. Trommelwirbel zum großen Finale Love Made A Way, das Prelude dazu hatten wir ja bereits. Was soll ich noch schreiben? Die musikalische Erhabenheit und die emotionale Achterbahnfahrt finden ihren würdigen Schlusspunkt: „All that will remain is loooooove.“

Ihr möchtet noch mehr Einblick in dieses Werk haben? Dann geht es hier zum Interview mit Roine Stolt.

Transatlantic – The Absolute Universe: The Breath Of Life & Forevermore
Fazit
Ein Bonusalbum mit den Songs als Akustik- oder Instrumentalversion? Alles schon da gewesen. Ein nahezu fertiges Konzept umwerfen, um den Fans zwei (oder drei) eigenständige Versionen zu liefern? Dazu gehört eine riesige Portion Hingabe an die Musik. Die Aussage von Neal Morse, dass er von all seinen Projekten am liebsten Transatlantic hört, unterstreicht diese Tatsache. Ich bewerte The Breath Of Life mit neun und Forevermore mit vollen zehn Punkten. Eigentlich würde das im Schnitt eine 9.5 ergeben, doch das würde diesem Werk nicht gerecht werden. Hier wurde Magie eingefangen, von der seelenlose Musikproduzenten nur träumen können. The Absolute Universe ist der erste Anwärter auf mein persönliches Album des Jahres – volle Punktzahl!

Anspieltipps: Eigentlich alle Songs, da es sich um ein Konzeptalbum handelt. Wer sich dennoch erst mal rantasten möchte:

The Breath Of Life: The Darkness In The Light und Can You Feel It

Forevermore: Rainbow Sky, The World We Used To Know und Owl Howl
Florian W. - The Breath Of Life
9
Florian W. - Forevermore
10
Leser Bewertung8 Bewertungen
9
10
Punkte
Podcast
Leise War Gestern... - Der Time For Metal Podcast

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