Corona-Pandemie: wir lassen Musiker, Bands, Clubs und Veranstalter zu Wort kommen

Part 8: V-HAJD, Ivory Tower, Pripjat, Blackland Berlin, Reaper`s Revenge

Das Coronavirus lässt die Welt seit einigen Wochen stillstehen, vielleicht nicht so ganz, aber zumindest in der Konzert- und Veranstaltungsbranche fast komplett. Wir haben in letzter Zeit viel geschrieben über die derzeitige Corona-Krise und von den Folgen für die gesamte Veranstaltungsbranche berichtet. Zudem haben wir euch über Konzertabsagen- und Ersatztermine und Online-Geisterkonzerte auf dem Laufenden gehalten, haben versucht, einigen Veranstaltern und Live-Clubs aktiv mit Berichterstattungen zu helfen und Tipps gegeben, wie ihr eure Lieblingsband oder eure bevorzugte Konzert-Location am besten in dieser schweren Zeit unterstützen könnt. Letztendlich sind die meisten von uns aber weder Musiker, noch Veranstalter oder Club-Besitzer, sondern nur ein paar Schreiberlinge, die den Metal leben und lieben. Deshalb wollen wir den Spieß nun einmal umdrehen und andere zu Wort kommen lassen. Wir lassen Musiker, Bands und Veranstalter einmal selbst erzählen, wie sie die Corona-Krise erleben, wie sie die konzertfreie Zeit in der Quarantäne verbringen und wo der Schuh aktuell am meisten drückt.

Wir haben eine Menge Rückmeldungen bekommen, deshalb müssen wir in Etappen veröffentlichen, denn sonst würde es unübersichtlich. Hier die nächsten Stimmen, weitere folgen in den nächsten Tagen:

Alex Scherz (V-HAJD)

Normalerweise sind die Grenzen für uns hier im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz kaum wahrnehmbar. Das ist jetzt anders: Da unser Proberaum/Studio in Deutschland liegt, ich (Alex) in der Schweiz wohne, und unser Sänger Derek in Frankreich, kann momentan nur die deutsche Fraktion so richtig Gas geben. Im Moment sind die Jungs dran, neue Songs aufzunehmen. Unser Sänger wäre eigentlich noch bis Ende April solo in Indonesien unterwegs gewesen. Da die Behörden dort unten auch alles dichtgemacht haben, ist er gestern mit der letzten Maschine aus Bali zurückgekommen, sitzt nun in Quarantäne und darf nicht mal das Haus verlassen. Ich nutze die Zeit und das schöne Wetter, um mit meinem Sohn und meiner Freundin zu wandern. Konzerttechnisch sind mal alle Auftritte für Mai, Juni und Juli abgesagt/verschoben. Onlinekonzerte sind für uns in der aktuellen Situation leider auch nicht möglich. Unser größter Wunsch ist, dass wir alle gesund aus der Sache herauskommen und die Grenzen so bald als möglich wieder aufmachen, damit wir uns endlich mal wieder Face to Face sehen können und gemeinsam wieder gesunden Lärm machen können!!!

Virenfreie Pommesgabel-Grüße und frohe Ostern

AlexV-HAJD

https://de-de.facebook.com/vhajd

Sven Boege (Ivory Tower)

Sven hier von Ivory Tower!! Ja, auch wir haben uns in unseren Elfenbeinturm zurückgezogen.
Leider ist `ne ganze Anzahl von Gigs ausgefallen, darunter auch eine kleine, geplante Skandinavientour, die uns nach Schweden und Dänemark hätte führen sollen. Aber sei´s drum… Schade um die ganze Arbeit, die in die Planung geflossen ist. Mal abwarten, wie es weitergeht. Festivals im Sommer sind ja auch schon zahlreich abgesagt worden! Aber Solidarität geht vor Egoismus! Glücklicherweise bestanden schon elf neue Kompositionen für Ivory Tower. Befinden uns jetzt sozusagen in der Pre-Production Phase! Diese Arbeiten lassen sich auch gut alleine von zu Hause aus bzw. alleine im Proberaum erledigen (siehe beigefügtes Pic von Drummer Thrunke). Der digitale Workflow ist da wirklich sehr hilfreich (endlich mal was Positives!:)). Um die Zeit etwas zu überbrücken für unsere Fans, veröffentlichen wir nach und nach noch mal unsere Videos und Mitschnitte von einzelnen Songs live. Von den derzeitigen Wohnzimmerkonzerten halten wir für Ivory Tower nicht so viel, ist ja ganz nett für einen Deutschpop-Akustikbarden…, aber Ivory Tower gehören auf `ne fette Bühne mit fettem Sound und fettem Licht, da macht so´n Wohnzimmer-Voodoo keinen Sinn! 🙂
Das wars soweit von uns aus dem Elfenbeinturm! Seid weiter solidarisch mit den Risikogruppen, macht es euch nett, bleibt gesund und ein fettes DANKE an ALLE, die den Laden am Laufen halten (wir machen ja leider nur Musik)!!!

Greeeeeeeeeeeetz,
Sven🙂

Eugen Lyubavskyy (Pripjat)

Die Corona-Krise wird gewaltige Wunden in unsere kulturelle Landschaft schlagen. Und der Metal-Underground ist davon nicht ausgenommen. Für diese Folge habe ich zahlreichen Freunden und Bekannten aus der ganzen Republik Fragen zum Status Quo unserer Szene sowie dem weiteren Ausblick geschickt, denn ich persönlich halte die hiesige Metalszene schon lange nicht mehr für gesund. Kreativ steckt aus meiner Sicht vieles in der Sackgasse, eine Nostalgie nach der Vergangenheit herrscht zum Teil vor, was man an den Line-Ups vieler Festival- und Tourpackages unschwer ablesen kann. Dazu kommt ein Angebot, für das es in der Form einfach nicht genug Nachfrage gibt. Als Musiker und Redakteur, der über 15 Jahre in dieser Szene aktiv ist, habe ich Einblicke gewonnen, die diese Meinung gebildet haben.

Veränderungen werden kommen, ob wir es wollen oder nicht. Ich halte die aktuelle Zeit gut dafür geeignet, um einen Schritt vom eigenen Wirken zurückzugehen und das eigene Schaffen kritisch zu betrachten. Ein „weiter so“ wird nicht funktionieren. Doch die deutsche (Underground) Metalszene ist trotz ihrer Probleme großartig, vielfältig und vergleichsweise loyal. Bands, Fans und Veranstalter können sich aktuell Gedanken darüber machen, was man eigentlich möchte und was nicht.

Entsprechend habe ich auch danach gefragt, welche positiven Aspekte die Krise für unsere Szene haben kann. Denn jede Veränderung birgt Chancen für einen Neuanfang. Die Meinungen, die ihr hier sehen werdet, sind so vielfältig und unterschiedlich wie die Szene selbst. Und das ist wunderbar.

Ich danke euch allen für die Zusendungen und bedaure, dass ich hier nicht alle aufnehmen und in Gänze abbilden konnte. Ein Video mit den ungeschnittenen Statements wird folgen.

Die konkreten Fragen waren:

– Können die Folgen der Krise und damit einhergehende Schließungen von Clubs und Auflösungen von Festivals eine Chance für die Regulierung eines sehr übersättigten Marktes führen?

– Können kleinere, lokale Bands davon profitieren, wenn weniger internationale Bands mit ihnen konkurrieren?

– Werden die Konzerte voller (und damit besser?), wenn das Angebot sinkt?

– Braucht die Szene ein „Gesundschrumpfen“?

Ich möchte hier klar herausheben, dass ich jedes nicht mehr stattfindende Festival, jede geschlossene Bar oder Club für eine persönliche Tragödie halte. Ich habe den größten Respekt für all die engagierten Menschen dort draußen, die meist ohne jegliches kommerzielles Interesse ihr ganzes Herzblut in ihre Projekte gesteckt haben. Auch als Musiker habe ich davon wahnsinnig profitiert. Wenn ich vom „Gesundschrumpfen“ spreche, tue ich dies mit diesem Wissen im Hinterkopf. Denn nicht alles, was gut gemeint ist, macht am Ende auch für alle Sinn. Wenn man zueinander in Konkurrenz tritt, anstatt mögliche Synergien zu nutzen, zum Beispiel.

In diesem Video werden viele Themen angeschnitten, die selbst eine Episode verdient haben. Und dies wird folgen. Zunächst aber wünsche ich euch viel Spaß mit dieser Momentaufnahme unserer Szene. Denn die Metalszene – das sind wir alle. Und sie kann nur das sein, was wir aus ihr machen.

Zu Wort kommen hier Mitglieder (Musiker, Crew, Gründer etc.) von (in order of appearance): Galactic Superlords, DUST BOLT, Party.San Metal Open Air, THE BLACKWHITECOLORFUL, Antipeewee, Atlantean Kodex, Beltez, Drone, Mutz & The Blackeyed Banditz, REZET, SABIENDAS, Desaster, Disbelief, NECROTTED, Skullcrusher Heavy Metal Dresden e.V., Ayahuasca GER, Pripjat, RaptvrE, BLOODSPOT, Blizzen, SKUM, Taskforce Toxicator, metal.de, A Chance For Metal, Dragonsfire, ERADICATOR, Jade & Lotus, Shotgun Valium, Shining, Sweeping Death, TRAITOR, Wulfpäck, Der Manu, STEORRAH, Heiopeis, LIFELESS, ArtWars-Mediadesign, Tempest – Thrash Metal, Drill Star Autopsy, The Crawling Chaos Records, SONS OF SOUNDS, Wacken Radio, Stillbirth, The Outside, GRIM VAN DOOM, Hannya booking, Sideway Spiral, Antilles, TheOther.

Blackland Berlin

Wir haben ein Spendenkonto eingerichtet, welches sogar von unseren Besuchern gefordert wurde. Wir wären auf die Idee nicht gekommen, es haben ja alle gleich schwer.

Es ist ein unfassbarer Betrag zusammengekommen, wobei von 6,66 EUR bis zu dreistelligen Beträgen alles dabei war. Und immer noch spenden Leute Geld. Wir haben Geld aus ganz Deutschland und sogar den Niederlanden bekommen. Einzelpersonen, Firmen und Bands haben was geschickt. Die Jungs von thinkhalle.de haben die zurückgezahlten Eintrittsgelder einer ausgefallenen Veranstaltung einfach wieder gespendet. Alter wie geil ist das denn?

Online-Konzerte waren in der Überlegung, aber da ist ja die kleinste Kapelle mit drei Leuten schon nicht erlaubt. Dann noch jemand für den Sound, macht vier Personen… 🙂

Die Hilfe der Regierung ist inzwischen eingetrudelt, aber keiner weiß, wann die Beschränkungen aufgehoben werden, die Leute wieder Geld haben, um es auszugehen und die Bands durften ja auch nicht proben; also bis das wieder anläuft, ist es schwierig.

Bleibt nur standhaft zu sein und abzuwarten.

Mick / Technik / Admin

Paypal: paypal.me/blackland666

PS: Nervig an dieser Stelle ist die nicht abreißende Diffamierung wegen rechts. Speziell ein Post von „Berlin_metalcore_Memes“ bei FB und Instagram. Wir haben Bands und Gäste aus der ganzen Welt, die alle als Nazis hinzustellen ist einfach nur bescheuert.

Christopher „Flexs“ Knauer (Reaper`s Revenge)

Gerne geben wir dir eine kleine Wasserstandsmeldung, wie wir denn so betroffen sind.

Zunächst ist an dieser Stelle natürlich zu sagen, dass wir alle geregelten Jobs nachgehen und daher nicht von der Band leben oder leben müssen (was aktuell auch ohne Corona schlichtweg nicht möglich wäre). Aber grundsätzlich ändert diese ganze Corona-Kacke unseren Bandalltag natürlich schon auch immens. Im Zeitraum April/Mai fallen dadurch schon drei Auftritte flach. Wird im Normalfall alles nachgeholt, aber ärgerlich ist es trotzdem. Außerdem arbeiten wir momentan für die Songs zum neuen Album. Das Ganze zusammen im Proberaum auszuarbeiten, ist natürlich im Moment absolut nicht möglich. Aus diesem Grunde versucht man halt, über den digitalen Weg so viel zu machen, wie geht. Das heißt, jeder arbeitet für sich zu Hause an den Songs und schickt die Resultate an den Rest der Band. Das klappt im Moment ganz gut und ist tatsächlich die einzige Möglichkeit, irgendwie zusammen Musik zu machen. Geholfen wäre uns trotzdem immens, wenn zumindest wieder ein bisschen gelockert wird und wir wieder zusammen proben können. Außerdem könnte man dann auch schon mal mit den tatsächlichen Albumaufnahmen beginnen, die wir selbst vom Homestudio aus machen. Aber dazu muss beispielsweise ich für die Gesangsaufnahmen zum Sänger, oder unser Basser für seine Recordings zu mir in mein Homestudio. Daher hoffen wir mal, dass sich die Lage zumindest ein bisschen entspannt. Was die Live-Gigs angeht, bin ich für das ganze Jahr recht skeptisch. Vielleicht wird für kleinere Veranstaltungen wieder gelockert. Aber ich denke, dass sich das dann maximal auf Veranstaltungen unter 1000 Leuten beschränkt. Das wäre aber natürlich für kleinere Bands wie uns wieder günstig.

Wie gesagt: Man kann nur auf Lockerungen vonseiten der Regierung hoffen 😉

Mehr fällt mir jetzt auch nicht mehr ein. Daher noch einen schönen letzten Osterfeiertag und natürlich gesund bleiben 😉

Beste Grüße,
Christopher „Flexs“ Knauer
Reaper’s Revenge

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