Touché Amoré + Support am 23.01.2017 in der Essigfabrik, Köln

“I’ll be that ringing in your ears, that will stick around for years.“

Eventname: „Stage Four“ EU/UK Tour 2016

Headliner: Touché Amoré (USA)

Vorbands: Swain (NL), Angel Du$t (USA)

Ort: Essigfabrik, Köln (verlegt vom Gebäude 9)

Datum: 23.01.2017

Kosten: 22,00 Euro zzgl. Gebühren

Genres: Post-HC, Experimental Hardcore, Screamo, Grunge

Veranstalter: Underdog Recordstore

Link: https://www.facebook.com/events/180552582385106/

Setlist:

Touché Amoré

01. Flowers And You
02. Tilde (~)
03. New Halloween
04. The Great Repetition
05. Art Official
06. Displacement
07. And Now It’s Happening In Mine (Spacejam)
08. DNA
09. Amends
10. Benediction
11. Palm Dreams
12. Home Away From Here
13. Harbor
14. Rapture
15. Just Exist
16. Pathfinder
17. Method Act
18. Water Damage
19. Honest Sleep

Zugabe:
01. Non Fiction

Wieder einer dieser Winter-Sonntage, an dem man eigentlich auf der Couch bleiben mag. Man sollte meinen, ich müsse langsam mal daraus gelernt haben. Wenn aber Touché Amoré zum Tanz rufen, sind alle Widrigkeiten vergessen und ich würde sogar mit einem Schneepflug anreisen. Als Support haben sich die sympathischen Jungs aus Los Angeles Angel Du$t aus Maryland und Swain aus den Niederlanden rangeholt.

Nachdem das Konzert aus dem Gebäude 9 in die Essigfabrik verlegt wurde, gab es natürlich den üblichen Aufschrei. Doch heute Abend sollten alle Unkenrufe, die Band könne die Atmosphäre eines kleinen Clubs nicht in eine mittelgroße Halle transportieren verstummen. Kurz nach 18:30 Uhr geht’s dann auch rein auf die Fliesen der Halle und überraschenderweise haben sich zum Einlass dann doch trotz Hochverlegung erst maximal 20 Gäste eingefunden. Aus der PA erklingt entspannter Funk und Soul von Marvin Gaye und Aretha Franklin bis hin zu Sam Cooke und seiner Unchained Melody. Der passende Soundtrack, um sich ein paar warme Gedanken zu machen, ist es draußen doch arg kalt und die Halle selbst wirkt temperaturtechnisch auch noch ein wenig ungemütlich.

Der straffe Zeitplan sieht vor, dass Swain um 19:30 Uhr auf die Bühne gehen, Angel Du$t bereits um 20:15 Uhr und Touché Amoré um 21:15 Uhr. Gute Aussichten für alle, Montagmorgen nicht vollkommen zerstört auf der Arbeit, in der Uni und Co. zu sitzen. In der Tat betreten dann auch kurz nach halb Acht Swain die Bühne. Das Trio, das letztes Jahr die aktuelle Platte via End Hits Records, auf dem auch Funeral For A Friend oder Boysetsfire vertreten sind veröffentlicht hat, hat sich für den Gig Verstärkung durch die Bassistin Doortje geholt. Die Dame macht’s richtig und hat sich warm-winterlich eingepackt.

Swain @ Essigfabrik, Köln
23.01.2017

Die Halle ist mittlerweile deutlich voller und in den ersten Reihen stehen in der Tat bereits Fans, die jede Textzeile der Band mitgröhlen können. Swains Sound pendelt irgendwo zwischen Grunge, Hardcore und Garage und erinnert mich manchmal an Pavement, eine DER Alternative und Lo-Fi Rockbands der 90er. Ihr eingangs erwähntes aktuelles Album The Long Dark Blue erschien im September letzten Jahres und wurde u. a. auch bereits im Kölner Luxor im selben Monat zum Besten gegeben. Unbekannt sind sie also nicht in der Domstadt. Sänger Noam tänzelt im wahrsten Sinne maximal gelenkig über die gesamte Bühne, erzählt Geschichten von seinem besten Freund, der ihn kürzlich gefeuert hat, woraufhin er ihm schlimme Dinge an den Kopf warf. Aus dieser Situation habe er aber gelernt und gibt der Halle mit, den eigenen Frust nicht auf andere zu projizieren. Okay, abgespeichert.

Swain @ Essigfabrik, Köln
23.01.2017

Für einen Song greift sich Noam die zweite Gitarre und schrammelt gemeinsam mit Leadgitarrist Boy, während Schlagzeuger Boris im Halbdunkel weiterhin ambitioniert seiner Rhythmusarbeit nachgeht.

Swain @ Essigfabrik, Köln
23.01.2017

Zum letzten Song hin schafft es der Sänger im Schlabberlook noch, das Mikrokabel zu zerstören, weshalb er sich das eigentlich nur als Deko aufgebaute zweite Mikro vor Doortje packt und das Set mit neuem Gerät zu Ende bringt.

Nach einer kurzen Pause folgen also Angel Du$t. Die Band entstand aus einem Zusammenschluss aus Mitgliedern der Hardcore-Koryphäen Turnstile und Trapped Under Ice. Gemeinhin werden der Band Genrebezeichnungen wie „Girlfriend Hardcore“ entgegengeschmettert, was wohl darauf basiert, dass man neben superschnellen Hardcore-Passagen auch Alternative Rock-Anleihen und massig Hooks vorfindet. Nach Swain ziehen Angel Du$t das Tempo jetzt ordentlich an und wir nähern uns dem Sound des Headliners. Drummer Daniel Fang (der auch bei Turnstile an der Schießbude sitzt), dessen Hobby es zu sein scheint, seine Haare immer wieder neu einzufärben hat auch nur kurz Interesse an seinem Shirt und entledigt sich dessen bereits nach kurzer Zeit – und er kann es sich leisten.

Shouter und Sänger Justice Tripp (der Gute heißt wirklich so), hauptberuflich Frontmann bei Trapped Under Ice, stolziert wie ein Gockel, die Hände in die Hüfte gestützt und sein Gesicht im Schatten des Schirms seiner Basecap versteckt über die Bühne, brüllt und shoutet sich die Seele aus dem Leib, während er dann und wann den textsicheren Fans das Mikro ins Gesicht drückt. Die ersten Stagediver entern die Bühne und purzeln wie Lemminge ins Publikum. An der zweiten Gitarre – der Platz links auf der Bühne scheint heute der Aushilfe-Spot zu sein – steht Allen Trainer, der aus Seattle stammt und die Band auf der Tour nicht nur mit seinen akrobatischen Sprüngen unterstützt.

Angel Du$t @ Essigfabrik, Köln
23.01.2017

Die Kapazitäten der Halle sind jetzt nahezu erschöpft und es wird merklich wärmer im Raum. Den Job als Anheizer haben beide Bands bisher sehr ernstgenommen. Beim letzten Song überlässt Tripp das Mikro gänzlich dem Publikum (oder selbiges will es einfach nicht mehr hergeben). Anstatt sich aber hinzusetzen und den letzten Akkord abzuwarten, simuliert Tripp seine Performance einfach ohne Mikro am Mikrophonständer.

Angel Du$t @ Essigfabrik, Köln 23.01.2017

Drummer Daniel übernimmt noch freundlicherweise einige Roadie-Arbeiten und schraubt die Becken für Touché Amoré auf die Ständer. Die während des Umbaus bereitgestellte Gitarre von Touché Amorés Clayton Stevens zeigt auf ihrer Rückseite ein Kondolenzbekundung für Timothy Butcher, einem LA Hardcore-Urgestein, das im Dezember 2015 verstarb.

Touché Amoré @ Essigfabrik, Köln
23.01.2017
Beinahe termingerecht betritt der Headliner die Bühne und die Menge begrüßt die fünf Jungs aus Kalifornien, als hätten sie sich 20 Jahre nicht blicken lassen. Ein wenig merkt man Sänger Jeremy Bolm die Verlegenheit an, hat man neben dem Locationwechsel in die Essigfabrik auch drei weitere Shows auf deutschem Boden ausverkaufen können. Während der Show verkündet er, dass dies‘ die bisher größte Headliner-Tour sei, die man je gespielt habe und ein Blick über meine Schulter reicht mir aus, um dies‘ schnell bestätigen zu können. Nach Locations wie dem Underground ist die Essigfabrik schon ein riesen Sprung nach oben.

Drummer Elliot Babin tut es seinem Vorgänger gleich und betritt barfuß und nur in einer Schwimmshort bekleidet die Bühne. Ein Blick auf die Setliste zeigt, dass Touché Amoré Großes vorhaben. 20 Songs sind veranschlagt. Auch wenn es ausreichend kurze Nummern unter drei Minuten gibt, hat man sich hier ein sportliches, aber auch für’s Publikum faires Ziel gesetzt. Los geht’s mit Flowers And You, dem Opener der aktuellen Platte Stage Four, die wirklich eine hervorragende Weiterentwicklung der Band widerspiegelt, ohne, dass sie sich selbst verloren hat. Mehr Melodie, mehr Struktur und dennoch das Grobe, Schroffe und Herzzerreißende zu bewahren…sie haben es vereinen können. Der zweite Song, der 01:29 Min. kurze Opener ~ (Tilde) vom 2011er Parting The Sea Between Brightness And Me weckt das Publikum aus der Melancholie von Flowers And You auf und die Anzahl der Stagediver nimmt exponentiell mit jedem Akkord zu.

Die Band prügelt sich durch die Aushängeschilder ihrer Diskographie und Songs wie Amends verleiten das Publikum immer wieder dazu, die geschrienen Parts gemeinsam mit Bolm lauthals anzustimmen.



For what its worth… I’m sorry. And at the end I swear I’m trying.



Momente wie diese sind echte Gänsehaut-Garanten und einer von vielen Gründen, wieso ich die Band so sehr schätze. Irgendwann entdeckt der Frontmann einen Fan, der sich im besten Alter befinden muss, vollkommen sorglos und selbstverständlich die Bühne entert und mit einem großen Satz ins Publikum springt. Das Lächeln und die Freude darüber kann sich der charismatische Shouter nicht verkneifen. Zu einem späteren Zeitpunkt fasst sich erwähnter Herr ein Herz und geht auf Bolm zu, umarmt ihn und kann damit eine großartige Erinnerung sein Eigen nennen.
Touché Amoré @ Essigfabrik, Köln
23.01.2017
Im zweiten Drittel merkt man, dass sich die Stimme des Sängers so langsam zu verabschieden scheint. Auch die Backup-Vocals von Bassist Tyler Kirby können nicht darüber hinwegtäuschen. Die Ansagen werden durch Heiserkeit dominiert und in Kombination mit kniend absolvierten Parts des Sets kommt ein wenig Mitleid für die Band auf, die alle Energiereserven mobilisiert, um wie eingangs erwähnt keinen Unterschied zwischen einer Club- und einer Hallenshow merkbar werden zu lassen (und das schaffen sie!). Anstatt das Set zu kürzen zieht man aber durch und bringt nach Honest Sleep, bei dem erneut das Publikum gemeinsam mit Bolm die letzten Zeilen unverstärkt schmettert mit Non Fiction noch eine einzige Zugabe. 



I’ll count the hours, having just one wish. If I’m doing fine, there’s no point to this.



Und wieder hat es sich gelohnt, seine Gemütlichkeit zu überwinden und ins Nachbarstädtchen zu fahren. Ein großer Dank gebührt dem Underdog Recordstore, dass er diese großartige und sympathische Band im Rahmen ihrer Stage Four Promo-Tour nach Köln geholt hat.

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