Act Of Creation – The Uncertain Light

In seinem Genre sicherlich ein Anwärter aufs "Album des Jahres"

Artist: Act Of Creation

Herkunft: Siegen, Deutschland

Album: The Uncertain Light

Spiellänge: 54:22 Minuten

Genre: Death Metal, Melodic Death Metal, Thrash Metal

Release: 16.10.2020

Label: MDD Records

Link: https://www.facebook.com/pg/Actofcreation/

Bandmitglieder:

Gesang – Jess
Gitarre – Chris
Gitarre – Casi
Bassgitarre – Holger
Schlagzeug – Jan

Tracklist:

  1. The Burning Place
  2. Break New Ground
  3. Violet Red
  4. Reflection
  5. Sector F
  6. Legion
  7. State Of Agony
  8. Confused Illusion
  9. Hatefriend
  10. The Uncertain Light

Als Act Of Creation im Januar dieses Jahres auf die Bühne der Halle Am Rhein kamen, um alles für ihren Auftritt aufzubauen, hatte ich von ihnen noch nie was gehört. So war ich also sehr gespannt, was da von der sehr zierlichen Jess am Mikro wohl kommen mochte. Aber schon nach den ersten Tönen habe ich nur gedacht, dass sie mit ihrer Röhre selbst einige männliche Growler ganz tief in die Tasche steckt. Die Instrumentalfraktion wurde damit fast komplett in die Statistenrolle verbannt, wobei ich in Köln, wie eigentlich bei jeder Undergroundshow, wieder mal erstaunt war, wie gut die Jungs an ihren Instrumenten waren. Dass es die Band Act Of Creation zu dem Zeitpunkt schon über zehn Jahre gab, wusste ich ja nicht. In dieser Zeit haben sie schon drei Alben rausgehauen, das vierte Album The Uncertain Light wird am 16.10. über MDD Records veröffentlicht. Als ich hörte, dass es sich um ein Konzeptalbum handelt, das auch noch den dritten und letzten Teil einer Trilogie darstellt, hatte ich ja arge Befürchtungen, dass ich dann mit den zehn Songs nicht gut zurechtkommen werde. Aber die Zweifel haben Jess und ihre vier Bandkollegen in Nullkommanix zerstreut.

Fast scheint es, als ob Act Of Creation ein wenig zögern, die Welt zu betreten, die auf dem großartigen Cover von Timon Kokott erschaffen wurde. The Burning Place kommt ein wenig verhalten im Midtempo daher und offenbart bei Weitem noch nicht das musikalische Potenzial, über das Act Of Creation verfügen. Das blitzt beim folgenden Break New Ground schon mal öfters durch, aber mit Violet Red gehen sie zum ersten Mal richtig in die Vollen und hauen dem durchaus melodischen Death Metal ein ordentliches Pfund Thrash Metal in den Nacken. Während die Flitzfinger die dünnen und dicken Saiten zum Glühen bringen, prügelt Jan erbarmungslos auf die Felle ein und bearbeitet die Fußpedale in Rekordgeschwindigkeit. Dazu die Growls von Jess, fertig ist der Nackenbrecher. So muss das!

Der Anfang des mit sehr vielen Tempo- und Rhythmuswechseln durchsetzten Reflection lässt mich dann tatsächlich an eine Band denken, die in einem anderen Genre unterwegs ist, klingt doch das wunderbare Gitarrenspiel, das auch später noch hin und wieder zu hören ist, ein wenig nach Imperium Dekadenz. Und wenn dann noch Jess mit schönem Klargesang fleht „Oh mirror, mirror, please tell me who I am“, haben Act Of Creation mal wieder die ganz melodische Keule ausgepackt. Aber genau diesen Spagat beherrschen sie, wie sie nicht nur hier eindrücklich beweisen.

Dass ich beim Hören eines Death Metal Albums mal ein Grinsen ins Gesicht kriege, passiert selten. Sector F schafft das allerdings, das Shredding der Saitenfraktion zu Beginn des Tracks ist genauso unglaublich wie die Arbeit von Jan an den Drums. Das Shredding dann mal so locker in ein tolles Picking überzuleiten, machen die Jungs wahrscheinlich einfach mal, weil sie es können. So wird dann auch das Hochgeschwindigkeitstempo runtergefahren, und wieder mal bin ich versucht, das Ganze Progressive Death Metal zu nennen. Denn wie schon in den Songs vorher und auch in den folgenden spielen Act Of Creation nicht nur mit ihren Instrumenten – wozu ich auch den Gesang von Jess zähle – sondern liebend gern mit Tempo- und Rhythmuswechseln. Die Gefahr, dass man sich beim Hören langweilen könnte, liegt weiterhin bei null.

Normalerweise bin ich ja eher bei den schnelleren Tracks, und mit Tempo kann Confused Illusion natürlich auch aufwarten, aber daneben fährt er auch mächtig Groove auf. Und wie sich Jess gesanglich durch die Zeilen „To swallow the sorrow, is our best distress. Avoid to leave a void, the strife became our life“ windet, um von jetzt auf gleich ein wütendes „It’s our live“ in das Mikro zu brüllen, ist Kopfkino par excellence! Und wo ich gerade die schnelleren Tracks erwähne, ähnlich wie Sector F wartet auch Hatefriend mit einem wahnsinnigen Shredding auf, das die Jungs aber immer wieder gekonnt in sehr gediegene Riffs oder Pickings und Tappings umleiten.

Mit dem Titeltrack The Uncertain Light, der das Album abschließt, übertreffen sich Act Of Creation, was Komplexität angeht, dann tatsächlich noch selbst. Kaum hat man sich auf irgendein Tempo oder einen Rhythmus eingelassen, ist der schon wieder Geschichte. Die Gesangsfarben, die Jess hier raushaut, sind so vielfältig wie die Spielarten der Gitarren. Wunderbar melodische Linien gehen mit coolen Riffs Hand in Hand, bevor ein letztes Mal geshreddet wird, während Jan an den Drums die Becken gar nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Besonders beeindruckt hat mich auch der schier endlose Schrei, den Jess ausstößt. Wenn ich 14 Sekunden lang so brüllen müsste, würde ich umkippen. 😀

Zum Song Break New Ground gibt es hier das Video:

Act Of Creation – The Uncertain Light
Fazit
Ich bin zugegebenermaßen ein "Kostverächter", dem es relativ egal ist, ob Konzeptalbum oder nicht. Jede Künstlerin, jeder Künstler, jede Band wird sich ja sicherlich – oder sollte ich vielleicht "hoffentlich" sagen? – während des Schaffensprozesses zu einem Album irgendwelche Gedanken machen. Act Of Creation haben sich definitiv Gedanken gemacht und wissen daher, den Zuhörer von Anfang bis Ende bei der Stange zu halten. Eins der abwechslungsreichsten Alben, das ich dieses Jahr gehört habe und das in meinen Jahrescharts sicherlich sehr weit oben vertreten sein wird. In seinem Genre ist The Uncertain Light sicherlich ein heißer Anwärter auf das "Album des Jahres".

Anspieltipps: Violet Red, Sector F, Confused Illusion und Hatefriend
Heike L.
9
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