Party.San Metal Open Air – Herbstoffensive V am 20.09. und 21.09.2024 im Uhrenwerk in Weimar

Wenn in Weimar das Schwermetall in buntem Reigen erklingt, wird der Herbst eingeläutet

Eventname: Party.San Metal Open Air – Herbstoffensive V

Bands: Asphagor, Boötes Void, The Committee, Cytotoxin, Deathrite, Groza, Kanonenfieber, Naglfar, Schafott, Temple Of Dread, Vomitory, Whiskey Ritual

Ort: Uhrenwerk, Am Alten Speicher 11, 99427 Weimar

Datum: 20.09. – 21.09.2024

Kosten: Wochenendticket 66,60 €

Besucher: 666

Genres: Thrash Metal, Death Metal, Black Metal

Bereits während der diesjährigen Auflage des Party.San Metal Open Airs stand für mich der Besuch der fünften Runde der Herbstoffensive fest. Innerhalb sehr kurzer Zeit konnte auch ein Fotograf zuverlässig rekrutiert werden. Am zeitigen Vormittag des Festivalfreitags mache ich mich auf den Weg zum Zug, zunächst ist es noch empfindlich kühl, aber schon, als ich an der Bahn ankomme, hat die Sonne genug Macht bekommen, dass die Jacke im Koffer verschwinden kann. Die Reise mit der Deutschen Bahn ist ja zurzeit auf beinahe allen deutschen Strecken oft eine Negativerfahrung und auch mich erwischt gleich nach dem ersten Streckenabschnitt eine massive Verzögerung. Erst die dritte Etappe verläuft einwandfrei, aber mit reichlich einstündiger Verspätung erreiche ich Weimar. Ein guter Kumpel aus der Bühnencrew sammelt mich am Bahnhof ein und nach einem kurzen Zwischenstopp an der Wochenendunterkunft geht’s direkt weiter ans Veranstaltungsgelände. In der Schlange hagelt es erste liebe Begrüßungen mit ein paar alten Bekannten aus der Weimarer Metalszene.

Freitag
Asphagor – Herbstoffensive – 2024 – Stefan B.

Gerade noch pünktlich zur ersten Band ist der Einlass absolviert und ich betrete mit einem ersten Kaltgetränk bewaffnet die noch sehr spärlich gefüllte Halle. Nach einem kurzen Check eröffnen die Österreicher Schwarzmetaller Asphagor das Party.San Spin Off. Bereits während des ersten Titels zieht es mehr und mehr Headbanger aus dem kleinen sonnigen Biergarten vor die Bühne, sodass wenigstens die erste Hallenhälfte – wenn auch überschaubar – mit moshendem Volk gefüllt ist. Das Amberger Schwarzwurzelquintett hat mittlerweile vier hochwertige Releases in der Hinterhand, doch in die leider nur 45-minütige Stagetime passen nicht allzu viele Songs davon rein, sodass man sich zu großen Teilen auf Material des vergangenen März erschienenen Albums Pyrogenesis konzentriert. Für mich selbst sind die Angerberger noch neu, aber ich finde die Jungs richtig gut, als Opener fast schon zu gut. Die werde ich definitiv im Auge behalten.

Die nächste Band ist mir bis zum heutigen Tag auch völlig unbekannt, aber ich war schon sehr neugierig auf eine Black Metal-Kapelle, die sich nach der unermesslichen Beinahe-Leere Boötes Void im Sternbild des Bärenhüters benannt hat. Mit teils doomlastigem, nichtsdestotrotz extrem frostigem Black Metal startet das Set der Würzburger in den zweiten Teil des frühen Abends. Leider jagt der Mischer die Pegel dann ziemlich hoch und für mich wird’s in der ersten Reihe unerträglich, sodass ich mich ans andere Ende der Halle verziehe. Auch von hinten herrscht schlicht diese monumentale Soundwand, ist aber deutlich greifbarer, sodass sich von hier hinten einige melodische Parts erkennen lassen. Im Prinzip ist das Ganze ein schönes vertontes Sinnbild der galaktischen Leere, wenn man so will. Auch die Vermummung aller Bandmitglieder und der exzessive Einsatz von Bühnennebel sowie rotem und kaltblauem Licht verstärken diesen Eindruck noch. Eine ziemlich runde Darbietung, aber bei dieser Truppe werde ich, zumindest Indoor, nicht zum Wiederholungstäter.

Bei Deathrite aus dem sächsischen Dresden ist ebenfalls diese unfassbare Soundwand vorherrschend. Wo dieses Soundkonzept bei Black Metal voll aufgeht, kleistert es den Death Metal der fünf Elbflorenzer Jungs leider ziemlich zu. Sicherlich handelt es sich hier um eine ziemlich düstere Spielart des Todesmetalls, aber trotz des angenehmen Grooves kommt keine so rechte Freude bei mir auf, eher Langeweile. Auch die Hallenfüllung ist wieder ziemlich geschrumpft und es herrscht kaum Bewegung im Uhrenwerk. Ziemlich schade für die sympathischen Sachsen, die auf der Bühne sichtlich voll unter Dampf stehen. Im Schlusspart wirds ziemlich rock ’n‘ rollig, beinahe tanzbar. Das hätte von mir aus von Anfang an so klingen dürfen, denn so kurz vor Showende kann man das Ruder leider nicht mehr herumreißen. Sehr schade.

Cytotoxin – Herbstoffensive – 2024 – Stefan B.

Jetzt ist es Zeit für mein persönliches Tageshighlight. Seit ich vor reichlich zehn Jahren die Chemnitzer Tschernobilisten Cytotoxin zum ersten Mal live gesehen habe, liebe ich ihre Brutal Death-Shows über alles. Die vier Scheiben der Jungs gehen für mich zwar absolut in Ordnung, aber live ist diese maximalverstrahlte Band ganz was anderes: eine absolute Urgewalt! Schon als die Bandmitglieder einer nach dem anderen mit ihren GP-5-Gasmasken die Bühne entern, läuft mir ein freudiger Schauer den Rücken runter. Und schon beginnt der atomare Wahnsinn mit heftigsten Moshs und Circlepits, die natürlich absolut stilecht mit Circleplutonium angetrieben werden müssen, was sonst. Auf und auch vor der Bühne wird gewütet und geschwitzt, was die Physis hergibt. Hier wird das ultimative Metalworkout durchexerziert. Eigentlich endet diese grandiose Show mit dem Gedenken an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und dem Titel Chernopolis, doch das Bühnenmanagement gibt noch eine Zugabe frei, die das moshwütige Publikum dankbar entgegennimmt.

Mit dem schwedischen Todesbleikommando Vomitory hatte ich dieses Jahr bereits das Vergnügen auf dem Chronical Moshers Open Air am Hauptmannsgrüner Mühlteich. Der heutige Gig in der blechernen Halle des Weimarer Uhrwerkes bildet dazu einen ziemlich krassen Kontrast. Erik Rundqvist, die Gebrüder Gustafssohn und Peter Östlund berserkern sich gut gelaunt und druckvoll durch ihr Set wie gewohnt, aber wenigstens im vorderen Hallenteil kann ich, wie bereits an anderen Parts des Abends, soundtechnisch zu wenig differenzieren. Hits, die ich zu kennen glaube, erkenne ich dadurch kaum. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als erneut auf besseren Sound im rückwärtigen Hallenteil zu hoffen und siehe da, der Plan geht auf und die restlichen Songs lasse ich ordentlich das Haupt kreisen und die Wirbelsäule knacken, sogar der Überhit Raped, Strangled, Sodomized, Dead vom aktuellen Album ist wieder mit dabei, wenigstens den kann ich relativ textsicher mitbölken. Einige meinen, es wäre insgesamt einer der besseren Gigs der Schweden im letzten Jahr gewesen. Kann ich nicht ganz bestätigen, aber entweder braucht die Mischer noch mal eine Nachschulung betreffs der Arbeit in geschlossenen Hallen oder ich muss beim Hörgeräteakustiker mal in anständigen selektiven Gehörschutz investieren.

Kanonenfieber – Herbstoffensive – 2024 – Stefan B.

Den ganzen Nachmittag über beobachte ich bereits die Fans, die übers Gelände stromern. Dabei würden auch dem blindesten Huhn die vielen orangefarbenen Nickis auffallen. Nein, es haben sich keine Members der Oranje Legioen nach Weimar verirrt, sondern der Headliner des ersten Tages der Herbstoffensive heißt Kanonenfieber und etwa ein Drittel der heutigen Ticketkäufe ist den orangetragenden Anhängern der Melodic Black Metal Truppe aus dem Bamberger Raum zu verdanken. Im Tonstudio agiert Mastermind Noise zwar vollständig allein, aber für die üppig ausstaffierte Liveshow unterstützen ihn die gleichen Mitmusiker wie bei den Liveauftritten von Non Est Deus, einem anderen Solo-BM-Projekt von ihm. Schon am Nachmittag habe ich mich mit einer kleinen WK1-Memorabilia-Ausstellung auf dem Festivalgelände thematisch auf den recht faszinierenden, wenngleich umstrittenen Gig der Band einstimmen können. Zudem kann man die Kostümierung der Bandmember sicherlich albern finden, aber ich finde das Konzept extrem stimmig. Die Songs verherrlichen an keiner Stelle die Geschehnisse des sogenannten Ersten Weltkrieges und dem Zuhörer respektive dem Besucher bleibt es selbst überlassen, wie er das Ganze inhaltlich bewertet und wie sehr er die Show feiern möchte. Vom künstlerischen Aspekt genieße ich das Ganze, aber im historischen Kontext stimmt mich die Sache, wie schon beim Hören der Platten, ziemlich nachdenklich. Der Mensch ist und bleibt ein ziemlich grausames Tier.

Samstag

Da wir noch bis in die frühen Morgenstunden weitergefeiert haben, beginnt der Tag etwas schleppend. Doch erneut auf dem Gelände angekommen, einige Kaffees später und erneut bei bestem Kaiserwetter, sehe ich dem Samstagsprogramm entspannt entgegen.

Schafott – Herbstoffensive – 2024 – Stefan B.

Die Aufgabe des Openers ist für heute den Dresdnern von Schafott zugefallen. Alles in allem würde ich die Kapelle in eine tiefschwarze Thrash-Schublade stecken wollen; vielleicht vergleichbar mit den ganz frühen Slayer-Sachen. Ich bin erst mal etwas irritiert, da keiner für das schnelle Gebell verantwortlich zu sein scheint, welches einem von der Bühne entgegenweht, doch dann entdecke ich, dass der Drummer für die Vocals zuständig ist. Ist ja doch eine seltene Kombi, aber ziemlich cool. Leider bevorzugen es die meisten, noch etwas Sonne bei einer Gerstenkaltschale im Außenbereich zu haschen, sodass leider recht wenig Publikum diesem ziemlich coolen Gig beiwohnt. Die überschaubaren Reihen vor der Bühne machen allerdings richtig Alarm, wie es sich für Old-School-Material gehört. Das Quartett aus der sächsischen Landeshauptstadt hat nicht ganz so viel Material in der Hinterhand, sodass der Gig verhältnismäßig kurz ausfällt. Die Jungs sollte man trotzdem auf dem Schirm behalten.

Temple Of Dread klöppeln ihre Vorbereitungen ziemlich zügig zusammen und sind schnell startklar für die nächste Alarmfahrt des Tages. Aus Ostfriesland kommend, haben sie sich dem klassischen Old School Death Metal verschrieben. Wer auf ältere Obituary steht, wird, genau wie ich, hier seine helle Freude haben. Messerscharfe Gitarrenriffs und ein pfeilschnelles Drumming gemahnen zudem des Öfteren an neuere Werke von Chuck Schuldiners Vorzeigeband Death und dass für das Friesen-Trio auch Vomitory, die wir gestern abfeiern durften, recht hoch im Kurs stehen, hört man auch deutlich, wenn man nicht auf einem Ohr blind ist. Ich wundere mich, dass ich von dieser extrem tight agierenden Truppe nicht schon mal was gehört habe, obwohl die Jungs doch recht release-freudig zu sein scheinen, wie sich im Nachgang herausstellen soll. Dass es sich tatsächlich erst um den vierten Gig der Band und um den vierten Liveeinsatz des Sängers überhaupt handeln soll, kann ich gar nicht so recht glauben, da ich schon eingespieltere Bands mit deutlich schlechteren Performances erleben musste. Jetzt bin ich endgültig munter, das war großes Kino. Ganz großes!

Whiskey Ritual – Herbstoffensive – 2024 – Stefan B.

Bei den immer noch sommerlichen Temperaturen braucht es natürlich auch Metal aus der südeuropäischen Urlaubsregion. Aber das Party.San wäre nicht authentisch, wenn es jetzt klebrig-süßes Blech geben würde. Ein wenig Black ’n‘ Roll gefällig? Bühne frei und volle Schussfahrt mit Whiskey Ritual! Es ist laut, finster, dreckig und verdammt tanzbar. Ich bin gegen Ende 2019 mit der Schallplatte Black Metal Ultras auf diese liebenswerten Irren aufmerksam geworden und erlebe sie heute das erste Mal live. Meine Fresse, hier gibt’s die gute Laune mit der ganz großen Kelle auf die Zwölf. Black Metal ist ja immer entweder kalt und fies oder beinahe schwarzer Zucker in gefälligen Riffabfolgen. Hier bekommt man den schwarzen Knüppel aber extrem partytauglich. Wenn Dorian Bones und seine Freunde einem in der Fußgängerzone so begegnen würden, wie sie gerade auf der Bühne performen, würde so mancher Normalo vermutlich auf die andere Seite wechseln. Es war GG Allin, der mal gesagt haben soll, dass die Gefahr wieder zurück in den Rock ’n‘ Roll muss, und das erreichen auch Whiskey Ritual meiner bescheidenen Meinung nach recht gut. Daher nimmt es nicht wunder, dass zum Abschluss der Show dem Altmeister des perversen Punk Rock mit dem Cover von Bite It, You Scum Tribut gezollt wird. Was für ein bockstarker Gig!

Bevor wir auf die Zielgerade einbiegen, gibt‘s erst mal eine ordentliche Portion atmosphärischen Metal. Mgła haben sowohl musikalisch als auch outfittechnisch einen gewissen Stil begründet, den sich die Bayern Groza – übrigens der Name der ersten Platte der Polen – sehr zum Vorbild genommen zu haben scheinen. Es ist absolut streitbar, ob die Mühldorfer nun ein billiger Abklatsch ihrer osteuropäischen Vorbilder sind oder für den Athmosperic Black Metal etwas Unverzichtbares geschaffen haben: Ich empfinde die Show heute als etwas absolut Großartiges. Viele der Songs beginnen ruhig, ja beinahe schleppend, um dann extrem an Fahrt zu gewinnen, bis hin zu destruktivem Wahnsinn. Das ist für mich ein faszinierendes Songwritingkonzept, einer der seltenen Gigs, bei denen ich nur schwer entscheiden kann, ob ich feiern oder schweigend genießen möchte. Ist manchmal echt angenehm, wenn Metal tiefer geht und so zu überraschen weiß.

Groza – Herbstoffensive – 2024 – Stefan B.

Schon bei der vorletzten Band des Abends wird mir bewusst, dass dieses absolut großartige Event in wenigen Stunden zu Ende sein wird, daher beziehe ich noch einmal Posten in der Frontrow. Vor einigen Jahren habe ich The Committee auf dem Chronical Moshers Open Air kennenlernen dürfen und war ziemlich fasziniert von dem Bandkonzept und dem Dargebotenen. Die heutige Show ist allerdings deutlich ausgewogener, zwischen finsterem Black Metal und schweren Doom-Einflüssen. Die Auswahl dieser Band scheint in dieser Zeit wichtiger denn je, da The Committee viele historische Begebenheiten von Gewaltherrschaft, vor allem sowjetischer, als Grundlage ihrer Songs heranziehen. Auch heute erzeugt die Band ein unangenehmes, mahnendes Gefühl, als ob mit dem Finger unnachgiebig in einer Wunde gebohrt wird. Musikalisch ist die vermummte, international besetzte Truppe über jeden Zweifel erhaben.

Jetzt ist Zeit für den Headliner. Von Platte mag ich Naglfar sehr gerne. Auch live durfte ich die Melodic Black Metaller schon das eine oder andere Mal genießen, das erste Mal, als die Schweden mit dem Pariah-Album unterwegs waren. Aktuell baut die Show noch auf der 2020 erschienenen Cerecloth-Platte auf, aber jedes der insgesamt sieben Alben findet seinen Platz in der Setlist des heutigen Abends. Ich persönlich bin von dem Wochenende leider derart platt, dass ich diese an sich tolle Show zu großen Teilen sitzend verfolge, da meine Füße mir allmählich ihren Dienst verweigern. Die starke Ermüdung merkt man auch dem restlichen Publikum an. Viele haben sich bereits Richtung Spätbus verabschiedet oder hocken geplättet im Biergartenbereich vor der Halle, die mittlerweile nur noch bis ungefähr zur Hälfte lose gefüllt ist. Rausschmeißer, so prominent er auch sein mag, ist ein beinahe noch undankbarerer Slot als der Opener. Keiner ist der Band daher böse, dass sie ihren zur Verfügung stehenden Zeitrahmen im Endeffekt gar nicht vollständig ausnutzen.

Während sich die Halle zügig leert, halte ich noch ein Schwätzchen mit der supernetten Getränkewagenbesatzung und verschiedenen Besuchern. Wir sind einhellig der Meinung, dass die fünfte Party.San-Herbsoffensive wieder einmal ein absolut brillantes Konzertwochenende gewesen ist und den Herbst würdig eingeläutet hat, auch wenn es noch von spätsommerlichen Temperaturen geprägt war.
Riesen Dank geht raus an die vielen entspannten Festivalbesucher, die Veranstalter und ihre fantastische Crew und natürlich an alle zwölf Bands. Ihr habt uns zwei extrem hochwertige Tage beschert! Und natürlich Dank an den lieben Support für Transfer und Unterkunft, fühlt euch umarmt, ihr Lieben.