Spiritbox – Eternal Blue

Die Kanadier sind auf dem Weg in den Olymp

Artist: Spiritbox

Herkunft: Vancouver Island, Kanada

Album: Eternal Blue

Spiellänge: 43:14 Minuten

Genre: Metalcore, Alternative Metal, Progressive Metal, Modern Metal

Release: 17.09.2021

Label: Rise Records

Link: https://spiritbox.com/

Bandmitglieder:

Gesang – Courtney LaPlante
Gitarre – Mike Stringer
Bassgitarre – Bill Crook
Drums – Zev Rose (Session-/Tourmitglied)

Tracklist:

  1. Sun Killer
  2. Hurt You
  3. Yellowjacket (feat. Sam Carter)
  4. The Summit
  5. Secret Garden
  6. Silk In The Strings
  7. Holy Roller
  8. Eternal Blue
  9. We Live In A Strange World
  10. Halcyon
  11. Circle With Me
  12. Constance

Eine simple Empfehlung eines Magazins auf Facebook zum Weltfrauentag (Stichwort: Female Fronted Metal) brachte mich zu diesem Punkt. Gut so, denn dieses Debütalbum ist nichts weniger als das am meisten herbeigesehnte Stück Musik des laufenden Jahres. Seit ihrer Gründung vor fünf Jahren haben es die Kanadier von Spiritbox geschafft, einen Kultstatus zu erreichen, der vor allem die sozialen Medien beherrscht. 100 Millionen Streams ihrer bisherigen Singles sprechen Bände. All das schaffte das Trio, ohne ein vollständiges Album auf den Markt geworfen zu haben und trotz abgebrochener bzw. abgesagter Touren mit After The Burial und Limp Bizkit.

Der lange Zeitraum zwischen der ersten selbst betitelten EP im Jahr 2017 und dem jetzigen Album Eternal Blue war allerdings keinesfalls geplant, wie Sängerin Courtney LaPlante verriet: „Es ist ein Werk, an dem wir seit über zwei Jahren gearbeitet haben. Der Aufnahmeprozess lag wegen der Pandemie lange auf Eis. Ich muss sagen, obwohl wir nie vorhatten, solange mit der Platte zu warten, denke ich, dass es den Songs geholfen hat, stärker zu werden.“

Bevor es an die 12 Songs geht, zunächst ein paar Fakten: Spiritbox wurden 2016 von Sängerin Courtney LaPlante und Gitarrist Mike Stringer gegründet. Beide spielten zuvor bei den amerikanischen Sickos Iwrestledabearonce und sind im privaten Leben ein Ehepaar. Zwei Jahre später stieß Bassist Bill Crook dazu, der auch bei den Pop-Punks Living With Lions die tiefen Saiten bedient. Unterstützt werden die drei zurzeit von Session-Drummer Zev Rose.

Eine knappe Dreiviertelstunde haben Spiritbox mitgebracht, um mich vom Hype zu überzeugen. Einige der Songs wie das famose Holy Roller wurden allerdings schon vor einiger Zeit veröffentlicht und haben somit etwas Vorsprung, was die Langzeitwirkung des Materials angeht.

Der Opener Sun Killer atmet ohne Zweifel einige Billie Eilish-Vibes, was die Elektrobeats angeht und erst recht im kleinen Part ab Minute 2:29. Als bekennender Billie-Fan gefällt mir das ausgesprochen gut. Courtney LaPlante nutzt ihre bezaubernden Cleanvocals fast den gesamten Song über und schwebt damit über den Stakkatoriffs. Erst in den letzten Sekunden bricht der Dämon aus ihr heraus und schreit alles in Grund in Boden. Das ist lediglich eine von vielen Demonstrationen, der die Sängerin auf eine Stufe mit Jinjer-Frontfrau Tatiana Shmailyuk hievt. Für mich persönlich sogar noch eine Stufe darüber. Wer ihre One-Take-Performance von Rule Of Nines kennt, weiß, was ich meine.

Hurt You beginnt deutlich aggressiver und wilder. Die Synthies wirken wie ein Alarmsignal. Der Bass pumpt wie Sau und die Dame am Mikro betreibt gekonnt den Wechsel zwischen Engel und Teufel. Dabei hat sie so etwas Besonderes in der Stimme, was sich nur schwer umschreiben lässt. Man beachte den Sprung ihres Könnens seit dem letzten Album von Iwrestledabearonce 2015.

Credit: Travis Sinn

Zeit für ein Feature: Dieses liefert kein Geringerer als Architects-Brüllwürfel Sam Carter. Wenn es gerade noch möglich war, still zu sitzen, ist spätestens jetzt massive Action angesagt. Das Intro hat wieder etwas Billie-Flair im Gepäck, bevor die Metalcore-Bombe gezündet wird. Der Breakdown trifft hart in die Gesichtsmuskulatur. Damn, so hat für mich moderner Metal zu klingen. Ich würde ja sagen, dass Spiritbox die Genre-Kollegen weit hinter sich lassen, doch in welchem Genre spielen die Kanadier eigentlich? Das lässt sich auch mit den folgenden Stücken nur schwer beantworten. Progressive Ansätze ohne die typischen ausufernden Arrangements des Genres, veredelt mit elektronischen Metalcore-Parts und dazu eine Prise Alternative. So würde ich es versuchen zu beschreiben.

Das getragene The Summit umstreicht die These der Unabhängigkeit vom Schubladendenken. Besonders die Passage, in der cleane und harsche Vocals übereinandergelegt werden, haben etwas für sich. Ansonsten ist es der einzige Song, den ich als verzichtbar ansehen würde. Erst die Gitarren- und dann die Bassläufe holen mich in Secret Garden wieder zurück ins Boot. Ich bekomme Schwingungen der US-Progger von Zero Hour oder wahlweise Animal As Leaders übermittelt. Manchmal ist es aufgrund der unterschiedlichen Ansätze der Stücke etwas schwer, dem Ganzen zu folgen. Aber als Progfan liebt man die Herausforderung. „Secret Garden, disregard my heeeeaaaaaart.“ Hach, Courtney bitte sing mir ein paar Gute-Nacht-Strophen.

„Double the Abriss, double the fun“: Nach diesem Motto treten Silk In The Strings und das wohlbekannte Holy Roller auf den Plan. Silk… ist wirklich ein verrücktes Ding. Wenn man überhaupt Parallelen zur alten Band Iwrestledabearonce ziehen möchte, dann genau jetzt. Mathcore par excellence. Holy Roller kennen Fans der Band selbstverständlich. Wer noch nicht mit Spiritbox vertraut ist, sieht sich das verstörend geniale Video zum Song an. Wen das nicht anfixt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Der Titelsong Eternal Blue tritt ins Rampenlicht. Dieser beschreibt komplette Gegensätze zu Holy Roller. Die dichte Atmosphäre baut eine Brücke zu den Djent-Strukturen im Verlauf des Stücks. Wer sich die Zeit nimmt, um die Feinheiten herauszufiltern, wird mit großartiger Musik belohnt. Billie Eilish hält erneut Einzug in den Sound von Spiritbox. We Live In A Strange World lautet der verdammt richtige Titel des nächsten Stücks. Zunächst haben die Gitarren Pause und überlassen den digitalen Soundfiles das Feld. Erst später bekommen sie die Gelegenheit, den Klang zu einer dichten Wall of Sound zu verstärken.

Groove Metal-Anleihen starten Halcyon, der daraufhin mit luftig leichten Pop-Passagen antwortet. Die Gesangsmelodien sind bezaubernd und die Drums sorgen dafür, dass hier keiner von Radiotauglichkeit spricht – trotz des erwähnten Pop-Appeals. Circle With Me blockiert ebenfalls seit Monaten meine Playlist. Ich bin nicht der Meinung, dass man deutlich bessere Songs unter dem Banner des Modern Metal schreiben kann. Dicke Riffs, Gesang zum Niederknien, elektronische Parts und Hooks am laufenden Band. „I held the power of a dying sun“ – so lasse ich mich gerne anschreien.

Den Abschluss besorgt der vielleicht persönlichste Song von Courtney LaPlante. Constance handelt vom allgegenwärtigen Thema Demenz und die Sängerin widmet das Lied ihrer Großmutter. Emotionaler Text, wundervolle Musik. Eine Ballade ohne den Hauch von Kitsch. Das Musikvideo in Verbindung mit der Performance der Band und der Schauspieler sorgt für anhaltende Gänsehaut und dürfte einige Tränen mit sich bringen.

Spiritbox – Eternal Blue
Fazit
"Not strong enough to hold the flame" heißt es im Song Circle With Me. Au contraire, denn Spiritbox haben diese Flamme entfacht und sind sogar dafür verantwortlich, dass sie weiterbrennt. Eternal Blue ist der erste Schritt auf dem Weg in den Olymp des Modern Metal. The hype is real!

Anspieltipps: Yellowjacket, Holy Roller und Circle With Me
Florian W.
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