Mars Era – Oniro

Das Mars-Zeitalter ist angebrochen und sprengt musikalische Grenzen

Artist: Mars Era

Herkunft: Florenz, Italien

Album: Oniro

Spiellänge: 42:28 Minuten

Genre: Stoner Rock, Alternative Metal, Progressive Rock

Release: 19.02.2021

Label: Argonauta Records

Link: https://www.facebook.com/mars.era.live

Bandmitglieder:

Gesang – Dave Ferrara
Gitarre – Michelangelo Verdelli
Bassgitarre – Leonardo Storai
Schlagzeug – Tom Jr.Tassi

Tracklist:

  1. OBE
  2. Into The Pyramid
  3. Brighter Than The Sun
  4. The Chicken’s Wardrobe
  5. Cyclone
  6. The Last Breath To Wake Up

Stoner Rock liegt bei mir viel zu selten auf dem Plattenteller, obwohl dieses Genre immer wieder Perlen zutage fördert. In diesem Fall die 2014 in Florenz gegründete Band Mars Era, deren Debütalbum Dharmanaut im Jahr 2017 erschien. In der Zwischenzeit waren die vier Italiener keinesfalls untätig und arbeiteten über drei Jahre an Ideen zum Nachfolger Oniro. Kurz bevor der Lockdown vor allem Italien traf, begann die Band das neue Album aufzunehmen. Die überzeugende Produktion übernahm Marco Leggio im GreenFog Studio in Genua. Das düstere Coverartwork stammt aus der Feder des italienischen Künstlers Plauso. Erscheinen wird Oniro bei den Stoner/Doom/Post Metal Spezialisten Argonauta Records, die das Komplettpaket aus Bella Italia perfekt machen.

Das Korsett aus Stoner Rock ist generell etwas zu eng geschnürt für den umfangreichen Klangkosmos von Mars Era. Im Sound finden sich auch zahlreiche progressive Elemente und Anleihen bei Alternative Metal Bands der 2000er-Jahre wie z. B. Tool. Dazu noch ein paar Prisen Psychedelic und Space Rock der 70er und erst jetzt kann man die Vielfältigkeit von Oniro ungefähr einschätzen. Zum lyrischen Konzept sagt die Band: „Es ist die Geschichte eines gewöhnlichen Mannes, der sich seinen innersten Ängsten stellt, die, durch die Musik verändert, zu realen und greifbaren Träumen werden. Nur indem er sich diesen Schwierigkeiten stellt, wird unser Charakter die Hindernisse überwinden, die sich auf seiner langen und imaginären Reise ergeben.“ Klingt auf jeden Fall nach Futter für den Kopfhörer.

Dann will ich mal meinen Horizont erweitern und begebe mich mit Mars Era auf eine „onirische“ Reise. Beschreiten wir also die ersten Schritte des Pfads mit OBE. Der Opener beginnt mit leisen Cymbal-Klängen, bevor die eindringliche Stimme von Sänger Dave Ferrara einsetzt. Sein Gesang erinnert tatsächlich etwas an Tool, der Aufbau der Gitarrenharmonien und des Drummings unterstreicht diese Wahrnehmung. Zusätzlich gibt es auch Einflüsse aus der Grunge-Ära der Neunzigerjahre, da schießen Bands wie Tad oder Alice In Chains durch meinen Kopf. Bevor beim Thema Grunge jetzt jemand die Flucht ergreift, sei gesagt, dass es nur vereinzelte Spuren dieses Genres sind – für einen Vergleich sind Mars Era viel zu progressiv unterwegs. Das Ganze baut immer wieder Spannungsbögen auf, die in schmutzigen Gitarrenriffs und wabernden Bässen gipfeln. Was mir auf Anhieb gefällt, sind die nonkonformen Gesangspassagen, die mich wie bereits erwähnt an Maynard James Keenan (Tool, A Perfect Circle) oder wahlweise an Devon Graves (Psychotic Waltz) erinnern. Begeben wir uns zum nächsten Schritt Into The Pyramid. Wie im ersten Song fällt auch hier auf, dass die langen Songs nicht Stoner/Doom typisch jede Sekunde traktieren, sondern vereinzelt tief Luft holen, um zum nächsten Schlag auszuholen. Sänger Dave fügt seinem Auftritt eine Kopfstimme hinzu und arbeitet mit verzerrten Vocals à la Chino Moreno (Deftones). Der Sound der Instrumente bleibt räudig, ohne zu sehr in Sludge Gefilde abzudriften.

Die Feuerkugel steht hoch am Himmel und wir widmen uns Brighter Than The Sun. Dieser Song wurde bereits Ende letzten Jahres als Video veröffentlicht und zeichnet sich durch eine einprägsamere Riffstruktur aus. Mehr Alternative Rock, weniger progressive Ansätze. Mit 4:45 Minuten markiert er auch gleichzeitig das kürzeste Stück des Weges auf Oniro. The Chicken’s Wardrobe kommt musikalisch am ehesten aus der Stoner-Ecke, wie ihn die Band auf dem Debüt spielte. Angereichert mit einem Refrain aus der kalifornischen Wüste und ein paar schweinegeilen Poser-Soli. Da mir leider keine Texte vorliegen, bleibt abschließend noch zu klären, warum das Huhn eine eigene Garderobe braucht. Cyclone beginnt mit abgrundtief bösen Bässen und kratzt als einziges Lied an der zehn Minuten Marke. Die Effekte im ersten Drittel des Songs sind zwar eine nette Spielerei, gefallen mir aber soundtechnisch eher weniger. Im Gegensatz zur „Hühnergarderobe“ steht der progressive Faktor wieder im Rampenlicht, dennoch fehlt mir für einen Longtrack die zündende Idee. Die Riffs am Ende des Tracks fetzen wiederum derbe. Der letzte Song The Last Breath To Wake Up steht auf den Schultern der Rhythmusfraktion und verzichtet größtenteils auf Gitarrenattacken. Erst ab der Hälfte darf wieder ordentlich in die Saiten gehauen werden. Den Refrain vergessen wir mal ganz schnell wieder, der kommt etwas zu schräg aus den Boxen. Um meine Gedanken zu teilen, erwähne ich hier noch Parallelen zu A Perfect Circle oder sogar Pain Of Salvation. Das ganze Namedropping soll lediglich die verschiedenen Universen von Mars Era widerspiegeln. Unterm Strich klingt es verdammt eigenständig, was die Italiener hier aufs Band gezaubert haben.

Mars Era – Oniro
Fazit
Hinter Mars Era steckt ein Konzept aus intelligenter Musik. Mit jeder Note merkt man, dass hier kein Schnellschuss vermarktet werden soll. Jeder einzelne Musiker versteht sein Handwerk, wobei besonders die Leistung von Sänger Dave Ferrara hervorgehoben werden muss – er hat einen sehr außergewöhnlichen Gesangsstil. Auch die Abteilung Bass und Drums leistet ganze Arbeit und trägt den zähflüssigen Sound durch die gesamte Spielzeit. Ein paar Abstriche mache ich beim Longtrack Cyclone, der für mich etwas zu spannungsarm rüberkommt. Die anderen Songs auf Oniro inklusive der tollen Produktion, fließen wie Lava durch die Gehörgänge. Mehrere Durchläufe braucht dieses Werk definitiv, bis der Funke überspringt.

Anspieltipps: OBE und The Chicken’s Wardrobe
Florian W.
8.2
Leser Bewertung9 Bewertungen
9.4
8.2
Punkte
Podcast
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